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Deutsche AolönialzeiLung. Nr. 10
nehmungen durchgeführt zu haben. Ueber die neulich er¬
wähnten Gefechte bei Saift (Ende August) schweigen sich die
englischen Berichte nach wie vor aus.
Englische Quellen wissen übrigens zu berichten, daß die deut¬
schen Askaris, die bisher bekanntlich den Einzellader Modell 71
führten, neuerdings durchgängig mit Magazingewehren be¬
waffnet wären.
Besonders erfreulich ist es, daß auf den Pflanzungen friedlich
weitergearbeitet wird, daß man sogar Neuanlagen hat vor¬
nehmen können. Kdt.
Huf den jVIarfbalUnfeln während der
^fapanerherrfcbaft*
Ende August 1914 brachten deutsche Schiffe von Tsingtau die
Nachricht von den Marshallinseln, daß Japan an Deutsch¬
land den Krieg erklärt hätte. Wir Deutsche in Jaluit ahnten
gleich, daß die Japaner auch nach den Marshallinseln kommen,
würden. Es verging aber noch ein ganzer Monat, ohne daß sich
ein feindliches Kriegsschiff blicken ließ. Da, am 29. September,
früh um 5% Uhr klopfte es an meiner Tür und ein kleiner
Marshalljunge, der wegen eines Beinleidens im Hospital lag,
stand draußen und ries: „Schwester, kommen Sie schnell, es
sind große Kriegsschiffe zu sehen!" Ich eilte hinaus und der
Junge führte mich zum Strand. Da sah ich fern am Horizont
zwei große Kriegsschiffe im Nebel auftauchen, denen sich'nach
und nach noch mehrere zugesellten, anscheinend ein ganzes Ge¬
schwader. Inzwischen waren sämtliche Weißen auf der Insel
benachrichtigt, die meisten eilten mit Fernrohren zum Strand.
Zuerst war keine Fahne zu entdecken; da gegen 9 Uhr verzog
'ich draußen der Nebel und man konnte die japanische Fahne
'eststellen. Die Schiffe machten aber noch immer keine An-
talten, in den Hafen von Jaluit einzufahren und wir hofften
'chon, daß sie sich wieder entfernen würden. Doch gegen 11 Uhr
kamen eine Menge Pinassen mit Soldaten auf unsere Insel zu¬
gefahren, und bald darauf brachten mir auch schon.Eingeborene
die Nachricht, daß die Japaner gelandet wären. Ich hätte mir
gern das Landungsmanöver angesehen, wagte aber nicht,
meine Wohnung und die Hospitäler zu verlassen, die der Lan¬
dungsstelle entgegengesetzt auf der anderen Seite der Insel
liegen. Ich blieb also in meinem Hause, wurde aber durch Ein¬
geborene, die auf der Insel zurückgeblieben waren, davon unter¬
richtet, was bei der Landungsbrücke vor sich ging. Der größte
Teil der Eingeborenen war schon beim Anblick der fremden
Kriegsschiffe geflohen, die meisten davon waren übers Riff
nach erner anderen Insel gelaufen. — Nach der Landung
begaben sich die Japaner zuerst zum Hause des Stations¬
leiters, um mit diesem wegen der Uebergabe zu ver¬
handeln. Widerstand konnte nicht geleistet werden, da die
Marshallinseln weder genügend Soldaten noch Waffen hatten. -
Unsere Schutztruppe bestand aus elf schwarzen Neuguinea-
Soldaten, die aber beim Anblick der Japaner Reißaus nahmen
und von diesen verfolgt wurden. Bei dieser Verfolgung kam
auch ein ganzer Trupp japanischer Soldaten zum Hospital und
zu meiner Wohnung. Die Soldaten wollten sofort in wein Haus
Eindringen, aber ein Offizier rief ihnen ein Halt zu, und da
