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Deutsche Aolonlalzeituiig.

Nr. 48

Premierminister Asquith' jetzt auch wieder Versöhnungstöne anschlägt, der Sache ist nicht zu trauen. Das friderizianische Toujours en vedette ist aus alle Fälle jetzt mehr denn je ge­boten. England ist eben, das wird uns endlich klar, von dem Willen beseelt, das Erstarken Deutschlands um jeden Preis zu verhindern. Wir find ihm im übersee­ischen Handel ein unbehaglicher, ein gefährlicher Nebenbuhler; daß ihm jenseits des atlantischen Ozeans ein noch viel gefährlicherer erwächst, übergeht man mit Rücksicht auf die kanadische Achillesferse.

Anstatt im ehrlichen Wettbewerb die führende kommer­zielle Stellung zu behaupten, sucht England im Vertrauen auf seine Seemacht und auf Bündnisse gestützt, die Rolle eines Weltrichters zu spielen. Neben den Erfolgen unseres Handels ist ihm der Ausbau der deutschen Kriegsflotte ein Dorn im Auge. Der Haß gegen unsere Kriegsflotte macht England in seinem Handeln blind. Es bedenkt nicht, daß nur die Verbindung der bedeutendsten Seemacht mit der bedeutendsten europäischen Landmacht das Schwergewicht auf der Weltwage kontrollieren kann. Die Pole der Weltpolitik pendeln immer noch zwischen Deutschland und Großbritannien, und trotz des Ma­rokkoabkommens ist Deutschland noch lange nicht aus der Reihe der Großmächte zu streichen, wie ein westdeutscher Großindustrieller vor kurzem zu behaupten beliebte.

Das in Südeuropa und am Nordrand Afrikas entstehende Imperium Mediterraneum Romanorum bedeutet eine große Gefahr für das politische und wirtschaftliche Gleichgewicht Europas, unter der am meisten die Länder jenseits der Alpen, hauptsächlich Deutschland und Großbri­tannien, zu leiden haben werden. Mit Algier, Tunis und Marokko besitzt Frankreich ein Reich, das über 17s Milli­onen Quadratkilometer umfaßt, also dreimal größer als Frankreich selbst ist, und in seinem Umfang, in seiner Be­völkerung und Reichtum nur von Indien übertroffen wird, diesem gegenüber aber den Vorzug hat, außerordentlich nahe zum Mutterlande zu liegen. An dem Mittelmeerimperium partizipieren aber auch Spanien und Italien. Jenes richtet sich zu aller Welt Ueberraschcn in Nordmarokko häuslich ein und dieses will den großen französischen Besitz im Osten flankieren. Ob das englische Gibraltar in der spanischen Umrahmung sich wohl fühlen wird, möchte stark zu bezweifeln sein.

Aber auch an unserem Staatskörper gehen diese Veränderungen nicht spurlos vorüber. Die Lage im Herzen Europas bringt es mit sich, daß nur wenige Jnteressenkreise der europäischen Staaten unserer Teilnahme gänzlich entrückt sind, daß fast alle europäischen Staaten Wirkungen aus den deutschen Staatskörper aus üben, die immer wieder Gegenwir­kungen auslösen; und würden letztere ausbleiben, wir würden zerdrückt wie das Königreich Polen und zu einem schattenlosen Neutralstaat herabrücken und zu einem kleinen, von der Gnade der Weltmächte leb enden Europa­völkchen verzwergen. Die Lage im Herzen Europas erweckt un­bedingt, wie von einem natürlichen Drang beseelt, das Bedürf­nis nach erweiterter Machtstellung?) Darum hat Deutsch­land, um den Druck nach Osten und Westen auszuhallen und ein sicherer Hort des europäischen Völkerfriedens zu sein, durch Verbindung mit anderen Ländern seine Ost- und Westfront verlängert. Indem sich Deutschland mit Oesterreich und Italien verbündete, hat es sich aus seiner karreeartigen Stellung, die man ebensogut Zusammen­fassung wie Zusammendrängung nennen kann, zur Stellung in der beherrschenden Mitte eines breiten Auf­marsches zwischen der Nordsee und Sizilien entwickelt. Nur ist der Südteil dieses Aufmarsches nicht mehr den An­forderungen gewachsen, die unsere politische und wirtschaftliche Expansion erheischen, und die Verlängerung unseres wirtschaftlichen und politischen Einflusses strebt dem Südosten Europas zu und dessen Verlängerung nach Kleinasien. In jenen Gebieten spürt man den deutschen Einfluß, und die Türkei hofft, nachdem sie auf Bosnien und die Herzegowina verzichtet, auf Deutschland und Oesterreich als einen starken Rückhalt, der sie vor weiteren Demüti-

i) Wegen Zeitmangel wurde der folgende Abschnitt nicht vor- getragen.

gungen schützen soll. Nur eine starke bewußte Haltung zugunsten der Türkei kann in dem türkisch-italienischen Konflikt uns das Prestige erhalten, was wir in der mohamme­danischen Welt genießen. Sehen wir ruhig zu, wie ein Stück nach dem anderen vom osmanischen Reiche abbröckelt, dann dürste es bald zerfallen, mit ihm aber auch unser Ansehen im Orient und gewiß auch der größte Teil unserer wirtschaft­lichen Unternehmungen in Kleinasien und dessen Nachbar­gebiete. Ein anderes Gesicht würde die Sache erhalten, wenn es uns gelingen würde, ein Pachtgebiet und wäre es noch so klein in Kleinasien mit einem guten Hafen zu gewinnen.

