1146

Feinde, betroffen über den großen Verlust an \ Leuten, der ihnen mit jedem Schritte vorwärts drohte, stutzten und unschlüssig in ihrer Stellung verharrten. Nur auf dringende- Bitten und dro­hende Befehle ihrer Vorgesetzten marschirten sie weiter. Jeder Schritt kosteste eine Menge Menschen­leben. Unter dem heftigsten und vernichtendsten Gewehrfeuer rückten sie bi- zu dem Graben vor.

Weithin zitterten die Lüfte von dem dröhnenden Hall der Donnerbüchsen und die Mauern der Stadt waren schon ziemlich durch die feindlichen Kugeln beschädigt. Dazu kam noch, daß den Belagerten die Munition au-gehen wollte. Sie mußten also entweder capituliren, oder fürchten, unter den < Trümmern der Stadt begraben zu werden, wen noch da- würgende Schwert der Feinde übrig ge­laffen hatte. In dieser Noth berief der Stadt­schultheiß den Rath und trug demselben die ganze Sache ausführlich vor. Die Mehrzahl stimmte für Capitulation.

Alsbald verfügten sich die Rathsherren Hill und Moor, beide ehrwürdige Greise, deren silber- weiße Bärte über die Feierkleider fast bis über die Brust herniederwallten, in da- feindliche Lager. Unterdessen stellte man auf beiden Seiten da- Schießen ein.. Hier angekommen, wurden sie dem Obersten Kniphausen vorgesührt, der sie gerade nicht sehr höflich empfing, ja sogar anfangs gar nichts von Unterhandlungen wissen wollte, weil die Höchster ihn vorher so schimpflich abgewiesen hal­ten. Doch bald besann er sich eine- Besseren und ging, theil- um seine Leute -u schonen, theilS auch um Herzog Christian, der morgen von Oberursel erwartet wurde, in den Mauern von Höchst zu empfangen, auf die gestellten Bedingungen ein. Diese lauteten auf freien Abzug der Soldaten, jedoch mit Zurücklassung der Bagage und de- groben Geschütze- und auf vollkommene Sicherheit der Person und de- Eigenthums der übergebenen Stadt. Ueber den glücklichen Ausgang erfreut, kehr­ten die Abgeordneten in die Stadt zurück und ver­kündeten rasch die frohe Nachricht den de- Kampfe- müden Bürgern.

Die Sonne war schon längst hinter die Berge gesunken und schwarze, unheildrohende Gewitter-- wölken, die durch die Hitze de- Tage- erzeugt wor­den waren, standen am Himmel. Da- matte Licht de- Monde- beleuchtete nur dürftig die verschiedenen Gestalten, welche vor dem Thore ungeduldig seiner Eröffnung harrten. ES war Oberst Kniphausen mit seinen Osficieren und dem ganzen Heere, da- zum Theil ein breite- Spalier bildete, um die, wie sie glaubten, bedeutende Anzahl Truppen hindurch- zulassen. Endlich knarrten die schweren Angeln de- Thore-, die Zugbrücke ward niedergelassen und heraus marschirten sechzehn Soldaten mit einem Tambour an der Spitze.

Da hätte man die getäuschte Hoffnung und die kaum verhaltene Wuth auf allen Gesichtern sehen sollen, als Kniphausen auf die Frage: »Wie viel Mann Soldaten lagen in der Stadt?" die Antwort erhielt: »Dierundzwanzig." RachesckMaubend und zornig wandte er sich zu seinen Begleitern und rief mit grollender Miene: »^« sollen mir die Bürger büßen!" Also Bürger waren e-, noch nicht einmal kriegS- und kampfgerechte Soldaten, die ein solches Heer, wie das seinige, so in Ver­legenheit setzen, die sein siegreiche- Heer von der steten Ruhmeebahn abbringen konnten! Da- ertrug sein ungemeffener Stolz nicht länger. »Kein Par­don den Einwohnern und freie Plünderung den Soldaten," ließ er durch die Officiere bekannt machen.

In einem Nu durchlief der erwünschte Befehl alle Glieder und erfüllte die blnt- und raubgierigen Horden mit der trunkensten Begeisterung. Knip­hausen, an der Spitze de- Heere-, zog nun in Höchst ein. Ein wilde- Freudengeschrei ertönte durch diö gewitterschwangeren Lüste. Die Soldaten staunten sehr. Alle- so öde und leer zu finden und schon waren sie geneigt, zu glauben, die Einwohner seien alle gefallen, oder die wenigen, die noch übrig geblieben wären, hätten sich durch die Flucht ihrer Rache entzogen. Doch leider! wurden sie nur zu bald von dem Gegentheil überzeugt. Kaum waren sie hundert Schritte vom Thor entfent, als sich mehrere Gruppen Bürger an den Straßenecken blicken ließen. »

Laut frohlockend stürzten die erbitterten Feinde aus den Reihen und metzelten ohne Barmherzigkeit fast alle nieder; nur wenige entkamen. Diese eilten in den anderen Strafen umher und verkündeten laut, welcher Treulosigkeit sich die Braunschweiger schuldig gemacht. Da wußte Jeder, wa- er noch zu hoffen hatte. Alle schlugen den noch einzigen Ret- tungSweg, der ihnen übrig geblieben war, ein, nämlich über den Main zu setzen, und wie die früheren nach Mainz oder Frankfurt zu fliehen. Allein nur einer geringen Anzahl gelang die kühne Flucht. Wer nicht gerade unter den Ersten war, den ttaf da- unerbittliche Schwert der Barbaren. Auch dem Stadtschultheißen, der sich noch auf dem Rathhause befand, kam die trostlose Nachricht zu Ohren. Anfang- hatte er die Absicht, sich geradezu den treulosen Schaaren entgegenzustellen und ihnen ihren schändlichen Beirath und gottlosen Eidbruch vorzuhalten. Allein bald erkannte er da- Unnütze und Gefährliche diese- Planes Und doch! Vielleicht würde er es noch gethan haben, hätte nicht den bekümmerten Vater die zärtliche Sorge für da- Heit seiner Tochter bewogen, davon abzustehen. Auf den Fittichen der Angst und der bangen Hoff­nung flog er durch eine Nebenstraße in sein Hau-. Hier fand er Ludwig und Marie in trauliche- Gespräch versenkt. Beide waren unendlich froh, die