eutsche Kolonialzeitung

Sonderbeilage zu Nr. 48 vom 2. Dezember 1911 .

Cleber Deutschlands ©MtmacbtfteUung, jVlarokko- ^ Abkommen und Kongokompensationen.

Vortrag, gehalten auf öer VorsLanössitzung -er Deutschen

Aolonialgesellschaft zu Berlin am 21. Aovember lyn.

Hoheit! Hochverehrte Anwesende!

Gern bin ich der Bitte unseres Ausschusses nachgekommen, zu der heutigen Vorstandssitzung ein Referat über Deutschlands WeLtmachtstellung, Marokkoabkommen und Kongokompen­sationen Zu übernehmen, wiewohl ich mir sagte, daß es nicht leicht sei, über eine Angelegenheit zu sprechen, die einmal der Regierung viele schwere Einwürfe eingebracht hat und sodann unserem Standpunkt nur in bescheidenem Maßstabe gerecht ge­worden ist. Ich will versuchen, mich meiner Aufgabe so gut wie möglich, und Zwar immer im Hinblick auf die Interessen und Aufgaben unserer Gesellschaft zu er­ledigen, sine ira, wenn auch die dies irae vom 9. bis 11. No­vember in unseren Herzen noch nachzittern.

Meine Herren! Gestatten Sie, daß ich Zunächst ganz allgemein über die Entwicklung und Bedeutung der deutschen WeLtmachtstellung spreche, um so für weitere und Liefere Ausführungen die wünschenswerte Perspektive zu gewinnen.

Mehr als in früheren Zeiten drängt sich die bittere Not­wendigkeit des Kampfes ums Dasein in das menschliche Leben hinein. Für den Kampf ums Dasein können wir eben­sogut sagen: Kampf um Raum. Der Kampf um Raum ist das hervorragendste Merkmal jeglicher Lebensentwicklung auf Erden, nicht bloß der Lebensentwicklung des einzelnen Indi­viduums, sondern eines ganzen Volkes, überhaupt des Staates. Jede vorwärtstreibende und vorwärtsstrebende Staatsent­wicklung schreitet von engen Räumen zu weiten Räumen fc-ct. Nach diesem Gesetz der zunehmenden Räume wächst jede Land- und Seemacht.

Der Raum des Landes ist vielfach begrenzt, er be­schränkt auch die politische Auffassung der Völker, der Meeres- raum aber mit seinen endlosen Horizonten hat vorzugsweise zur Schärfung und Erweiterung des politischen und wirt­schaftlichen Blickes beigetragen und einen großen Zug von Kühnheit in den politischen Charakter der Seevölker hinein- getragen. Die Seevölker sind viel schneller politisch reif geworden als die Binnenvölker. Länder, deren Wirschaftsleben ursprünglich im Kontinente wurzelte und allmählich nach der Wasserkante vor- und darüber hinausgehoben wurde, wachsen heute zu Mächten aus, die den alten Inselstaaten einen Teil ihrer Macht einzuschränken berufen sind. Deutschland gehört zu den Ländern. Noch stehen wir in einer Zeit des Ueber- gangs. Das alte Weltmächteprogramm, das zur Zeit Bismarcks nur durch das Konzert der europäischen Staaten gegeben war, ist durch das wirtschaftliche und politische Ein­greifen der Vereinigten Staaten und Japans zu einem wirklichen Weltmächteprogramm geworden.

Eine europäische Großmacht kann nicht mehr bloß euro­päische Politik treiben, sondern auch die ganze Welt in ihre Berechnungen ziehen. Für ein Volk wie die Briten ist Welt­politik nichts Neues, das britische Reich ist schon lange ein Weltreich. Großbritannien steht außerhalb Europas, bildet gewissermaßen einen kleinen Kontinent für sich, und seine Staatsmänner sind, um einen von Cecil Rhodes geprägten Ausdruck zu gebrauchen, gewohnt, in Kontinenten zu denken. Für Deutschland ist es viel schwerer, seine An­schauungen den veränderten, ins Weite gehenden Verhältnissen anzupassen, weil es im Herzen Europas liegt und vor allem für die Sicherheit seiner europäischen Stellung sorgen muß, bevor es den Blick hinausrichten darf.

Allmählich wird unser Volk reifer in seinem welt­politischen Denken. Die Kolonialbewegung der letztver- gangenen Jahre, die Novembertage dieses Jahres geben ein

beredtes Zeugnis von dem Einfühlen in den Wert des Be­sitzes eines größeren Deutschlands.

