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BermögenStheilung zwischen Staat und Stadt nun keine großen Schwierigkeiten mehr finden, daß der Stadt ohne scrupulöse Untersuchung der formellen RechtStitel zurückgegeben werde, was ihr gehört, und was zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse nothwendig ist. Nach dem PräcedenS mit den Fürstenentschädigungen hätte sogar erwartet werden dürfen, daß die Regierung noch etwas mehr thue, als waS die Forderungen der strengsten Billigkeit erheischten.
Aber zum Erstaunen der Bürgerschaft und zur schmerzlichsten Ueberraschung aller derer, welche eine endliche Beseitigung der ungewissen Zustände unseres Gemeinwesens wünschen, find die Verhandlungen abermals auf einen Punkt gelangt, in welchem eS Pflicht jedes mtt den Verhältnissen von Frankfurt Vertrauten und für dessen Zukunft sich In- teressirenden ist, laut gegen die Absichten der Regierung zu protestiren.
Wir haben nicht nöthig, uns hier in ziffernmäßige oder in juristische Untersuchungen einzulassen, liegt doch in dieser Beziehung Material genug vor, und zeigt der Bericht über die von der städtischen Deputation in der anerkennenS- wrrtheflen und correctesten Weise geführten Verhandlungen ohnehin zur Genüge, daß die Regierung bei ihren Anforderungen mehr von allgemeinen Erwägungen, als von speziellen und positiven Gründen sich leiten läßt. ^Handelspolitische und militärische Gründe" sollen die Einziehung der Eisenbahnen für den Staat nothwendig machen. Zugegeben, wiewohl sich darüber streiten ließe — aber machen „handelspolitische und militärische Gründe" eS auch nothwendig, daß der Stadt keine Entschädigung für ihr wohlerworbenes Eigenthum gegeben wird? Mußten die Throne der Fürsten in Nassau, Hannover und Kurhessen nicht aus politischen Gründen fallen, und sind ihnen nicht dennoch Entschädigungen, die in dem „Eroberungsrechte" durchaus nicht vorgesehen sind, zu Theil geworden? Und ist ein Georg Rex, ein Herzog Adolph oder ein Friedrich Wilhelm von Hessen — find diese Herren etwa verdientere und werthvollere Persönlichkeiten, als eine ganze Bevölkerung von 80,000 Seelen, deren Wohl und Wehe von der billigen Regelung jener Fragen abhängig ist?
ES können in Zeiten außerordentlicher Bedrängniß auch außerordentliche Anforderungen an die Staatsangehörigen gestellt werden, aber abgesehen davon, daß die- in jedem geordneten Staate nur auf dem regelmäßigen Wege der Besteuerung geschieht, sagt uns die Thronrede vom letzten Freitag in der die Erhöhung der Kröndotation betreffenden Stelle, daß die Finanzlage des Staates eine g ü n st i g e ist, daß ferner die Regierung nicht einer kriegerischen, sondern einer friedlichen Epoche entgegensteht, daß sie somit, bei gefülltem Staatsschätze, durchaus nicht in der Notwendigkeit sich befindet, die Finanzpolitik über die Politik der Billigkeit und der Slbonung zu setzen.
Von welchen ErwägungSgründen die Regierung bei ihrem Verhalten in dieser Angelegenheit zum Theil sich leiten läßt, wird einigermaßen durch die Stelle in dem Rescripte klar, in welcher von dem Fehlen eines „Proletariats" in Frankfurt die Rede ist. Bei diesem Punkt müssen wir einen Augenblick verweilen.
