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Deutsch « AoIonialzeitun g <
Nr . 1 ? .
Auswanderung und das Deutschtum
im Auslände .
Die überseeische Auswanderung im Jahre 1900 .
Von Dr . Boysen - Kiel .
Mach der Statistik des Deutschen Reichs wurden über deutsche
und fremde Häsen im Jahre 1900 22 309 Personen befördert , gegen
24 323 und 22 221 in den beiden Vorjahren . Es ist eine nicht
oft genug zu wiederholende erfreuliche Thalsache , daß die Zahl der
Auswanderer sich in den letzten Jahrzehnten so stark verringert hat ,
1881 betrug diese Zahl fast das Zehnfache der heutigen . 16 690
Deutsche gingen im letzten Jahre über Hamburg und Bremen , 3305
über Antwerpen , 1949 über Rotterdam , der Rest über andere
holländische , französische und englische Häfen . Dem Prozentsatz der
Einwohnerschaft nach stellte Bremen am meisten , dann folgen Neuß
ältere Linie , Hamburg , Westpreußen , im weiteren Abstande Schleswig -
Holstein , Hannover , Reuß jüngere Linie u . ft w . !
Wenn die Zahl der deutschen Auswanderer sich stetig verringert ,
hat , so ist diejenige sämtlicher Auswanderer über deutsche Häsen im
letzten Jahre von 150 432 in 1899 und 100 978 M 1898 auf
176 81Ö gestiegen . In den letzten drei Jahrzehnten wurde tn biefe ^
Hinsicht die größte Ziffer im Jahre 1891 mit 289 255 erreicht .
Von den über deutsche Häfen beförderten Auswanderern wärest im
Jahre 1900 demnach nur der elfte Teil Deutsche .
Was das Bestimmungsland arbetrisft , so gingen von den
deutschen Auswanderern nach europäischen Ländern , von welchen ,
fast ausschlteßlich Großbritannien inbettachlkommt , 1386 Personen .
Die Hauptmasse wandte sich , wie in den Vorjahren , nach den Ver¬
einigten Staaten von Amerika , nämlich 19 703 , nach Vritisch - Nord - •
amertka 144 , Brasilien 364 , Argentinien 275 , Afrika 183 , Australien
196 u . s . w . Auch von den über deutsche Häfen ausgewanderten
Angehörigen fremder Nationen ging wie früher die weitaus größte
Zahl , nämlich 133 124 , nach den Vereinigten Staaten , 5403 nach
Brittsch - Nordamerika , 1566 nach Argentinien , 444 nach Brasilien ,
481 nach Afrika . Auch nach Großbritanien ging eine erhebliche
Anzahl , 14 637 Russen , 2334 Oejtcrreicher und 1773 Rumänen .
Nach dem Beruf gehörten von den deutschen Auswanderern
7253 jdarunter 3796 männliche ) der Land - und Forstwirtschaft an ,
dem Bergbau 215 , der Industrie 5108 , dem Handels - und Ver¬
sicherungsgewerbe 2331 , Gast - und Schankwirtschaft sowie sonstigem
Verkehrsgewerbe 810 , häusliche Dienstboten 1373 , Lohnarbeit
wechselnder Art 352 , freie Berufsarten 613 , ohne Beruf und Ve -
russangabe waren 1986 . Don 1936 über Rotterdam gegangenen
Personen fehlten Angaben über ; . Beruf und Geschlecht .
Von den Mon aten des Jahres wurden September und April
von den deutschen Auswanderern am meisten gewählt , demnächst
Mai , Oktober , März u . s . w . Nach dem Alter warew 4007 zwischen ,
30 und 50 Jahren , 3147 zwischen 25 bis 30 , 3515 zwischen 21
bis 25 , 1855 zwischen 14 und 17 , 1300 über 50 , 1368 zwischen
1 und 6 Jahren u . s . w . In 2440 Familien gingen 8387 Deutsche
ins Ausland , während 11 977 als Einzelpersonen das Land ver¬
ließen ; für die über Rotterdam Abgegangenen fehlt auch hier die
Angabe .
Was die Nationalität der über deutsche Häfen ausgewanderten
Fremden betrifft , so steht hier Rußland mit 66 263 an der Spitze ,
demnach folgt Oesterreich mit 46 075 , Ungarn mit 41 320 , Rumänien
mit 5699 , dann in weitem Abstande Dänemark mit 167 , Setbien
mit 74 , Schweiz mit 85 u . ft w . !
Koloniale Kejlredungen fremder Wllrrr . !
Frankreich . !
Die Verhältnisse in Madai und die sranMscherr Bestrebungen «
Hon H . Singer ( Bromberg ) / !
Interessante Ereignisse bereiten sich anscheinend im zentralen S ^ dan
vor , in den östlichsten Gebieten , die im euglisch - sranzösischen Abkornmen .
vom Juli 189H den Franzosen zügesprochm woÄM Kstd ; Ihlenn eine
Reutermeldung aus Venghast besagt , daß der von Aufständischen be »
, drängte Sultan von Wadai sich an die Franzosen um Hülfe gewandt
habe , nachdem ihm vom Scheich der Snusst jede Unterstützung versagt
worden sei .
Die Nachricht ist im höchsten Grade auffällig . Wadai , dessen herr¬
schende Nasse seit Jahrzehnten dem Einfluß des fanatischen Snussi *
ordens völlig ergeben schien , war das einzige sudanische Sultanat , das
sich bisher erfolgreich gegen die Europäer abzuschließen vermocht hatte .