Nach der Kennzeichnung der gegenwärtigen politischen Lage, soweit das Deutsche Reich direkt daran beteiligt ist, wende ich mich dem Marokko abkommen und den Kongo­kompensationen zu. Gewiß ist jeder Artikel dieser Verträge das Ergebnis eines langwierigen Ausgleichs; nur schade, daß der Ausgleich nicht so ausgefallen ist, wie wir ihn gern gewünscht hätten, wie wir ihn schon seit Monden, ja seit Jahren ich denke hierbei an den Antrag der Abteilung Lübeck bezüglich des Schutzes der Gegenwarts- und Zukunfts­interessen Deutschlands in Marokko bei Gelegenheit unserer Hauptversammlung in Stettin 1904 präzisiert haben. Daß wir damit nicht zu weit gingen, beweist uns, daß unser Standpunkt (vergleicheDeutsche Kolonialzeitung" vom 5. August und andere) sich un großen und ganzen mit dem der kompetentesten Beurteiler der zuständigen Reichsbehörde deckte. Vielleicht hat unser Protest mit genutzt, als durch die Zeitungen Kompensationsvorschläge bezüglich Togos kursierten, daß unser Togo intakt geblieben ist; doch wie weit es Kompensationsgebiet gewesen ist, entzieht sich unserer Beurteilung.

Ganz besonders will ich an dieser Stelle hervorheben, daß ich mich mit Fleiß jeder rückwärtsschau enden Kritik soweit wie möglich enthalte; denn das Herum­nörgeln an Tatsachen, die perfekt geworden sind, schafft sie nicht aus der Welt und in diesem Fall schafft es uns auch keine neuen Kolonialfreunde. Wer wollen aber p ositive Arbeit leisten und für den kolonialen Gedanken im Volke werben. Da stünde es uns nicht gut an, sich in Klagen und Betrachtungen ver­paßter Gelegenheiten zu gefallen. Wir müssen die neue Lage klar und schars erfassen, wenn wir zu Nutz und Frommen unserer kolonialen Sache wirken wollen. Wenn auch weitergehende Wünsche, die wir von Herzen teilen, nicht erfüllt werden konnten, so ist doch in den Verträgen zu er­kennen, daß das Jntereffe und die Ehre unseres Reiches bei den Verhandlungen mit Frankreich soweit wie es eben infolge internationaler Rücksichten möglich war gewahrt worden sind.

Wenn dieFrance militaire schreibt:Ob man will oder nicht; derartige Verhandlungen lassen notwendigerweise einen Besiegten und einen Sieger. Darüber darf man sich nicht täuschen. Wer die Presse beider Länder aufmerksam liest, wird finden, daß die Deutschen die Besiegten und wir die Sieger sind", so messe ich diesen Auslastungen durchaus keinen Wert bei; denn dies chauvinistische Blatt Frankreichs hat in den letzten Monden wiederholt eine so zügellose Sprache gegen das Deutsche Reich geführt wie ich auch schon an­gedeutet habe, daß ihm eine objektive B eurteilung der Marokkoaffäre vollständig abzusprechen ist; man merkt zu sehr die Absicht und wird verstimmt. Ueberhanpt mögen die Franzosen sich nur nicht allzusehr ihres vermeint­lichen Sieges erfreuen; denn das letzte Wort in der Sache ist noch nicht gesprochen. Konnte nicht die wirkliche Kriegs­drohung in die Wagschale geworfen werden, so hat die deutsche Regierung erlangt, was zu erreichen möglich war. Sie verfügte nicht über die Gunst der politi­schen Lage von 1905, noch über die damals unverbrauchte Furcht der Franzosen vor dem deutschen Heere und vor einem deutschen Angriff, weil damals die Engländer unserem alten Erbfeind den Rücken nicht so gesteist hatten wie in der gegen­wärtigen Lage. Wir sehen, daß überall die Engländer uns in die Quere kommen. Wir wissen ja auch, daß in der Tripolisfrage neben Italien auch Frankreich und England die Hauptakteure sind.

S chmerzlich ist es für uns, daß wir politisch von den Säulen des Herkules weggedrängt find. Aber den Fran­zosen war das politische Uebergewicht durch Vertrag