M 1,
1875,
Beiblatt zum Frankfurter Beobachter.
V* Frankfurt, 3. Januar
Zum Jahreswechsel.
—* DaS erste Gefühl, mit dem wir das neue Jahr begrüßen, mag ein stiller Dank gegen den Himmel fein, daß die feit dem Monat Mai 1873 elngetrrtene «irthschastliche KristS in unserem schönen Frankfurt auch nicht annähernd solche Verheerungen aagerichtet hat, wie in der „Kaiserstadt" an der Donau oder auch in der „Kaiserstadr" an der Spree. Furchtbar hat zunächst Wien, und »it itzm die Mehrzahl der größeren östrrrrichischeu Städte, den kurzen Traum eines unerschöpflichen Reichthumü büßen wüsten, der von der Börse aus in all» Adern deü wiithschaftlichen Lebens sich ergoß und alle Elasten der Bevölkerung in einen wilden Taumrl der Genuß- und Gewinnsucht versetzte, bis da» von Manche» vorausgesehene .Ende mit Schrecken" anscheinend einem „Schrecke» ohne Ende" Platz machen sollte. Dev» die bittersten Leiden, welche im Gefolge deS „großen Krach»" über di« Wiener Bevö'.kerung gekommen si,d, beginnen sich erst jetzt recht zu zeigen; noch manche Existenz, manche- Familienglück wird ihnen zum Opfer fallen mßffrn, ehe da» Morgen, oth besserer Tage herauf- steige» kann. Die zweite Hiilfte de» Jahre» 1873 beschränkte die Wirkungen der „KristS" noch auf die eigentlichen SprculationS- kreise, bezüglich deren unser Mitleid, wenn e» überhaupt am Platze ist, nur rin g»rivgeS sein kann; da» erste halbe Jahr 1874 war dem unablässige« Ringen de» Handel» und der Jadußtie gewidmet, die schlimme Krankheit von sich serozuhalten und au» dem Schiff- brnch eine» momentanen fabelhafte» Aufschwünge» wenigsten» die bescheidene Fortexistenz de» normalen wirthschaftlicheu Verkehrs zu retten; der Schluß de» Jahre» 1874 aber hat die „Handels- kcisi!" in Oesterreich zu« vollen verderbenbringenden Ausbruch gebracht. Wie der Ertrinkende flch an ein schwache» Rei» klammert, da» ihm Rettung bringen soll, so hoffte in Oesterreich die Geschäftswelt noch auf ein leidlich gute» „WeihnachtSgrschä't", diS die matt palstrendea Adern dr» BerkchrS zu neuem Leben wecken sollte, — ober auch diese Hoffnung hat sich als trügerisch er. wiesen uvd an» den Berichten der österreichischen Blätter spricht eine geradezu verzweifelte Stimmung. Die Tausende und aber Tausende von kleinen Geschäftsleuten, denen nnr ein geringer Fond zur Verfügung steht, um ihren LebenSerwerb im Gange zu erhalten, Masten von Arbeitern, welche in den großen, jetzt stockenden Geschäfte» genau soviel oder doch nicht viel mehr verdienten, als sie zu ihrer und ih-er Familie Existenz bedurften, — all« diese BevölkeruugSelaffen, sind zu einem bedeutendes Procentsatz- entweder schon in die bitterste Roth gestürzt od.r sehe» dem Augenblick der völligen ErwerbSlofigkeit mit fatalistischer Sicherheit entgegen. Und da» nach einem Ernte« fahr, wie e» seit langer, langer Zelt nicht gesegneter vor. gekommen ist, so daß die Mittel zur Ernährung Aller vollauf vorhanden sein wü»dev, wäre nicht da» Uebtl etagetret u, welche» heute ganz dieselbe verderbenbringende Wirkung hat, wie in früheren Ze't'n eine totale Mißerudte — die G:- schä ISkrifi». Wir haben die Ursachen dieser Kcisi» a» anderer Stelle schon zu oft besprochen, al» daß wir sie hier noch einmal hervorzuhebea brauchten, wa» ja ohuehla nicht in den Zweck««
