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KOLONIE UND HEIMAT.

Nr. 50

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Europäer und Chinesen in Schanghai.

Von Prof. Dr. Ammann.

Die elektrische

Straßenbahn,

I mmer wenn aus dem Reich der Mitte Nach­richten von Krieg und Aufstand kommen, schlägt denen, die dort draußen Angehörige haben, das Herz. Sie denken dann wohl an die schrecklichen Zeiten des Boxeraufstandes und fürchten, es könnte ihren Lieben schlimm ergehen. Aber so unberechenbar dieses selt­same und unergründliche Volk im fernen Osten ist, muß man doch sagen, daß jetzt kein Grund zur Besorgnis vorhanden isi. Meist sind auch die Zeitungsnachrichten sensationell aufge­bauscht. Ich erinnere mich aus meiner ver­flossenen Schanghaier Zeit, daß wir zuweilen angsterfüllte Briefe von unsern Angehörigen bekamen, wenn irgend ein kleiner lokaler Kra­wall ausgebrochen war, von dem wir selbst kaum etwas gemerkt hatten, von dem wir jedenfalls weniger wußten, als unsere Freunde in derHeimat.

Die Zeiten haben sich eben im letzten Jahr­zehnt gewaltig geändert. Wiewohl der Chinese den Europäer durchaus nicht mit liebenden Armen umfängt, hält er doch nicht mehr die fremde Kultur für das höllische Prinzip, von dem alles Unheil kommt. Er hat es an Japan gesehen, was diese Kultur leistet. Mit un glaublicher, sprichwörtlicher Zähigkeit hat der Chinese bis in die neueste Zeit hinein an seiner alten Tradition festgehalten. Ja, selbst als er einsah, daß es ohne abendländische Bildung nun nicht mehr gehe, hat er von der hoch­mütigen Geringschätzung alles Ausländischen nicht abgelassen und neben neuerer Bildung immer weiter seine heilige Ueberlieferung ge­pflegt. Man mußte Hochachtung haben vor dieser einzigartigen nationalen Kraft und Würde.

Aber nun mit einem Male, ebenso unbegreiflich wie früher der blinde Hochmut, ist ein moderner Geist in die Massen gefahren, der wie eine Sturmflut Alt-Chinas Eigenart hinwegzuschwemmen droht. Das eben noch Verachtete ist nun Trumpf. Eine krampfhafte Revo­lution hat die Gemüter ergriffen und durch ihre Plötzlichkeit ein nationales Zerrbild geschaffen, wie es unharmonischer wohl nie in der Weltgeschichte vorge­kommen ist. Man stelle sich einen mittelalterlichen Ritter auf einmal n Frack und weißer Binde vor und man hat ein ähnliches Bild. In der Tat ist der Sprung von der chine­sischen zur abendländischen Kultur ein Sprung über Jahrhunderte, vielleicht ein Saltomortale, denn so gewaltsam läßt sich die Geschichte nicht ungestraft überrumpeln. Nichts Unsympathischeres als diese modernen chinesischen Jünglinge in den europäischen Kleidern, die ihnen nicht sit­zen undindenen sie fast alle einen ausge­sprochen un- vornehmenEin- druck machen.

Sie sind haupt­sächlich von Amerika infi­ziert, wo sie sich eine ober­flächliche Halb­bildung geholt haben; und nun wollen sie die gute alte Sitte über den Hau­fenwerfen. Man kann nur hoffen, daß so viel Kraft in dem alten Volke steckt,um sich nicht von diesem uner­freulichen Jung- chinesentum völlig auffressen zu lassen.

Bei der augenblicklichen Geistesrichtung ist es natürlich, daß die Fremden einstweilen nach Möglichkeit geschont werden, und namentlich in Schanghai sind die Interessen der Chinesen und Europäer so mannigfach verquickt, daß nichts Schlimmes zu befürchten ist. Welcher Art sind nun in Schanghai die Beziehungen der Chinesen und Abendländer zueinander? Da

muß von vornherein betont werden, daß von beiden Seiten mit verschwindenden Ausnahmen ein reines Nützlichkeitsverhältnis gepflegt wird. Intimer und wahrhaft herzlich werden die Be­ziehungen kaum je: fremd stehen sich zwei fremde Welten gegenüber. Da ist zunächst der Kaufmann. Jede größere Firma hat einen oder mehrere sogenannte Compradors; das sind chinesische Agenten, die Beziehungen mit chinesischen Kaufleuten anknüpfen, dolmetschen und vermitteln. Ein solcher Comprador ist wohl die wichtigste Person im Geschäft; er wird mit einer gewissen Hochachtung be­handelt. Manche Chefs geben den Compradors zu Ehren in irgend einem chinesischen Gast­haus große Essen nach chinesischer Art, um sie sich dadurch geneigt zu machen, und die Compradors ihrerseits revanchieren sich durch Geschenke an die Familie des Chefs. Aber irgendwie näher treten sie sich natürlich nicht. Die übrigen chinesischen Angestellten spielen mit Ausnahme des Shroffs (Kassierers) nur untergeordnete Rollen und werden wenig anders als Dienstboten behandelt. Eine andere

Die Stände (Boxes) der verschiedenen Hotels auf dem Bahnhof in Schanghai.

Kategorie von Chinesen, die mit den Euro­päern in Berührung treten, sind die Literaten. Sie finden vor allen Dingen Verwendung in den Konsulaten, wo sie als Dolmetscher fun­gieren. Es sind dies hochgebildete Leute (d. h. im alten chinesischen Sinne), die zuweilen die höchsten Examina gemacht haben und Anwart­schaft auf eine große Beamtenkarriere hätten, wenn sie ihnen nicht aus irgend einem anderen

Untersuchung der aus dem Innern kommenden Reisenden nach Waffen. Konzertpavillon im öffentl.Park, in dem die tägl.Freikonzerte der deutschen Kapelle stattfinden.

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