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Einleitung.
Religiöse und sittliche Verkehrung.
In wasserloser, dürrer Wüste irrt ein Weib. Ihre rechte
Hand hält die leere Wasserslasche, aus der linken Hüfte trägt
sie ihren Knaben. Glutheiß liegt der Sonnenbrand auf der
weiten, rötlich schimmernden Ebene, die Luft zittert vor
Trockenheit. Kurz und hart fällt der Schatten, der Sand ist
glühend heiß, die Sohlen brennen. Weit und breit kein
dunkelgrüner Fleck im Grau der Wüste, der die Oese kündet
mit kühlem Laubdach und frischem Wasser. Dasselbe
Wasser sucht sie, das sie ehegestern verließ, einen kristall-
hellen Vach. Dort trank sie für ihre lange Reise zum letzten¬
mal, dort schöpfte sie und füllte ihre Flasche. Dann aber
wanderte sie an seinem Ufer entlang und siehe da, der Bach
wurde kleiner, sein Wasser spärlicher, er versandete mehr und
mehr und versickerte im groben Kies. Wo blieb der klare
Bach? Er fließe unterirdisch weiter, hat man ihr gesagt, sie
werde ihn wieder hervorbrechen sehen, ehe zum zweitenmal
die Sonne sich neige. And sie wanderte fort, von Zeit zu Zeit
hörte sie noch ein unterirdisches leises Rauschen und freute
sich, dann aber vernahm sie nichts mehr. Das Wasser in der
Flasche ist längst dahin, fast tropfenweise gab sie es ihrem
Knaben. Immer brennender wurde der Durst, immer flehen¬
der des Knaben Gebärde: Mutter! Wasser, Wasser! Siehe
da, eine Lache! Hier wechselt das Wild, seinen Durst zu
stillen. Das Wasser ist dickflüssig, schmutzig unb bitter salzig.
Es löscht den Durst nicht, es steigert ihn vielmehr ins Anend-
liche, und der Tod ist darin. Die Mutter weiß das, der Knabe