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1915
Deutsche Aolonlalzeituirg.
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Es war im April 1915, als dm von Jaluit ausgewiesenen
Herren gesagt wurde, daß sie Anfang Juni mit einem japani¬
schen Transportschiff nach Japan und von da nach Amerika zu
fahren hätten. Da der ausgewiesene Beamte verheiratet war
und seine Frau ihn begleiten wollte, beschloß ich, auch mitzu-
sahren, zumal auch gesagt wurde, daß späterhin niemand von
den noch anwesenden Deutschen die Marshallinseln verlassen
dürfte,, sondern daß sie bis zum Friedensschluß dableiben
müßten. Durch die Verordnung war ich indirekt auch ge¬
zwungen, zu fahren; da noch kein Ende des Krieges abzufehen
war, konnte ich mich nicht bis zum Frieden auf den Marshall¬
inseln festhalten lassen. Ich sagte also dem japanischen Arzt,
daß ich die Absicht hätte, Anfang Juni die Marfhallinseln zu
verlassen. Er ging mit mir zum japanischen Kommandanten,
und dieser meinte nach längerer Beratung, daß es wohl das
beste für mich wäre zu fahren; denn bis zum Frieden könnte
es noch Jahre dauern. Ich packte also meine Koffer nochmals
und machte mich reisefertig. Einige Tage vor Ankunft des
Schiffes wurden die ausgewiesenen vier deutschen Herren, die
Frau des Regierungsbeamten, auch ich zum japanischen Kom¬
mandanten bestellt. Es wurde da jedem ein Schreiben zur
Unterschrift vorgelegt, das wörtlich lautete: „Ich, der Unter¬
zeichnete, wohnhaft auf der durch die Kaiserlich Japanische
Marine besetzten Insel Jaluit schwöre hiermit auf Ehrenwort,
daß ich mich während des Krieges zwischen Japan und Deutsch¬
land in keiner Weise dem Vorteile Japans zuwider verhalte,
sowie, daß ich, sobald ich freigelassen werde, von Jokohama ab
an Bord des ersten besten Fahrzeuges Japan verlasse." Es
wurde uns gesagt, daß damit gemeint wäre, wir dürften nichts
Kriegerisches gegen Japan unternehmen, auch keine militärischen
Geheimnisse verraten. Als einer der Herren sich weigerte, zu
unterschreiben, wurde ihm gesagt, daß er dann in Japan ge¬
fangen genommen würde. Er hat aber dann in Japan ein
etwas anders abgefaßtes Schreiben unterzeichnet und wurde
freigelassen. Die anderen Deutschen unterschrieben - in Jaluit,
auch ich. Als Frau kann ich nichts Kriegerisches gegen Japan
unternehmen und militärische Geheimnisse habe ich nicht er¬
fahren, kann also keine verraten. Am 8. Juni morgens erschien
das japanische Schiff, und bald darauf wurde uns Deutschen
’ vom japanischen Kommandanten mitgeteilt, daß wir leider auf
dem Schiff keine Kabinen bekommen könnten. Es seien wohl
einige da, aber diese hätte der Adjutant des Kaisers, der sich mit
einem Admiral und mehreren Offizieren an Bord befände, mit
Beschlag belegt; es wären auch keine Betten vorhanden, aber
wir könnten ja unsere mitnehmen; dann würde man uns mittels
Stoffes Räume im Schiff abteilen. Ich war reisefertig
und wäre mitgesahren, auch wenn es noch schlechter gewesen
wäre, und die anderen mußten. Am 9. Juni, um
10 Uhr vormittags, gingen wir zur Landungsbrücke, von wo
aus uns ein japanisches Boot zum Schiff bringen sollte. Die
ganze Brücke und der Strand waren überfüllt mit Eingeborenen,
Männern, Frauen und Kindern, die von uns Deutschen Abschied
nehmen wollten. Unzählige braune Hände streckten sich uns
mit dem Rufe entgegen: „O, wir sind so traurig!" Die Mar-
fhallaner lieben dre Japaner nicht, aber sie sind zu klug, um
irgendetwas Feindseliges gegen sie zu unternehmen, wissen sie
doch genau, daß fie dadurch nicht nur nichts erreichen, sondern
sich in die größte Gefahr bringen würden. Zwar wurde am
selben Tage abends, als die Japaner die deutsche Firma ge¬
schlossen hatten, das Haus des japanischen Kommandanten mit
Steinen beworfen; die Täter wurden nicht gefunden, aber man
nahm an, daß es junge, unbesonnene Marshalleute gewesen
waren, und die alten Leute waren sehr böse darüber. Die
Marshalleute sind auch diplomatisch; denn als Japaner die
Fragen an sie stellten: „Habt ihr uns nicht lieber wie die
Weißen?" „Seid ihr nicht froh, daß wir gekommen sind?"
„Wir haben doch dieselbe Farbe und dieselben Nasen wie ihr",
da gaben sie ihnen zur Antwort: „Wir haben jeden gern, der zu
uns kommt."
Zuerst glaubten die Eingeborenen, daß die deutschen Kriegs¬
schiffe kommen und die Japaner vertreiben würden, und ich
glaube, sie warten noch darauf. Sie bedauern die Deutschen,
die von den Japanern ausgewiesen wurden, sehr, und ich habe
selber gehört, wie ein alter, weißhaariger Marshallmann in der
Kirche für die Deutschen gebetet hat.