blieben sie draußen an der Treppe stehen. Nun fragte mich der
Offizier, ob ich die schwarzen Soldaten gesehen hätte und ob
ich wüßte, wo Kohlen wären. Ich.verneinte beides, worauf sich
der Trupp entfernte, um weiter zu suchen. Einige Schwarze
haben sie dann gefunden, verschiedene waren aber auch über
das Riff nach einer anderen Insel gelaufen und einer hatte sich
sogar im Backofen versteckt und kam erst zum Vorschein, als die
Japaner Jaluit verlassen hatten. Am Nachmittag durchsuchten
die Japaner die Häuser der Weißen nach Waffen; in mein Haus
kamen sie nicht, nur die Hospitäler durchsuchten sie. Nach¬
mittags um 4 Uhr verließen sie Jaluit, nachdem sie erklärt hatten,
daß sie die Marshallinseln für S. M. den japanischen Kaiser
besetzt hätten. Als sich die japanischen Schiffe entfernt hatten,
atmeten wir Deutsche auf; wir ahnten ja nicht, daß sie in ein
paar Tagen wiederkommen würden. Leider erschienen sie bald
wieder, um abermals mit dem Stationsleiter zu verhandeln,
entfernten sich nochmals, um dann am 3. Oktober zurückzukehren
und eine japanische Besatzung in Jaluit zu' landen. Der deutsche
Stationsleiter mußte die Marshallinseln verlassen und wurde
mit einem-japanischen Kohlenschiff nach Japan gebracht; seine
Frau und Kinder begleiteten ihn. Ich war damals sehr nieder¬
gedrückt und ich glaube, die anderen Deutschen in Jaluit auch;
wußte man doch gar nicht, wie sich die Japaner verhalten wür¬
den. Der deutsche Arzt riet mir, zur katholischen Mission zu
gehen; er meinte, daß ich in meiner Wohnung nicht sicher
wäre, da man ja nicht wüßte, wie sich die japanischen SoldMn
weißen Frauen gegenüber benehmen würden. Ich ging also
abends zu den Missiönsschwestern, die mir in liebenswürdiger
Weise ein Zimmer zur Verfügung stellten. Die beiden einge¬
borenen Heilgehilfen schliefen mit ihren Frauen auf der
Veranda meines Hauses und bewachten meine Wohnung, da¬
mit nichts gestohlen werden könnte. Am nächsten Morgen ging
ich zu meinem Hause zurück und fragte die Heilgehilfen, ob
irgendein Japaner da gewesen wäre. Da sagten sie: „Schwester,
es ist niemand hier gewesen, man hat in der Nacht keinen
Japaner auf der Insel gesehen, alle waren in ihrem Hause."
Da bekam ich ein wenig Mut, und nachdem mir meine Wasch¬
frau versicherte, daß sie mit ihrem Mann und ihren Kindern
auf meiner Veranda schlafen würden und daß sie aufpassen
wollten, daß niemand ins Haus käme, beschloß ich, in meiner
Wohnung zu bleiben. Ich bin niemals von Japanern belästigt
worden,'auch nicht, als in einem Hospitalgebäude-30 bis 40
japanische Arbeiter einquartiert waren. ' Keiner dieser Kulis
hat jemals mein Haus betreten, obgleich sie ganz in meiner
Nähe wohnten; auch bin ich niemals durch Lärm gestört worden.
Der japanische Arzt fragte mich öfter, ob die Leute mich durch >
Lärm störten; er sagte mir auch, daß ich ganz ohne Sorge sein
könnte, ich würde von keinem Japaner belästigt werden. §s
ist auch niemals geschehen. Ich habe auch nicht gehört, daß
die Japaner anderen Deutschen auf den Marshallinseln ein
Leid zugefügt haben. Sie hatten ja auch garantiert, daß Leben
und Eigentum der Deutschen geschützt werden sollte. .
