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Deutsche Kolonialzettung .
Zu bleiben . Die vorerwähnte Eisenbahn brächte aber
den Anaheimern noch einen anderen Vorteil . Jetzt
können Leute , die nicht über Pferd und Wagen ver¬
fügen , nur mit verhältnismäßig bedeutendem Geld -
und Zeitaufwand auf Umwegen per Bahn eine
Partie ins gebirgige Hinterland oder ans Meeres¬
gestade unternehmen . Die neue Bahn würde das
Erfordernis an Zeit und Geld wesentlich verringern
und auch den Minderbemittelten hübsche Sonntags¬
ausflüge ermöglichen . An Fußpartien von Ana -
heim aus ist nämlich nicht zu denken , besonders
wahrend der regenlosen Monate ( von Mai bis ein -
fchließlich Oktober ) wegen der schattenlosen , staubi¬
gen oder sandigen Straßen ringsherum ; muß doch
hier erst der Einwanderer dem Boden Vegetation
geben , welche aber dann auch der Mühe reichlich lohnt .
P . C .
Aus Syrien .
Ein Tag auf der deutschen Tempelkolonie
Sarona .
Sarona , März 1886 .
Noch dämmert nicht der Morgen . Die beiden
Bürger , welche in der zweiten Hälfte der Nacht die
Koloniewache haben , sitzen noch im kleinen Wacht -
haus , welches in einem Winkel der sich kreuzenden
beiden Hauptstraßen der Kolonie errichtet ist und
machen , nachdem sie ihre Umgänge ausgeführt
haben , die vorschriftsmäßigen Einträge in das auf¬
gelegte Buch . — Die männliche Bevölkerung von
16 bis 60 Jahren versieht den Wachldienst . wer
tauglich ist , wacht ; zwei von abends 9 bis früh
Val Uhr , andere zwei von V 2 I bis 4 Udr . Die
meisten haben eigene W - ffen , doch ist auch im
Wacblzimmer ein guter Knotenstock ic . vorhanden .
— Eben schlägt die Turmuhr vier . Alarmhorn ,
Säbel , Mantel und Stock finden ihren Platz im
Wachtzimmer , das Licht wird abgelöscht , das
Wachthaus gescblofien und die Wächter gehen nach
Haus ; denn schon verkünden da und dort in ein¬
zelnen Häusern die Lichter , daß die Jnsaffen ihr
Tagewerk beginnen und Esel hört man ihr F - a trom¬
peten . Es sind besonders diejenigen Leute schon so
frühe thätig , welche Mttch in die Stadt liefern ; da
wird gefüttert , gemolken und zugerichtet , und ehe
der Tag ganz hereinbricht , sieht man eine kleine
Schwadron auf Eseln reitend , links und rechts hinter
dem Sattel Milchflaschen gepackt , ausrücken . Jedes
hat seine Kunden , denen die Milch ins Haus ge¬
liefert wird , das Liter zu 25 / $ , die Butter
1 kg gu 2 M . bis 2 Jl . ' 20 a % . Ehe die Milch -
lieferanten abgehen , wird es allgemein in den
Häu ; ern und Ställen lebendig , Pserde und Maul¬
tiere werden gefüttert , geputzt und aufgeschirrt .
Mittlerweile ist auch der Kaffee oder die Suppe
fertig . Sind diese eingenommen , und ist ein Ab¬
schnitt aus der Heiligen Schrift gelesen und ge¬
betet , so geht es an die eigentliche Tagesarbert .
In einem Hofe wird ein schwerer Pflug , eine Art
Untergrundspflug vorgeholt ; denn es gilt heute mit
demselben , von vier Tieren gezogen , ein Stück Land
zur Anlage von R,ben vorzubereiten . Ein anderer
Landwirt bespannt den leichteren Brabanter Schuh¬
pflug mit zwei Pferden und pflügt zur Aussaat von
Zahnmais . Wieder ein anderer will heute noch
Kartest ! n stecken , während die meisten mit diesem
Geschalt fertig sind und jetzt mit einem oder zwei
' Tieren in den Weinbergen pflügen . Es ist dies
möglich , weil die Reihen der Weinstöcke 2 — 3 m
von einander entfernt sind . Dorr in der Nähe des
Dorfes sitzt auch ein Weingärtner oder kniet viel¬
mehr und sägt die bis zu 10 em dicken Wein¬
stöcke ab , um edle Rebschnittlinge aufzupfropfen .
