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Deutsche Rolonialzeitung»
Nr. 26
Neben dem Bedauern über Exzellenz von Lindequists
Scheiden entstand natürlich die Frage: „Wer und wie wird
der neue Gouverneur sein?" Sein Name wurde uns ja
telegraphisch gemeldet, und solche, die ihn von seiner Kapstädter
Amtstätigkeit her kennen, sind des Lobes über ihn voll. Er
ist ein kerndeutscher Mann aus der Bismarkschen Schule, und
das genügt uns. Hier im Lande der alter: knorrigen Dorn¬
akazien haben wir solche Leute nötig und ganz besonders jetzt,
wo vieles, wenn nicht alles, auf die geeigneten Persönlich¬
keiten ankommt. So sehen wir unserem neuen Gouverneur
von Schuckmann mit Vertrauen entgegen.
Es erübrigt noch etwas über den gegenwärtigen Zustand
des Landes zu sagen. Er läßt sich am besten mit dem eines
langsam wiedergenesenden Menschen vergleichen. Ueber Nacht
kam schnell das Leid — die Gesundung aber will Zeit haben.
Die Zeichen der Besserung sind. vorhanden. Die Empörer
sind niedergeworfen, und die Sicherheit im Lande kehrt immer
mehr ein. Eine ruhige, solide Geschäftslage hat dem Hasten
und Treiben, das der Krieg mit sich brachte, Platz gemacht.
Lästige Auswüchse, die zutage getreten sind, schwinden.
Verschiedene bergbauliche Unternehmungen sind im Gange.
Geradezu brennend wird die Eingeborenenfrage und damit
die Arbeiterfrage. Wir erwarten ein Dienstbotengesetz, den
Paßzwang und anderes mehr. Erwünscht wäre auch eine
recht gründliche Aufräumung mit dem Bambusen-Unwesen.
Bambusen werden hier die halbwüchsigen schwarzen und
brauen Bengels genannt, die als Diener der Soldaten zu
Dutzenden herumluugern und den größten Teil des Tages
Allotria treiben.
Von einer Kriegslage kann man eigentlich nicht mehr
sprechen, aber dennoch besteht eine solche solange, bis auch
Simon Köpper, der Häuptling der Gochas-Hottentotten, die
Waffen gestreckt hat. Hierzu hatte er bereits sein Wort ge¬
geben, aber das böse Gewissen trieb ihn wieder kalahariwärts.
Er hat eben zu viel auf dem Kerbholze. Zwischen ihm und
der Truppe liegt ein böses Durstfeld. Von den Bondelzwarts
berichten Augenzeugen, daß sie ein sehr freches Benehmen an
den Tag legen. Der Eisenbahnbau im Süden schreitet rüstig
vorwärts. Je eher Keetmanshoop erreicht wird, desto größer wird
die Gewähr für einen dauernden Friedenszustand im Süden sein.
Sozialdemokratische Lolonialpolitik.
Nachgerade haben alle Parteien in Deutschland die Not¬
wendigkeit einer tatkräftigen Kolonialpolitik anerkannt. Einzig
und allein die sozialdemokratische Parteileitung steht abseits
und läßt die deutsche Kolonialpolitik auf das erbittertste
bekämpfen, nicht aus Abneigung gegen Kolonien, sondern aus
Haß gegen das Reich.
Es ist die alte Taktik der Partei, alles anzufeinden, was
ihr geeignet erscheint, das Deutsche Reich zu stärken, weil sie
auf dessen Schwäche bedacht sein muß, um, was besteht,
rascher und leichter umzustürzen.
In einem Aufsatz vom 5. Mai 1906 erklärte das sozial¬
demokratische Zentralorgan, daß „die kapitalistische Weltpvlitck
in allen Ländern so nachdrücklich wie möglich zu bekämpfen
ist", da die sozialdemokratische Auffassung „gerade in den
weltpolitischen Reibungen das größte Hemmnis der proletarischen
Klaffenpolitik, der politischen Erstarkung der Arbeiterklasse
erblickt". In der deutschen Welt- und Kolonialpolitik glaubt
die sozialdemokratische Parteileitung eine neue letzte' Ent¬
wicklungsstufe der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaft
in Deutschland zu erkennen. Es ist aber doch sehr zu bezweifeln,
ob wirklich ohne diese Welt- und Kolonialpolitik dre wiederholten
Prophezeiungen Bebels von dem Hereinbruch des allgemeinen
Kladderadatsch eingetroffen wären.
Genug, blindwütig arbeiteten die sozialdemokratischen Agi¬
tatoren und Organe namentlich vor den Wahlen von An¬
fang 1907 gegen die deutsche Kolonialpolitik, von der das
Zentralorgan sagte, daß sie „ein neudeutsches Sklaven-
reich mit dem Gut und Blut des deutschen Proletariats auf¬
richten will". Dieser Politik sollte eine „zerschmetternde
Niederlage" bereitet werden.
Trotz alledem haben sich auch im sozialdemokratischen
Lager kolonialfreundliche Stimmen erhoben und eine Auffassung
zurückgewiesen, die sich damit begnügt, die deutschen Kolonien
als wertlose Sandwüsten zu verhöhnen.
