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1907
Deutsche Soionialzeitung.
verängstigten Augen in den Schuhen eines Erwachsenen, einem eben¬
solchen Hut re. — Auch die vier Genrebilder S. 120, „Wie man Ratten
grübt, sängt, bratet, ißt", sind entzückend.
Das Buch gibt eine so gute Schilderung der Eingeborenen nach
jeder Seite hin, daß ich ihm die weiteste Verbreitung wünsche. Da
Iao, Ngoni, Konde auch auf deutschem Gebiet wohnen, ist vieles ohne
weiteres von Nutzen auch für die Kenntnis von Deutsch-Ostafrika.
Die Verfasserin schreibt ebenso gut deutsch wie englisch; sie würde uns
einen großen Dienst Leisten, wenn sie eine deutsche Ausgabe ihres
Buches veranstalten könnte. An Lesern würde es ihr bei dem
Zunehmen des kolonialen Interesses sicher nicht fehlen.
Carl Meinhof.
Chr. Grotewold. Unser Kolonialwesen und seine wirtschaftliche
Bedeutung. Bd. 18a der „Bibliothek der Rechts- und Staats¬
kunde". Stuttgart 1907, E. H. Moritz. 2 3VL
Bei allen derartigen Sammlungen populärer Schriften wird
nunmehr ein Band auch unfern Kolonien gewidmet. Ist diese Tat¬
sache eine Folge erhöhten Interesses weiter Kreise für unser Kolonial¬
wesen oder ist die Erhöhung dieses Interesses erst das Ziel dieser
Schriften. Vielleicht geht beides Hand in Hand; aber ich bin skeptisch
genug, mehr an das letztere zu glauben. Und diesem Ziel dient das
Büchlein Grotewolds, das Exzellenz Dernburg gewidmet ist, in durch¬
aus zweckmäßiger Weise. Ein allgemeiner Teil bringt das wesent¬
liche über geschichtliche Entwicklung, Zweck und Arten der Kolonien,
Vorgeschichte der deutschen Kolonialpolitik, Staatsrecht und Ver¬
waltung, sodann wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Schutz¬
gebiete, endlich deren Verbindung mit dem Mutterland und dem
Weltverkehr. Im speziellen Teil werden die einzelnen deutschen
Kolonien kurz, aber alles Wesentliche umfassend, geschildert. Gut
dünkt es mich, daß ein Zehntel des Buches der Statistik gewidmet
ist; hoffentlich lassen sich die Leser durch die 20 Druckseiten voll
Zahlen nicht ab schrecken — sie gründlich anzusehen, denn diese
Zahlen „sprechen". Auch aus der Dernburgschen Denkschrift über
die finanziellen Verhältnisse der Schutzgebiete, aus die wie auf das
Eingreifen des neuen Kolonialdirektors im allgemeinen in einem
Nachtrag hingewiesen wird, ist eine Tabelle (über die Kapitalanlagen
in den Kolonien) bei ge fügt. Schließlich werden auch die wichtigsten
Produkte der Schutzgebiete geschildert. Der reiche Inhalt des Buches
überrascht tatsächlich bei seinem geringen Um sang um so mehr, als
sehr viele verhältnismäßig gute und instruktive Bilderchen eingefügt
sind. Letzterer Vorzug mangelt dem Blick aus den Tanganjika, der
von der Größe des Sees keinen Begriff gibt. Auszusetzen habe ich,
daß vom binnenländischen Kamerun fast nichts gesagt wird. Einige
Verstöße seien nicht zu streng beurteilt. Einen Fluß Rio bei Reh
gibt es nicht; auch reicht Kamerun nicht bis zu den Mündungen des
Niger (S. 54, 56). Bukoba liegt nicht auf dem Ost- sondern dem
Westufer des Viktoria-Sees (S. 133). Die Insel Nanon gehört geo¬
graphisch nicht zu den Marshall-Jnseln (S. 162). Auch Sätze
wie dieser: „Die Dinge liegen nun aber einmal so, wie sie liegen"
iS. 82) hätten vermieden werden können. — Im allgemeinen aber
erfüllt das Merkchen seinen Zweck recht gut und kann insbesondere
z. B. Schülerbibliotheken empfohlen werden. Dr. R. Hermann.