Die Weinkultur und auch der Weinhandel ver¬
sprechen die besten Erwerbszweige hier in Sarona
zu werden . Der Wein findet Absatz in Egypten ,
auch in Deutschland " ) ; es wird mehr begehrt als ge¬
liefert werden kann , insbesondere Rotwein . Der
Weinstock trägt jedes Jahr ohne kostspielige Pflege .
Der Reinertrag von 1 ha beträgt circa 700
sofern die Rebsorten gut sind und der Wein
beim Keltern und im Keller sorgfältig behandelt
wird . Der Wert von 1 da der besten Wein¬
berge ist gegenwärtig 1500 — 1800 M .
Werfen wir einen Blick von den Weinbergen
auf die Saaten , so sehen wir da und dort Leute
beschäftigt mit Ausjäten des Unkrauts . Die frühe
Saat konnte sich nicht rasch entwickeln , weil der
Regen fehlte ; daS Unkraut erstarkte und überwucherte
den guten Samen . Auf Mittag kehren die meisten
Feldarbeiter heim . Nur ein kleinerer Teil der
Felder ist etwa 20 Minuten vom Dorfe entfernt
und wird dort gewöhnlich von den Arbeitern im
Schatten eines Baumes Mittag gehalten .
Der Nachmittag möge uns in die Dampf - und
Windmühle führen , in welcher neben gewöhnlichem
Mehl auch die feineren Sorten durch Walzenstühle
geliefert werden . Ist der Wind gut , so wird Dampf
erspart/oder es kann gleichzeitig mit der Mühle auch
ein Pumpwerk in Bewegung gesetzt werden , welches
das Wasser für einen Orangen - und Gemüse¬
garten liefert . Außer diesem großen Windmotor ist
mitten in der Kolonie ein kleinerer , ebenfalls zum
Heben des Wassers dienender Motor ausgestellt .
Eine Saug - und Druckpumpe befördert das Wasser
aus dem 22 m tiefen Brunnen in ein Bassin , von
dem eine Wasserleitung gespeist wird , welche einen
Teil deS Dorfes mit gutem Wasser versorgt , wäh¬
rend Andere schon früher sich Brunnen gegraben
hatten und noch benutzen . Aus diesen wird das
Wasser teils an einem um eine Welle laufenden
Sette in Eimern aufgezogen , oder durch ein
Schöpfwerk mit Kästchen , welches von Pferden
oder Maultieren in Bewegung gesetzt wird ,
aus der Tiefe heraufgeholt . Solche Schöpfewelke
benutzt man besonders zur Bewässerung von Orangen -
und größeren Gemüsegärten . Einige schöne Anlagen
der Art treffen wir auch hier . Schon lachen uns
goldgelbe Orangen zwischen den glänzend dunkel¬
grünen Blättern entgegen , obgleich es erst drei Jahre
sind , daß die jungen Bäumchen gesetzt und veredelt
wurden . Die freundlichen Leutchen laden uns zu
i einem guten Glas Jsabeller oder Lorenzwein , der
hier gewachsen ist , ein , auch frische Butter und
reiner Orangenblütenhonig soll nicht fehlen , allein
wir wollen dem Gastwirt noch einen Besuch machen -
Ist nur eine einfache Wirtschaft dies , wie es die
kleine Apotheke und der Kaufladen hier auch ist ,
doch kann man außer den hiesigen Weinen auch
Jerusalemer und Hebroner , hiesiges und . importier¬
tes Bier nebst Brot und Käse oder Wurst , Kaffee
und sonstige einfache warme Speisen haben . Gaste
treffen wir heute keine , nur selten sieht man einen
* ) Von den besten Erzeugnissen der deutschen Weinbauern rn
Palästina hat Herr I . Berner in Jerusalem ( der selbst em
bedeutender Weinkulkivator in und in unsenn O . gan über die
dortigen Erfahrungen berichtet hat , ! . S . 428 ) in Dresden erne
Niederlage errichtet ( Annenstr . 47 , Vertreter W . Hachenberger ) .
^ v v 1 Die Redaktion .