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74 . -Ve tt-ts-cherMylHnkalzsrinng. . ^ ^Nr. 7
Runckgebung der Abteilung Müncken»
Das deutsche Volk ist nicht zuletzt das Opfer seiner kleine-
europäischen, seiner kontinentalen Denkweise geworden-.>auf die
es sich unter falscher Berufung auf Bismark noch Gott weiß was
einbildete, ohne zu berücksichtigen, daß das Deutschland von
1913 sich Zu dem von 1888 weltpolitisch wie das von 1888 zu
dem von 1815 verhielt. Das politische Denkvermögen ftagnierte-
und so kam, daß die milrtärischen Erfolge von 1914/15 ein
außenpolitisch so zurückgebliebenes Volk landen.
Das überseeische Deutschland ist tot.' Endgültig? Nein! Der *
Friede ist dadurch nicht durchführbarer geworden, daß' einige
Vuchstaöenkombinationen unter das Dokument gesetzt sind. Es
gibt keinen Willen- der imstande, wäre, das in die Tat umzu¬
sehen, was in Versailles in papierenen Paragraphen zur Grund¬
lage der Zukunft gemacht wurde. '
Eine Ueberlegung! Sott 60 Millionen Deutschem müssen
nach allgemeiner Anschauung 20 Millionendauswandern. Aber
wohin? " Nordamerika will sie nicht. Kanada und Australien
wehren sich. Wohin Wenn? Südamerika ist nur beschränkt,
sehr beschränkt aufnahmefähig, und Osteuropa und Sibirien?
Vielleicht,, aber wann? .unter diesen Umständen muß der
Traum von -einem agrarischen Deutschland Traum bleiben.
Und wird es hoffentlich bleiben, wenn Deutschland' wieder in
die Höhe kommen soll. Unser Ziel u n d u n s e r Hoffen
bleibt dasselbe wie bisher: Gleichberechti¬
gung eines Volkes, das kraft seiner Fähig¬
keiten und Leistungen Anspruch au sGlei ch-
herechtigung in der Welt erhebt. Mag das heute
utopistisch klingen: an der endlichen Erreichung des Zieles, sei
es nach 10 , 20, 50 Jahren, zweifeln, heißt, das deutsche Volk in
seinen Kräften und Leistungen nie begriffen haben.
In einem Lied, das zurzeit bei den Truppen des Ostschutzes
gesungen wird, heißt es: '
Und Deutschland hat dennoch ein ewiges Leben,
■ Und ist es nicht morgen, so-kommt doch ein Tag,
Wo es wiederum blühen und Frucht tragen mag.
Wollte Gott doch, er wäre schon da!
Grundlage aber dieses Glaubens: mehr nationale Würde,
mehr nationaler Trotz, mehr Sinn für Außenpolitik! Zu lange
hat die innenpolitische Hypertrophie uns in Fesseln gehalten und
verblendet und ein klägliches Gemisch von Besserwisserei- und
Denkfaulheit zur Grundlage des.weltpolitischen Urteils gemacht.
Heraus aus der Stickluft dieser Enge mit ihren einschläfernden
Opiaten, und im übrigen:
Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Aengstliches Klagen
Wendet kein Elend/
Macht dich nicht frei.
Allen Gewalten
Zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen, ^
.Kräftig sich zeigen,
Nufet die Arme
Der Götter herbei.
festkalten!
Von Pros. Dr. Augustin Krämer (Stuttgart.).
Der Frieden ist unterzeichnet. Die Kolonien sind uns ab¬
gesprochen. Wir stehen der Tatsache einer der ungeheuerlichsten
Vergewaltigungen gegenüber.' Es erheben sich allenthalben
Stimmen, die eine koloniale Betätigung in unserem Alltags¬
leben nunmehr für nutzlos halten und die Auslösung der
Deutschen Kolonialgesellschaft erwarten, ja sogar fordern!
Welch eine Verblendung! Welch ein feiges unbedachtes
Zurückweichen vor der Habgier unserer Feinde? Denn Feinde
sind und bleiben sich Völker nach solch einem Ueberfall, solchen
Verleumdungen und Lügen, Aufhetzungen sogar der Kolonial¬
völker gegen uns, Entehrung der ° Kolonialdeutschen, Tötung
des Handels, Raub der Kolonien und der Flotte, und zuletzt
nach solch einem Frieden! Da sollten unserer Kolonialgesell-
schast keine Aufgaben erwachsen, die ihr Weiterbestehen nicht
nur nickt angezeigt erscheinen ließen, sondern sogar gebiete¬
risch forderten? Als erster Grundsatz muß gelten: Bas deutsche
Volk erkennt den Raub seiner ' Kolonien nicht an, was auch
seine Vertreter unter dem Zwang der Verhältnisse unter¬
schrieben haben. Diese Pistolenunterschriften sind für uns
null und nichtig! Wir werden nach wie vor von „unseren"
Kolonien sprechen, die wir, im Gegensatz zu so vielen Gegenbei¬
spielen bei unseren Gegnern, rechtmäßig erworben, glänzend
'Die ? Abteilung - Mün che n ' der ' Deutschen
- K-o l o n i a I -- G e s e l l s ch a f t erließ folgende Kund¬
gebung: ' . ••
München, 1. Juli 1 9 19.
