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»Kfistenbote uom Norder

Veröffentlichungsstelle für Bekanntmachungen der Kaiserlichen Behörden.

Erscheint jeden Sonnabend.

der Zeitung direkt

Europ a : Wilhelm SQaserott, 1 hlndler Sr. Könlgl. Hoheit des Groeshenagi von Mecklenburg-Schwerin. Berlin W. 30, Neue Winterfeld-Strasse 3a, and unser*

Nr. 35.

TANGA, den 31. August 1012. Jahrgang 11.

Letzte Nachrichten.

Wolffs Büro.

Bemerkenswerte Erklärungen im bayerischen Landtag.

25. Aug. ln der bayerischen Kammer erklärte der Sozialdemokrat Volmar, die Sozialdemokratie wolle den Frieden erreichen, wenn dies nicht gelinge, so würden die Sozialdemokraten Alles hinter die Not des Vaterlandes zurücksetzen und nicht die schlechtesten Vaterlandsverteidiger sein.

Der Liberale Casselmann erklärte: Oewisse Kreise des Auslandes glaubten, der Reichsgedanke hätte südlich des Mains einen Riss bekommen. Dieses Atärchen müsse endgültig zerstört werden.

Die jungtflrkische Partei.

Konstantinopcl. Die jungtürkische Partei erklärte, sie füge sich in das Geschehene und werde als Oppositionspartei für das Wohl des Landes arbeiten.

Uefkeul. Die Albinesen sind abgezogen.

Die Suez-Gesellschaft setzt ihre Gebühren herab.

Washington. Das Staatsdepartement erfuhr, dass der Suezkanal die Gebühren herabsetze als Kampfmassregel gegen die beschlossene Gebüh- renfreiheitderden Panamakanal passierenden ameri­kanischen Schiffe.

Der Kaiser ist leicht erkrankt.

26. Aug. Der Kaiser erkrankte infolge einer Erkältung an einem leichten aber schmerzhaften Muskelrheumatismus. Er gab infolgedessen die Reisen zu den Paraden in Merseburg und Dresden auf.

Bericht Uber die Erkrankung des Kaisers.

27. Aug. Nachdem sich Freitag Morgen eine Steifigkeit der rechten Halsmuskulatur gezeigt hatte, machte sich vormittags unter starkem Schüttelfrost und starkem Krankheitsgefühl An­schwellung der rechten Halsseite bemerkbar. Die Untersuchung ergab eine Schwellung der rechten Gaumenmandeln. Es trat schnell ein grosses Schmerzgefühl der rechtsseitigen Halsmuskeln ein und die Anschwellung der vor dem Kopfnicker gelegenen Drüsen war recht erheblich. Das ge­störte Allgemeinbefinden ist inzwischen wieder gehoben und die Fiebererscheinungen sind weg. die Entzündung ist im Rückgang begriffen.

Keine Cholera in Mombasa.

28. Aug. Wie wir aui unsere Anträge beim Deutschen Konsulat in Mombasa erfahren, ent­behren die Gerüchte vom Ausbruch der Cholera ,n Mombasa jeder Tatsache.

Das Befinden des Kaisers.

29. August. Im Befinden des Kaisers sind he Entzündungserscheinungen verschwunden. Die Schmerzen hörten auf. Zur völligen Wiederher­stellung sind noch mehrere Tage Schonung

erforderlich.

Eisenbahn-Entgleisung.

Der Eisenbahnzug mit dem Prinzen Heinrich ,sl bei Irkutsk entgleist. Verletzt ist Niemand.

Zum Abschied.

Der Aufenthalt des Staatssekretärs im Schutzgebiet war kurz. Zu kurz, wird Mancher denken. Mit Unrecht. Deutsch-Ostafrika gehörte an sich nicht zum Programm. Der Wiederbeginn der Reichstagsverhandlungen steht bevor. Die Arbeit drängt. Umso dankbarer müssen wir Herrn Dr. Solf sein, dass er überhaupt gekommen ist.

Auch ein längerer Aufenthalt würde nicht genügt haben, das Land und seine Bedürfnisse wirklich kennen zu lernen. Dazu gehört mehr Zeit, als dem vielbeschäftigten Staatssekretär zur Verfügung steht. Aber der Aufenthalt war lang genug, Eindrücke zu gewinnen und Fühlung zu nehmen. Das muss uns genügen.

Ein klarer und scharfer Denker wie Herr Dr. Solf, unbefangen und ohne Vorurteil, wird Manches sehen, Vieles empfinden, was einem Anderen auch bei längerem Aufenthalt entgeht. Und er braucht zunächst nicht selbst zu entschei­den. Kann in Ruhe abwarten, weiche Richtung der Gouverneur einschlägt, wie sich die Ver­hältnisse entwickeln.

Er wird vieles anders gefunden haben als er erwartete. Nicht nur die Stimmung und die Personen. Vor allem die erstaunliche Entwick­lung der Europäerkulturen im Norden und die Entwicklung in anderen Gebieten

Was im Norden geschaffen worden ist, das sind keine künstlich grossgezogenen Kulturen. Das ist die eigenste Arbeit der Männer, die hier tätig waren und sind. Viele davon haben sich nur durch eigene Kraft aus den kleinsten Anfängen, unter den schwierigsten Verhältnissen, bis zu den jetzigen Erfolgen durchgerungen. Wenn sie deshalb heute erwarten, dass der Gouverneur sich wie in Südwest mit an die Spitze der Entwicklung stellt, so erscheint uns das nicht mehr als recht und billig.