Bedenken gegen die schroff ablehnende Haltung der Sozial¬
demokratie zur deutschen Kolomalpolitik äußerte Anfang 1907
in den „Sozialistischen Monatsheften" der frühere sozialdemo¬
kratische Abgeordnete Calw er. Den Genossen hielt er vor,
„daß unser Kapitalismus und unser Unternehmertum koloni¬
sieren müssen, soll Deutschlands wirtschaftliche Zukunft dem
konkurrierenden Auslande gegenüber sichergestellt werden. Es
gibt kein zweites Industrieland auf der Erde, das aus sich
selbst einen so starken Bevölkerungszuwachs entwickelt wie
Deutschland. Wir sehen nun, wie das Unternehmertum aller
anderen mächtigen Industrieländer bis zum jüngsten, Japan,
herab die Erde okkupiert. Da kann die Sozialdemokratie in
Deutschland nicht verlangen, das deutsche Unternehmertum
solle hübsch zu Hause bleiben und keine weltpolitischen Ziele
verfolgen."
Mit Rücksicht auf die gesamte weltwirtschaftliche und welt¬
politische Lage anerkannte Calwer die Notwendigkeit deutscher
Kotonialpolitik.
„Auf der einen Seite steht das koloniengesegnete England,
das immer mehr dem Ziele eines Reichszollvereins näher rückt,
auf der anderen Seite steht die nordamerikanische Union, die
nicht nur Südamerika als ihre Domäne betrachtet, sondern
die uns auch aus natürlichen, technischen und wirtschafts¬
geschichtlichen Gründen in vieler Beziehung überlegen und
gefährlich ist."
Als Vertreter der Interessen des Arbeitsmarktes gab Calwer
ausdrücklich die Wahrscheinlichkeit eines mittelbaren Nutzens
der deutschen Kolonien für die deutsche Arbeiterschaft zu. Als
Sozialdemokrat meinte er aber, es dürften die Ausgaben für
die Kolonien keinesfalls aus dem Lohneinkommen, sondern
müßten aus dem Kapitaleinkommen gedeckt werden.
Eingehender beschäftigte sich mit der Kolonialpolitck eine
sozialdemokratische Schrift vom Jahre 1898 unter dem Titel:
„Ein Blick in den Zukunftsstaat. Produktion und Konsun:
im Sozialstaat" von Atlanticus. Der Verfasser hatte sich nicht
genannt. Aber in einem sehr freundlichen Vorwort von
19 Druckseiten führte Karl Kautsky die Schrift ein und gab ihr
einen unzweifelhaft sozialdemokratischen Stempel. Die Schrift
entwarf verlockende Bilder vom sozialdemokratischen Zukunfts-
staat und sollte Zeigen, was er mit den heutigen Mitteln der
■ Wissenschaft und Technik dermaleinst leisten können wird.
Da auch die Sozialdemokraten auf die Erzeugnisse ferner
Länder, wie Tee, Kaffee, Kakao, Gewürze, Seide, Südfrüchte usw.,
nicht verzichten wollen, da Deutschland außerdem Baumwolle
einführen muß, ferner Wolle und einen Teil seines Nahrungs¬
mittelbedarfs, so meint Atlanticus:
„Will man in der näheren Zukunft etwas erreichen, dann
darf es nicht heißen: „fort mit den Kolonien!", sondern „her
mit den Kolonien!", „mehr Kolonien!" Selbst den gleich¬
zeitigen Sieg des Sozialismus auf der ganzen Linie voraus¬
gesetzt -- glaubt man wirklich, daß damit alle nationalen
Gegensätze abgeschafsst die Engländer z. B. sich ohne weiteres
großmütig mit den Deutschen werden teilen resp. stets zu
einem billigen, gerechten Produktenaustausch werden ver¬
stehen wollen?"
Einen gerechten internationalen Güteraustausch hält
Atlanticus nur für möglich unter Voraussetzung einer Welt¬
republik, und von der glaubt er aus guten Gründen, daß sie
„bei dem sehr ungleichen Bildungs- und Kulturstande selbst
der europäischen Völker sehr lange auf sich warten lassen kann."
Atlanticus findet, daß die Tropenkolonien Deutschlands
vollauf genügen, um hen deutschen Bedarf an tropischen Er¬
zeugnissen beschaffen zu können. Kamerun nennt er einen
„landwirtschaftlich hochwichtigen Besitz, der für die Erzeugung
von Kaffee, Kakao, Tabak die denkbar günstigsten klimatischen
Bodenverhältnisse aufweist". Neu-Guinea erzeugt eine Baum¬
wolle, die die besten amerikanischen Marken übertrisft., Für
den Anbau von Baumwolle, ferner von edlem Tabak und
Ramie ließen sich von den außerordentlich fruchtbaren Alluvial¬
ebenen Neu-Guineas sicher 500 000 Hektar dem Urwald ab¬
ringen, zu deren Bebauung allerdings gegen 100 000 einheimische
oder malaiische Arbeiter oder eingeführte Neger verwandt
werden rnüßten. Deutsch - Südwestafrika sei für Viehzucht,
namentlich Schafzucht, gut geeignet und könnte sicher 25 bis
30 Millionen Schafe ernähren, so daß sich die deutsche Woll-
einsuhr aus Argentinien und Australien ersetzen ließe. Einen
Teil der höher" gelegenen Striche Ostafrikas will Atlanticus
für den Weizenbau herangezogen wissen.
Eingehend beschäftigt sich der sozialdemokratische Schrift¬
steller mit dem Anbau von Kaffee in dem dafür ausgezeichnet