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Nr. 61

Telephon Nr. 37.

Duaia, Sonnabend, 2. August

Postfach Mr. 24»

1913

Wirtschaftsleben und Politik.

Von Wilhelm Pöllmer.

Bei Menschen und menschlichen Einrich­tungen gibt es nichts Ewiges. Dass die heutige Wirtschaftsordnung ewig dieselbe bleiben werde, kann kein verständiger Mensch glauben, der die Vergangenheit kennt und daraus für die Zukunft zu schliessen ver­mag. Die Geschichte lehrt uns die verschie­densten Wirtschaftsformen kennen. Unsere schnell lebige Zeit wird auch in der heutigen Form des Wirtschaftslebens kein ewiges Bestehen erwarten.

Die Bestrebungen der Sozilademokratie, soweit sie auf den gewaltsamen, unvermit­telten Umsturz der heutigen Gesellschafts­ordnung und die gewaltsame, unvermittelte i^äöi'öjig äz*i ^Kommunistischen Staatsform abzielen, ist eine Utopie. Dagegen ist es nicht ausgeschlossen, dass spätere Geschlechter eine Gesellschaftsform finden, in der die Verteilung der irdischen Güter eine gleich- massigere wäre, als heule, ohne dass die individuelle Freiheit des Einzelnen darunter zu leiden hätte, ohne dass das Vorwärts­streben der Menschheit, das heute mit dem materiellen Wohle des Einzelnen so eng ver­knüpft ist, aufzuhören brauchte.

Aber gawaltsam wird sich ein solcher Zustand nie herbeiführen lassen.

Der grosse Aufschwung, den Industrie und Handel in den letzten 40 Jahren genom­men haben, hatte besonders bei ersterer unter der individualistischen Betriebsform, sehr bald zu einem geradezu unwirtschaft­lichen Konkurrenzkampf geführt. Auf kurze Zeiten geschäftlichen Aufschwungs folgten stets längere allgemeiner Depression. Meist hervorgerufen durch eine masslose, unge­zügelte Konkurrenz. Wäre diese Entwickelung ungehemmt weitergegangen, so hätte das wahrscheinlich zu fast anarchistischen Zu­ständen in der Gross-Industrie geführt. Aus diesen für die Dauer unhaltbaren Zustände sind naturgemäss Bestrebungen herausge­wachsen, die zur Bildung von Kartellen und Syndikaten führten. Sie regeln die Produk­tion und die Verkaufspreise bestimmter Erzeugnisse. Diese Regelung ist zum Teil glänzend gelungen. Oft genug auf Kosten der Konsumenten. Das ist nicht zu leugnen and bedeutet die Kehrseite der Medaille.

Auf der andern Seite haben zweifellos diese Zusammenschlüsse eine Anzahl Krisen ver­hindert und vor allem eine andauernd höhere Entlohnung der grossen Arbeitermassen und auch der. kaufmännischen und technischen s Angestellten erst ermöglicht. Deren gesteiger­te Lebenshaltung und Kaufkraft hat sehr viel

zu einer stabileren Gestaltung der wirtschaft­lichen Verhältnisse der letzten 1520 Jahre und somit des gesamten Aufschwunges bei­getragen.

Ob die Kartelle u. Syndikate in späteren Zei­ten zu einem Staatssozialismus führen werden, kann heute noch nicht entschieden werden. Es braucht das notwendigerweise nicht zu ge­schehen. Angesichts der Reichspetroleum-Mo­nopol-Vorlage liegt der Gedanke aber nicht soweit ab. Darin liegt für diese grosskapi­talistischen Gebilde eine Warnung, in ihren Bestrebungen Mass zu halten.

Wir werden immer mehr zu einem koopera­tiven Zusammenschluss in der Arbeit gelangen Das muss notwendigerweise dahin führen, dass wir zwischen den zwei neueren Wirt­schaftsformen, Sozialismus und Gross- kapilalismus, von denen keine die Allein­herrschaft für sich in Anspruch nehmenkann,' zu einem Kornpromis gelangen.

Es handelt sich hier nicht etwa um etwas Neues, sondern man wird zugeben müssen, dass wir in dieser Entwicklung, wenn auch erst im Anfange, bereits mit beiden Füssen mitten drin stehen.

Dieser Ausgleich zwischen Sozialismus und Grosskapitalismus tritt bei uns bereits innerpolitisch in Erscheinung. Solange der Kampf hin- und herwogte, nahm die Sozi­aldemokratie rapide zu. Jetzt wo der der wirt­schaftliche Ausgleich angebahnt ist, kommt diese Bewegung zum Stillstand. Ja in manchen Gegenden ist ein Rückgang nicht mehr zu leugnen.