Doch nun zu meiner Abreise von Jaluit. Das Boot brachte
uns Deutsche, fünf an der Zahl, zum japanischen Transport¬
schiff „Kagoshima-Maru". - Dort fanden wir noch fünf deutsche
Herren von Jap vor, die auch nach Japan reisten. Der japa¬
nische Kapitän nahm uns in Empfang und brachte uns zu
unseren Schlafstellen, und ich muß gestehen, daß ich doch sehr
entsetzt über die Unterkunft war. Genau wie Zwischendeck¬
passagiere sollten wir hausen. Allmählich aber gewöhnte ich
mich daran, hatte ich doch mein eigenes Bett und wußte, daß
es sauber war. Am Tage nach der Abfahrt fragte mich der
japanische Kommandant der Marshallinfeln, der wegen Beri¬
beri mit demselben Schiff nach Japan fuhr, wie es mir ginge.
Nun, da sagte ich ihm, daß es auf dem Schiff sehr wenig zivi¬
lisiert aussehe, daß ich entsetzt über die Unterkunft wäre, und
wenn man uns weiter so behandeln würde, so könnten wir
wenig Gutes über die japanische Behandlung erzählen. Er sah
mich ganz erstaunt an, sagte aber dann, daß es ihm sehr leid
täte, er hätte nicht gewußt, daß man uns so unterbringen würde,
hätte geglaubt, wir würden Kabinen bekommen. Dann tröstete
er mich damit, daß die Reise ja nur 10 Tage dauern sollte und
daß wir in Japan in einem europäischen Hotel untergebracht
würden. Damit entfernte er sich, und ich sah bald darauf,
daß die Krankenkabine desinfiziert wurde. Etwas später er¬
schien ein Steward und teilte mir mit, daß die Krankenkabine
für mich hergerichtet fei. Ich zog also da ein, mußte aber nach
zwei Tagen die Kabine wieder räumen, da ein Soldat, der wegen
Beriberi von Jaluit nach Japan geschickt wurde, schwer er¬
krankte; zwei Stunden später war er tot. Die japanischen Sol¬
daten in Jaluit leiden sehr an Beriberi, es müssen viele nach
Japan zurückgefchickt werden, und es kommt dabei öfter vor,
daß einige auf der Reise sterben.
Das Essen auf dem japanischen Schiff sollte für uns
Deutsche europäisch zubereitet werden. Der Koch verstand das
aber nicht so recht. Eines Abends stellte er uns kleine, drei
Tage alte Schweinchen vor, die mittags gestorben waren. Einer
der deutschen Herren hatte es aber beobachtet und daher rührte
niemand von uns das Essen an. Der Kapitän wurde gerufen
und stellte den Koch zur Rede, und da meinte dieser, das wäre
doch ein sehr gutes Essen. Der Kapitän gab ihm darauf zur
Antwort, daß er es selber essen möchte. Seit der Zeit gab es
keine gestorbenen Schweinchen mehr, aber wir waren doch vor¬
sichtig und aßen nur Gerichte, bei denen- wir feststellen konnten,
woraus sie bestanden. Hunger habe ich aber nicht gelitten.
Am 19. Juni nachmittags kamen wir in Jokohama an.
Schon vor der Einfahrt mußten wir Deutsche uns
unten im Schiff aufhalten, damit wir nichts von den
Befestigungen sehen konnten; zwei japanische Soldaten be¬
wachten uns. Abends gingen die japanischen Offiziere an
Land und wir bekamen ihre Kabinen angewiesen. Bald daraus
teilte uns der Kommandant des Schiffes mit, daß wir noch
einige Tage an Bord bleiben müßten; am Tage hätten wir
uns unten im Eßzimmer auszuhalten, nach Dunkelwerden
durften wir an Deck gehen. Zu mir sagte er noch, daß ich am
nächsten Tage an Land gehen könnte. Ich fragte ihn, ob es allen
anwesenden Deutschen gestattet sei, an Land zu gehen, woraus
er mir zur Antwort gab: „Nein, nur Sie dürfen an Land
gehen." Darauf verzichtete ich und blieb auch an Bord. Nach
zwei Tagen wurden wir nach Jokohama zum amerikanischen
Generalkonsul gebracht. Dieser besorgte uns in liebenswürdiger
Weise ein Unterkommen in einem europäischen Hotel und er¬
klärte sich auch bereit, unsere Passage nach San Francisco zu
bezahlen. Elf Tage mußten wir noch in Jokohama warten,
Während dieser Zeit wurden die meisten der deutschen Herren
durch japanische Geheimpolizisten bewacht und durften Jokohama
nicht verlassen. Mich bewachte man nicht, auch bekam ich Er¬
laubnis, nach Tokio zu fahren.
Am 3. August kam der amerikanische Dampfer „Manchuria"
in Jokohama an; wir Deutsche bekamen unsere Fahrkarten vom
amerikanischen Konsulat zugestellt und gingen an Bord. Wir
atmeten auf, als wir uns aus neutralem Boden befanden; denn
wenn man uns in Japan auch kein Leid zugefügt hatte, so war
es doch kein angenehmes Gefühl, in Feindesland zu sein.
Schwester L u i s e L o l e i t.
Mesbalb Snglanäs Hngnff
auf Deutfcb=Oftafnha feblfchlug.
In den Septembernummern des „New Statesman" greift
Sir H. H. Jöhnston die Kolonialpolitik Englands in teilweise
äußerst scharfer Form an. Besonders hat es- ihm natürlich dre
Tatsache angetan, daß es den Engländern bisher nicht gelungen
ist, auch nur den geringsten Erfolg in Deutsch-Ostäfrika zu er¬
zielen. Unsere Leser mögen selbst beurteilen, in welche geistige
Verfassung dieser Mißerfolg englische Kreise versetzt hat.
Johnston schreibt: Wenn die englische Regierung sofort bei
Kriegsausbruch durch den Mund von Männern, die die Ein¬
geborenensprache kennen, sich an die 10 Millionen Eingeborenen