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VORWORT
D er Herr hat nach seiner leiblichen Herkunft dem jüdischen Volke an¬
gehört und zwar als ein Nachkomme Davids Rom 1,3; Hehr 7,14;
vgl. Mt 15,22; 20,83. 1 Auch Markus und Matthäus, Johannes, Paulus
und Petrus und die andren Verfasser der neutestamentlichen Schriften
(außer Lukas) sind Juden gewesen. Zum rechten Verständnis ihrer
Äußerungen muß man also das Judentum jener Zeit nach Leben und
Denken kennen. Man hat daher schon vielfach versucht, die altjüdische
Literatur zur Erläuterung des Neuen Testaments heranzuziehen. Manches,
aber nicht Ausreichendes bieten Apokryphen und Pseudepigraphen.
Aus den Talmuden und Midraschen haben namentlich John Lightfoot,
f 1699, J. 6. Meuschen, Chr. Schöttgen, f 1751, Joh. Jak. Wettstein,
f 1754, in neuerer Zeit Franz Delitzsch, f 1890, August Wünsche mit
Eifer Stoff gesammelt; aber ihre Arbeiten sind, zumal in ihrer Gesamt¬
heit, nur wenigen zugänglich; außerdem sind sie unvollständig und
vieles in ihnen ermangelt der Kritik, ist auch sonst fehlerhaft.
Den gesamten der Erläuterung des Neuen Testaments dienlichen
Stoff aus der altjüdischen Literatur zu sammeln, zu sichten und in
zuverlässiger Übersetzung bequem zugänglich zu machen, war seit
Jahrzehnten der Wunsch des ersten der beiden Unterzeichneten. Aber
für solch ein Werk reicht eines einzelnen Zeit und Kraft nicht aus. So
verband er sich im Juni 1906 mit Pastor Paul Billerbeck, dessen Kennt¬
nisse und Fleiß schon seit 1899 in der Zeitschrift „Nathanael“ sich
bewährt hatten. Auf Grund des vorgelegten Planes und des schon vor¬
handenen Stoffes hat dann P. B. das Ganze im Zusammenhänge be¬
arbeitet; H. Str. hat es danach einer genauen Durchsicht für den Druck
unterzogen. So entstand in 16jährigem Bemühen ein weit über den
eigentlich beabsichtigten Umfang hinausgehendes vierbändiges Werk
(I: Mt; II: Mk, Lk, Joh, Apg; III: Briefe und Offb; IV: Abhandlungen
zur neutestamentlichen Theologie und Archäologie), dessen ersten,
umfangreichsten Band wir jetzt vorlegen. Mit Dank gegen Gott, der
unsre Hände stärkte; mit Dank auch gegen die Freunde, welche zur
Deckung der während des großen Krieges und noch mehr nach ihm ins
Ungeheuerliche gestiegenen Herstellungskosten beitrugen — Freunde
1 Theod. Fritsch (Beweismaterial gegen Jahwe, 3. Aufl., Leipzig 1918), Paul Haupt-
Baltimore (Orientalistiscbe Literaturzeitung, Mai 1908), Friedrich Delitzsch (Die große
Täuschung, Berlin 1920), Friedrich Döllinger (Baldur und Bibel, Nürnberg 1920) und,
ihnen folgend, viele andre wollen zwar glauben machen, Jesus sei ein Arier gewesen;
ihre Behauptungen sind aber völlig haltlos.