unserer heutigen Betrachtung liegt. ES genügt uv», zu betonen, daß in Wie«, wie in Oesterreich überhaupt, de» Nebel am .Schlimmsten sich auSgebreitet hat, daß aber auch in Berlin dem Uebermuth einer kurzen und tollen SpeculatiouS Epoche ein jäher Sturz gefolgt ist, dessen Nachwirkungen noch heute kriueLvegS ihren Abschluß erreicht haben. Auch in der „ReichShauptstedt" an der Spree hat da» WeinachtSftst 1874 viel zerstörte Hoffnungen, viel bange Sorge» um die Zukunft «»getroffen uvd e» darf al» Gradmeffer für den feit der Krifi» eingetretenen großen Rückschlag gelten, wenn wir nach den zurerläsfigsteo Berichten die Thatsache verzeichnen, daß die Preise dr» Sruodeigenthum» in Berlin heute durchschnittlich 25 pEt. niedriger stehe», al» e» »och vor achtzehn Monaten der Fall war. (Eia G.uodstück in der Leipziger Straße z. B., für welche» vor noch nicht langer Zeit dem Eigenthümer vergeblich 400,000 Thaler geboten «ordeu waren, ist jetzt von demselben für 300,000 Thaler an den Staat zu» Zwecke dcr Eiarichtung für da» landvirthschaftliche Ministerium verkauft worden. Die sog. „ Luxuswohnungen" ferner werden häufig weit unter der Hälfte der Preise von 1872 vermiethet; viele derselben stehen ganz leer, gleichwie zahllose „BautrrraiuS", für welche die Bauten schon projectirt waren, wieder ihrem ursprünglichen Zwecke zurückzegebeu find.)
Wie stehen wir nun am Ende de» Jahre» 1874 in Frankfurt? Unstreitig weit glücklicher al» die Stadt Wien, ungleich günstiger auch al» Berlin. Die Krist» ist gew ß auch bei unS nicht spurlos vorübrrgegangen; wir traten vielmehr fe't de« Sommer 1873 in eine Periode der Ge schäftest il!e ei», die für einen großen Theil der Bevölkerung gewiß ihr Drückende» haben mag, aber nun einmal da» unvermeidliche Heilmittel skr die in allen Berkehr»zweigeu während zweier Jahre hervorgetretrne Tendenz ist, die Preise aller Bedürfnisse und aller Weithe auf eine unnatürliche Höhe zu schraube». Die rückgängig» Bewegung hierin ist zum Theil bei uo» schon eivgetreten, zum Theil wird sie fich, wa» eine Reihe von Bedürfnissen de» Lrbev» betrifft, noch vollziehe«; aber günstige locale Verhältnisse ermöglichen eS unS, den Uebergang zu normalen GeschäftSzustäudeu mit weit geringeren Opfern und Schmerzen zu finden, al» e» in Wieu uvd Berlin der Fall ist. Wir haben hier noch in weit größerem Maße, als jene beiden Städte sich deffen rühmen können, einen wohlhabenden Mittelstand, welcher „gute Zeiten" gern hinuimmt und „böse Zelten" zu ertragen vermag, ohne sich in seiner Existenz bedroht zu sehen. Daher die günstige Folge, daß bei einer Geschäft»- klemme, wie wir sie gegenwärtig zu durchleben habru, bei u»s nicht sofort eine allgeueiae Muthlosigkeit eintritt, w-lche daS wirklich bestehende unvermeidliche Nebel ohne Roth verkoppelt und verdreifacht. Gewiß würde eine Statistik de» Gesammt Umsatzes, welchen die hi.fige, auf da» Loealbedürfuiß angewiesene Ge. schäftSwelt im abgelaufeuen Jahre hatte, ein erkleckliches Mino» gegen die vorhergegangeneu „guten" Jahre avfwrifen, aber immerhin ist daS Deficit nicht so groß, daß eS zu eiaer wirklichen Gefahr für unsere commereiellen Zustände werden könnte. Die kleineren Geschäfte bringen sich, wie man zu sagen pflegt, durch, urd haben sogar «ährend der WeihnachtS-Epoche im Ganzen ein - günstizttLÜ-Result t zu verzeichnen, ol» anfänglich erwartet ode; Umv.-Öibl. f
Frankfurt/Main