Der erste europäische Forscher , der es betreten hat , der Deutsche Eduard
Vogel , war 1856 auf Befehl des damaligen Sultans Mohammed
es Scherif hingerichtet , und der deutsche Reisende Moritz von
Beurmann , der über Vogels Schicksal hatte Gewißheit erlangen
wollen , 1863 — allerdings gegen den Willen von Mohammed es
Scheriss Nachfolger Mohammed Ali — an der Schwelle des
Landes von Wadaileuten ermordet worden .
Erst 1873 glückte es Gustav Nachtigal , das gefährliche Land
nicht nur zu betreten , sondern auch lebend wieder zu verlassen , nachdem
ihm der rücksichtslose , aber recht verständige Sultan Mohammed Ali
sogar für eine Reise in die südlichen Vasallenslanien des Reichs Sicher¬
heit erzwungen hatte . Auch Alis Bruder und Nachfolger verhielt sich
nicht gänzlich ablehnend , sondern ließ 1880 die Leiden Italiener
Mätteueci und Massari ungefährdet sein Land passieren . Seitdem
jedoch war der Einfluß der Snusstfekte wieder so stark gewachsen , daß
Wadai die letzten zwanzig Jahre Europäern völlig ver schlossen blieb , und
die FraNzöseN wären sich darüber klär , daß die ' einstige ' thätsächliche
Besetzung des Sultanats ihnen nur unter schweren Kämpfen gelingen
würde .
Und nun ruft ein Herrscher Uadais die Franzosen , die bestgehaßten
Feinde der Snussi , geradezu in sein Land , nachdem ihm jene Snusst in
seinen Nöten die Hülse versagten !
Die Nachricht ist indessen glaubwürdig . Nur selten dringt eine
dürftige Kunde von den Vorgängen in diesen Teilen Afrikas in die
- Außenwelt ; wenn es aber geschieht , erreicht sie in Nordosrika am
frühesten und in zuverlässigster Form die Küste . In Venghast mündet
die einzige Karawanenstraße , die Wadai mit der Nordküste verbindet ;
über Venghast hörte man deshalb zuerst , im vorigen Juli von dem
Tode Nabehs bei Kusri , Ende Februar d . I . zuerst von dem Bürger¬
krieg in Wadai , und da diese Mitteilungen sich bald nachher durchaus
bestätigten , so haben wir keinen Grund , auch an der neuesten , ja viel
ausfälligeren Nachricht zu zweifeln .
Woher kam es nun aber , daß Sultan Ibrahim von Wadai bei
seinem einflußreichen geistlichen Beschützer , dem Oberhaupt der Snussi ,
keinen Rückhalt mehr fand und zu dem verzweifetten Mittel , die Fran¬
zosen zu rufen , greisen mußte ? Wir sind , wie angedeutet , über die
neuesten Vorgänge in Wadai nur sehr dürftig unterrichtet ; fassen wir
jedoch die wenigen über Tripolitauien und Aegypten zu uns getaugten
Nachrichten zusammen , so ergiebt sich trotzdem eine wohl annehmbare
Erklärung .
Nicht lange nach Abschluß des erwähnten Faschodavertrages wußten
amtliche türkische Blätter in Konstantinopel zu melden , daß die Pforte
eine Gesandtschaft über Küsra nach Wadai geschickt und dadurch den da¬
maligen Sultan Vussuf bewogen habe , die türkische Oberhoheit an -
zuerkennen . . Ob die Gesandtschaft und die Anerkennung , thatiächlich zu¬
stande gekommen sind,ist nüt Sicherheit nicht bekannt , wohl . aber wissen
wir seit einigen Monaten , daß vor mehr als Jahresfrist der Scheich
der Snussi seinen bisherigen Sitz in Kufra ausgegeben und ihn nach
Mn Gatakka , einer Oase der Landschaft Borku , also in die nächste
Rahe Wadais verlegt hat , weil er angesichts der türkischen Ausdehnungs -
gelüste seine Unabhängigkeit zu verlieren fürchtete Die Snusstfekte mag .
vom „ Kalifen in Stambul " nichts wissen , da sie den Islam der Türken ,
der sich ja zu mancherlei Zugeständnissen an die Christen herbeigelassen
hat , nicht für die wahre Lehre des Propheten hält . In der Nähe
des seinen Lehren durchaus ergebenen Wadai glaubte sich der Scheich
sicherer .
Die Zentrale des Snussiordens , also jetzt die Sauija beim Brunnen
Gälakka , ist . über alleHorgänge ich Nordaftika , in der Sahara und im
Sudan stets aufs genaueste unterrichtet , und namentlich über die Be¬
wegungen derFranzosen , und so bUeb es dem Scheich natürlich nicht
unbekannt , Laß die Missionen Foüreau - Lamy , Joalland - Meynier und
Gentil - Robillot dem Tschad zustrebten . Es galt , ein festes Bollwerk
gegen die Fortschritte der Ungläubigen auftürichten , und seiner ganzen
* Vergangenheit nach wäre wohl Wüdai der geeignete Kern dazu ge -
wesen ; wenn an dtzr Spitze dieses einst so geschlossenen und machtvollen
Sultanats ein . . Herxftch ^ . ,vom . SchMe der früheren geständen hätte .
' Das war ' jedoch ' nicht ' der Fall, ; denn Sultan Ibrahim , Uns fass
qn - sih . eiDey ^ , ^ icht > ,rechZWW ^ r,,schwacher / grausamer
Despot , dem die Zügel aus , der H - nd zu gleiten drohen . Der kluge
/ Ocheichr ^ der - Snussi, < NWME ) dWWhr ^ aMÄexkannL Gaben und faßte des¬
halb als den starken Vorkämpjer cher Sache dM JMMchen Sultan