in Liebe und Hingebung mit jenen ihm befreundeten und werthen Menschen verkehrte. Diese- Benehmen sowohl .al- seine Gesinnung-- und Handlungsweise, die mithin nicht im. Müdesten mit denen de- BaterS und der Schwester Übereinstimmten, machten daher, daß Beide gegen ihn — wenn auch gerade nicht feindlich, doch oft mürrisch geflnnt waren und daß der Vater zuweilen nicht unterließ, ihm Vorwürfe über die Zurückgezogenheit au- vornehmen Gesellschaften, als auch wegen feiner Gemeinschaft mit Armen und Berlaffenen auf nicht gelinde Weise zu machen.
E- war an einem kalten Decemberabend; ein eisiger Nordwind blies durch die leeren Straßen der alten Reichsstadt und hoher Schnee hüllte die Erde in ihr winterliche- Kleid ein. In einem schönen, prachtvoll eingerichteten Zimmer eine- stattlichen Gebäude- der Fahrgaffe saß Alfted Reichenau bet seinem Jugendfteunde Hermann Köhler, dem Sohn eine- Arzte-, der mit ihm die Rechtswissenschaft studirt hatte, sowohl mit diesem als seinem Vater in angenehmer Unterhaltung die Zeit zubringend. Da klopfte e- leise an die Thüre de- Zimmer- und auf den Ruf seine- Freunde- trat ein junge- Mädchen, die Wangen von Thrä- nen genetzt und in ein einfaches Gewand den schönen Körper gehüllt, zu ihnen ein. Ihre Züge waren edel geformt, ausdrucksvoll und erhaben, doch schie- nen sie von einem inneren, heftigen Schmerze schwer ergriffen und verstört zu sein.
„Was bringst du, schönes Tvchterlein?" redete sie der Alte in gutmüthigem Tone an, indem er einen Blick auf die thränenfeuchten Wangen richtete.
„Ach Gott, mein Vater liegt am Sterben!* schluchzte sie laut auf. „Darf ich Euch bitten, zu ihm zu gehen, ihm Hilfe zu bringen?!"
„O ja,, mein Kind," entgegnen der Arzt mit bewegter Miene, dem die Thränen und der Schmerz de- jungen Mädchens zu Herzen gingen, „ich will sogleich mich mit dir fortbegeben, um dem Kranken meine Kunst angedeihen zu lassen."
Mit diesen Worten ergriff er Stock und Hut und schritt an der Seite der Hilfesuchenden eiligst von dannen.
Eine Stunde mochte unterdeffen während des Vaters Abwesenheit dahin geschwunden sein, als derselbe in aufgeregtem Gemüthszustande zu den ihn Erwartenden wieder zurückkehrte.
„Keine Hoffnung auf Genesung ist vorhanden, keine Mittel vermögen die schon erschlafften Lebensgeister zurückzuhalten," sagte er in gerührtem Tone, „höchsten- noch zwei Tage und ihr Vater ist für immer entschlafen."
„Keine Hilfe mehr möglich!" wiederholte Alfted, der/ sichtlich bei dem SchmerzenSblicke des schönen
Kinde- sowohl, als bei dieser soeben vernommenen Kunde ergriffen wurde.
„Nein! — und ach! erst welche Armuth, lieber Reichenau, bei ihnen! — Da solltet Ihr sehen: kein Holz, kein Feuer, um die eisige Kätte deS ZimmerS zu verdrängen, keine Mittel, um die anzuwendenden Medikamente möglichst schnell herbeischaffen zu können! Doch habe ich ihr beim Weggehen zwei Thaler in die Hand gedrückt, denn der Schmerz de- Mädchen-, sowie der Anblick de- mit dem Tode schon halbringenden Vater- hatten mein Innere- zu mächtig ergriffen, als daß ich nicht ein Scherflein zur Linderung ihrer Noth gerne bei- gettagen hätte."
„Da habt Ihr edel gehandelt, guter Vater," nahm Heinrich, der Sohn de- Alten das Wort, „denn ach! wie ist es doppelt hart, bei Armuth noch von schwerer Krankheit heimgesucht zu werden."
„Ja, auch ich will mein Möglichste- für da- Wohl dieser Armen beittagen," sagte Alfted bewegt; „auch ich will mich morgen hinbegeben, um da- Nöthige, wa- ihnen mangelt, denselben zu Theil werden zu laffeu."
„Ja, Alfteb, ich bin fest überzeugt," sprach der Vater, „daß Ihr, der überall als Wohlthäter der Nothftidenden und Bedrängten bekannt, auch als helfender Retter bei diesen Armen erscheinen werdet, um da- Elend einigermaßen von ihnen zu verscheuchen."
„Morgenden Tage-," entgegnete Alfted, und sich Beiden h'öflichst für diesen Abend empfehlend, eilte er dem Hause de- Vater- zu.
Als der Morgen erschienen, begab sich Alfted nach der Wohnung jene- Kranken, von dessen Lage er am verwichenen Tage den bettübenden Bericht auS dem Munde de- edlen Arzte- vernommen. Doch kaum hatte er sich der Thüre de- Zimmer- dieser Armen genähert, als auch schon ein Wehklagen, und wie ihm dünkte, jene- Mädchen- zu seinen Ohren drang.
Er öffnete leise.
Aber da schien er wie feftgebannt von dem herzzerreißenden Anblicke, der sich ihm hier in seiner ganzen Größe zeigte. Ueber da- verlegene Bett de- BaterS geneigt, mit aufgelösten Haaren, stand die Iungftau und schluchzte, seine Gegenwart nicht beachtend, ununterbrochen fort.
„Ach, «ein Vater, mein armer Vater! Willst du denn nicht mehr dein Auge öffnen?"
Jedoch kein Ton erfolgte von Jenem auf die so liebevoll von ihr gesprochenen Worte.
„Ist er beffer?" ftagte Alfted, dem Bette de- Kranken näher ttetend.
„O Gott, er ist tobt! — todt!" schluchzte sie, und Thränen erstickten ihre Stimme.
„Er ist todt?" wiederholte Alfted leise, indem I er bei diesm Worten sichtlich zurückschauderte.
