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1885. Deutsche Kotonratreituug. 5. Kest.
Veutschrr Kolonialvrrein.
Der ausführliche Bericht über die Verhand¬
lungen der Zweiten ordentlichen Generalversamm¬
lung zu Berlin, einschließlich des Geschäfts- und
Kassenberichtes pro ! 884, wird als Supplementheft
Mitte März erscheinen und allen Mitgliedern
und Abonnenten des Vereinsorgans gratis Zugehen.
Der Geschäftsführende Ausschuß der Abtei¬
lung Dresden hat einen Bericht über die bis¬
herige Thätigkeit unseres dortigen Zweigvereins
im Druck veröffentlicht. Dem Vorsitzenden, Herrn
Geheimen Kommerzienrat Zschille, hat S. Ma¬
jestät der König Albert in besonderer Audienz
am 21. Dezember sein hohes Interesse für die
deutschen kolonialen Bestrebungen von neuem
kundgegeben. Die Mitgliederzahl ist auf nun¬
mehr 250 angewachsen. Über die äußerst zahl¬
reich besuchten öffentlichen Versammlungen haben
wir s. Zt. berichtet. Auch am 24. Januar d. I.
fand eine solche statt, in welcher Herr vr. A. von
Eye aus Joinville über die deutschen Kolo¬
nien in Brasilien einen überaus beifällig
aufgenommenen Vortrag hielt. — Sehr nachah¬
mungswert für andere Lokalverbände ist die dor¬
tige Einrichtung von regelmäßigen zwanglosen
monatlichen Zusammenkünften, um die Ansichten
und Urteile der einzelnen Mitglieder in Diskus¬
sionen zur Geltung zu bringen, und dieselben so
an der Thätigkeit des Vereins mitzubeteiligen.
Die Ortsgruppe Bonn hielt am 27. Ja¬
nuar eine Versammlung ab, in welcher die Wahl
des Vorstandes vollzogen und diesem das Recht der
Kooptation überlassen wurde. Es sind die Herren:
Geheime Regierungsrat Prof. Dr. Erwin Nasse
(als Vorsitzender), Verlagsbuchhändler Fr. Soen-
necken (als Schriftführer), Buchdruckereibesitzer
W. Georgi (als Kassierer), Geheime Regierungs¬
rat Prof. vr. Dünkelb erg-Poppelsdorf, Fabri¬
kant Fr. Guilleaume, Rentier Fr. König,
Prof. Dr. Rein, Prof. vr. Zitelmann. In
der die Versammlung eröffnenden Ansprache hob
Herr Geheime Rat Prof. vr. Erwin Nasse her¬
vor, wie bk gegenwärtigen kolonialen Bestrebun¬
gen in Deutschland aus dem gesunden Sinne und
der richtigen Erkenntnis des Volkes von dem, was
ihm notthue, hervorgegangen und welchen Einfluß
und Wert die Kolonialvereine für die Förderung
der großen Sache Hütten. Im weitern Verlaufe der
Versammlung sprachen Herr Prof. vr. Rein,
Dozent der Geographie an der Bonner Universität,
für die Dampfervorlage und Herr Missionsdirektor
Vr. Fabri über die verschiedenen Aufgaben der
deutschen Kolonialpolitik in gehaltvollen und be¬
lehrenden Ausführungen. Der letzte Redner er¬
klärte zum Schluß, daß für ihn seit dem Frank¬
furter Friedensschluß die erfolgte Begründung
deutscher Kolonien das bedeutsamste und gro߬
artigste Ereignis in Deutschland sei.
Die Abteilung Berlin veranstaltete am
30. Januar eine öffentliche Versammlung im
großen Saale des Architektenhauses, welche sehr¬
zahlreich aus den besten Stünden (auch von Da¬
men) besucht war. Herr C. F. E Schultze-
Ratzeburg (M. d. D. K.) verbreitete sich im ersten
Vortrage des Abends nach seinen langjährigen
praktischen Erfahrungen in den La Plata-Staaten
über die bisherigen Versuche deutscher Kolonisa¬
tion in Paraguay, Uruguay und Argentinien.
Diese Versuche mußten oft mehr oder weniger mi߬
lingen, weil sie immer in Gegenden gemacht wurden,
die entweder durch ihre Entfernung von allen Ver¬
kehrswegen oder durch ihre Klima- und Boden¬
verhältnisse sich nicht zur erfolgreichen Bewirt¬
schaftung eigneten. Wo das Land von den
Regierungen verschenkt wird, ist es meist auch nichts
wert Nicht die Billigkeit der Erwerbung der zu
kolonisierenden Länderstrecken, sondern die Mög¬
lichkeit der Verwertung der Produkte müßte ma߬
gebend sein. Demnach bietet von den La Plata-
Staaten Paraguay die geringsten Chancen, und
ist es kein Wunder, wenn dort der jüngste Versuch
deutscher Kolonisation mißlungen ist. In Uru¬
guay und in den am La Plata und an seinen
Zuflüssen gelegenen Provinzen Argentiniens haben
die Kolonien dagegen mehr Aussicht auf Gedeihen.
Der oft anhaltenden Dürre und anderer klima¬
tischen Verhältnisse wegen kann aber auch dort
fast nur Weizen im großen gebaut werden. Die
Weizenpreise sind aber sehr gesunken. Der Fehler
der bisherigen Kolonisation war, daß sie nur
Ackerbau ohne die viel ergiebigere Viehzucht trieb.
Nach diesem allem eignen sich diese südamerika¬
nischen Republiken nicht zur Kolonisation für
Kleinbauern, sondern mehr für kapitalsstarke
Gesellschaften. Eine Gründerschwindelperiode habe
in den letzten Jahren eine etwas schwierige
Situation erzeugt; wenn aber erst Grund und
Boden drüben wieder einen normalen Preis er¬
langt haben, sei deutschen Kapitalisten eine ver¬
ständige Anlage ihres Geldes in den besprochenen
Gegenden wohl anzuraten. Hierauf hielt der
Afrikaforscher vr. Fischer einen überaus inter¬
essanten Vortrag über Sansibar. Am Schlüsse
desselben wies er auf den Küstenstrich von 1 Grad
südlicher Breite bis 12 Grad nördlicher Breite
hin, der noch herrenloses Land sei. Die SoMali
seien zwar ein schwer zu behandelnder Menschen¬
schlag, aber es lasse sich doch mit ihnen leben.
Das Land sei gesund und fruchtbar und zur
Bestellung wohl geeignet. Die Zukunft Afrikas
erblicke er in der allmählichen Erziehung der Neger
zu zivilisierten Menschen. Die Möglichkeit des
Baumwollenbaues und die Fähigkeit der deutschen
Textilindustrie, mit den billigen Baumwollenfabri¬
katen Amerikas, Indiens und Englands erfolg¬
reich zu konkurrieren, erklärte der Redner für die
Grundbedingung einer ersprießlichen deutschen
Kolonisation.
In einer sehr zahlreich besuchten Vereinigung
der Halleschen Mitglieder unseres Vereins
am 30. Januar hielt Herr Prof. vr. A. Kirch¬
hofs einen längeren, mit großem Beifall auf¬
genommenen Vortrag über „die Bedeutung
deutscher Kolonisation in Vergangen¬
heit und Gegenwart." Seine fesselnden Dar¬
legungen boten wertvolle Belege in kultureller
und wirtschaftlicher Beziehung für die Notwen¬
digkeit der kräftigen Fortführung der begonnenen