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ROMANBEILAGE ZUKOLONIE UND HEIMAT'

Nr. 24

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setzt, weil er mit Rücksicht auf die Erkrankung seiner Frau gewagt hatte, Mr. Benoni um eine geringfügige Zulage zu bitten.

Um sich an Benje zu rächen, hatte der Mann dem Captain Bom- hard die Aufklärung über den Verbleib der Akten gegeben gegen die Zusicherung, dass er einen Posten im Gouvernement erhalten solle.

Als Benje sah, wie Bomhard die Papiere einem versteckten Winkel des Tresors entnahm, hatte er die Empfindung, dass hier eine unge­heuerliche Intrige gesponnen worden sei, um ihn zu verderben. Er verlor einen Augenblick gänzlich die Fassung. Dann, in dem Emp­finden. dass Bomhard diese Fassungslosigkeit als ein Eingeständnis der Schuld ansehen könne, begann Benje Erklärungen abzugeben, zu kombinieren, schliesslich ziemlich konfuses Zeug zu reden.

Bomhard hörte zunächst höflich zu, musterte aber doch mit zweifelndem Blick den aufgeregten Spekulanten. Als dieser sich dann in seiner Wut sogar zu Schmähungen gegen das Gouvernement fort- reissen liess, verabschiedete sich der Captain mit kurzem Gruss und liess den tobenden Benoni in ratloser Angst zurück.

Sie werden mich gefangen nehmen, mich einsperren, mir den . Prozess machen! schrie Benje.Mir, der sich nie um ihre verfluchte Politik gekümmert.

Aber nein! Alle werden bezeugen können, dass ich nichts mit dem Satanszeug zu tun gehabt, dass ich keiner Versammlung beige­wohnt, trotz allem Drängen kein Geld hergegeben habe für die Revo­lution. Keine Zeile kann man finden, die mich belastet.

Aber wenn man mich nach Pretoria abführt? grübelte er weiter. Der Bomhard ist ja plötzlich wie vom Teufel besessen. Und ich habe keine Freunde in der Regierung, keine! Man wird sich freuen, mir etwas am Zeuge flicken, mich chikanieren zu können. Und was soll derweilen aus meinen Minen werden? Ohnehin eine gefährliche Zeit jetzt. Keiner weiss Bescheid in meinen Geschäften. Der James Werner darf nicht zurück. Ach, es ist schrecklich, nicht auszudenken!

Soll ich dem Bomhard Geld anbieten, damit er die Sache ruhen lässt? Eine schwere Masse würde es ja wohl kosten. Aber schliess­lich immer noch billiger sein, als wenn ich hier alles im Stich lassen müsste.

Benje konnte zu keinem rechten Resultat kommen, so sehr er sich den Kopf zerbrach. Zuletzt beschloss er, erst einmal abzuwarten, ob man wirklich wagen würde, etwas gegen ihn zu unternehmen, trotzdem seine Unschuld klar zu Tage lag und niemand behaupten konnte, dass er sich je in politische Angelegenheiten gemischt.

Am .Nachmittag hatte Bomhard eine lange Besprechung mit Alberts. Der hätte sich totlachen mögen bei dem Gedanken, dass gerade Benje Benoni ein Opfer der Politik werden sollte, auf die er stets so heillos geschimpft. Trotzdem bestärkte er den Captain in der Annahme, dass Benje einer von denStillen sei, die ihr Spiel ganz im Geheimen trieben.

Der James Werner war nur so eine Kulisse für die politischen Treibereien Mr. Benonis! erklärte Alberts dem Gouverneur.

Merkwürdig eigentlich, dass nie der Schatten eines Verdachts auf ihn fiel. Keiner hätte ihm zugetraut, dass er sich überhaupt für die Politik oder gar für die Anschläge der Nationalliga interessiere, und nur. finde ich die wichtigsten Papiere in seinem Tresor.

Sie sind leider immer etwas gutgläubig gewesen, Captain Bern­hard! stichelte Alberts,ich glaube, in Pretoria hielt man Mr. Benoni für weit weniger harmlos. Der Staatssekretär hat mir mal so eine Andeutung gemacht.

Hat er? fragte Bomhard gespannt.

Alberts nickte bestätigend:Jedenfalls wird man.es Ihnen hoch anrechnen, dass Sie nun Beweise bringen können.

Schwerwiegende Beweise sogar!* eiferte Bomhard.

Jedenfalls solche, die Sie zwingen, etwas gegen Benoni zu unter­nehmen.

Man wird ihn zunächst auf Nummer Sicher bringen, um jeder Kollusionsgefahr vorzubeugen. Ich werde sofort einen Haftbefehl aus­fertigen lassen.

Alberts triumphierte innerlich. Nachdem Bomhard gegangen war, rief er den Doktor Newman herbei und erzählte ihm alles. Newman war perplex:Und Sie glauben an diese Narrengeschichte? fragte er.

Das ist Nebensache! erklärte Alberts.Aber jedenfalls können wir den edlen Benje nun ins Bockshorn jagen.

Wie das?

Nun, Sie gehen einfach zu ihm hin und teilen ihm als wohlwollen­der Freund mit, dass auf dem Gouvernement schon der Haftbefehl aus­gefertigt ist.

Dann wird er fliehen! meinte Newman.

