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Frankfurter Itadttheater.

Schauspiel.

(Schluß).

Man sieht, da- Stück leidet an einer Reihe von Si­tuationen, welche, wenn sie im wirklichen Leben Vorkom­men, bei der befferen Gesellschaft mindestens starken An­stoß erregen würden. Zwei ehrenhafte Männer, voll sitt­lichen Ernste- und peinlich auf den Ruf ihrer selbst und ihrer Familie bedacht, scheuen "sich nicht, zwei weibliche Wesen, denen sie die höchste Achtung schenken, durch un­vorsichtiges Gebühren dem Rufe der bösen Welt auS- zusetzen und die Dame, deren Tugend der'ganzen Anlage oeS Charakters nach vom Dichter selbst als unantastbar dargestellt ist, verbirgt zur Nachtzeit einen, wenn auch ihr von früher bekannten und geachteten Mann, von dem sie sich kurz vorher geweigert auch nur einen Brief anzu­nehmen, in dem Nebenzimmer, während ihr Verlobter ein Geheimniß enthüllt, das er nie und nimmer anderen Ohren anvertrauen möchte. Sie weiß es, daß der Andere lauscht und läßt den Enthüllungen ihren Lauf, ja, sie zwingt den aus den Gardinen Hervortretenden mit ihren Winken zurück und als ihr Verlobter zufällig den Schlüssel der kleinen Nebenhüre zum Vorschein bringt, lockt sie ihm denselben ab; und als Rolf nach dem Zweck fragt, sofort aber beifügt, wozu frage ich! Da du ihn willst hier ist er, schmeichelt sie den Geliebten an mit den Worten: Nicht wahr, du vertrauest mir? und auf die Bejahung drängt sie den Verlobten hinaus, um dem Lauscher den Schlüssel hinzuwerfen und ihm die Bahn zum Entweichen frei zu machen. Wir wissen, daß alles rein ist, daß kein Schatten auf Gertrude fällt, allein das Bedenkliche einer solchen Situation ist nicht hinwegzuläugnen und das Un­wahrscheinliche derselben ist doch gar zu augenfällig. Anderer Unwahrscheinlichkeiten wollen wir gar nicht ge­denken. Aber trotz dieser Aussetzungen, welche wir an dem Stücke machen müssen, ist es zum Theil sehr wir­kungsvoll und erregt vielfach hohes Interesse. Es mag ihm jener Reiz im Aufbau fehlen, den wir namentlich an französischen Stücken bewundern; es mag ihm ferner die seingegliederte Aufrollung und Lösung mangeln, aber es rieht an durch die durchgeführte Zeichnung der handeln­den Figuren, durch die psychologische Entwickelung der Lauptcharaktere. Wir haben Menschen vor unS, die dem Besseren und Guten zuneigen, edelgestaltete ehrenfeste Männer und mindestens einen weiblichen Charakter, der, obgleich ganz menschlich, doch eine fast ideale Reinheit in Anspruch nimmt. Selbst die übrigen Gestalten, welche in die Handlung verknüpft sind, äußern mehr eine komische als eine schlechte Seite. Was die Darstellung betrifft, dürfen wir im Ganzen wohl zufrieden sein. Handlung und Dialog griffen geschickt ineinander und wahrten dadurch dem Stück einen einheitlichen Guß. Der Rolf des Hrn. Schneider war eine hochherzige warme Mannesnatur und wir dürfen diese Rolle zu jenen zählen, welche im Naturell des Künstlers 'liegend, ihm so gut und lebenswahr gelingen. Auch Hr. Stägemann gab den Grafen Eberhardt mit einer feinen Distinction, vielleicht stellenweise etwas zu weich, immerhin aber mit einem sehr schönen Cclorit. Der Doctor Stampfenberg des Hrn. Hermann war eine Figur von sehr origi­neller Zeichnung, von der wir annehmen müssen, daß in ihr dem Dichter stark nachgeholfen ist. So drastisch sie wirkt, wissen wir doch nicht, sollen wir dem Doctor gut oder böse sein und sein An­bequemen an die Verhältnisse hat mehr Belustigendes als Aergerliches. Vortrefflich war die Scene zwischen dem Doctor und dem Präsidenten von Freiling, welchen Hr. Zademack zwar hier und da mit etwas Anflug an Outrirung, namentlich in der Sprache, aber doch mit vieler Bonhommie gab. Die übrigen Herrenrollen bilden

