Deutsche Kolonialzeitung
Sonderbeilage zu Nr. 17 vom 25. April 1908.
Eine Expedition in die ßraebocblander
Mittel-Kameruns. (Ä ,
Nach der Verabschiedung von Joja machten wir auch noch der Königinmutter, der Na, die eine Ecke des großen Palastes bewohnt und ihren eigenen Hofstaat besitzt, unsere Aufwartung. Die Mutter Jojas ist eine korpulente, liebenswürdige, äußerst intelligente Dame, die an der Regierung des Bamum-Reiches regen "Anteil nimmt. Durch ihren weiten politischen Blick hat sie vor 14 Jahren etwa, in dem beim Tode ihres Mannes ausbrechenden Bürgerkriege, durch bezahlte Hilfe der alten Bamumfeinde, der Fulbe, ihrem Sohn den Thron gerettet und für den unmündigen König mit Energie und Geschick die Regentschaft geführt. Und auch demnächst, wenn Joja zur Vornahme einer Staroperation zur Küste marschieren wird, soll sie wieder für ihn wahrend der Dauer seiner Abwesenheit von Samum die Regentschaft übernehmen. Als ich der alten Dame mein Kompliment machte, daß sie trotz ihres Alters noch so jung und blühend aussehe, quittierte sie über dasselbe lächelnd mit ihrem stereotypen „aputiti“, „das ist ja sehr schön und nett" und parierte meine Höflichkeit mit dem Nachsatz, daß ich ihr doch wohl nur schmeicheln wolle, denn eine Frau, die schon einen so alten Sohn, wie sie habe, könne doch wirklich nicht mehr schön sein. Dieser Appell an die weibliche Eitelkeit schien aber doch seine Wirkung nicht ganz verfehlt zu haben, denn bei meiner Rückkehr in die Station wurde mir gemeldet, daß ein Bote der Na Hühner und Eier für mich abgegeben habe.
Joja hat seit seiner ersten Berührung mit Europäern diesen stets eine offene Freundschaft entgegengebracht, obwohl dieselbe durch das Auftreten und die Forderungen einiger nicht gerade zur Elite der deutschen Kaufmannschaft gehörenden Faktoristen wiederholt gemißbraucht worden ist. Für jede Neuerung, deren Nutzen er einfielst, ist der Herrscher zugänglich und fördert sie in der freigebigsten Weise und mit großer Willensstärke. Joja ist der Erfinder einer eigenen Silbenschrift, sür deren Verbreitung unter seine Getreuen er durch eigene UnLerrichtserteilung auf der Mission abgekauften Schiefertafeln Sorge trug; die arabischen Schriftlichen der in seinem Lande lebenden Haussa anzunehmen, verbot ihm sein Stolz, er wollte nicht Schüler hergelaufener Krämer sein. Als ihm Missionar Göhring neuerdings den Vorteil unserer Buchstabenschrift klar machte, sah er deren gewaltigen Vorteil sofort ein und beschloß, die neue Schrift auch zu erlernen. Mit Hilfe der Mission hat der Häuptling den achttägigen Bamumkalender, demzufolge des öfteren große Märkte auf die christlichen Sonn- und Feiertage fielen, verbessert und die siebentägige Woche eingeführt. Gemütvoll veranlagt, macht Joja gern anderen eine Freude und nimmt auch an fremdem Leide teil. Besondere Freude bereitete ihm die Nachricht, daß Missionar Göhring ein Sohn geboren sei, er ließ seine 300 Mann starke Leibwache auf die außerhalb der Stadt auf einem einsamen Hügel gelegene Missionsstation rücken, dort Salut schießen und schickte dem Neugeborenen viele Geschenke; der Häuptling war stolz darauf, daß Bamum jetzt einen in feiner Hauptstadt geborenen Europäer beherberge.
Joja entstammt einer Herrscherfamilie, die mit wenigen Mitgliedern vor etwa 300 Jahren von Norden her in sias Land eingewandert ist und sich durch Grausamkeit und Mord, aber auch durch Energie und Tapferkeit und durch politische und wirtschaftliche Umsicht allmülich zu Herren desselben gemacht hat. Die Geschichte von Bamum ist eine überaus blutige und hat namentlich durch innere Kämpfe dem Volke wiederholt schwere Wunden geschlagen?)
Es wäre zu wünschen, daß dem der Regierung zurzeit treu ergebene und politisch bedeutende Bamumherrfcher durch die Errichtung eines Residenturpostens direkt in seine Hauptstadt ein Offizier oder Beamter an die Seite gestellt würde, der ihm jederzeit sofort Aussprache und Rat gewähren kann und der auch darüber zu wachen hätte, daß seine geistige und
? Die Geschichte der Bali und Bamum habe ich in Nr. 8 des Globus, Jahrgang 1908, Bd. XGIII veröffentlicht.
politische Weiterentwicklung nicht einseitigen kaufmännischen oder religiösen Sonderintereffen nutzbar gemacht wird, sondern daß dieselbe einen Weg nimmt, der dem ganzen Lande und der deutschen Regierung zum Wohle gereicht.
