1911
Deutsche Aolöntalzettung.
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bereits zugestanden, und sie übten es infolge pekuniärer Leistungen und infolge geduldeter Gebietsokkupationen äs facto bereits aus, wenn zuletzt auch die französische Marokkopolitik seit 1905 weiter nichts als eine lange Kette von Vertragsbrüchen war.
Die jetzigen Verträge scheinen mir die Angelegenheit auch nicht restlos zu lösen, im Gegenteil, eine Menge Probleme werden erst ausgerollt und ihre Lösung dürfte unserer ' Diplomatie noch manche Kopfschmerzen bereiten. Wer weiß, ob wir nicht erst am Anfang vom Ende sind.
Die weitgehendste wirtschaftliche Betätigung ist uns ja zugesichert worden, vorwiegend auch in bergbaulicher Beziehung. Hier möchte ich auf einen Punkt kurz eingehen, der meiner Ansicht nach nicht genügend gewürdigt worden ist. Da wird immer von den ungeheuren Eisenerzmengen Marokkos gesprochen. Wir Wissenschaftler, d. h. diejenigen, die etwas von Lagerstättenlehre verstehen, müssen sagen, nach den Funden an Eisenerzlagern, die bisher aus Marokko vorliegen, kann we der etwas Positives noch etwas Negatives geschlossen werden zur Beantwortung der Frage, ob Marokko als Eisenerzlieferant für Deutschland wesentlich in Betracht kommt. Nun ist ja Marokko ein großes Land, und es ist nicht ausgeschlossen, daß noch ganz hervorragende Eisenerzlager entdeckt werden können. Wenn wir aber eine solche Argumentation gelten lassen wollen, dann war aus gleichem Grunde der Reichskanzler berechtigt, zu sagen, daß in Neukamerun Erzfunde auch nicht auszuschließen sind.
Unsere Aufgabe wird es hauptsächlich sein, scharf auszupassen, daß die bekannte französische Protektionswirtschaft. die Tunifizierung keinen Damm unserer wirtschaftlichen Betätigung baut oder sie unterminiert. Zu dieser Wachsamkeit haben wir neben anderen ein Recht durch die Kulturarbeit, die wir bereits in Marokko geleistet haben. Deutsche Kaufleute haben das Marakesch und vorzugsweise Südmarokko erschlossen. Dr. Wirth, Dr. Arning haben auf diese Kulturtätigkeit in unserer Zeitung des öfteren hingewiesen. Nicht vergessen sei hierbei der deutschen Kulturpioniere Mannesmann. Freilich paßt es den Herren Franzosen nicht, daß das Marokkoabkommen ihren wirtschaftlichen Protektionsgelüsten einen starken Riegel vorschiebt. Und die „Petite Republique“ klagt darüber, daß es die Kehrseite der Medaille sei, daß durch die im deutsch-französischen Abkommen enthaltenen Bestimmungen Frankreich eigentlich nur zum Hüter der deutschen Industriellen, Kaufleute und Schürfer bestellt werde.
Die Franzosen werden mit gutem Grund, nachdem wir Deutschen schon soviel geleistet, hoffnungsfreudig an die Kulturarbeit, die der Ministerpräsident Caillaux als „die schönste Blume in Frankreichs Kolonialkranz" bezeichnet, Herangehen. Ob ihnen das leicht werden wird, läßt sich jetzt nicht entscheiden, da sie zunächst die politische Okkupation geltend zu machen haben. Aber das oder der Sus muß erst erobert werden. Die Stämme des Sus haben sich in ihrer Gesamtheit niemals dem Sultan von Marokko unterworfen und niemals in reichlicher Form ihre Steuern entrichtet, wie Dr. Sa lomon in unserer „Kolonialzeitung"ganz richtig hervorhebt. Die Araber dieser Gebiete sind die Angehörigen einer stolzen, zähen, wilden und kriegerischen Raffe und die Berber sind ihnen zwar nicht bluts- aber finnesverwandt. Auch uns hätte hier ein Unterwerfungskrieg jahrzehntelang beschäftigen können, und die Summen, die da verschlungen würden, stehen sicherlich in keinem Verhältnis zu denen, die wir für Neukamerun aufzubringen haben. Auch dürfte ein jahrzehntelanges Kriegsengagement die Kräfte Deutschlands in einer Weise anspannen, wie sie der Machtstellung unseres Reichs im Herzen Europas nicht sonderlich förderlich fein dürste. Wenn mir das jüngste italienische Kriegsunternehmen entgegengehalten werden sollte, so kann ich nur antworten, daß die Italiener in ihren Kolonisationsversuchen bisher immer etwas Dilettantenhaftes gezeigt haben und das Objekt, das sie sich jetzt herausgesucht haben, uns gewiß als Okkupations- und Siedlungsgebiet wenig locken kann.
