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Nummer 22.
Beilage zur Deutschen Kolonialzeitung
28. Mm 1903.
Material zu dem Vorgehen gegen die
Landgesellschaften.
Wir hatten es nicht für möglich gehalten, daß, da doch
eine solche Uebersülle von Beweismaterial vorliegt und noch
täglich mehr anschwillt, die tatsächlichen Grundlagen des
Antrags Meiningen gegen die südafrikanischen Landgesell¬
schaften würden angegriffen werden. Da dies Herr v. Born¬
haupt in Nr. 21 der „Kolonialzeitung" dennoch getan hat st, sind
wir genötigt, die Angriffe an derselben Stelle, noch bevor die
Entscheidung der „Deutschen Kolonialgesellschaft" in Karlsruhe
fällt, Punkt für Punkt als tatsächlich unrichtig zurückzuweisen.
Diesmal werden die Gegner des Antrags nicht wieder, wie im
Oktober 1902 in Berlin, einwenden können, es seien erst noch
genaue Feststellungen über den Umfang des für die
Besiedlung Zur Verfügung stehenden und des von den
Landgesellschaften verkauften Landes zu beschaffen, ehe
man beurteilen könne, ob wirklich Mangel an verfüglichem,
den Ansiedlern in Wahrheit zugänglichem Siedlungsboden
bestehe; denn die Feststellungen finb jetzt zur Genüge da.
Herr von Bornhaupt beginnt mit dem Satze, die Zu¬
stände in den Gesellschastsgebieten seien zwar „von großer
Wichtigkeit", aber „doch für das gesamte Schutzgebiet nicht
von ausschlaggebender Bedeutung". Wir glauben nun zwar,
daß das kein Argument gegen den Antrag Meiningen ist;
denn die „Deutsche Kolonialgesellschaft" darf und soll sich
doch wohl auch mit solchen kolonialen Fragen beschäftigen,
die von „großer Wichtigkeit" sind. Ueberdies wird der Land¬
preisfrage sowohl von der Kolonialverwaltung, wie von den
maßgebenden Ansiedlern der Kolonie und von sehr hoch-
gestellten Personen innerhalb der „Deutschen Kolonialgesell-
schaft" nicht nur eine große, sondern die größte Wichtigkeit
beigemessen, wie wir in Karlsruhe durch Briese der genannten
Persönlichkeiten beweisen werden. Aber was Herr v. Born-
haupt zur tatsächlichen Unterlage für sein Urteil über den
Grad der Wichtigkeit nimmt, nämlich die Behauptung des
Herrn Vohsen, daß das Gesellschaftsland nur 6* 9 v. H. des
besiedlungsfähigen Gebietes der Kolonie ausmache, ist von uns
schon längst als unrichtig nachgewiesen, wie der Herr Referent
hätte wissen können (vgl. Kolonialzeitung 1902 Nr. 40). Herr
Bohsen hat nämlich seine niedrige Verhältniszahl dadurch
herausgerechnet, daß er zwar von dem Gesellschaftsland, nicht
aber von dem Regiernngs- und Eingeborenenland die nicht
bestedlnngsfähigen Gebiete abzieht. Im übrigen sind die
Vohsenschen Zahlen (a. a. O. Nr. 39) richtig.
Die Gesellschaften besitzen von dem Gesamt-Flächeninhalt
des Schutzgebiets von 835 100 qkm folgende Landesteile:
1. South West Africa Company
a) ans eigenen Namen (Konzessionsgebiet) . 13 000 qkm
b) aus den Namen der Kaokolandgesellschaft,
von deren Aktien sie ü / u -> besitzt .... 63 000 „
c) der Hanseatischen Landgesell schuft, von
der sie 4 / 5 der Aktien besitzt ..... 10000 „
2. South Akriean Territories Ltd. 2 ) ..... 12 800
3. Deutsche Colonial-Gesellschaft für Südwest-
Afrika' ...... O ..... . 135 000 „
4. Siedlungsgesellschast. ........ 20000 „
253 800 qkm
Es bleiben also für die Ansiedler, die Regierung nnb die
Eingeborenen zusammen 581 300 qkm; die Landgesellschaften
besitzen 29,20 v. H. der ganzen Kolonie.
Rechnet man auf beiden Seiten nur das besiedlungssähige
Land, so bleibt die Verhältniszahl ungefähr dieselbe. Man
1mm nämlich auch den Flächengehalt des besiedlungsfähigen
Gesellschaftslandes annähernd feftffc'OeiL Bei der „Deutschen
Colonial-Gesellschast für Südwest-Afrika wird es von Schröder-
Uitdrooi, der mitten darin wohnt, aus 35 000 qkm, bei der
Kaokolandgesellschaft von Dr. G. Hartmann, dem besten
Kenner des Kaoko-Veldts, auf die Hälfte des Gebietes, also
über 30 000 qkm geschätztest Es sind also vom Gesamtbesitz
st Der Anikel ist nicht von Herrn von Bo ruh au Pt eingesandt,
sondern nur ein Abdruck des von Herrn von B. im Ausschuß er¬
statteten Referats. Die Redaktion.
3 ) Auch deren Aktien find, wie Rechtsanwalt Scharlach in Koblenz
erklärt bat, von der South West Africa Co. aufgekauft.
n ) Schröder und Dr. Hartmann in Heft 12 und 13 der „Beiträge
für Kolonialpolitik" 1903.
100 000 bezw. 33 000 qkm unbrauchbares Land abzuziehen, so
daß wir über 100 000 qkm besiedlungsfühiges Gesellschafts¬
land erhalten.
