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Der Kulturkämpfer.

Seite der schrankenlose wilde Concurrenz-Kampf, auf der anderen aber die Religions­und Sittenlosigkeit die Schuld tragen, und daß, wenn diesemSpiel der freien Kräfte" nicht gründlich gesteuert wird, unsere heutige gesellschaftliche und staatliche Ordnung mit mathematischer Sicherheit ihnen zum Opfer fallen muß. Wenn man weiß, daß die Gewerbefreiheit den Handwerker-Stand ruinirt, und fast sämmtliche Handwerks-Arbeiten verschlechtert hat; daß sie die Handwerks-Meister zu Tausenden in die Fabriken treibt rmd zu dürftig bezahlten Lohn- und Stück-Arbeitern herab­drückt, so läßt sich wol Vorhersagen, daß der einst so angesehene und gut fundirte Deutsche Handwerker-Stand seiner gänzlichen Vernichtung in reißender Weise ent­gegen geht, wenn nicht rasch da geholfen wird, wo die Nebel sitzen. Wenn man weiß, daß die Bank-, Börsen- und Actien-, die Wucher- und Wechsel-Freiheit" reine Raubthier-Freiheiten" sind, welche nur zur leichteren Ausbeutung und Ent­eignung der Massen geschaffen zu sein scheinen, liegt es auf der Hand, daß durch dieseFreiheiten" der Wohlstand des Publicums und dessen Moralität zurückgehen muß, und daß für jede neue Million die auf diese Weise dem Einzelnen zufließt, Hunderte von Menschen um ihre Existenz gebracht werden, und dem Proletariat verfallen. Wenn man weiß, daß das Römische Reich sich aus den Jntereffen der Städte-Bevölkerung entwickelte, die fast ausschließlich Handel trieb, und sich wenig oder garnicht um die Fruchtbarkeit und Sicherheit des Grund und Bodens bekümmerte, daß dieses Städte - Recht somit die ländlichen Besitz - Verhältniffe in der stärksten Weise alterirt, indem es auch noch den Grund und Boden zu einer wandernden und bis in's Unendliche theilbaren Habe gemacht hat, so darf man behaupten, daß es im großen Ganzen gar keinenfreien" Bauernstand mehr giebt, sondern daß die Bauern in ihrer großen Mehrzahl bereits dieArbeiter" der Kapitalisten sind, die Zins-Sklaven, welche die Zinsen nicht mehr aufzubringen vermögen. Wenn man weiß, daß vernröge desehernen Lohngesetzes" der Arbeiter nie mehr verdient als er zu seinem Lebensunterhalte nothwendig braucht, und daß bisher noch keine Fürsorge für sein Alter, seine Invalidität, so wie für seine unverschuldete Arbeits­losigkeit,praktisch" geworden ist, daß aber in Folge der wirthschaftlichen und industriellen Entwickelung die Zahl der Arbeiter oft gerade so plötzlich erhöht wird, als sie bei ungünstigen Conjuncturen zurückgeht, so kann man nicht leugnen, daß die socialdenwkratische Bewegung einen sehr realen Untergrund besitzt und gleichsam die Dampfkrapft vorstellt, welche die Arbeiter-Zustände unter hochgradigem Drucke erzeugen, und die unter Umständen die ganze moderne Wirthschafts-Maschinerie in die Luft sprengen mag. Wenn man weiß, wie derKulturkampf" nicht allein die geistliche, sondern mich die weltliche Autorität beschädigt hat, indem man an die Leidenschaft der Menschen appellirte, und hierdurch umstürzende Tendenzen ge­schärft und gezeitigt wurden, so ist es keine Wahrsagerei, wenn man behauptet, daß dieser unglückselige Kampf nur zum größten Schaden des Deutschen Reichs fortbestehen kann. Wenn man weiß, daß das mobile Großkapital, ohne daß die nöthigen Cautelen geschaffen werden, mit der Bestimmtheit eines Naturgesetzes die kleineren Vermögen verzehrt, und schließlich die Gesellschaft in einer Weise expro- priiren muß, daß einige Hundert Menschen über alle Reich- und Besitztümer zu 122