Wenn Frankfurt früher in der glücklichen Lage war, kein „Proletariat" oder, um einen zutreffenderen Ausdruck zu gebrauchen, eine dem Elend preisgegebene Bevölkerung zu besitzen, so hatte dies feinen Grund in Verhältnissen, die heute zum guten Theil nicht mehr bestehen. Bei der großen Blüthe, deren sich Handel und jede Art wirthschaft- sicher Thätigkeit in der freien Reichsstadt erfreuten, wozu
noch die Anwesenheit einer großen Zahl reicher Fremder, wie die Gesandten deS Bundestags mit ihrem gesammten Personal hinzukamen, hatte hier die menschliche Arbeit einen hohen WerthcSgrad erlangt; wer nur irgend Kraft und guten Willen besaß und mit der sittlichen Ordnung nicht im Kampfe lag, brauchte um seinen Lebensunterhalt nicht besorgt zu sein. Für arbeitsunfähige unbescholtene Arme sorgten die milden Stiftungen, hauptsächlich aus Legaten und freiwilligen Beiträgen der Bürgerschaft erhalten, in der ausgedehntesten Weife, und so kam eS, daß der schlimmste Auswuchs deS großstädtischen Lebens — gemein- schädliches und gemeingefährliches Gesindel — hier zu den unbekannten Dingen gehörte.
ES würde aber eine arge Täuschung sein, wollte man annehmen, daß unter den veränderten Verhältnissen, die mehr oder weniger den Wohlstand jedes einzelnen Bewohners von Frankfurt herabgedrückt haben, in jener einen Beziehung die Stadt immer das alte Bild darbieten müsse. Mit der gesunkenen Blüthe deS Handels, mit dem Wegfall sehr beträchtlicher Summen, die früher in Frankfurt, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen, verzehrt wurden, fällt auch naturgemäß in ganz gleichem, wenn nicht noch in höherem Maße, die Gelegenheit für den Besitzlosen hinweg, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. Eia absoluter Nothstandist bereits unter den Bauarbeitern eingetreten, und wenn wir die Ursachen der neuerdings sich immer steigernden Vergehen gegen das Eigenthum erforschen wollen, so würde eine Statistik der ftüher und jetzt von hiesigen Arbeitgebern aller Art gezahlten Löhne den besten Maßstab geben.
Alle Bestrebungen her Bevölkerung müssen deshalb darauf gerichtet sein, den ArbeitSmarkt möglichst zu heben — wenn er auch kaum wieder auf die alte Höhe gebracht werden kann — Fremde heranzuziehen und für diesen Zweck nützliche Ausgaben, die ja nur ein Anlagekapital sind, nicht zu sparen. Soll in dieser Beziehung das Richtige geschehen, so wird während einer Reihe von Jahren der Aufwand der Commune ein erheblich größerer als früher sein, denn cS ist klar, daß bedeutende Unternehmungen, welche der Stadt als solcher zu Gute kommen und nicht bloS eine gewinnbringende Anlage im engeren Sinne sind, nur von der Commune ausgehen können.
Von Seiten der Regierung darf diesem Bestreben zum Allermindesten nicht in den Weg getreten werden, waS indirect dadurch geschehen würde, daß der Stadt nur die nothdürftigen und nicht die reichlichen Mittet gelassen werden, um den Bedürfnissen deS Gemeinwesens zu genügen; eS ist rationell ebensowenig zu rechtfertigen, als mit den thatsächlichen Verhältnissen vereinbar, wenn daS vermeintliche Fehlen eines Proletariats in Frankfurt bei der Ausmessung der der Stadt aufzulegendea Lasten in Betracht kommen sollte. In zahlreichen amtlichen Kundgebungen, hauptsächlich in den Proclamationen deS Königs selbst, ist den neuen LandeStheilen die feierliche Zusicherung gemacht worden, daß ihre Verhältnisse unter dem neuen Scepter gegen die früheren Zustände sich nicht verschlimmern sollten; die- also, eine unparteiische Vergleichung zwischen früher und jetzt, giebt den einzig richtigen Maßstab für die finanzielle Auseinandersetzung zwischen Staat und Stadt, wie eS in ganz ähnlicher Weise zwischen Provinz und Staat in Kurheffen geschehen ist.
Aber eS scheint, und persönliche Aeußeruugen hoher Staatsbeamter, wie sie zum Oefteren constatirt sind, mach« diese Vermuthung fast zur Gewißheit, daß in diesen rein