Diese neuzeitliche Wirtschaftsentwickelung macht nun nicht vor den Reichsgrenzen halt. Sie hat einen Zug ins Internationale. Wie der Deutsche Zollverein die Wiege des Deut­schen Reiches war, so werden aller Voraus­sicht wirtschaftliche Vorgänge zu einem eu­ropäischen Staatenbunde drängen.

Wir beobachten je länger, je mehr wie sich auf der Erde drei Wirtschaftszentren bilden. Das eine bildet Nordamerika, das zweite Ostasien mit der gelben Rasse, das dritte wird sich bilden in Europa. Es wird gar nicht mehr zu lange dauern, wo die deutsche oder englische oder französische Industrie allein nicht mehr in der Lage ist, der Konkurrenz von Nordamerika oder Ost­asien die Spitze*zu bieten.

Entweder ist Europa so greisenhaft, dass es sich durch die neu entstandene ausser- europäische Industrie zugrunde richten lässt, oder es schliesst seine Kräfte zusam­men und hält erfolgreich der Konkurrenz stand. Letzteres bereitet sich vor.

Zwischen einer ^deutschen und englischen

Schiffahrtslinie, deren Fahrzeuge nach Süd­amerika, ist eine bedeutsame Vereinbarung getroffen, noch welcher beide Linien in den einzelnen Häfen gemeinsame Vertre­tungen einrichten. Gleiche Fracht- u. Fahr­preise bilden die Voraussetzungen. Bedeu­tende Vtrwaltungskosten werden dadurch erspart. Eine grössere wirtschaftliche An­näherung mit Beseitigung der Zollschranken wird von namhaften Politikern Oestereich- Ungarns und Deutschiai ds erstrebt. Beide Staaten könnten davon viel gewinnen.

Das sind die ersten Zeichen einer neuen Zeit. Wenn sie angebrochen ist, dürften un­sere Millionheere überflü ssig geworden sein.

Aber wir erleben diese Zeit nicht mehr und müssen gern oder ungern jeder sein Opfer der neuen Heeresvorlage bringen.

Deutschland stillägt noiuutfiui'iiu kolonialen Baumwollbau.

Wie in Deutschland und England werden auch in Frankreich energische Anstrengungen gemacht, den Baumwollbau in den Kolonien zu fördern. Die Ergebnisse der letzten Jahre sind recht beachtenswert. Die Gesamterzeu­gung in französischer Kolonial-Baumwolle betrug 1911 erst 460000 kg und ist im Jahre 1912 auf fast 630000 kg gestiegen. Den Hauptanteil daran, nämlich 180000 kg hat Algerien, dann folgt Neu-Caledonien mit 165000 kg, Dahomey und das obere Senegal- und Nigergebiet mit je 120000 kg. Im oberen Senegalgebiet hat sich die Erzeugung seit dem Jabre 1911 verdoppelt und die Aussichten für Baumwolle sind hier ganz besonders günstig. Die Baumwolle gedeiht hier vorzüg­lich, die Beschaffenheit ist gut. Ebenso vor­züglich sind die Aussichten an der Südsee in Neu-$aledonien. Tahiti erzeugte im Jahre 1912 15000 kg, Madagaskar erst 3500 kg. Auch an der Elfenbeinktiste hofft man in absehbarer Zeit mit einer beträchtlichen Baumwollausfuhr rechnen zu können. Die deutschen Kolonieen lieferten im Jahre 1911 1,4 Millionen kg Rohbaumwolle im Werte von 1,6 Millionen Mark. Im Jahre 1912 ist diese Zahl auf 23/ 4 Millionen gestiegen. Die Steigerung beträgt also fast 100 o/o (Ein­hundert!). Während die Zunahme im franzö­sischen kolonialen Baumwollbau nur 37 o/ 0 im Jahre 1912 gegen das Vorjahr erreicht. Deutschland schlägt also in der Baumwoll­produktion in seinen Kolonieen völlig Frank­reich, obwohl dieses Land einen fast 5 mal so grossen Kolonialbestz hat, als Deutsch­land. Im Tempo unserer Baumwollproduktion stehen wir nur England nach, das allerdings wie in seinem Schiffbau so auch hier riesen­hafte Anstrengungen macht, um sich das Uebergewicht zu sichern.