Aber, Verehrtester! Etwas Besseres kann uns ja gar nicht passieren, als dass er freiwillig das Feld räumt. Erstens liefert er da­

durch einen vollgültigeren Beweis für seine Schuld als irgend ein Gericht jemals zu erbringen vermöchte. Und zweitens sind wir ihn damit wenigstens für eine Zeitlang los. Er kann bei dem Prozess, den D.uysen in meinem und Swanepools Auftrag gegen ihn führt, nicht selbst vor Gericht erscheinen, und wir werden die erste Instanz ge­winnen, um dann wegen eines Vergleichs zu verhandeln, bei dem er tüchtig bluten soll.

Dr. Newman, den Alberts auch an diesem zweifelhaften Geschäft beteiligt hatte, begann zu begreifen und fuhr alsbald zu Mr. Benoni.

Am Abend war Benje zur Flucht entschlossen, nachdem er sich vergewissert, dass Newmans vertrauliche Mitteilung auf Richtigkeit beruhte. Er erklärte auf dem Bureau, dass er eine Reise nach Eng­land antrete, und war in der Tat entschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen, seine Sache von London aus zu betreiben, dort eine Reihe wichtiger Angelegenheiten zu ordnen und endlich seine kleine Gwen wiederzusehen, nach der er sich in Sehnsucht verzehrte.

Nach kurzem Abschied von Mama Benoni fuhr Benje zu einer ent­fernten Vorortstation.

Es war ihm doch recht schwer ums Herz, so oft er sich auch wiederholte, das? alles sich ja rasch klären müsse und sc/i Exil keines­falls von langer Dauer sein könne.

Sonderbare Ahnungen bedrückten den sonst so nüchternen Mann. Eine unerklärliche Angst schnürte ihm die Kehle zu, und plötzlich war es ihm, als ob er sich selbst mit riesigen Wellen kämpfen und schliess­lich unterliegen sähe.

Als er im Wartesaal einen Blick in den grossen Spiegel warf, kamen ihm seine Züge seltsam verzerrt vor.

Es dünkte ihm eine Ewigkeit, bis der Zug endlich abfuhr und ,er sich in Sicherheit wissen durfte. Noch einmal warf er vom Wagen aus einen Blick auf Johannesburg und den von bläulichem Dunst um­hüllten Witwatersrand. Dort drüben ragte das riesige Fördergerüst derGwendolyn Deep empor, dort hinten rauchten die Schlote der Pioniermiene.

Ein gewaltig Stück Arbeit war da geleistet, von ihm geleistet wor­den, und doch war es alles eher als befriedigter'Stolz, was den reichen Minenherrn erfüllte, als er sich in die Kissen zurücklehnte.

XXIII. Kapitel.

Das Geheimnis von J^ossadale.

Heimliche Liebe! In vollen Zügen genossen Gwen Benoni und Udo Langenbrück ihr Glück und ihre Qualen.

Nur auf kurze Minuten hatten die beiden sich gesehen seit jenem Abend, wo es dem Ingenieur gelungen war, seine kleine Braut in der Kirche des Londoner Vorortes davon zu verständigen, dass er sie ge­funden. Seit jenem Augenblick, wo sie in seligem Schreck ihn ange­starrt wie eine himmlische Erscheinung, gekommen, um alles Leid von ihr zu nehmen.

Gwens Haft war strenger, als wenn Kloster- oder Gefängnis­mauern sie der Freiheit entzogen hätten. Der Pastor, bei dem Benje' seine Tochter untergebracht, war an sich kein grausamer Mann, aber er stand vollständig unter dem Einfluss seiner Frau, und diese konnte sich gar nicht genug tun in der gewissenhaftesten Erfüllung' der Orders, welche Mr. Benoni gegeben, als er seine Tochter bei dem Ehe­paar in Pension gab.

Nicht als ob Benje etwa eine Riesensumme für Gwens Bewachung ausgegeben hätte, aber die Pastorsleute, einer armen Gentryfamilie angehörend und auf ein äusserst bescheidenes Einkommen ange­wiesen, sahen in dem Pensionsgeld eine so willkommene Möglichkeit,' ihre materielle Lage zu verbessern, dass sie die kleine Gwen hüteten wie ein golden Vögelein, das jeden Augenblick entflattern konnte, wenn man ihm nicht gehörig aufpasste.

Gwendolyn war bei ihnen zwar primitiv genug aufgehoben, aber sie wurde doch ganz gut verpflegt, nur dass man eben, die harten, zornigen Instruktionen Benjes fast noch übertreibend, ihr nicht die geringste Freiheit gestattete, sie keinen Augenblick aus den Augen, liess. Niemals durfte das junge Mädchen allein ausgehen; jeder Brief, den Gwen erhielt, wurde vorher geöffnet, und sie selbst hatte keine Möglichkeit, auch nur eine Postkarte zu befördern ohne Erlaubnis ihrer Wächter. Niemals hatte sie einen Pfennig Geld in der Hand, niemals hätte man ihr gestattet, einen Besuch zu empfangen, selbst die Zeitung gab man ihr nur selten in die Hand.

Geistliche Schriften und das Klavier waren alles, was man ihr an Unterhaltung gönnte, und -der Kirchenbesuch war unter diesen Um­ständen eine hefssersehnte Abwechslung in dem schrecklich öden Dasein des so lebenslustigen und einst so verwöhnten jungen Mädchens. (Fortsetzung folgt.)'