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Organ der Deutschen Kolonialgesellschast.
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Schrifileitttng und Geschäftsstelle: Deutschs Aolonialgesellschaft, Berlin W., Schellingstraße Nr. 4 .
Nr. 22. 20. Jahrgang. Berlin, 28. Mm 1903. Aer neuen Folge 16. Iahrg.
In hall.
Erster 5Leil. (Verö ffe n 1 li chrm gen der Gesellschaft.) Kolonialrechtliche Vor¬
lesungen. — Zweiter Teil. (Unter Verantwortung des Schriftleiters.) Die Handels¬
freiheit im Kongobecken. — Der Blaugrund in Deutsch-Sndwest-Afrika. Von Professor
Dr. S ch e i b e, Berlin. — Die Entdeckung der Benudquetten. Von Paul Stau ding c r.
— Von den deutsche,: Kolonialgesellschaften: Westafrikanische Pflanzungs-Gesellschaft
„Bibundi'h Hanlburg. — Duata. Von Eberhard v. Schkopp. (Mit 6 Abbildungen.)
— Vorn Kolonialrat. — Die Anwerbung von Arbeitern in Liberia. — Rundschau. —
Aus den Abteilungen. — Handelsnachrichten: Der Handel Samoas im Jahre 1902. —
B e r k e h r s n a ch r i ch t eu.
Bezugsbedingrutge» am Schluß des redaktionellen Teils.
Erster Teil.
(Veröffentlichungen der Gesellschaft.)
Kolonialrechtliche Vorlesungen.
Auch im nächsten Wintersemester wird an der Berliner
Universität Professor Dr. Bornhak mittwochs von 11—12 Uhr
eine öffentliche Vorlesung über Deutsches Kolonial-
recht unter Berücksichtigung der fremden Kolonial-
rechte halten. Die Vorlesung, die einem seit lange in kolonial¬
politischen Kreisen ausgesprochenen Verlangen Rechnung tragen
soll, hatte sich im vergangenen Winter eines guten Besuches
zu erfreuen und ließ das allgemeine Interesse an kolonialrecht¬
lichen Fragen erkennen.
Zweiter Teil.
(Unter Verantwortung des Schriftleiters.)
Die Handelsfreiheit im Longoliecken.
F§s hält schwer, die Regierungen für die Herstellung der
Handelssreiheit im Kongobecken mobil zu machen. Seit mehreren
Jahren ist in England und Deutschland eine Bewegung im
Gange, um den Kongostaat an die Beobachtung der Verträge
zu mahneri; allein ein Erfolg war bisher nicht zu bemerken.
Die britische Regierung empfing eine Abordnung über die andere
und gab lose Versprechungen ab, wogegen in Deutschland der vor¬
jährige Beschluß der Hauptversammlung der Deutschen Kolonial¬
gesellschast immer noch keine, auch noch so platonische Aeußerung
des Reichskanzlers herbeigeführt hat. In England hatten die
Vorkämpfer der Handelssreiheit nebenher eine Bewegung gegen
das Vorgehen der französischen Gerichte und Monopolgesellschaften
eingeleitet. Bekanntlich waren die seit mehreren Jahrzehnten
in Französisch-Kongo tätigen englischen Handelsfirmen feit 1899
von den Konzessionsgesellschaften bedrängt worden, den Ver¬
trägen zum Trotz und in gewaltsamer Weise. Trotz den gegen
sie ergangener: Verurteilungen haben sie nicht wie die Hamburger-
Firma C. Wo ermann den Kampf ausgegeben, sondern es
steht bei ihnen fest, daß sie die Handelsfreiheit wieder erkämpfen
wollen. Sie haben das Glück, daß die Presse sich dieser grund¬
sätzlich wichtigen Angelegenheit angenommen hat.
An der Spitze der Bewegung für die Herstellung der
Handelsfreiheit steht in England der bekannte Herr E. D.
Morel, dessen vortreffliches Werk: Affairs of West Africa, bie
Deutsche Kolonialzeitung vorige Woche besprochen hat. Herr
Morel ist auch Herausgeber der seit Anfang April d. I. er¬
scheinenden Wochenschrift West African Mail, des Organs der
British Cotton Growing Association und der Liverpooler Schule
für tropische Heilkunde. Wir benutzen die Gelegenheit, diese
ausgezeichnete Zeitschrift, die eine offenbar von deutscher
kolonialer Seite stammende Artikelserie über Togo begonnen
hat, in unseren Spalten willkommen zu heißen. Anfang d. M.
war die West African Mail in der Lage, ankündigen zu können,
daß infolge der Unterhandlungen der britischen Regierung
mit dem französischen Auswärtigen Amt letzteres sich grund¬
sätzlich bereit erklärt hat, die Beschwerden der britischen Kaus-
leute in Französisch-Kongo auf schiedsgerichtlichem Wege
austragen zu lassen. Es muß also noch ein Abkommen
zwischen den beiden Regierungen zur Regelung des Schieds¬
verfahrens zustande kommen.
Dieses Zugeständnis der französischen Regierung war ein
erster und wesentlicher Erfolg. Man hatte in England wie
auch in Deutschland immer gehofft, daß Frankreich zur Um¬
kehr zu bringen wäre; denn es ist kein Geheimnis, daß nicht
Franzosen, sondern Belgier die Hauptmacher in den
französischen Konzessionsgesellschaften sind, dieselben
Kapitalisten, die mit dem Kongostaat in Geschäftsverbindung
zur Ausübung der Geschäftsmonopole und zur Unterdrückung
der Eingeborenen stehen. Die französische Regierung hatte sich
von dieser Clique ins Schlepptau nehmen lassen, die französische
Presse nicht minder, aber die Hoffnung, daß man den Fran¬
zosen den Staar stechen würde, ist nicht zu schänden geworden.
Wiederum Herr E. D. Morel ist es, der in dieser Angelegen¬
heit das beste Material liefert. In dem vorige Woche er¬
schienenen Bande (The British case in French Gongo. A story
of a great injustice, its canses and its lessons. London,
W. Heinemannj wird der Fall, wie er in Französisch-Kongo
liegt, mit bewundernswerter Klarheit dargestellt.
Aber auch in der Angelegenheit des Kongostaates be¬
deutet die Verhandlung, die am 20. d. 1, im englischen
Unterhause stattgesunden hat, einen wesentlichen Fortschritt.
Der Abgeordnete für Cleveland (Iorkshire), H. L. Samuel,
stellte folgenden Antrag:
„Die Regierung des unabhängigen Kongostaats hat bei
ihren Anfängen den Mächten gewährleistet, daß ihre ein¬
geborenen Untertanen mit Menschlichkeit regiert und daß keine
geschäftlichen Monopole oder Vorrechte in ihrem Gebiete be¬
willigt werden. Diese beiden Bürgschaften sind verletzt worden.
Das Hans ersucht daher die Regierung Seiner Majestät, mit