Wir sind keine Diplomaten. Wollens auch nicht sein. Darum sind wir der Ansicht, dass der Gouverneur für das Land da ist und dass für ihn die innerpolitischen Verhältnisse im Reiche erst in zweiter Linie kommen dürfen.

Dazu hat der Staatssekretär ihm die Wege geebnet. Verlegung des Schwerpunkts der Ver­waltung aus dem Kolonialamt in die Kolonien. Möglichst geringer Einfluss der innerpolitischen Verhältnisse auf diese Verwaltung. Damit hat der Gouverneur unendlich an Bedeutung und Betätigungsmöglichkeit gewonnen. Allerdings auch an Verantwortung Noch hoffen wir das 1 Beste davon für unser Schutzgebiet. Wir sind I nach wie vor bereit, mit dem Gouverneur zu- | satnmen zu arbeiten an der Entwicklung des Schutzgebiets. Nach wie vor haben wir Ver- ; trauen zu ihm

Wir haben den Eindruck, dass Herr Dr. , Solf persönlich ein überraschend klares Bild von i den hiesigen Verhältnissen gewonnen hat. Es ! ist nur natürlich, dass er sich in seinen Aeusse- | rungen auf das Allgemeine beschränkt. Er will dem | Gouverneur nicht vorgreifen. Kann sich als 1 Staatssekretär nicht iestlegen. Sein Blick muss auf das Ganze gerichtet sein, dem das Einzelne sich ein- und unterordnen muss. Nicht die Konti- ; nuitüt der Verwaltung. Das ist nur Form. Eine I notwendige vielleicht, aber eben doch nur eine

gesunde Ent- Kolonien im

Form. Seine Auigabe ist es,

Wicklung der ihm unterstehenden Reiche zu sichern. Er muss dabei ständig mit den heimischen Faktoren rechnen. Mit dem Reichsschatz­amt und insbesondere mit dem Reichstag. Keine leichte Aufgabe bei der gegenwärtigen Zusammen­setzung des Reichstags. Manches als richtig Erkannte wird zurückgestellt, liehe in den Kauf genommen werden Damit werden auch wir uns bescheiden

Wir halten es nicht für richtig, Herrn Dr. Solf nochmals unsere Wünsche vorzutragen. Wir müssen uns mit ihnen an den Gouverneur wen­den. Massvoll in der Form, aber entschieden in der Sache.

Heute wollen wir nur der Hoffnung Aus­druck geben, dass Herr Dr. Soli sich nicht nur durch sein persönliches Auftreten die Herzen gewonnen hat, sondern dass sein Besuch auch nachhaltige und erfreuliche Wirkungen für die Entwicklung unseres schönen und an Entwick­lungsmöglichkeilen reichen Schutzgebiets haben wird In seiner Hand laufen zuletzt doch alle Fäden zusammen. Er muss die Kolonie im Reichstag vertreten. Wir dürfen hoffen, dass er der richtige Mann am richtigen Platze ist.

Provinzialeinteilung des Schutzgebiets.*)

j Die Klagen über schleppenden Dienstgang in der Zentralverwaltung in Daressalam nehmen nicht ab. Wir zweifeln nicht daran, dass die Ursache in einer Ueberlastung mit Dienstgeschäften zu suchen ist. Das Gouvernement muss deshalb ent­lastet werden. Wir vermögen jedoch nicht einzu­sehen, weshalb zu diesem Zwecke neue Zwischen­instanzen geschaffen werden sollen. Wir habenBehÖr- den und Beamte im Schutzgebiet reichlich genug. Wir glauben, dass man nicht komplizieren, sondern vereinfachen muss. Entlastung der Zentralverwal­tung durch Gewährung grösserer Selbständigkeit an die Bezirksämter. Wir haben es seit langem als einen schweren Schaden empfunden, dass der Bezirksamtmann zu geringe Selbständigkeit be­sitzt und sich in allen möglichen Dingen erst | an das Gouvernement wenden muss, obwohl er auf Grund seiner Kenntnis der Verhältnisse am besten zur Entscheidung in der Lage ist. Die Rechte des Gouverneurs als Kontroll- und Beschwerdeinstanz sollen natürlich nicht angetastet werden.

Durch die Einführung von Provinzchefs würde die Selbständigkeit des Bezirksamtmanns noch mehr eingeschränkt und damit seine Bedeutung lür den Bezirk und seine Betätigungsmöglichkeit noch mehr herabgesetzt werden. Das liegt nicht im Interesse des Bezirkes. Vorausgesetzt, dass der ständige Wechsel der Bczirksamtmänncr in Zukunft aufhört.

Unseres Erachtens gibt es nur diesen einen Weg für eine gesunde Dezentralisation der Ver­waltung des Schutzgebietes, die grössere Selb-

*) Obige Ausführungen decken sich mit unseren An­schauungen. Wir hielten es indes für gut. auch die andere Ansicht (Siehe in der vorigen Nummer ,, Bevorstehende Profioxialeintcilung - etc.) zu hören, um so das Thema in Fluss zu bringen Die Redaktion.