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Deutsche Rolonialzeitung.
reich Brasilien" gibt dagegen in knapper klarer
Darstellung eine Beschreibung des Landes, seiner
Geschichte und Kultur; während der erste Teil
die allgemeinen, das ganze Reich betreffenden
Verhältnisse behandelt, geht der Zweite Teil auf
die einzelnen Provinzen im speziellen ein. Der
Verfasser hat seine Aufgabe auf dem ihm ge¬
gebenen verhältnismäßig sehr kleinen Rahmen
eines Doppelbandes der Bibliothek „Das Wissen
der Gegenwart" in gediegener und volkstümlicher
Welse bestens gelöst. Beide Werke sind reich mit
Karten und Abbildungen ausgestattet.
Redaktionelle Korrespondenz.
Aus Ilorrrwsa.
Tamsui, Nord-Formosa, November 1884.
Formosa, die schönste und reichste Insel des
Chinesischen Reichs, wird seit dem Ausbruch des
Französisch-Chinesischen Konflikts auch in Deutsch¬
land weit mehr als bisher an Interesse gewonnen
haben. Die dem fremden Handel eröffneten Häfen
sind: Takao und Taiwansu im Süden, Tamsui
und Kelung im Norden der Insel. Takao,
wurde 1864 dem fremden Handel eröffnet; der
Platz ist nur klein, hauptsächlich von Fischern be¬
wohnt. Der Boden in der Umgegend ist äußerst
fruchtbar; Zuckerplantagen sind zahlreich, Bam¬
bus wächst üppig. Der Hauptausfuhrartikel ist
Zucker. Die Einwohnerzahl der Stadt wird zu
10 000 gerechnet. Taiwansu dagegen ist ein
ziemlich bedeutender und großer Platz mit 225 000
Einwohnern. Die Stadt liegt 3 Seemeilen von
der Küste, Kanäle verbinden sie mit dem Küsten¬
platz Anping. Die Mauern der Stadt sind 5
englische Meilen im Umfang und schließen manche
sehenswerte Gebäude ein, wie z. B. das Examen-
Haus, in welchem mehrere tausend Studenten
Platz haben. In der Nähe sind die Ruinen des
alten Forts Zealandia, welches die Holländer
1630 erbauten. Taiwansu hat keinen Hafen, son¬
dern nur einen offeneil Ankerplatz, welcher wäh¬
rend des Südwest-Monsums gänzlich ungeschützt
und deshalb gefährlich ist. Tamsui mit 90 000
Einwohnern, liegt an der Mündung des Kelung-
Flusses; die Barre außerhalb des Hafens hat
13 (im Winter) bis 15 (im Sommer) Fuß Wasser.
Thee wächst aus den Hügeln ringsherum, Kam¬
pfer wird in ziemlich bedeutender Menge aus
dem Kampferholzbaum, welcher im ganzen Nor¬
den der Insel wächst, gewonnen. Kelung, ist
der beste Hafen der Insel, mit ungefähr 20 000
Einwohnern. Der Platz wurde zuerst von den
Spaniern, später von den Holländern gehalten,
bis letztere von den Chinesen vertrieben wurden.
Das alte Fort, jetzt in Ruinen, wurde 1628 von
den Holländern erbaut. Der Hauptausfuhrartikel
ist Steinkohle, welche in den 1 Meile entfernten
Kohlenminen bearbeitet wird. Mehrere Jahre
lang geschah dies unter Leitung von englischen
Ingenieuren, mit Maschinerien, welche von Eng¬
land herausgeschickt waren; in letzter Zeit jedoch
führten Chinesen, welche in Europa Minenbau
studiert hatten, die Oberleitung. Sofort nach
dem Bombardement Kelungs am 5. August d. I.
durch die Franzosen, wurden die Kohlenminen
von den Chinesen mit Pulver und Petroleum ge-
I füllt und in die Luft gesprengt, so daß alles
verschüttet wurde, was jahrelange Arbeit und
hunderttausende Dollars gekostet hatte, nur damit
die Franzosen die Minen nicht benutzen sollten.
