Seite
Redaktionelle
müssen, ergibt sich aus dem Lohnsätze für
gewöhnliche Arbeiter. Dazu kommen noch
die enormen Kosten für die Ingenieure, Mon¬
teure und Kupferschmiede, welche sämtlich aus
Europa verschrieben werden. Die Kosten
einer neuen, aus tägliche Verarbeitung von
600 Meter-Zentner Rohr berechneten Anlage
wurden mir aus 950 000 Mk. angegeben.
Die Maschinen vieler Fabriken sollen von der
französischen Compagnie Fives-Lille geliefert
sein, noch mehr sind englischer Herkunft. In
einer einzigen Fabrik fand ich deutsche Appa¬
rate (Pfannen, Verdampfapparate, Vacuum,
Centrisugen von Heckmann resp. von Fesca
in Berlin, den kontinuierlichen Maisch-
Destillierapparat von Paulmann in Hanno¬
ver), während die Maschinen von Gebr.
Sulzer in Winterthur geliefert waren. Die
Fabriken sind im Besitz von Argentiniern,
Engländern und Franzosen, nur eine einzige
ist in deutscher Hand, es ist also kein Wun¬
der, daß unsere Maschinenindustrie noch nicht
hat reüssieren können. Jedenfalls sind auch
die Zahlungsbedingungen nicht einladend ge¬
wesen: Raten, sich bis aus vier Jahre er¬
streckend, ohne durch Delkredere oder Be¬
ziehungen gedeckt zu sein, und ein für den
Ausländer sehr unsicheres Prozeßverfahren.
Es sollen in neuerer Zeit sich bereits recht
schwierige Zahlungsverhältnisse herausgestellt
haben, so daß es vielleicht für unsere Industrie
ein Glück ist, bisher nicht dabei beteiligt zu
sein. Jedenfalls müssen aber Wege gesucht
werden, daß die deutschen Maschinenfabriken
bei der künftigenWeiterentwickelung der dortigen
Zuckerindustrie konkurrieren können und es
dürste nicht schwer fallen, durch Vermittelung
der reichen deutschen Häuser in Buenos Aires
und Rosario Garantien zu finden. Daß die
deutschen Apparate von allen die besten und
billigsten sind, wird schon jetzt anerkannt.
Außer der erwähnten Fabrik werden noch
einige andere von deutschen Technikern ge¬
leitet; auch unter den übrigen Beamten, den
Vorarbeitern, den Kupferschmieden re. findet
man viele Deutsche. So traf ich in der
Deutschen Fabrik einen ehemaligen Professor
(?) als Wagemeister, ein Göttinger 8tuä.
ehern. stand am Verdampfapparat, ein des¬
gleichen aus Greifswald putzte die Lampen.
Beide, mit den nötigen Schmarren im Ge¬
sicht und Klemmern auf der Nase, sahen
mich etwas betroffen an und baten, ihren
Angehörigen daheim nichts von der Quali¬
tät ihrer Stellung zu sagen. Da ich sie
indes belobte, weil sie sich ehrlicher Arbeit
Korrespondenz. 147
nicht schämten und die Gewißheit aussprach,
daß Solidität und besonders Nachlese in
ihren früheren Studien ihnen eine bessere
Zukunft in Aussicht stelle als daheim, so.
schienen sie beruhigt von dem tröstenden
Zuspruch des Landsmannes. Übrigens nahm
sich ihrer der wohlwollende Besitzer in an¬
erkennenswerter Weise an; sie bezogen,
wenn ich nicht irre, einen Lohn von 150
resp. 100 M. monatlich und hatten den
Vorzug, im Beamtenhanse Kost und Quartier
zu erhalten. — Nach alledem würde ich indes
Technikern, Vorarbeitern, Metallarbeitern
nur dann raten, in Tucuman ihr Heil zu
suchen, wenn sie sich zuvor Engage¬
ment gesichert haben und sich vor
der etwas urwüchsigen Lebensweise
und dem Fieber nicht fürchten. Für
Verheiratete ist dort noch keine Stätte.
W. Spielberg.
(Fortsetzung folgt.)
Fittenatun.
„Bilder aus Brasilien von C. v. Koseritz."
Wilhelm Friedrich, Leipzig 1885.
„Das Kaiserreich Brasilien von A. W.
Sellin." 2 Bde. G. Freytag, Leipzig, 1885.
Die Litteratur über das Kaiserreich Brasilien
ist eine reiche; wir besitzen über dasselbe sowohl
streng geographische Werke als auch Reiseschilde¬
rungen jeder Art in erheblicher Auswahl. Aber
namentlich Lei letzteren, zumal wenn sie in fesseln¬
dem und anmutendem Stile sich über alle mög¬
lichen Verhältnisse des großen Landes verbreiten,
ist Vorsicht am Platze, wenn man aus ihnen ein
objektives Urteil über brasilianische Zustände und
brasilianisches Leben gewinnen will. Nur zu
häufig fallen Reisende, die das Land auf flüchtige
Weise durchmessen, in den Fehler, ihre an irgend
welchem Orte des Landes erhaltenen ohnehin
subjektiven Eindrücke, für die Verhältnisse des
ganzen Landes zu generalisieren. Die vorliegenden
Bücher dürfen dagegen zur Beurteilung des großen
Kaiserreiches besondere Beachtung beanspruchen.
C. von Koseritz sowohl als Sellin sind Deutsche,
welche die politischen, sozialen, kommerziellen und
landwirtschaftlichen Verhältnisse des Landes, aus
eigener und gründlichster Anschauung kennen.
Koseritz lebt seit 33 Jahren in Brasilien als
Litterat, Politiker und Deputierter, Sellin kennt
das Land durch 12jührigen Aufenthalt und zwar
in praktischer Thütigkeit als Koloniedirektor in
einer der südlichen Provinzen. Die „Bilder
aus Brasilien" erschienen zuerst in der vom Ver¬
fasser in Porto Alegre herausgegebenen „Koseritz
deutschen Zeitung" in der Form von Reisebriefen
aus der Reichshauptstadt. Die leichte feuilleto-
nistische Schreibart, voll geistreicher, oft satyrischer
Seitenhiebe nach rechts und links, bietet nicht nur
ungemein fesselnde Unterhaltung, sondern birgt
manchen Kern von Belehrung über die politischen
und sozialen Verhältnisse, die man in andern
Werken vergeblich suchen würde. Sellin's „Kaiser-