Und diese doch nicht so unbedeutenden Landgebiete werden
gerade jetzt dringend für die Besiedlung gebraucht; sie sind
nicht „zu abgelegen" und auch nicht minderwertig, wie Nur in
der Begründung unseres Antrags (Ziffer I, 1) des näheren
ausführen. Denn zum Teil liegen sie in der Nähe der
Windhuker Bahn (Khomashochebene und Gebiet der Sied¬
lungsgesellschaft), zum Teil im dicht besiedelten Südbezirk
(S.-A? Territories), zum Teil werden sie jetzt durch die Otavi-
bahn erschlossen (Otavibezirk und Kaoko-Veldt). Die Regierung
braucht sie für ihren Besiedlungsplan, da sie selbst kein
besiedlungsfähiges Land mehr zur Verfügung hat.
(Vergleiche amtliche Denkschrift vom 28. Dezember 1902.) st Wie
angesichts dieser Tatsachen der Herr Referent dem Antrag
Meiningen die Dringlichkeit absprechen will, ist uns unver¬
ständlich.
Nun scheint er allerdings andeuten zu wollen, daß ja auch
die Gesellschaften ansiedeln könnten und es auch wirklich täten,
daß ihre hohen Preise die Besiedlung nicht hinderten, daß ein
Eingreifen der Regierung nicht nötig sei. Er greift nämlich
unsere Behauptung, „daß von den billigen Kronländereien
im Jahre 1900 nahezu 160 000 qkm, im Jahre 1901 über
4000 qkm verkauft worden seien, dagegen voll den teueren Gesell-
schaftsländereien soviel wie nichts", als „unrichtig" an. Herr
v. Vornhaupt erklärt, er wolle diesen Zählen andere „entgegen¬
stellen", nämlich die gelegentliche Bemerkung Leutweins, daß
in den letzten drei Jahren die Regierung 176 Farmen, die
Gesellschaften 25 Farmen verkauft hätten. Wo ist da ein
„Gegensatz"? Wir selbst haben ja die Leutwcinschen Zahlen
gebracht (Aufsatz der Abteilung Meiningen in Nr. 14, S. 111
der „Kolonialzeitung"). Und wir wollen jetzt das ganze Ma¬
terial noch einmal zusammenstellen, damit auch die letzten Un¬
klarheiten schwinden müssen:
Die Regierung hat nach dem amtlichen Jahresbericht über
1901/1902 S. 75 bisher aus Kronland mib Eirlgeborenentand
Verkäufe von 269 Farmen abgeschlossen bezw. vermittelt.
Davon entfallen auf:
1898 ... 2 gönnen über 19 915 ha
1899 . . . 10 „ „ 70 461 „
1900 ... 21 „ 158 563 „
1901 ... 53 „ „ 400689 „
Von den Landgesellschaften haben nur drei in nennens¬
wertem Umfang Farmen verkauft: Die S.-A. Territories" von
1892 bis 1902 ganze 4 (!) Farmen mit zusammen etwa 400 qkm
(Mitteilung des amtlichen „Kvlouialblntts" vom 15. April 1903),
die „Deutsche Colonial-Gesellschast für Südwest-Asrika" von 1895
bis 1902 zusammen 449 qkm (eigene Angabe des Herrn Re¬
ferenten), die „Siedelungsgesellschaft" von 1892 bis 1902 im
ganzen 15 Farmen von 705 qkm (vgl. ihre Denkschrift vom Juli
1902, S. 10). Davon entfallen aus die Jahre 1900 und 1901
bei der „Colonial-Gesellschast" 78 bezw. 0,1 qkm, bei der „Siede-
lungsgesellschaft" auf 1900 4 Farmen mit 320 qkm, auf 1901 (nach
der erwähnten Denkschrift zu schließen) 3 Farmen . dagegen
bei der Negierung 74 Farmen mit 5591 qkm! Ist bei dieser Sach¬
lage unsere Behauptung, die Gesellschaften hätten in diesen beiden
Jahren im Vergleich zur Negierung „soviel wie gar nichts" ver¬
kauft, so sehr ungerechtfertigt? Der Herr Referent behauptet frei¬
lich, die „Siedelungsgesellschaft" habe von 1892 bis 1902 31 Far¬
men mit 1785 qkm verkauft. Das ist falsch ! Die 18 Farmen
von 1080 qkm, die hier als Verkäufe der Gesellschaft gerechnet
werden, sind in Wirklichkeit Verkäufe der Regierung aus dem
ihr zur Verfügung stehenden Gebiet der Gesellschaft, und sie
sind gerade das beste Zeugnis für den segensreichen Einfluß
der von Meiningen angestrebten niedrigen. Landprerse. Denn
während die Regierung dies mächtige Gebiet besiedelte, verkaufte
st Wenn Herr Vohsen (Nr. 40 1902) sagt, die Regierung habe
250 000 qkm. Siedlungsland, so kommt dieser Zahl der amtlichen
gegenteiligen Aeußerung der Regierung gegenüber keinerlei Bedeutung
zu. Herr Vohsen denkt dabei, wie aus der beigegebenen Karts zu
ersehen ist, an die fieberbehafteten, sandigen, wasserlosen Striche im
äußersten Norden und Nordosten der Kolonie, die nicht oder doch in
absehbarer Zeit nicht besiedlungsfähig sind. Die weiteren 250000 qkm,
die angeblich den Eingeborenen gehören, kann man ihnen doch tntm
so ohne weiteres wegnehmen; das wäre „Rechtsbruch", „Gewalttat"
oder dergleichen