Einige Tage nach der Besetzung der Inseln wurden die
Hospitäler an die Japaner übergeben. Nach der Uebergabe kam
der deutsche Arzt mit dem japanischen Kommandanten von
Jaluit und dem japanischen Arzt zu meiner Wohnung. Der
Kommandant sagte zu mir, daß er wünschte, daß. ich meinen
Dienst weiter täte, solange ich noch in Jaluit bliebe; wenn
ich das wollte, so würde mir die japanische Regierung alle Be¬
träge, wie Gehalt, Verpslegungs- und Wäschegeld weiter zählen,
genau so, wie es die deutsche Regierung getan. Ich sagte zu,
denn ich mußte doch leben, und von der deutschen Regierung
hatte ich meine Beträge nur bis -Ende September bekommen.
Drei Tage sollten auch die Hospitäler geschlossen bleiben, dann
wollte der japanische Arzt den Dienst übernehmen.
Mir war doch etwas sonderbar zumute, als ich wieder zum
Dienst ging. Ich dachte: wie wird es sich mit dem japanischen
Arzt arbeiten? Aber es ging gut. Der Arzt war höflich und.
freundlich, leider verstand er nur wenig Deutsch, aber sonst
arbeitete er ebenso wie ein deutscher Arzt. Die Aerzte werden
in Japan ganz nach deutschem Muster ausgebildet, sie Haben
dieselben Instrumente und Medikamente wie unsere deutschen
Aerzte, machen auch kein Hehl daraus, daß sie ihre Kenntnisse
hauptsächlich Deutschland verdanken. Die erste japanische Be¬
satzung samt dem Arzt blieb nur sechs Wochen in Jaluit, dann
kam eine neue Besatzung, auch ein neuer Arzt. Dieser sprach-
gut Deutsch, Französisch und Englisch. Ich habe sieben Monate
mit ihm zusammen gearbeitet und niemals Grund zu einer
Klage gehabt. Er behandelte mich sehr rücksichtsvoll, überließ
mir die Behandlung der Frauen ganz selbständig. Ich hätte
ganz zufrieden sein können, wenn ich nicht so viel Heimweh ge¬
habt hätte. Von Deutschland bekam man gar keine Nachricht,
die Japaner ließen nichts durch, keinen Brief, keine Zeitung,
und wenn man die japanischen Offiziere fragte, wie es in
Europa stände, so bekam man die Antwort: „Es gibt nichts
Neues, es ist alles unverändert." Ich trug mich immer mit
dem Gedanken an die Heimreise, hatte meine Koffer schon im
Oktober gepackt. Als Ende November der deutsche Arzt mit dem
Heilgehilfen, dem Polizeimeister und noch fünf deutschen Kauf¬
leuten von den Marshallinfeln abreisten, überlegte ich lange,
ob ich nicht mitfahren sollte, entschloß mich aber dann, noch zu
bleiben. Man wußte damals nicht, ob man nach Europa
kommen, auch nicht, wer die Reisekosten bezahlen würde. Der
japanische Kommandant riet mir, noch zu bleiben; er meinte,
der Krieg würde nicht länger als ein halbes Jahr dauern, und
es wäre besser für mich, im Frieden nach Hause zu fahren. Ich
wartete also, aber ein halbes Jahr verging und länger, und noch
immer war kein Ende des Krieges abzusehen. Da wurde der
letzte deutsche Regierungsbeamte von Jaluit ausgewiefen und
mit ihm noch drei deutsche Kaufleute. Die deutsche Firma war
von den Japanern schon Ende März geschlossen worden. Den
Grund dafür konnte ich nicht erfahren. Gleich nach der Be¬
setzung der Marshallinseln durch die Japaner hatten sich
mehrere japanische Firmen in den Marshallinseln nieder¬
gelassen, die aber wenig Geschäfte machten, erstens weil sie nur
wenige und minderwertige Waren führten, und zweitens, weil
die Eingeborenen lieber bei den Weißen kauften.