Usambara-?ost

Unabhängiges Organ für die wirtschaftlichen Interessen von Deutsch=Ostafrika

undKüstenbote vom Norden*

Veröftentlichungsstelle für Bekanntmachungen der Kaiserlichen Behörden.

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Nr. 47. TANGA, den 28. November 1908. 7. Jahrgang.

Sind die Arbeiterverhältnisse bessere geworden?

Seit einiger Zeit herrscht beim Kaiserlichen Gouver­nement und auch bei einigen Bezirksämtern die Anschauung vor, dass die Arbeiterverhältnisse in der Kolonie besser geworden seien, dass es eine dringlich zu lösende Arbei­terfrage eigentlich garnicht mehr gäbe, und dass die Pflanzer, Ansiedler und Unternehmer deshalb keinen Grund zur Klage mehr hätten.

Leider wird diese Ansicht des Gouvernements bezw. der betreffenden Bezirksämter auch durch verschiedene Pflan­zer bestärkt, die auf die Frage des betreffenden Bezirksamt­manns, ob sie genügend Arbeiter hätten, glattweg mitja antworten und nicht dabei bedenken, dass eine solche Ant­wort in dem betreffenden Beamten den Glauben erwecken muss, dass die gesamten Arbeiterverhältnisae bessere gewor­den sind und dass ein Einschreiten der Behörde im Inte­resse der Pflanzer nicht notwendig erscheint.

Wir wollen nicht an der Wahrheit diesesJa von seiten verschiedener Pflanzer zweifeln, wir wissen aber, dass hierbei manches Mal auch eine gewisse Eitelkeit jene Antwort eingibt, die besagen soll:Ich habe immer genug Arbeiter, weil ich meine Leute gut bezahle und vorzüglich zu behandeln verstehe. Das besagt aber gewöbnüch nichts Tatsächliches und charaktarisiert keinesw egs die bestehenden Verhältnisse. Tatsache ist vielmehr, dass lieh die Arbeiter­verhältnissewenigstens hier im Norden der Koloniein letzter Zeit eher verschlechtert wie verbessert haben.

Und zwar haben sie sich verschlechtert nicht in Bezug auf die Zahl der den Plantagen eventuell zur Verfügung stehenden Arbeiter, sondern in Bezug auf die Arbeitsleis­tungen des einzelnen Arbeiters bei einem Lohn von 12 bis 15 Rupie pro 30 Arbeitstage.

Alle Arbeiter, seien es nun Wasaramo, Washambaa, Wanyamwesi oder Wabondei, zeigen immer mehr das auffäl­lige Bestreben, bei demselben Lohn ihre tägliche Arbeitszeit abzukürzen, überhaupt weniger zu arbeiten. Zu schwerer landwirtschaftlicher Arbeit wie Hack- und Pflanzlöcherarbeit, d'e ja meist in Akkord an die Leute vergeben wird, sind sie überhaupt kaum mehr zu bewegen, wenn sie nicht einen Extrabakshish erhalten oder aber nur so wenig Arbeitsleistung von ihnen gefordert wird, dass sie mit ihrem Tagespensum

schon Vormittags um 9 Uhr oder 10 Uhr fertig sind. Wenn mehr von ihnen verlangt wird, laufen sie einfach weg und der Pflanzer sieht sich gezwungen, naebzugeben und auf seinen Ruin hin den Leuten immer mehr zu bewilligen.

Dass dieser Zustand, wenn er so anhält, schliesslich dass Schicksal aller unserer PUanzungen besiegeln wird, Hegt auf der Hand. Und dass er vorläufig so anbalten wird, dafür sorgt ja unserere traurige Eingeborenenpolitik, die nur den Schwarzen gegenüber dem Europäer, nie aber den Europäer gegenüber seinem schwarzen Arbeiter schützen will.

Uebrigens erhalten wir zu diesem Thema unter der ÜberschriftSin kleiner Beitrag zur Arbeiterfrage noch folgende Zuschrift aus der Feder eines alten bewährten Afrikaners:

Je mehr über die Arbeiterfrage geschrieben und dis­kutiert wird und je mehr von der Seite des Gouvernements momentan die übertriebene Negerfreundlichkeit herausgekehrt wird, desto mehr bekommt der objektive Zuschauer den verworrenen Eindruck wie der Schüler imFaust:

Mir ist von alledem so dumm,

Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.

Es ist ein ewiges Lawiereo. Nichts Positives. Unser jetziger Gouverneur ist gewiss ein Mann von Selbstbewusst­sein, und als solcher wurde er in der Kolonie freudig begrüsst, man erwartete Grosses von ihm.

Aber die Freude dauerte leider nicht lange. Noch vor 2 Jahren dekretierte Gouverneur von Rechenberg in Usambara: Ich will, dass jeder Betrieb seinen Bedarf an Arbeitern bei dem in Frage kommenden Akiden anmeldet und dieser hat die gewünschte Anzahl, welche der Grösse des Betriebes entsprechen muss, zu stellen und sei es mit Gewalt.

Diese Massregel, welche allerdings niemals in der Praxis durebgeführt wurde, ging weit Uber das hinaus, was die grössten Scharfmacher sich je hatten träumen lassen.

Das illegitime Kind waren die Arbeitskarten.

Und jetzt?0, quae mutatio rerum! Welches ist nun eigentlich die Ueberzeugung von Rechenberg?

Arbeitsdruck oder Verhätschelungwer kann es verraten?

Man kann nicht sagen, dass von Rechenberg vor zwei Jahren ein Neuling gewesen sei, der sich erst seine Ansicht habe bilden müssen.