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nehmen an Zahl absolut und relativ fortgesetzt sehr rapid ab, nur in den letzten 3 Jahren hebt sich wieder unbedeutend ihr Prozentsatz. Die Erklärung für diese geringe Frequenz der Lehrer-Seminare ist einzig darin zu suchen, daß die jüdischen Lehramtskandidaten nur in einem sehr geringen Prozentsätze Anstellungen an öffentlichen Schulen erhalten, wie dies bereits oben (S. 90) ausgeführt wurde. In keinem Falle ist anzunehmen, daß die Juden nicht genügende Vorliebe für den Lehrberuf haben. Insbesondere ist dieser Beruf für jüdische Mädchen, die verhältnismäßig recht häufig höheren Studien obliegen, ein sehr ersehntes, aber schwer erreichbares Ziel.
Den Besuch der Handelsschulen und Gewerbeschulen durch Juden stellt Tabelle LXXI dar. Die Juden bilden ca. 20 % unter sämtlichen Schülern der Handelsschulen. In den letzten Jahren 1900 bis 1904 ist ihr Prozentsatz allerdings etwas zurückgegangen. Am stärksten sind sie in den höheren Handelsschulen, sowie in den privaten und öffentlichen Tagesschulen vertreten, minder stark an den kaufmännischen Fortbildungsschulen.
Kapitel VII.
Die Umgangssprache.
Tabelle LXXII unterrichtet darüber, welche Umgangssprachen bei der Volkszählung im Jahre 1900 die Juden und die gesamte Bevölkerung in den einzelnen Kronländera angegeben haben. Nach diesen Angaben ist bei den Juden aller Kronländer Deutsch sehr viel im Gebrauch.
Es wurde nämlich Deutsch
in Niederösterreich von 110 070 Juden
Böhmen
Mähren
Schlesien
Galizien
der Bukowina
40 521 34 261 9 681 138 400 91 907
gesprochen.
Eine sehr erhebliche Zahl der Juden in Galizien (76,56 «/„) hat Polnisch als Muttersprache angegeben, infolgedessen die polnisch sprechenden Juden mehr als die Hälfte aller österreichischen Juden ausmachen würde. Dies ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall, vielmehr wird das gesamte Bild dadurch verschoben, daß die amtliche österreichische Statistik das Jüdisch-Deutsch nicht als Sprache anerkennt, so daß die in überwiegender Mehrheit des Jüdischen als Umgangssprache sich bedienenden galizischen Juden irgend eine .andere Umgangssprache anzugeben gezwungen sind. Bis vor einer gewissen Zeit pflegten sehr viele Deutsch als ihre Umgangssprache zu bezeichnen, da in der Tat das Deutsche dem jüdisch sprechenden Juden viel geläufiger ist als jede andere Sprache und vor etwa 20 Jahren noch die jüdische Intelligenz weitaus am meisten der deutschen Sprache sich bediente. Seitdem in den letzten Jahren die Polen in Galizien mit großem Eifer den deutschen Einfluß aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu eliminieren suchten, ist auch in den Kreisen der jüdischen