Ungefähr 12 englische Meilen flußaufwärts
von Tamsui liegt Twatutia, eine Stadt mit
25 000 Einwohnern, der bedeutendste Thee-
markt Nord-Formofirs; ein paar Meilen entfernt
ist B angk a, eine Stadt mit 100 000 Einwohnern,
der Sitz der hauptsächlichsten chinesischen Behörden
im Norden, während Taiwansu solcher in Süden
ist. Dort residiert auch der General-Gouverneur
der Insel, welcher unter dem in Foochou wohnenden
Vizekönig von Fokien steht. Das Innere der
Insel ist von Eingeborenen *) bewohnt, welche
Todfeinde der Chinesen sind. Der Reichtum
Formosas besteht hauptsächlich in Mineralien,
Steinkohlen, Holz (Kampserholz rc.), Thee, Zucker,
Indigo. Das Klima der Insel ist infolge des
Kurv Siwa (japanischen Stroms), des Golfstroms
des Ostens, milder als das der Küste Chinas,
jedoch aus demselben Grunde auch feuchter.
Taifune, diese furchtbaren Orkane, wüten häufig
im Sommer, während Erdbeben, allerdings ge¬
wöhnlich nicht sehr heftig, das ganze' Jahr hin¬
durch stattfinden.
Nach den statistischen Tabellen des Zollamts
geben folgende Zahlen über den Handels- und
Schiffahrtsverkehr Formosas Auskunft:
Taiwansu und Takao 1883:
Wert der Einfuhr fremder Waren
Haikuan-Taels**) 1.262.949
Wert der Einfuhr chinesischer Waren 166 605
Ausfuhr . .. 1 770 099
^ Wert des Handels .... H.-THl99Ü5S
Zollrevenue H.-Taels 194 896 (1868: 51 487).
Die hauptsächlichsten Einfuhrartikel waren: Opium (2638
Kisten, Wert H.-T. 976 352), Baumwollenwaren (Wert H.-T.
109 861) und Wollenwaren (Wert H.-T. 71438). Ausfuhr:
Zucker 734 653 Pikuls ***). — Schiffahrt 39 Segelschiffe und
60 Dampfer (zusammen 62 589 4.)
Tamsui und Kelung 1883:
Wert der Einfuhr fremder Waren
Haikuan-Taels 957 525
Wert der Einfuhr chinesischer Waren 260 423
Ausfuhr. 2 301599
Wert des Handels.~3~519547
Zollrevenue 296 932 Taels (1874: 126 340 Taels).
Die hauptsächlichsten Einfuhrartikel waren ebenfalls Opium
(1265 Kisten, Wert H.-T. 508 485), Baumwollen (Wert
H.-T. 196 569), Wolleuwaren (Wert H.-T. 56 821) und Blei
für Theeverpnckung. Ausfuhr: Thee 99 050 Pikuls , Wert
2 235 179 (1874: 24 610 Pikuls). — Schiffahrt 39 Segelschiffe.
103 Dampfer (zusammen 61034 t.). Passagierverkehr nach
Tamsui: 9 262 Chinesen, von Tamsui: 9 005 Chinesen.
_ Hummel.
Über Formosa als Operationsbasis der gegenwärtigen
Französischen Expedition gegen China gibt unser verehrter
Korrespondent, welcher Hafenmeister in Tamsui ist, uns im
weiteren einen sehr ausführlichen Bericht. Des beschränkten
Raumes wegen und da derselbe mehr von kriegswissenschaft-
lichem Interesse, überließen wir dessen Veröffentlichung dem
Militär-Wochenblatt (Berlin), für welchen Hinweis manche
unserer Leser dankbar fein werden. Die Redaktion.
*) Mit den wilden an der Ostküste wohnenden Stämmen,
welche Schiffbrüchige unbarmherzig abschlachten, hatte 1861 die
Besatzung des Preußischen Kriegsschiffes „Elbe" ein Gefecht.
Die Red.
**) China prägt weder Gold- noch Silbermünzen; Rech¬
nungs-Einheit ist der Haikuan-Tael im Werte von 6 Mart 40 Pf.
Spanische und mexikanische Piaster find Zahlungsmittel.
***) 1 Pikul = 6072 Kilogr.
Redaktionsschluß dieses Bestes: js. Scbxmv |$$5,
Verantwortlicher Redakteur Mchard -Leffer, Krankfurt a. HK. Nachdruck, wenn nicht ausdrücklich uniersagt
mit Quellenangabe gern gestattet. Druck von Mahl au L Waldfchmidt, Frankfurt a. M.