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worfen wurden, vermehrten sie sich andauernd in dem Lande. Im Jahre 1807 soll es trotz kurz vorher getroffener Einschränkungen 643 jüdische Familien gegeben haben. Bei den Volkszählungen
des Jahres 1846 wurden 11581 Juden =3,12% der Gesamtbevölkerung des Jahres 1850 „ 14 581 „ =3,82 „ „ „ „
des Jahres 1857 „ 29187 „ =6,38 „ „ „ „
ermittelt. Gegenwärtig hat die Bukowina unter allen österreichischen Kron- ländern den höchsten Prozentsatz an Juden und bietet den jüdischen Bürgern die meisten Aussichten, in politischer Hinsicht zur Geltung zu gelangen.
In den ursprünglich und jetzt überwiegend slavischen Sudetenländern (Böhmen, Mähren, Schlesien) leben die Juden seit undenklichen Zeiten und soll ihre Ansiedelung in den den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderten von den Herrschenden vielfach begünstigt worden sein. Unter der Herrschaft der Habsburger gewann das deutsche Element die Oberhand in diesen Ländern, unter dessen Einfluß bis auf den heutigen Tag die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung verbleibt.
Den Anfang der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Österreich bilden die Reformen Josefs II, die Erlassung des Judenpatentes (1783), den Abschluß, die letzte rechtlicheSanktion, die endgiltigeEinführung der Konstitution und das Inkrafttreten der Staatsgrundgesetze (1867). Von größtem Einfluß war die Zulassung der Juden zu den öffentlichen Schulen, denen sich bald in hohem Maße die Juden Böhmens und Mährens zuwandten. Die Anpassung an die moderne Kultur vollzog sich in diesen Ländern verhältnismäßig rasch; es kam dazu der große wirtschaftliche Aufschwung dieser reichen Industrieländer, an dem die Juden, ebenso wie in Deutschland hervorragenden Anteil nahmen. Dagegen trafen in Galizien die Maßnahmen der Regierung, die die Juden von ihrer bisherigen abgeschlossenen, streng religiösen Lebensweise abbringen sollten, sowie die Bestrebungen der Verfechter moderner Bildung und Aufklärung (Haskalah) auf nachhaltigen Widerstand der jüdischen Masse. In einem armen Lande lebend, sind die Juden Galiziens auch in ökonomischer Hinsicht bis auf den heutigen Tag sehr stark zurückgeblieben. Durch die jüdische Volkssprache, gleiche traditionelle Religions- und Lebensanschauungen, eine ähnliche wirtschaftliche und kulturelle Lage, bilden sie mit den rumänischen und russischen Juden einen einheitlichen Stamm, während die Juden in Westösterreich durch ihren ganzen sozialen Charakter wesentlich mit den deutschen Juden übereinstimmen. Nur dürfte Wien, dessen jüdische Bevölkerung hauptsächlich durch Zuwanderung in einigen Jahrzehnten stark angewachsen ist und das eine zahlreiche jüdische Proletarierklasse besitzt, eine etwas abgesonderte, zwischen diesen beiden Ländergruppen vermittelnde Stellung einnehmen.