eigentlich nur Episoden, waren indeß, wenn wir von dem verunglückten Seemannsdialekt und dem Englisch des Schiffseapitain Torring (Hr. Werke nt hin) absehen, an­gemessen durchgeführt.' Frl. Weisse gab die Gertrude in ihrer naturalistischen Weise, die, wo nicht ein ge­wisses Sentimentalisiren übergreift, ihrem Wesen sehr gut steht und nicht verfehlt, volle Wirkung her­vorzubringen. Auch Frau Collot fand sich recht gut in die Rolle der Stadträthin mit der Betonung auf der zweiten Silbe, weniger aut ab mit der Mutter, die doch nicht so ganz von weiblichen Schwachheiten über­wuchert werden darf. Frl. Becker war als Marianne munter, lebendig, etwas naseweis, aber sonst auch ganz anmuthig. Frau Stägemann gab die Präsidentin als gemessene Salondame, die die ganze Nichtigkeit des Stan- oesvorurtheils recht greiflich erkennen läßt. Wenn wir an dieser Stelle ein Wörtchen wollten fallen lassen von der gegenwärtig eingerissenen Garderobemanie und Schleppsucht, so würden wir uns zu sehr der Damen Gunst verscherzen: darum wollen wir gerne zugestehen, daß Alles feine Bewunderer findet. Die dekorative Ausstattung war eine geschmackvolle.

Kleine Mittheilungen.

(Fr. Stoltze und der Palmengarten.) Die »Fr. Ztg." theilt folgende poetische Epistel mit, welche unser Friedrich Stoltze gelegentlich der Eröffnung des Palmengartens eingesandt hatte und in welcher er sein Ausbleiben bei dem Banket enffchuldigt:

Seit Mai schon heiser wie ein Rabe, der Kehlkopf wie

. ein altes Schwert

So rostig, bin ich alter Knabe nichts mehr fürs Banke-

tiren werth.

Die Nachtluft wird mich schwerlich heilen, und wenn ich

das Verbot vergaß

Vom Arzt Delosea zuweilen, lag ich drei Wochen auf

der Naf'.

Doch um daheim nicht zu versauern, geh' ich, in Aufsicht

meiner Frau,

Doch nie bei Frost und Regenschauern, zuweilen in- die

Rosenau".

Verwahrt den Hals mit zwanzig Tüchern, vor'm Mund Ä ,, , , ., . ^. des Respirators Zier,

Heb' ich mich weg von meinen Büchern und trinke einen

Schoppen Bier.

Als ich am Schillertage neulich mich in den Schwaben-

Club gewagt,

Kam ein Katarrh noch mehr als gräulich, der heute, ach,

noch an mir nagt;

Er hat mich schrecklich schon mißhandelt, gesttaft mich, daß

ich ächzend kroch,

Ach Gott, und unter Palmen wandelt man ungestraft

viel weniger noch.

Doch ov ich dankend auch verzichte, so schick' ich doch als

Souvenir

Statt meiner einen Band Gedichte von einem Friedrich Ä Stoltze hier.

Die dritte Auflag' ist erschienen. Das Alte stürzt doch

nicht so glatt.

Und es erblüht aus den Ruinen das Bild der alten

Vaterstadt.

Ich werde sie wohl nie verschmerzen, und feire sie in

ihrer Sprach'.

Verdräng' sie nicht aus deinem Herzen! Was Besseres

kommt selten nach.

Berantwortlicher Redacteur F. Rittweger. Verlag v. Rudolph Pfaebler. Druck von KrebS-Gchmitt Rach.olgerGedr. Wei-brod. Krautfun a. fDl.