Erfreulich ist es, daß die Deutschen in Marokko selbst den Mut nicht finken lassen. Bei ihnen begegnet man allent
halben der Ueberzeugung, daß eine zielbewußte Unterstützung ihrer Bestrebungen durch die Regierung das allgemeine Mißtrauen mildern könne. Bei ihnen ist fernerhin der Entschluß erkennbar, im Vertrauen aus die Versicherung, daß Monopolifierungsgelüste ausgeschaltet würden, die wirtschaftliche Stellung in Marokko auszubauen. Bezeichnend für den Geist der Marokko-Deutschen ist die Sammlung von 4000 M in Casablanca für das Nationaldenkmal für Bismarck am Rhein als ein Zeichen, daß die in Marokko lebenden Deutschen sich als untrennbare Glieder unserer Volksgesamtheit sühlen, sowie die Zeichnung von 2000 M Jahresbeitrag für die deutschen Handwerkerschulen in Südmarokko durch die Deutschen in Mogador. Letztere fordern in einem Aufruf alle Deutschen zu Beiträgen auf, um die überwiegende wirtschaftliche Stellung Deutschlands, zumal in Südmarokko zu erhalten. Aus unserer Mitte dürste darum auch ein Antrag gestellt, oder die vom Ausschuß vorgelegte Resolution erweitert werden, der die Reichsregierung bittet, zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Schwerpunktes im Süden sowohl Mittel zur Gründung von Handwerkerschulen zu gewähren wie neue Berufskonsulate zu errichten. Auch wir dürsten gleich hilfreich beispringen und vielleicht 2000 bis 3000 M den Deutschen in Marokko gewähren, zum Zeichen, daß wir ihre Sache mit warmen Herzen unterstützen. Von der Errichtung der Handwerkerschulen versprechen sich die Deutschen in Marokko einen großen Erfolg; sie wären ein vorzügliches Gegengewicht gegen die Frankreichs Interessen dienenden Schulen der Alliance Israölite und dürsten den deutschen Fabrikanten den Marokkomarkt erschließen helfen und die Eingeborenenindustrie für die Ausfuhr lebensfähig machen. Neue Berusskonsulate im Süden wären besonders geeignet, jeder Beeinträchtigung der deutschen Betätigung von vornherein einen Riegel vorzuschieben. Und die Marokkodeutschen sagen direkt: „Nicht wiederholen darf sich, daß, wie nach dem Abkommen von 1909, die Franzosen den Eindruck gewinnen, es sei der Regierung mit der Wahrung der Gleichberechtigung nicht ernst, daß beispielsweise Rundfragen über Zollschikanen im Sande verlaufen, daß Klagen über Willkürakte gegen deutsche Schutzgenossen von der Regierung derart abgefertigt werden, daß sie die französischen Organe zu Wiederholungen ermutigen. Der Geheimerlaß des Fürsten Bülow vom Jahre 1909, wonach die Regierung Frankreich keinen Zweifel gelassen hat, daß Deutschland keinen Eingriff in seinen Handel dulden und in Marokko noch intensiver als bisher den Arbeiten der deutschen Jntereffenten die Wege ebnen und sie unterstützen wolle, sollte in präziser Form allen Beamten öffentlich als Instruktion zugehen."
Fern liegt es mir, um einen Vergleich zwischen Marokko und Neukamerun, wie ich kurzweg den durch die Kompensationen erworbenen Landbesitz bezeichnen will, anzustellen. Schon geographisch und ethnographisch ist kein Vergleich möglich, ebensowenig wirtschaftlich und völkerrechtlich. Es find eben zwei inkommensurable Größen, wie sie Dr. Arning bereits ganz richtig in unserer „Kolonialzeitung" bezeichnet hat.
Im Eingang meiner Darlegungen habe ich den Satz aufgestellt: Landbesitz ist die Grundlage politischer Macht. Und unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, muß ich die Erweiterung des Kameruner Schutzgebietes als eine ansehnliche deutsche Besitz- und Machterweiterung ansprechen. Besitz ist immer wertvoll, besonders wenn es sich — einmal ganz mathematisch gesprochen — um den Zuwachs von einer Fläche von zirka 270 000 qkm handelt, also von einem Gebiet, das so groß wie das Königreich Preußen ohne die Provinzen Ost- und Westpreußen ist oder viermal so groß wie das Königreich Bayern. Freilich wäre mir ja das gesamte französische Ubangi-Kongo-Gebiet von rund 600 000 qkm noch lieber gewesen, selbst auf die Gefahr hin, kleine wertvolle Gebiete als Kompensationsobjekt einbüßen zu müssen.
Die neue Gestalt von Kamerun ist ebenso unschön wie die bisherige und bei weitem unpraktischer; doch darauf komme ich noch zu sprechen. Am meisten verunzieren, rein äußerlich gesprochen, die zwei Zipfel, der eine nach dem Ub ang i, der andere nach dem Kongo. Und trotzdem möchte ich beide nicht missen, und wenn nur einen, dann den