. - - An unsere Mitglieder!
Am Tage der Unterzeichnung des Friedens-
Vertrages in Versailles wurde vom Unter¬
er t i gt e n /d t e nachfolgende K undgeb u n g an
a s Präsidium der D. K.-G. nach -Berlin ge¬
richtet:
„Die Abteilung München der D. K.-G. hat mit
tiefstem Sch merze die Kunde von der Ab¬
tretung unserer sämtlichen Kolonien im Ver¬
sailler F r i e d en s v er t r a g e vernommen. .
Wir leh n en es ab, in diesem Augenblicke
n o chm als einen leeren Protest gegen diese
s ch a m l o s e Sera u b u n g u n s er e s ko st bar en Be¬
sitzes zu erheben.
Wir gelobender D. K.-G., a u ch in Z u k u ns t d i e
unverbrüchliche Treue zu wahren-, den kolo-
nialen Gedanken weiterzupslegen,unentwegt
m itzuarbeiten an den neuen Aufgaben, b t e
nunmehr am unsere Gesellschaft herantreten,
wie. alle Bestrebungen kr äs bögst zu- unter¬
stützen-, die darauf h i n z i e I e n , unsere koloniale
Arbeit mit der Zeit wieder a u f n e h m e n z u
könnenck
Der 1. Vorsitzende:
. ■ - Max S ch l a g i n t w e i t, Oberst z. D.
/bewirtschaftet und entfaltet und wissenschaftlich erforscht haben!
> Welches Volk der Erde darf, in Hinsicht auf die so kurze Spanne
Zeit des Besitzes, von sich 'das gleiche beanspruchen? Der
Erwerb: die Gebiete in Afrika und Neuguinea waren bei der
’ Besetzung herrenlos. Samoa, wo die deutschen Interessen neun
Zehntel gegenüber denen von U. S. A. und England ausmach¬
ten, wurde nach lckngen Unterhandlungen, nachdem mehr als
fünf Sechstel des' Volkes sich für Deutschland entschieden hatten,
mit U. S. A. geteilt! England erhielt als Entschädigung das sich
uns. Zuneigende Tonga, zwei der kostbaren- großen Salomons-
inseln und Witu, ein kleines Kolonialreich für sich allein. Konn¬
ten unsere friedlichen Absichten deutlicher dokumentiert werden
..'und kam hier etwa imperialistische Habgier zum Ausdruck? Noch
deutlicher trat diese Gesinnung in der Karolinenfrage hervor.
Es wäre für das Kaiserliche Deutschland mit seinen Kriegs¬
schiffen ein leichtes gewesen, von Spanien die Abtretung dieses
' Archipels, dessen Handel ganz in unseren Händen war, zu er¬
zwingen und sogar noch die Philippinen dazu zu gewinnen;
aber ^es verglich sich mit den früheren Besitzern, deren Ansprüche
recht unsichere waren, und kaufte die Inseln. Und was tat
-die Republik U. S.A.? Sie überfiel das arme Spanien und
nahm ihm die Philippinen und seinen amerikanischen Besitz
fort. England aber brackte die Burenrepubliken und Aegypten,
Frankreich Marokko, 'Italien Tripolis an - sich, alles durch
blutige Kriege! Aber wir sollen die Gierigen, die Welteroberer
sein!
U-eber die Bewirtschaftung unserer Schutzgebiete kann
ich - kurz hinweggehen, da sie von gegnerischer Seite vor
dem Krieg — gewollt und ungewollt zu oft in hohen Tönen
anerkannt worden ist. Dazu hat sich die Anhänglichkeit unserer
Schutzbefohlenen während des Krieges so oft in Worten und
Taten leuchtend gezeigt, daß die Lüge der' ungerechten Ver¬
waltung schon dadurch am deutlichsten -widerlegt wird. Allein
das Wort Ostafrika ist für uns ein Wort des Stolzes -und des
Zaubers! Wie sieht es da mit dem Gegenbild Indien und
Madagaskar aus, wo Aufstände blutig niedergeschlagen werden
mußten?
- Endlich die wissenschaftliche Erschließung! Es
muß hier ganz besonders betont werden, daß diese bei den
Friedensverhandlungen hinsichtlich der Kolonien nicht oder
nur ungenügend in die Wagschale geworfen worden ist. Und
doch pflegen die Engländer und Englisch-Amerikaner mit dem
Lobe nicht zu kargen, wenn sie auf deutsche Gründlichkeit und
Wissenschaftlichkeit zu sprechen kommen. Dazu haben sie auch
allen Grund, wenn man bedenkt, was die Deutschen bei der
Erschließung von Nordamerika und Australien an Pionier-
und Forscherarbeck geleistet haben.