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Deutsche Rolonialzeitung.
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geeigneten Bergland von Usambarm Als Mann der Praxis
scheut er sich nicht, bei der Nutzbarmachung der Kolonien einen
gewissen Arbeitszwang für die Eingeborenen in Vorschlag zu
bringen. Diesen Arbeitszwang will er freilich durchaus nicht
als Sklaverei aufgefaßt wissen, denn er brauche nicht länger zu
währen, bei entsprechenden Leistungen, als die Arbeitspflicht
des Weißen in Europa.
„Bei einer zehnjährigen Arbeitspflicht für die Männer
könnte z. B. die zirka 3 Millionen Menschen zählende Neger¬
bevölkerung von Deutsch-Ostafrika recht gut 200 000 Arbeiter
stellen, die für die Bewirtschaftung von 300 000 Hektaren Kaffee¬
land vollauf genügen würden. Ein so großes Areal von aus¬
gezeichneter Bodenqualität würde aber allem Usambara bieten.
Rechnet man nun, was bei fruchtbarem Boden nicht zu hoch
ist, 1500 Kilogramm Kaffee-Ertrag vom Hektar, so wären das 450
Millionen Kilogramm, etwa das Dreifache des heutigen deutschen
Kaffeekonsums. Dabei würde es denn nichts verschlagen, wenn
man als Entgelt der ganzen Negerbevölkeruug Nahrungsmittel und
Baumwollkleider zukommen ließe im heutigen Werte von 100 bis
150 Millionen Mark, man wäre doch viel billiger zu diesem wich¬
tigen Genußmittel gekommen, als es heute möglich ist, wo den
Löwenanteil stets Pflanzer und Kaufleute, resp. .fremde Staaten
in Form von Ausfuhrzöllen einstecken. Wenn man sich aus
sentimentaler Geschäftsduselei auch zu einem solchen zeitweiligen
Arbeitszwang für die Schwarzen nicht entschließen will — dann
ist freilich nichts zu machen freiwillig wird der Neger unter den
heutigen Verhältnissen bei seinerBedürfnislostgkeit selten arbeiten."
Atlanticus erinnert an die Erfahrungen der Holländer auf
Java, an die geringe Arbeit, die von den Eingeborenen ver¬
langt wird, an ihre Trägheit und Nachlässigkeit. Widerspenstigen
Negern gegenüber brauche man nicht gerade zu Galgen und
Rad greifen. Gelingt es erst, den Neger an Genüsse zu gewöhnen,
ihm die Vorteile der Dienstzeit klarzulegen, so werde er bald
ganz gern freiwillig sich zum Eintritt melden.
Somit könnte Deutschland, wenn es seine Kolonien ent¬
wickelt und bebaut, nach der Auffassung des sozialdemokratischen
Kolonialpolitikers bereits bei seinem jetzigen Kolonialbesitz von
der übrigen Welt unabhängig dastehen. Wörtlich sagt Atlanticus:
„Es brauchte dann bloß in Ostafrika die Eisenbahnen zu
bauen, Bodenmeliorationen, namentlich künstliche Bewässerung
einzurichten re.; aus den Hochebenen mit mehr gemäßigtem
Klima werden sich bei abgekürzter Arbeitszeit und späterem
Rücktransport in die Heimat zum Teil selbst weiße Arbeiter
verwenden lassen. Jedenfalls ist der Kolonialbesitz Deutschlands
ein geradezu ausschlaggebender Faktor für die Lösung der
sozialen Frage und die einzige Sorge sollte sein, daß nicht
zuviel Land von Privaten zu Spekulationszwecken erworben,
der Staat später nicht gezwungen wird, Milliarden dafür aus¬
zuwerfen, was er jetzt umsonst hat. Vor allem aber müßten
überall landwirtschaftliche Versuchsstationen gegründet, geolo¬
gische Durchforschungen, Vermessungen ausgeführt werden,
damit man die Ausdehnung des tauglichen Bodens genauer
kennen lernt ' und zugleich feststellt, welche Kulturpflanzen in
jeder Gegend am besten gedeihen."
Leider hat bei seinen Genossen der sozialdemokratische
Kolonialpolitiker kein Gehör gefunden und unbeachtet haben
sie gelassen, was er ihnen eindringlich in seiner Schrift anrät:
„Die Sozialdemokratie würde in ihrem eigenen Interesse
handeln, wenn sie anstatt die Kolonialbudgets schroff zu be¬
kämpfen, proponierte, jährlich einige Millionen zur wissenschaft¬
lichen Erforschung und Anlage von einigen Dutzend Versuchs¬
stationen auszuwerfen, mindestens sollte mit jedem Militär¬
posten eine Versuchsplantage verbunden werden, wo es nötig
ist, Bewässerungsanlagen hergestellt werden." Paul Dehn.
-— (Schluß folgt.)
Subalterne in höheren Keamteuposten.
In der Nummer vom 25. April greisen bte „Windhuker
Nachrichten" meine Person, freilich ohne meinen Namen gn
nennen, unter der Marke „ehemaliger Offizier der Schutz¬
truppe" an, indem sie einen Ausschnitt aus meiner Schrift
„Streiflichter" falsch heranziehen, unrichtig auslegen und 'mir
„L-taudeSvorurteile"^ durch die ruein Blick „eingeengt" sei,
vorwerfen.
Das hat ja gerade noch gefehlt!
Die „Windhuker Nachrichten" fühlen sich zu dem Vorwurf
von „Standesvorurteilen" berechtigt durch folgende Zeilen, die
sie den „Streiflichtern" entnehmen:
„Auf der einen Seite sehen wir deshalb, soweit irgend möglich,
höhere Stellen mit Personen subalternen Standes besetzt, und auf
der anderen Seite arbeiten solche Personen zwar Jahre hindurch
stellvertretungsweise und dauernd in höheren Verwaltungsstellen
wie in Bezirkshauptmanns-Stellen, sie werden aber in solchen
Steller! nickt offiziell anerkannt und nicht für diese offiziell über¬
nommen. Solche Zustande zeugen von krasser Unklarheit in wichtigen
Regierungsprinzipien und weisen darauf hin, daß eben tatsächlich
bei unserm Kolonialverwaltungssystem gleichzeitig mehrere grund¬
sätzlich voneinander verschiedene Richtungen sich bisher praktisch
betätigen konnten. Daß Personenkult und die Neigung, eigene
Kreaturen in alle maßgebenden Stellungen zu bringen, solche
Handlungsweise nicht herbeigeführt oder wenigstens begünstigt hat,
wollen wir uns gerne sagen lassen."
In demselben Zusammenhang heißt es aber weiterhin in
den „Streiflichtern":
„Es wäre aber nur recht und billig, wenn verdiente Männer
dieser subaltern Klasse in die höhere versetzt werden könnten. Von
dieser Maßregel sollte mart nach Maßgabe der Persönlichkeiten
möglichst häufig Gebrauch machen, aber es müßte unerläßliche
Bedingung sein, daß diese Herren — die man doch nur auf Grund
besonderer Leistungsfähigkeit derartig aufrücken läßt — dann auch
dauernd in den höheren Karrieren belassen würden.
. Daß diese Herren, die draußen als Intendanten in hoher und
einflußreicher Stellung neben Stabsoffizieren oder teils und zeit¬
weise über Stabsoffizieren ihr Amt ausübten, nachher wieder in
den hinteren Räumen des A.-Amts als Subalternbeamte ver¬
schwinden, kann mir nicht einleuchten. Jedenfalls ist solche spätere
Rückversetzung von vornherein geeignet, daß die höhern Beamten
und Offiziere draußen solche Subaltern beamten, die eine zeitlang
in hohen Stellungen in den Kolonien tätig sind, nicht genügend
respektieren.
Haben diese Subalternen dauernd in höherer Stellung zu
bleiben, dann bleibt einerseits ihre Standeserhöhung
das Ziel^,treuer und tüchtiger Dienste, die die höhere
Klasse anerkennen muß, anderseits aber wird sich
die Verwaltung hüten, im Handumdrehen derartig
tiefe inschnei d end e Maßnahmen zu vollziehen, wie es
die Versetzung eines kleinen Beamten z. B. in oberste
Finanzstellungen des Schutzgebietes bedeutet?"
Nach diesem weiteren Auszug darf ich das Urteil über
meine „Standesvorurteile" ohne weitere Erläuterungen dem
verehrten Leser überlassen, hat doch der Artikel der „Windhuker
Nachrichten" die Verhältnisse gerade auf den Kopf gestellt.
Jedenfalls würde auch ich mich herzlich freuen, wenn
möglichst bald die häßlichen Standesunterschiede als alte Merk¬
würdigkeiten Großmutters Rumpelkammer überwiesen würden,
und ich möchte fernerhin darauf Hinweisen, daß in der Praxis
der verabschiedete Offizier, nur die höchsten Dienstgrade aus¬
genommen, von den Herren Akademikern tatsächlich als
Subalternbeamter geführt wird!
Im Interesse aber der Sache, die derselbe Artikel der
„Windhuker Nachrichten" in seinem weiteren Verlaufe vertritt,
erscheint es am Platz, zu 'der hochwichtigen Frage, wie
unsere überseeischen Kosten zu besetzen sind/ noch einige
Worte Zu äußern.
Dabei schicke ich voraus, daß ich „das Deutschtum im
Ausland" als „unsere wichtigste deutsche Kolorite" betrachte
und dem Wunsch Allsdruck verleihen möchte, daß nicht nur
die Kolonialverwaltung, sondern auch unser Kon¬
sulatskorps neu organisiert werden möchte! Gewiß
haben wir hervorragend tüchtige Konsuln, die auch im Wirt¬
schaftsleben nicht nur etwas leisten können oder wollen,
sondern auch leisten, aber daran ist weniger die Orga¬
nisation schuld, wie in jedem einzelnen Falle die Persönlichkeit.
Den meisten oder vielen ist die bewußte weiße Weste wichtiger, wie
der Wunsch, ihren Landsleuten möglichst weitgehend Zu helfen,
und sie sind hochbeglückt, wenn sie sich in" einer peinlichen
Affäre „als nicht zuständig" bezeichnen können. Anderen sogar
gilt als Leitspruch der Satz: „Um Himmels willen nur nicht
dumm auffallen," ein Grundsatz, mit dem sich frische Tatkraft
schlechterdings nicht vereinigen läßt.^
Alles in allem genommen, darf man behaupten, daß in
vielen deutschen kaufmännischen Kreisen eine Unzufriedenheit
gegen unser würdestrotzendes Konsulatskorps herrscht, das
weder nach seiner Vorbildung und Zusammensetzung, noch
nach der Regelmäßigkeit seiner Leistungen ihren Wünschen
entspricht i
Da ferner die geringe Stellenanzahl unserer KoloniaU
beamten deren Vorbildung und spätere Dienstverwendung
erschwert, • scheint es auch verwaltungstechnisch angezeigt zu
sein, wie ja bereits die Gouverneure von Schuckmann,