Mlemamr- Buenos Aires. Am Rio Negro. Drei Reisen
nach dem argentinischen Rio Negro-Territorium. Mit 90 Illu¬
strationen, zwei Karten und einem Situationsplan. Ein Führer
für Ansiedler, Unternehmer und Kapitalisten. (Berlin 1907,
Dietrich Reimer. 3 M.)
Eine unterhaltend geschriebene, anschaulich schildernde Broschüre.
Der zeitweilig in Berlin wohnende Verfasser hat lange Jahre in
Argentinien gelebt, ist ein gründlicher Landeskenner, und man merkt
seinem Buche an, daß er ein Mann der Feder ist. Er bespricht ein¬
gehend die in vieler Hinsicht interessanten und zukunftsreichen
Gegenden des Rio Colorado und ganz besonders des Rio Negro,
zweier Ströme Südargentiniens, die eine gewisse Aehnlickkeit mit dem
Nil aufweisen. Wie bei diesem kommen die Quellflüsse aus fernen
Gebirgsgegenden und dort vorhandenen Seen her, durchströmen
paradiesische wasserreiche Gefilde, vereinigen sich schließlich zu Haupt¬
strömen, und diese eilen dann in langem Lause durch im übrigen
wasserlose Regionen hindurch dem Meere zu, ohne auch nur einen
einzigen Nebenfluß anszunehmen. Aber wenn auch rechts und links
von ihnen sich Wüsten, Steppen und Fels- oder Steinhalden aus¬
dehnen, ebenfalls ganz wie beim Nil, so prangen doch die eigentlichen
Flußtäler in erquickendem Grün und weisen neben Landschaftlichen
Schönheiten große Fruchtbarkeit auf.
Die Frage, wie diese Gegenden zu besiedeln und der Kultur zu
eröffnen seien, hat schon seit Jahrzehnten die argentinische Regierung
beschäftigt. Der Verfasser wendet seine Aufmerksamkeit in' erster
Linie dem Rio Negro zu, der auf seinem ganzen Stromlaufe von der
Mündung bis zur Conflueueia, d. i. bis zum Zusammenflnsse des
Rio Neuquen und des Rio Limay, schiffbar ist und mit Hilfe
verhältnismäßig unbedeutender Flußkorrektionen zu einer riesigen
und wichtigen Verkehrsstraße ausgebildet werden könnte.
Ja, noch über die Confluencia hinaus geht die Schiffbarkeit. Bei
günstigem Wasser st an de ist man auf dem Rio Limay bereits bis zur
Mündung seines Nebenflusses Rio Collon Cura, d. i. bis nahezu an
den Fuß der Anden, mit einem Darupfer vorgedrungen. Von da ist
es bis zum großen romantischen Cordillerensee Nahuel Huapi nicht
mehr weit. Dieses ganze ungeheure Gebiet, das ungefähr den
Flächeninhalt des Königreichs Preußen hat, weist heute kaum
40 000 Einwohner auf. Aber seitdem eine Eisenbahn von Bahia
Blanca bis Neuquen gebaut ist, die über die Anden weg nach Chile
weiterführen soll, ist die Region leicht zugänglich und beginnt
Anziehungskraft auszuüben.
Das Gebiet der Quellflüsse führt den Namen Territorium Neuquen
und ist teilweise leicht zu kolonisieren. Aber das eigentliche Rio
Negro-Tal besitzt wegen seiner Wasserstraße den Vorzug einer günstigen
Handelslage. Hier hängt die Lösung der Besiedelungssrage von der
Schaffung einer Kanalisation ab, wieder ganz wie im Niltal. Heute
ist noch Viehzucht vorherrschend, die sich auch in einem großen Teile
der Steppen ferner vom Flußlaufe rentiert. Aber es sind im Tale
vielversprechende Anfänge von Getreide- und Obstbau bereits vor¬
handen. Der Bau von Kanülen ist auch schon versucht bezw. in
größerem Maßstabe projektiert und bietet geringe Schwierigkeiten
dar. Schon beginnt die Privatkolonisation hier und da erfolgreich
einzusehen, und sobald das Großkapital sich der Aufgabe in weiterern
Umfange zuwendet, woran in einem Lande wie Argentinien nicht zu
zweifeln ist, dürften hier reiche Kulturstätten von Bedeutung geschaffen
werden. Carl Bolle.
