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tausend Fäden an das Heidentum gebunden. Trotzdem ver¬
suchte man diesen Weg. Man predigte auf ihren Gehöften.
Oder man lud sie mit ihrem Gefolge zu Gottesdienst und
Unterricht ein. Sie kamen auch, aber bald wurden sie müde.
Aufs Ganze gesehen, hat das Vorbild der Häuptlinge nur
wenig zum Erfolg unserer Missionsarbeit beigetragen. Alle
Methoden haben nur eine begrenzte Bedeutung. Der Geist
Gottes weht, wo er will. Er hat es bewirkt, daß ohne irgend¬
welchen äußeren Zwang sich mehr und mehr fragende Seelen zu
den Gottesdiensten einfanden, anfangs „auf Höhen und Hügeln
und unter allen grünen Bäumen", dann in bescheidenen Lehm¬
hütten und zuletzt in steinernen Gotteshäusern. Die große
Steinkirche in Mamba, der dann andere gefolgt sind, war das
erste ragende Wahrzeichen des vorwärtsschreitenden Christen¬
tums am Kilimandjaro. Heute sammeln sich jeden Sonntag
9000 Heiden und Christen um die Prediger. Auf den älteren
Stationen braucht eigentliche Heidenpredigt nicht mehr ge¬
trieben zu werden, weil die Heiden sich daran gewöhnt haben,
am Sonntag die Arbeit ruhen zu lassen und zu den Gottes¬
diensten zu kommen.
Die missionarische Predigtweise bildet sich in der Praxis
heraus. Zunächst ist die evangelische Verkündigung den Heiden
etwas unerhört Neues. Es fehlt jede Brücke zwischen ihrer
Vorstellungswelt und der des Europäers. Je mehr dieser aber
die Eigenart und die Bedürfnisse seiner Hörer ersaßt, um so
wirkungsvoller wird er predigen. Nicht die Schilderung der
heidnischen Trostlosigkeit macht Eindruck, sondern das Wort
von der Liebe Gottes. Wo erst ein Grund gelegt werden muß,
erzählt der Missionar biblische Geschichten. Und es ist wunder¬
bar, wie diese uralten und doch immer neuen Geschichten, diese
einzigartigen Persönlichkeiten des Alten und Neuen Testamentes
auf ein unverbildetes Gemüt wirken. An diese Geschichten
läßt sich alles anknüpfen, was ein Mensch brauchl, um selig
zu werden. Den tiefsten Eindruck macht nach allgemeiner Er¬
fahrung die Passionsgeschichte. Für Liebe hat jeder Mensch
ein Verständnis. Wie sollte die Liebe, die sich selbst zum Opfer
gab, die Herzen kühl lassen! Das gesprochene Wort wird ein¬
dringlich durch das Bild unterstützt. Schnorrs Bilderbibel hat