An der Nord- und Südseite des großen Palastes stehen jenseits einer breiten Straße, in mehreren parallelen Reihen angeordnet, die Weiberhäuser des Häuptlings und die seiner Mutter, denn auch die Witwe behält eine große Zahl der Frauen ihres Mannes als Dienerinnen und Arbeiterinnen bei sich. Zur Vermeidung von Zänkereien hat jedes Weib ihr eigenes Haus, und da Joja allein 300 Frauen besitzt, so bilden die Weiberhäuser und der Palast eine kleine geschloffene Stadt sür sich. Bei der Besichtigung eines dieser Häuser war ich von der in ihm herrschenden peinlichen Sauberkeit und Ordnung überrascht. Gleich am Eingang, parallel zur Hausfront, ist eine kleine, mannshohe, etwa 1 m breite Wand errichtet, an der wie an einem Küchenrahmen daheim in Deutschland sämtliche Gerätschaften für den.Haushalt: Schalen, Kalebassen, Löffel usw., in tadelloser Beschaffenheit und kunstvoll verziert, paradieren. In der Mitte des Hauses liegt der Feuerherd, eine etwa 80 cm breite, 1,25 m lange und 20 cm hohe, aus Lehm oder Ton bestehende Platte, deren mit Ruß glänzend schwarz polierten Seitenwände mit schönen Mustern geschmückt sind. An den Wänden stehen aus Palmrippen gefertigte Ruhebetten und kastenühnliche Behälter. Ebenso sauber, wie die Häuser, sind auch alle Straßen und Plätze in Fumban, und manche deutsche Kleinstadt könnte sich an dieser Sauberkeit ein Muster nehmen. Zwischen dem Häuptlingspalast und dem Markt, der an den Markttagen von 4000 bis 5000 Menschen besucht wird und auf dem eine musterhafte Ordnung herrscht, fällt neben einigen riesenhaften Trommeln ein großes, rundes, schön gebautes Bamum-Haus auf, es ist die der Basler Mission gehörende Kirche. Dieses Haus ist eine Stiftung Jojas an die Mission und ist von feinen Leuten in einem einzigen Tage erbaut worden, eine Leistung, welche die höchste Bewunderung verdient. An Stelle der Kirche stand noch vor wenigen Tagen eine Moschee, die Joja den in feiner Stadt wohnenden Haussa zum Dank für die ihm bei seiner Thronbesteigung von ihren mohammedanischen Fulb e- Glaub ens gen off en gewordene Hilfe erbaut hatte, die aber auf Wunsch der Mission später nach einem außerhalb der Stadt gelegenen Platz verlegt wurde, auf dem sich dann auch auf Befehl Jojas die früher zerstreut wohnenden Haussa zu einem eigenen Dorf zusammenschließen mußten. Diese Hauffa-Siedlung ist ständig im Wachsen und zählt heute etwa 2000 bis 3000 Seelen.
Bei einem Spaziergang durch die Stadt hatte ich auch Gelegenheit, fröhlichem Kinderspiel zuzuschauen. Ein steiler Lehmhang war durch Wasser in eine Rutschbahn verwandelt worden, auf der die Bamum-Jungen mit glänzenden Augen und lautem Hallo auf etwa 1 in langen, dicken Abschnitten des saftreichen Bananenstammes wie auf einem Rodelschlitten in die Tiefe fausten. An einer anderen Stelle sah ich Kinder im Sande malen und bewunderte staunend ihre Kunst. In seltener Naturtreue und Perspektive sah ich im Sande die Leibwache des Herrschers in verschiedenen Formationen marschieren, sah Hauffa-Leute einhergehen und den Lehrer vor seiner Klaffe sitzen. Die Kunst im Leben des Kindes hatte auch in Bamum eine Stätte.
Am 10. November verlasse ich zusammen mit Leutnant von der Planitz, der zur Erledigung von Dienstgeschäften in Begleitung des ehemaligen Pater Adams, jetzigen Arbeiter- kommiffars der Regierung, am 7. September in Bamum ein- getroffen war, die Stadt Fumban.
Unser nächstes Ziel ist der große Ort Bagam in der Landschaft gleichen Namens, von dem Leutnant von der Planitz nach Bamenda und ich nach Dschang zurückzukehren beabsichtige.
Ein und eine halbe Stunde geht es auf dem von Banffo kommenden Wege zurück, dann folgen wir einem neuen Wege nach Westen, der uns Zuerst über leichte Wellen, dann über einen steilen Gebirgspaß, der das halbkreisförmig gelagerte, nach Süden Zu geöffnete, scharfspitzige Nko-Gam-Massiv mit den niedrigeren Bandeng-Bergen ringwallartig zusammenschließt, in das, aus diesem Ringwall nach Südwester:
