nungrn in zwei Lieferungen, jede zu zwölf Blättern, heraus- geben, von denen er die zweite während feines geplanten Aufenthalts in Italien vollenden würde. Im April 1811 waren sechs Blätter (Auerbachs Keller; Faust bietet Gretchen den Arm; Faust mit Gretchen im Garten; Gretchen kniend vor der Autor ckolorosu; Walpurgisnacht, Faust von Mephistopheles geführt; Faust und Mephistopheles zu Pferde beim Rabenstein vorübersprengend) vollendet, welche der Künstler seinem nach Weimar reisenden Freunde Sulpiz Boisseräe mitgab, statt eines beabsicktigten Briefes an Goethe ihm den Auftrag ertheilend, dem Dichter von seinem Vorhaben Mit- theilung zu machen. Goethe war dem Zug der jüngeren Künstlcrgeneration zu dem Mittelalter nicht Feind, er betrachtete das Fußen darauf als nützlich und als Ucbergang zu einer besseren Anschauung, „nur müsse man ihm nicht glorios zu Leibe rücken." Boisscröe irrte demnach auch, als er fürchtete, die Arbeiten des jungen Künstlers würden ihres altdeutschen StylcS wegen keine Gnade bei dem Dichter finden; wie denn auch Goethe bald an den Grafen Reinhard berichtete: „Boisferäc hat mir ein halb Dutzend Fedcrzeich- zeichnungen von einem jungen Mann, Namens Cornelius, der sonst in Düsseldorf lebte und sich jetzt in Frankfurt aufhält, und mit dem ich früher durch unsere Ausstellung bekannt geworden, mitgebracht, die wirklich wundersam sind. ES sind Scciicn nach meinem „Faust" gebildet. Run hat sich dieser junge Mann ganz in die alte deutsche Art und Weise vertieft, die dann.zu den Fanst'schcn Zuständen ganz gut passen und hat sehr geistreiche, gut gedachte, ja oft un- übcrtresslich glückliche Einfälle zu Tage gefördert, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er es noch weit bringen wird, wenn er nur erst die Stufen gewahr werden kann, die noch über ihm liegen." Cornelius selbst ließ er durch Boisseräc einige freundliche Zeilen zukommen, worin er seine Freude über dcö Künstlers Fortschritte aussprach und sich über die Zeichnungen gegen ihn äußerte: „Da Sie sich in eine Welt versetzt haben, die Sic nie mit Augen gesehen, sondern mit der Sie nur durch Nachbildungen aus früherer Zeit bekannt geworden, so ist cS sehr merkwürdig, wie Sic sich darin so rühmlich finden, nicht allein was das Costüm und sonstige Äußerlichkeiten betrifft, sondern auch der Denkweise nach; und cö ist keine Frage, daß Sic, je länger Sic auf diesem Wege sortfahrcn, sich in diesem Elemente immer freier bewegen werden.-Daß die Reinlichkeit und Leichtigkeit
Ihrer Feder und die große Gewandtheit im Technischen die Bewunderung aller derer erregt, welche Ihre Blätter sehen, darf ich wohl kaum erwähnen. Fahren Sic fort auf diesem Weg alle Liebhaber zu erfreuen, mich aber besonders, der ich durch meine Dichtung Cie angeregt, Ihre Einbildungskraft in diese Regionen hinzuwenden, und darin so musterhaft zu verharren." Cornelius fand in Frankfurt den Buchhändler Weimer geneigt, die Herausgabe der Faustzeichnungcn in Stichen zu unternehmen und nachdem er noch die Zeichnung „Gretchen in der Kirche" vollendet hatte, ging er im September 1811 nach Rom. Dort vollendete er die fünf weiteren Blätter. Bon dem ersten Plan 24 Blätter zu schassen, stand er ab. Tic von Rom datirte Widmung der Zeichnungen an Goethe lautete:
„Wenn auch jede wahre Kunst nie ihre Wirkung auf unverdorbene Gcmüthcr verliert, und die Worte einer großen Vergangenheit uns mächtig in die damalige Denk- und Empfindungsweise hineinziehen, so sind doch die Einwirkungen einer gleichzeitigen Kunst noch ungleich größer und lebendiger, und ganze Völker, ja ganze Zeitalter sind oft von den Werken eines einzelnen großen Menschen begeistert worden. Wie Ihre Excellcn; auf Ihre Zeit und besonders auf Ihre Nation ge-
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wirkt haben, ist davon der sprechendste Beweis. Möchten Sie unter den tausend Stimmen der Liebe und Bewunderung, die sich dankbar zu Ihnen drängen, die meinige nicht ganz überhören, und diesem geringen Werk, als einem schwachen Wiederschein Ihrer lebendigen Schöpfungen, eine kleine Stelle in Ihrem Andenken so lange gönnen bis ein Würdigerer kommt, der mit größerer Kunst und reichbegabterem Geiste das wirklich vollführt, wonach ich so sehnlich, aber mit geringem Erfolge gestrebt habe."