Landbesitz ist die Grundlage politischer Macht. Darum ist die koloniale Expansion noch immer das Zeichen eines starken Volkes. Das ständige Verharren in den alt­hergebrachten Grenzpfählen ist noch immer das Zeichen des politischen und volklichen Siechtums. Das Volk, das am meisten kolonisiert, ist das erste der Welt, sagt der bekannte französische Kolonialpolitiker Lerog-Baulieu. In der Kolo­nisation zeigt sich die Ausdehnungsfreudigkeit eines Volkes, das auf diese Weise einen Teil der Welt seinen Ideen, seinen Gesetzen und seiner Sprache unterwirft und dadurch seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluß erweitert. Wir haben in den beiden letzten Dezennien erfahren, daß die Aufgaben der Kolonisation unser Volk jung erhalten und seine sittliche Kraft erfrischen. Wir haben den festen Willen zur Kolonisation, und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Einer bewußten und energisch verfolgten Ausdehnungs­politik, zu der vorwiegend Länder mit bedeutender Volksdichte und Volksvermehrung gezwungen sind, fehlt es nicht an Reibungsflächen mit anderen Staaten; und zuletzt sind die Ziele einer derartigen Ausdehnungspolitik nicht bloß mit Worten, sondern durch die Schärfe des Schwertes zu erreichen und zu entscheiden. Der ewige Friede ist für uns Menschen ein ebenso ideeller wie höchst utopischer Begriff. Er wider­spricht der uralten und noch heute geltenden und wohl auch ewig geltenden Erfahrung, daß nicht Ruhe, sondern Wechsel, nicht Frieden, sondern Kampf das Wesen der Dinge ist. Die Anzeichen mehren sich mehr und mehr, als ob der Friede, den wir nach der großen Abrechnung mit Frankreich im Jahre 1870/71 den westeuropäischen Staaten brachten, nicht allzulange mehr von Bestand sein sollte. Wir werden Frieden hatten, so lange es eben geht. Dies unser ehrliches Bestreben scheint aber in der letzten Zeit vielfach mißdeutet zu werden, sonst wäre z. B. die Kritik in den ausländischen Zeitungen, auch in fachmännischen, kaum möglich, die deutlich erkennen läßt, daß der Respekt vor unserem Heere im Schwinden ist. Die Artikel, wie sie der Oberst Cordonnier in der Militär- zeitungDa France militaire und der Kriegsberichterstatter der Times", Oberst Repington, bringen, sind für unser Heer und uns direkt beleidigend. Wenn auch viele meinen, der Grund hierfür liege in der konsequenten defensiven Haltung unserer äußeren Politik, die nachteilig auf die Einschätzung unserer Qffensivkraft wirke, so glaube ich doch den Grund wo anders zu suchen. In den Verunglimpfungen liegt System: nämlich unsere Aufmerksamkeit und zuletzt die Mittel abzulenken von dem weiteren Ausbau einer tüchtigen, stets kriegsbereiten Flotte. Diese Methode in der Herabsetzung unseres Heeres soll uns aber nicht irre machen an der Organisation unseres Heeres, das doch bei kriegerischen Komplikationen den Ausschlag gibt, in der von unseren bedeutendsten Feldherren vorgezeichneten Weise weiter zu arbeiten. Diese Methode wird uns aber erst recht nicht irre machen, in dem weiteren Ausbau einer kriegsstarken Flotte sortzuschreiten. Darum begrüße ich auch die Anträge der Abteilungen Berlin und Kolberg ganz besonders, die einen beschleunigten Ausbau der Flotte, insbesondere der Panzerkreuzer, zum Schutze des deutschen Vaterlandes, seines überseeischen Handels und seiner Kolonien für unbedingt erforderlich halten.

Die politisch hochgespannte Atmosphäre der jüngsten Zeit hat uns eine ernste Lehre gegeben, die wir nicht ver­gessen sollen, die wir nicht vergessen werden. Sie hat uns zur Genüge gezeigt, welch tiefgehender Groll trotz aller unserer Höflichkeiten und Zuvorkommenheiten noch jenseits der Vogesen gegen uns aufgespeichert ist. Aber weiterhin hat sie einen großen Wert gehabt, daß sie die politische Lage geklärt und auch dem letzten Zweifler in Deutschland die Augen darüber geöffnet hat, das England der zähe, hartnäckige Feind des Deutschen Reichs ist. Jahrelang hat man sich in Deutschland bemüht, die in der englischen Presse und im Parlament zutage getretene deutschfeindliche Stimmung aufMißverständniffe zurückzuführen, die bei näherem Sichkennenlernen zu beseitigen sein müßten. Nichts hat all unser Mühen und Liebeswerben genutzt. Und wenn der