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Gern hätte ich das hier Gesagte verschwiegen.

Doch sind bei Deine« Gedichte« Zügen All diese Gedanken in mir erwacht.

Du hast mich zum Kunstkritiku« gemacht.

Al« du zum Ziel Deine« Witze« un« genommen.

Da ist mir'« von selbst in den Sinn gekommen.

Wa« thun denn die weisen Herren Professoren,

Die zum-Spott sich die Sonntagsgäste erkohren?

Wo sind denn die Werke, die sie un« schufen?

Wie hoch stehn denn sie auf de« Parnassu« Stufen?

Der Kunstsinn sich bildet am Kunstwerke nur.

Die Liebe zum Schönen folgt de« Schönen Spur;

Drum belehret un« nicht durch ironischen Rath,

Belehrt un« durch Handeln, belehrt un« durch That.

IV.

Am 3. September 1859 war die Frankfurter Künstlerge­sellschaft im Vereins-Saale zur Stadt Lyon versammelt um den preisgekrönten Saalbaumeister Burnitz und dem Erbauer de« neuen Irrenhauses Pichler ein Fest zu geben. Der Saal war festlich geschmückt; Gewinde von Eichenlaub hingen in malerischer Verschlingung von der Decke herab; über den Bildern waren theilö Blumenkränze, theil« Bündel einhei­mischer Gemüßesorten angebracht. Während de« Mahle« erhob sich der damalige Bicrpräsident de« Verein«, Maler Lindenschmitt, um die Jubelgreise mit blonden Locken als Künstler und Zierden de« Verein« hoch leben zu lassen. Maltz brachte den Kapitalkünstlrrn, welche die Mittel, um die Kunst zeigen zu können, herbcigeschafst hätten, ein beson­dere« Hoch, wofür Herr vr. med. Varrentrapp mit einem ernsten Trinkspruch dankte. Nach einer Weile trat ein Grei« mit weißem wallenden Barte und Perrücke herfür und bestieg die Tribüne. Seine Rede galt der Eintracht, dem himmlischen Glauben an die Freunde, welche dadurch, daß sie zwei jüngere Genossen an diesem Abend auSzrichneten den jüngeren Kräften ein Blick der Aufmunterung gönnten, der belebend die Pulse für neue« Schassen wecke und anstatt der Zweifel, des un- sichern Fühlen« und Versuchen« bei jedem neuen Werke, die Sicherheit mit den Freunden mehre. Der Redner, Herr Pichler, schloß mit einem Hoch auf die Kunst: sie lebe mit ihren Jüngern, ihren Freunden und Beschützern hoch!

Dem Ernste folgte jetzt der Humor.

Ernst Schalck verlaß folgende Verse:

Schon wieder hat in unsrer Stadt Sehr große« sich ereignet:

Der Pichler und der Burnitz hat Ein jeder wa« gezeichnet,

Und haben sich hervorgethan,

Im Einzeln wie im Ganzen,

Mit einem schönen Tollhausplan Und einem Saal zum Tanzen.

Dann hieß es weiter:

Ist Burnitz' Saal auch groß genug Und hat er'« nicht versehen.

Daß Frankfurt'« Künstler beim Besuch,

Sich nicht im Wege stehen?

Ist auch der Boden so im Saal,

Daß er auch un« mag frommen,

Und daß wir endlich auch einmal.

Da auf die Strümpfe kommen!

Wir hoffen«! und ein neuer Len;

Wird dann für un« erwachen,

Wir haben jetzt die Konkurrenz,

Die wird da« Ding schon machen.

Nach einigen wetteren Auslassungen schloß da« Gedicht:

Euch bring ich hier ein Vivat au«'

So laut wie kein« ertönte:

Der Tanzsaal hoch und'« Irrenhaus!

Und hoch Ihr Preisgekrönte!

Herr vr. meä. Spieß, der Präsident de« Berwaltung«- rathe« der Saalbaugesellschaft, ergriff hierauf da« Wort, um in wohlgefügter Rede die Bedeutsamkeit de« Saalbaue« für die hiesigen Künstler hervorzuheben und diese zu ermahnen, an Entwürfe zu denken, wie der Saal der Stadt würdig auszuschmücken sei, auf daß er ein Denkmal der Frankfur­ter Kunst werde und ihr bei der Nachwelt zum Ruhme ge­reiche.

E« folgte nun ein Festspiel. Die Gestalt deralten Mut­ter Perspective" mit vertrocknetem Eulengesicht, eine lange Gestalt um welche ein langer Talar los und ledig herum­schlotterte, trat auf. (Sie wurde von Schalk dargestellt) und sprach:

Als Freundin bin ich hergekommen,!

So alt ich bin, viel tausend Jahr!

Hab auch die Kinder mitgenommen Euch zu begrüßen Jubilar'!

Man kennt mich aller Ort und Wegen,

Denn ohne mich steht alles schief.

Mich nennen alle Kunstkollegen:

Die alte Mutter Perspectiv.

Und meine Kinder hier, die schaffen Der sie verachtet, Noth und Qual,

DeS Künstlers gute Wehr und Waffen Sind sie und heißen: Material.

Nehmt meinen Wunsch für euer Streben,

Gmg euch auch manche Hoffnung schief.

So zählt auf mich, ich bin im Leben Euch eine Jubel-Perspectiv.

(Fortsetzung folgt.)

Börsenschau (20. bis 27. Aug.)

Die in unserer Rundschau von voriger Woche kurz envädnte und besprochene TiScontoerdöhung der englischen Bank machte damals nur einen geringen Eindruck, gleichwohl ging aber schon damals durch die Tempelhallen MercurS ein finsterer Gem. dessen Name man aber noch nicht auszusprechen wagte und der fich Geldversteifung nennt. TaS schlimmste aber war, wie wir vor 8 Tagen eS anzudeuten wagten, daß über das tolle Treiben der Börse mürrische Geister oder ahnungsvolle nicht interesfirte Gemüther be­fürchteten . daß dem Londoner Beispiels nicht nur die Pariser und Deutsche Reichsbank werde folgen müsten, sondern auch, daß die Londoner Bank noch eine weitere Erhöhung ihres Tiscontosatz^s werde eintreten lassen. Leider find diese vielfach als krasser Pessi­mismus lverschrienen oder verlachten Befürchtungen in der neuen Woche eingetreten und von diesem Moment an hat nch, wie durch den bekannten einen Meisterstrich daS lachende Kind in ein weinendes verwandelt, selbst die großen und hitzigen Streitfragen über Aus­legung und Beurtheilung der Semestralbilanz der Creditanftalr. die bis Mittwoch inclus. fast den alleinigen Gegenstand der TageSord nung aller Börsen bildete, find durch die gestern und deute erfolgten Diskonterhöhungen in London. Paris und Berlin völlig verstumm: und man richtet an die Zukunft einzig und allein nur die große Frage: wie weit die Curse in Folge dieser Tdatiachen noch fallen, sinken und verstauen werden? Waren deme Mittag die Eune auch noch erträglich und fragwürdig zu nennen, »o ist dies öei den Abendkursen kaum noch der Fall und daß Ereditactten von 310 am Mittwoch im Abendgeichäft bis 306S0a. ja schließlich auf 304* i