Drittes Capitel.
Die Juden, das Christeuthum Md die modernen Ideen.
I. Wie es kommt, daß in einer Richtung der Antisemitismus die Gegenpartie des Anticlericalismus ist. — Wie es kommt, daß der Antisemitismus ein zweiter
Culturkampf ist.
II. Welchen Antheil haben die Juden an dem Entwickelungsproceß der modernen Gesellschaft? — Sind sie der Hauptfactor bei der Entchristlichung der Völker? — Der Jude, das Hebräerthum und die Revolution. — Der moderne Jude hat
den Impuls empfangen, nicht gegeben.
III. Der conservative Geist der großen Judenschaften. — Der moderne Geist dringt von außen ein. — Wie es kommt, daß der Jude sich gleichzeitig entjudet, während der Christ sich entchristet. — Inwiefern in unserer Civilisation eine Gefahr für das Judenthum liegt. — Warum in diesem Sinne keine Verjudung
der Gesellschaft möglich ist.
I.
Der Christ der gebildeten Stände theilt nicht die gegen den Juden im Volke verbreiteten antiquirten Vorurtheile. Selbst im östlichen Europa, in Ungarn, Rumänien, Rußland wissen die Leute von der dünn ausgetragenen Bildungsschichte, der „Intelligenz", wie die Russen sagen, daß der Jude keine Kinder raubt, um sie an das Messer des Schohet zu liefern, und daß man in der Synagoge für die hebräische Osterfeier kein Christenblut braucht. Katholiken, Protestanten, Orthodoxe erheben indeß gegen den Juden eine andere, minder kindische und plumpe Beschwerde. Sie beschuldigen ihn, der geborene Feind der, wie sie sagen, „christlichen Cultur" zu sein.
