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Dolfgang begann GrethchenS sittliche Ueler- tezenheit zu fühlen, gerade in demselben Maße, als sie seine geistige empfand, und auS diesem gegenseitigen Berhältniß entstand der schönste Austausch, die beiderseitige vollkommenste Ergänzung. Er, als der Geistes- und Kenntnißbegabtere, hatte das in dem Hause Ben Davids ausgewachsene Kind all- mälig herangebildet zum geistigen Verständniß, sie, die mehr Seele besaß als Geist, war mit dem Austritt aus den eigentlichen Kinderjahren, ihr selbst unbewußt, seine sittliche Führerin geworden.
Wolfgang fühlte, was er ihr zu danken habe und in diesem Gefühl verließ er das ihm liebgewordene Haus und eilte dem .großen Hirschgraben- zu.
Genau zu derselben Zeit, da Wolfgang sein Begegniß in der Bartholomäuskirche erzählt, lag in dem Rententhurm der Narbenmann auf den Knieen und betete mit einem kleinen, silbernen Crucifix in der Hand, dessen Rückseite er wiederholt küßte. Der Friede, welcher der Welt wiedergegeben, schien auch ihm geworden zu sein. Ruhig legte er sich auf sein dürftiges Strohlager nieder, gleich Einem, der endlich mit sich selbst einig geworden und seinen Entschluß zur Reife gebracht hat.
19.
Wenn je die alte Kaiserstadt Frankfurt ein Schauspiel der eigenthümlichsten Art dargeboten, das an Pracht und Glanz nur mit dem begrabenen Cäsarenthum zu vergleichen, dessen Purpur gewissermaßen seit Jahrhunderten auf den Schultern der deutschen Kaiser geruht, so war eS in den denkwürdigen Tage, da dem Sohne Franzi, und jener Hauptgegnerin Friedrichs II., Maria Theresia, der Weg angebahnt wurde zu dem deutschen Kaiserthrone, den er kaum ein Jahr später und durch Absterben Franzens besteigen sollte. Ja, wenn wir in dem Herzen Deutschlands einen Vergleich mit dem alten Römerthume beibehalten dürfen, so möchten wir behaupten, daß die germanische Reichsfeste in diesen Tagen an den lateinischen JanuS zu erinnern schien, der mit seinen zwei Gesichtern gleichzeitig nach der Vergangenheit zurück und vorwärts auf die Zukunft hin schaute.
Ein sonderbares Gemisch des Althergebrachten mit dem Geiste der Neuerung, des Antiken mit dem Modernen ließ sich bis in das äußere Erscheinen jener Volksmassen nicht in Abrede stellen, die, ncth- wendig und entbehrlich, selbstthätig oder nur gaffend, wie ein wogender, wühlender Schwarm, ein aus tausend zusammengesetzten Dimensionen und Farben gebildeter Knäuel, sich in den Straßen einherbewegte. Da sah man spanische Mäntel und Feder- Hüte, wohl aus der Zeit Carls VII. herstammend, dqnn wieder altdeutsche Trachten, und endlich, als
anschauliches Bild einer ächten UebergangSperiode, ein Wxtum-Oompositlim von beiden, die spanischen Halbstiefeln und die altdeutsche Mütze oder umgekehrt die Schnallenschuhe und den ausgepufften Waffenrock.
Denke man sich als Orchester zu diesem wahrhaft imposanten Maskensprele das fortwährende Geläute aller Glocken, den Donnergruß der Kanonen, vermischt mit dem tausendstimmigen Echo jener Tausende voll Stimmen, die entweder den durch Stellung und Beruf aus allen Gauen Deutschlands Herbeigeführten oder auch nur Denjenigen angehörten, denen ihre Bürgerschaft ein Recht darauf gab, den Festlichkeiten des TageS zuschauend sich beizugesellen, und man wird sich ungefähr einen Begriff machen können von der Großartigkeit deS Dramas, das hier, in unzähligen Deppelsceuen, sich seit dem Tage deS Wahlconvents unzählige Mal wiederholte.
Zug auf Zug, Gesandtschaft auf Gesandtschaft rückte heran, dem Kaiser und seinem Sohn einen würdigen Empfang zu bereiten. Predigten und Hochämter wurden in allen Kirchen abgehalten; das alte Bartholomäistift hallte wider von einem unablässigen le-veum. Die Wähler hatten sich in das Allerheiligste zurückgezogen und der Vorhang war für die Profanen gefallen, bis man endlich laut den Namen Josephs II. als den des neuen römischen Königs verkündete.
Freuderuf und Vivat erschütterten die Hallen deS Tempels und verbreiteten sich hinaus auf die Straße, von Munde zu Munde wiederholt. Es war den 27. März des Jahres 1764.
Nun nähern Kaiser und König sich der Stadt. Von dieser aus, bis jenseits der Vorstadt Sachsenhausen, dehnt sich ein unabsehbares Gefolge, das der Kurfürsten und Wahlbotschaster, die dort in einem Zelte versammelt sind, die Majestäten zu empfangen. In einem zweiten Zelte, unfern des ersten, harrt der Magistrat von Frankfurt, den Ankommenden die Schlüssel der Stadt zu überreichen.
Mit erzener Zunge ruft die große Carolus- Glccke des Doms den Herannahenden ihren Willkomm entgegen, alle übrigen Glocken übertönend; die Lust erzittert von den verdoppelten Salven der Kanonen und die in den Straßen der Stadt Spalier bildenden Bürger und Soldaten vermögen nur mit Mühe dem Andrang des Voltes so weit zu steuern, daß der den gekrönten Häuptern seitens der Stadt entgegeneilende Zug zu passiren vermag. — Endlich gelingt eS dem Stadtslallmeister sein mit einer prächtigen Wappeudecke behangenes Pferd, worauf der weiße Adler in rothem Feld abgebildet ist, vorwärts zu bringen. Ihm nach folgt die Schaar der Pauker und Trompeter, Rathsdeputirte und Bedienten des Raths, Letztere in der Amtslivree der Stadt. Hieran schließen sich drei Compagnien wohlberittener Bürger, dieselben, die das Geleit