Von zwei anderen Künstlern, Näke und Retzsch von Dresden lagen später Goethe ebenfalls Compositionen zu seinem Faust vor. Gelegentlich der Besprechungen dieser schrieb er: „Doch das bedeutendste in solcher Art von Darstellungen hat vor kurzer Zeit Cornelius geliefert, der, seit einigen Jahren sich in Rom aufhaltend, unter den Bekennern des neualterthümlichen Geschmacks als einer der Häuptlinge angesehen wird. Von seinen erwähnten Darstellungen aus „Faust," welche als Folge ebenfalls das ganze Gedicht umfassen sollen, wird ehestens eine Abtheilung von Ruscheweyh zierlich radirt*), im Publikum erscheinen; sie enthalten reichere Compositionen als Retzsch'S Blätter, und der Künstler scheint darin Dürer» sich ;um Vorbild genonimen zu haben. Ungefähr in gleichem Geschmack hat Cornelius auch verschiedene Zeichnungen nach den Nibelungen**) ausgefiihrt." Johann Friedrich Wcnner starb am 5. Juni 1885. Aus seinem Nachlasse erwarb das Städel'sche Kunstinstitut die Faust« zeichnnngen. In der Ausstellung sehen wir die Faustcompo- sitionen in einer Reihe Skizzen. Desgleichen eine Anzahl Skizzen zu einer „Reise nach Königstcin" und Studien zu Transparenten, welche aus des Künstlers Thätigkeit während seines Aufenthalts in Frankfurt stammen. Von Cornelius zeigt die Ausstellung auch vier Oelbilder, nämlich drei Por- traitS, darunter die des Buchhändlers WrlmannS und dessen Frau und eine „Heilige Familie," letzteres aus der historischen Sammlung der Stadt Frankfurt. Das Bild war im Aufträge des Fürsten Primas gemalt, welcher auch andere dekorative Arbeiten bei Cornelius bestellt hatte. Es sei hier noch zur Charakteristik des Künstlers eines ZngeS aus seinem hiesigen Aufenthalt gedacht. Ter Fürst, welcher Pendants zu einem in französischer Manier hergestellten religiösen Gemälde wünschte, bot dem Künstler, unter der Bedingung von deren gleichartiger Herstellung, ein Stipendium zur Reise nach Rom an. Doch Cornelius lehnte entschieden ab und verfolgte lieber ununterstützt seine sclbstgewähltc Bahn. — Von den gleichzeitig mit Cornelius und in seinem Kreise wirkenden Künstlern ist in der Ausstellung Johann Teller von Biberach, welcher mit Cornelius, hier gemeinschaftlich wohnte, durch ein Portrait des Lautenspielcrs Scheidler und Karl Barth, welcher sich nochmals in den zwanziger Jahren hier aufhiclt, mit einer Reihe von Zeichnungen und einigen Stichen vertreten.
*1 Acht Blätter erschienen 1816—1818 von Ferdinand Ruscheweyh und Thäter. Eine Ausgabe in neuen Abdrücken erschien I84ö m Berlin: eine kleine in lithographirten Umrisien in München. Das Blatt „Faust und Mephistopheles zu Pferde beim Rabcnstein vorübersprengend" auch im Holzschnitte bei RaczynSki.
**) Das Städel'sche Kunstinstitut hat die Originalzeichnungen von Cornelius zu den Nibelungen, welche im Besitz der Reimer'schen Buchhandlung in Berlin waren, um den Preis von 7000 fl. angekauft. Es ist einmal eine Reihe von Blättern, die Geschichte Siegfried» darstellend, in Frankfurt begonnen, in Rom 1811 und 1812 vollendet, von H. LipS ziemlich schlecht gestochen. Sodann aus einem Blatt vereinigt eine Reihe von Compositionen, das ganze Lied um- sasicnd bis zu ChriemhildeS Tod, 1817 gezeichnet, bekannt durch eine» braven Stich von Barth und Amsler, der indeb hinter der Feinheit des Originals zurückbleibt. Das Institut besitzt auch die Originalzeichnungen zu Romeo und Julie von Cornelius.
Redattion und Verlag: F. Rittweger. — Truck: Krebs-Schmitt Rachf. Gebr. Weisbrod, Frankfurt a. M.
