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Die Volkswirtschaft
Als 1884 Deutschland als Kolonialmacht in Ostafrika erschien, war
niemand imstande zu sagen, was dem Lande nottat, welche Mittel
L erforderlich waren, um alle die vorhandenen reichen Möglichkeiten
der Erschließung auszunutzen. Es bedurfte der Erfahrung langer Jahre,
um festzustellen, in welcher Beziehung die einzelnen Landesteile nutzbar
gemacht werden könnten. Wenn wir auch heute nicht mehr auf dem
Standpunkt stehen, der die Kolonien in Handelskolonien, Plantagen¬
kolonien usw. klassifiziert, so ist doch richtig, daß innerhalb eines Gebietes
von der Größe Deutsch-Ostafrikas einzelne Landesteile sich mehr für
diese Art der Erschließung, andere für eine andere Art eignen. Ursprüng¬
lich ging man von der Anschauung aus, in Ostafrika ein Land zu besitzen,
das sich in erster Linie für Plantagenkultur eignet. Die Erfahrung hat
uns gelehrt, daß doch nur ein immerhin beschränkter Teil für diese Kul¬
turen in Betracht kommt, während andere Gebiete sich wieder mehr für
Viehzucht oder ähnliches eignen.
Der Umstand, daß bei den klimatischen Verhältnissen Ostafrikas die
Selbstarbeit des Europäers, also in der Hauptsache seine landwirtschaftliche
Betätigung im freien Felde nur in gewissen Grenzen physisch möglich ist,
ferner der Umstand, daß die Arbeitskraft des Europäers für gewöhnliche
Arbeiten zu teuer ist, ließ bald die Notwendigkeit einsehen, sich für alle ge¬
wöhnlichen Arbeiten der Mitarbeit der Eingeborenen versichern zu müssen.
Im allgemeinen neigt aber der ostafrikanische Eingeborene nicht dazu,
viel mehr zu arbeiten, als unbedingt zur Fristung des Lebens notwendig ist,
und in diesem Umstand erstand ein starkes Hemmnis für die landwirt¬
schaftliche Tätigkeit der Europäer, die auf die Verwendung großer
Arbeitermassen angewiesen ist. Es wurde bereits gesagt, daß für die
Plantagenwirtschaft in erster Linie die Gebiete in Betracht kommen, die
sich in mehr oder weniger großer Nähe der Küste befinden. Gerade aber
die Küstenbevölkerung ist am wenigsten an eine geregelte Tätigkeit und
an eine straffe Disziplin, wie sie ein europäischer Betrieb mit sich bringt,
zu gewöhnen. Die Pflanzungen waren also von Anfang an darauf an¬
gewiesen, sich die notwendigen Arbeitskräfte aus dem Innern zu be¬
schaffen, nachdem ein Versuch, chinesische Kulis zu verwenden, in den
neunziger Jahren fehlgeschlagen war. Als Hauptlieferant der Arbeits¬
kräfte für die Plantagen haben sich mehr und mehr die Bezirke Tabora und
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