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gezaubert, vom blendenden Weiß bis zum schwefligen Gelb
und flammenden Rot. Und daneben baut sich, durch einen
langen Sattel getrennt, in düsterer Unnahbarkeit die trotzige,
zerklüftete Felsenburg des 5400 m hohen Mawensi auf. Von
Süden aus, von der Steppe, kann man deutlich drei breite grüne
Vegetationsgürtel unterscheiden, die sich wagerecht verlausend
um den Kilimandjaro legen. Den unteren dunklen Streifen
bildet dichter Mischwald mit immergrünen und laubabwerfenden
Bäumen, ein Waldgebiet von unvergleichlicher Schönheit, mit
zahlreichen, tiefeinschneidenden Schluchten, in denen brausende
Bergwasser von den Höhen zur Steppe Hinabstürzen. In unge¬
fähr 1100 m Höhe, wo die untere Grenze der häufigen Nebel
liegt, verschwindet plötzlich der Wald und es beginnt die Kultur¬
zone der Eingeborenen, deren hellgrüne Bananenhaine sich
bis zu 1700 m Höhe über Hügel, Schluchten undBerghängehinauf-
ziehen. Darüber liegt als ein zweiter dunkler Streifen der
Urwald, der allmählich immer dichter, wilder und undurch¬
dringlicher wird, bis er in einer Höhe von 2900 m plötzlich
abbricht und in eine alpine Grasflur übergeht. Schließlich
hört alle Vegetation auf und eine Wüste, von Asche und wildem
Steingeröll bedeckt, dehnt sich den beiden Gipfeln entgegen.
Hier oben ist nichts Lebendes mehr zu finden, keine Pflanze,
kein Tier. Nur vereinzelte Schwalben umflattern den Kibo-
Hipfel, der über das tiefliegende Reich der Wolken in majestä¬
tische, schweigende Einsamkeiten ragt.
Die Eingebornen glauben, daß der Berg wunderbare
Reichtümer in seinem Innern birgt. In einer Höhle sollen
ungeheure Schätze von Elfenbein lagern. Wer sie hebt, kann
sehr reich werden. Aber er darf nicht mit gierigen Händen
nahen, sonst wird er mit Blindheit geschlagen und muß elend
umkommen. Der Kibo ist ihnen das Bild der Schönheit und
Beständigkeit, ja geradezu des ewigen Lebens. Ihre Toten
begraben sie mit dem Kopf nach dem Kibo zu. Die ihm zu¬
gewandte Seite des Gehöfts ist die „Herrenseile", auf der sie sich
zu Festen und Beratungen versammeln. Im Westen hat sich
eine Sage von den Ureinwohnern des Landes erhalten, den
Wakoningo, einem Zwergvolk mit unförmlichen Köpfen, das
vor den nachdrängenden Völkern an den oberen Hängen des