Der Geizhals und die Eichhörnchen
Eine heitere Geschichte von Georg W. PiZet.
Der dicke Warnte hatte auf dieser Welt weder für Kind noch Kar zu sorgen. Nur sein Schleppbäuchlein genoß die ganze Fürsorge seines Tuns und Treibens. Es war sein Sorgenkind — und gar kein gutartiges und einsichtiges. Warnte hatte seine üble Last damit. Nicht allein, daß es seinen bevorzugten Platz an ihm behauptete, auch Zeigte es seinen miß- gönnischen Charakter. Von des Feldes Früchten, die Warnte in seine Scheuer barg, und der Bäume köstliche Gaben, die Warnte mit noch größerer Achtsamkeit hütete, gelangte kein Stielchen in fremde Hand. Das Bäuchlein duldete keinen freigeberischen Geist bei seinem Träger. Alles beanspruchte es nur für sich. Es setzte dem Mann solange Zu, bis er das giftgrüne Geizen kriegte. Die Krankheit zeichnete sein Gesicht so scharf, daß auch Fremde sie sogleich erkannten.
Dazu standen Warnkes Bäume in der vollsten Pracht ihres Herbstsegens. Die Äpfel leuchteten rotbackig, die Pfirsiche dufteten süß, und um die Pflaumen und Birnen sponn sich ein Ruch von Honigsüße. Die Pracht des Überflusses jedoch schüttete der mächtige Walnußbaum über den Garten aus. Argwöhnisch hütete der Geizhals seine Schätze. Zu jeder Tages- und Nachtzeit umschlich er Gatter und Bäume, prüfte die Zaunlatten und zog einen Drahtverhau über und hinter den anderen um sein Eigentum. Viele Hälse reckten sich nach Warnkes Ernte aus — die Buben wie die Eichhörnchen. Warnke entging keiner der lüsternen Blicke, keine ihrer begehrlichen Bewegungen. Vor den Jungen war er sicher. Das wußte er, zumal sich sein Hund so tückisch und grob wie er selber benahm und wie der Höllenwind von der Kette los und in den Obstgarten stob — immer im Kreise längsseits der Zäune dahinjagend.
Nur den Eichhörnchen, diesen windigen Gesellen, mißtraute er. Sie kamen aus der Luft und verschwanden auch wieder stumm in der Höhe, ohne ihre Pfoten auf den Boden seines Gartens zu setzen. Der Hund war machtlos gegen sie. Machtlos war auch der Drahtverhau, machtlos Warnke selber. Trotz allem schwor er sich — und sein Blick spaltete sich dabei vor Geiz und Eigensucht —, ihnen keine Nuß in die Mäuler geraten zu lassen. Ja, das schwor er sich. Und der Geiz hat zähe Tugenden.
Nicht allein, daß er Klapper und Katzenschreck, Leuchtstreifen und Glimmband ins Geäst des Baumes hängte, sich selbst stellte er als Wachtposten mit geladener Pistole am Stamme des Nußriesen auf, um jeden Übergriff sofort zu ahnden und abzuurteilen. Während der Zeit nun, da die Nüsse ihrer letzten Neife und Süße
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Das Eichhörnchen isi in seiner Schönheit und Munterkeit eine Zierde der heimatlichen Landschaft und wird daher der „rote Prinz des deutschen Waldes“ genannt.
Aufn.: Hermann Fischer, Braunschweig.
entgegenbrieten und die grünen Schalen hie und da bereits zu sprengen anhuben, tat Warnke kein Auge zu. Die Angst, daß eine von ihnen in Unrechte Hände geraten könnte, benahm ihm Schlaf und Ruhe.
Geiz ist eine zehrende Krankheit. Was sie auf der einen Seite anhäuft, schwindet ihr auf der anderen davon. Des Baumes Fülle mußte Warnke mit einem übelbefinden bezahlen, das ihn mehr und mehr auszehrte und aushöhlte. Schon das leiseste Geräusch schreckte ihn hoch und der einfachste Laut ließ ihn erzittern.
Doch der Geiz ging siegreich aus diesem Treffen hervor. Keinem Eichhörnchen gelang es, unbehindert in das Geäst des Walnußbaumes vorzudringen. Warnkes Pistole vertrieb sie mit Pulver und Dampf. Nein, keine Nuß, außer den tauben, ging dem Geizhals verloren. Am letzten Tage seines nächtlichen Wachdienstes konnte er Ernte halten und die fetten, dicken Nüsse in mächtigen Haufen einsammeln und auf dem Boden zum Trocknen anhäufen. Wie sonnte sich der Geizhals angesichts seines Schatzes. Nun konnte er wieder guten Sinns der Ruhe pflegen, da er seinen
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