A«A den Abteilungen.
Der Nordsächsische Gauverband tagte am 16. Juni in Stendal.
Vorausgegangen war ein Besuch von Schönhausen, wohin man
sich von Magdeburg aus mit dem Elbdämpfer begeben hatte. Nach
der Besichtigung des Bismarck-Museums und des Parkes und mancher
Stätten, an denen der große Kanzler geweilt hatte, erfolgte die
Fahrt zur Gauversammlung nach der Geburtsstadt Nachtigalls. Nach
einem gemeinsamen Mahle fand am Abend 8 Uh?: die Gauverband¬
sitzung statt, die Herr P. Gericke, Magdeburg, mit einem Hoch auf
den Kaiser eröffnete. Aus die an Herzog Johann Al brecht zu
Mecklenburg und den Ehrenvorsitzenden im Gauverbande, Ober¬
präsidenten von Wilmowski abgesandten Begrüßungsdepeschen
waren Telegramme mit den besten Wünschen eingelausen. Den
Mittelpunkt des Abends bildete ein mit reichem Beifall belohnter Vor¬
trag des Proviantamts-Kontrolleurs a. D. Alverdes, Magdeburg,
über den Feldzug in Südwestasrika und die eigenen Erlebnisse des
Redners. Eine daran anschließende Ansprache des Rektors Krause,
Schönebeck, die die anwesenden Damen und Herren zum Beitritt zu
der Gesellschaft aufforderte, hatte den Erfolg, daß eine ganze Reihe
von Herren, darunter der Landrat und der Reichstagsabgeordnete
des Kreises, ihren Beitritt anmeldeten, so daß die Bildung einer
Abteilung Stendal gesichert erscheint. —
Unter Vorsitz des Rechtsanwalts Dr° Crem er-Hagen tagte in
Hagen am 21. Juni der Niederrheinisch - westfälische Gauverband der
Deutschen Kolonialgesellschast. Vertreten waren die Abteilungen
Creseld, Essen, Witten, Hagen, Lüdenscheid, Solingen,
Barmen, Elberfeld, Rheydt, Bielefeld, Arnsberg, Dort-
mund und Unna« Es wurde festgestellt, daß der Gauverband
eine Erweiterung durch den Beitritt der Abteilung Bielefeld
erfahren hat. Weitere Abteilungen haben ihren Beitritt irr
Aussicht gestellt. Dann wurde beschlossen, Seiner Hoheit dem Herrn
Präsidenten Herzog Johann Albrechl zu Mecklenburg die Glückwünsche
des Gauverbandes zu der Wahl zum Regenten des Herzogtums
Braunschweig durch den Geschäftsführer des Gauverbandes zu über¬
mitteln. Die Versammlung beschäftigte sich sodann mit den Anträgen,
die eine Umgestaltung der Organisationen der Gesellschaft bezwecken.
Es wurde mit großer Mehrheit beschlossen, für eine Herabsetzung der
Jahresbeiträge von 6 N aus 3 N. einzuleiten, um der Gesellschaft
eine weitere Verbreitung im Volke Zu verschaffen. Im Anschluß daran
sprach man sich dafür aus, die zurzeit wöchentlich erscheinende „Deutsche
Kolonialzeitung" iit Zukunft als Monatsblatt in gediegener Ausstattung
mit volkstümlichem Inhalt herauszugeben. Desgleichen erklärte sich
die Versammlung für eine anderweitige Regelung der Vorstands- und
Ausschußwahlen, um der Leitung der Gesellschaft frisches Blut zu¬
zuführen. indem alle Wahlen geheim und durch einfache Majorität
vorgenommen werden. Schließlich wurde die Gründung des Deutsch-
Kolonialen Frauenbundes erörtert, die die lebhafte Sympathie der
Versammlung fand. Es wurde beschlossen, die Gründung von Orts¬
gruppen in die Wege zu leiten und das Interesse der deutschen Frauen¬
welt für die Ansiedlung deutscher Frauen in Südwestasrika zu erwecken.