M
Die deutsche Offizierfrau
Nr. 2 Beilage zum „Deutschen Osfizierblatt". 1922
Verantwortlich für die Schristleirung: Frau Toni Saring, Berlin. — Alle Anfragen und Beiträge iür „Die veutsche Osfiziersrau" sind zu richten an Frau Toni Saring. Berlin W. 9. Potsdamer S>raße22b. Fernruf: Nollendors 43 0.
Entbehrliche und notwendige Handarbeit im Haushalt
Don Annie Juliane Richert.
Wer jetzt mit einer feinen Landarbeit beschäftigt ist, mutz sich fast den Borwurf einer Kriegsgewinnlerin gefallen lassen, so teuer sind die Zutaten, so kostbar auch ist die Zeit, die sie beansprucht, geworden. Und wenn selbst der Proletarier unter den Handarbeitern, der Strickstrumpf, mit scheelen Augen von der strumpslochgesegneten Klasse angesehen wird, dann kann man sich wohl fragen: gibt es denn Handarbeiten, die niemanden ärgern, reizen, zum Neid veranlassen?
Wunderliche Wellenwege gehen mit den Geschicken der Völker zugleich die Alltagsbräuche, die Haushaltssitten. Vor 60 bis 70 Jahren mahnten Strickstrumpf. Häkel- und Klöppelspitze die Frauen, sich den einfachen Zeiten anzupassen. Die kostbaren Pointstickereien aus Mutters Zeien wandelten sich in den soliden Kreuzstich, und erst mit dem Aufblühen des Kunstgewerbes in den 90er Jahren und vor dem Kriege erstand ein ganz ungeheurer Reichtum an neuen oder hervorgeholten Techniken, an köstlichen Mustern, an raffinierten Zusammen- stellungen wertvollen Materials, «ine Verschwendung, eine Fülle, die genau Schritt hielt mit dem wachsenden Reichtum, dem gesteigerten Luxusbedürfnis der allgemeinen Lebenshaltung. Jäh» wie das Geschehen in der Welt» stellte sich der Frauen Wirken dann ein aus Liebesdienst, auf Wohltätigkeit, auf Zweckdienlichkeit. Und jetzt kann der Durchschnitt sich schmückende Beigaben für Wäsche und Haushalt wie für Kleidung eigentlich nur gestatten, wenn vorhandene Schätze an Stoffen und Material diese Verschwendung rechtfertigen. Und doch mutz das schönheitverlangende Auge zu feinem Recht kommen. Aber selbst mutz aller Zierat für Wäsche und Kleidung gemacht werden, da auf den Fertigfabrikaten der Fluch der Luxussteuer liegt. Nichts entgeht dem langen Arm der Steuergerechtigkeit. Wie liebevoll sich die Behörde selbst mit den modernsten Techniken beschäftigt, zeigen die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes, wo „als Gespinste, die mit der Hand verziert sind", „sogenannte Batikarbeiten", besonders ausgeführt sind. — Also das: „Schmücke dein Heim", das einstmals eine etwas anrüchige Bedeutung als Anpreisung wertlosen Kitsches befaß, muh heute umgewandelt werden in ein: „Schmücke dein Heim selbst!" Verziere mit Strickspitzen, Klöppelei, einfacher praktischer Lochstickerei oder farbenfreudiger bunter lustiger Sticktechnik deine Wäsche uno Garderobe, batike deine Reste an Wall-, Seiden-, Baumwollstoffen, um Kissen. Decken. Vorhänge in neuem, farbenprächtigem Glanz erstehen zu lassen. Hausfrau, werde erfinderisch! Decken und Deckchen unseligen Angedenkens, die einst einen Sesiel vor Haaröl (daher der poetische Name: Autimakassar) den Tisch vor der Das«, das Klavier vor den Kratzern der Familienbilder in Bronzerahmen schützen mutzten, sind verschwunden, um hoffentlich nie mehr aufzuerftehen — mit ihnen können ruhig die Hakelspitzen der Küchenborde und alle Staubfänger- Vorhänge das Zeitliche segnen. Hell, luftig, klar, sauber sollen die Räume heute wirken. Man muh ihnen ansehen, daß keine Zeit zu tändelndem Staubwifchen ist. Der Tag, das Leben ist für die Frau zu sehr in die unbarmherzige Helligkeit der Volkswirtschaft gerückt, um der Niedlichkeit des Puppenheims und den begrenzten Interessen noch da» Wort geben zu können. Damit ist aber nicht gesagt, datz wir Schmuck und Schönheit vergessen sollen; im Gegenteil, in der Einfachheit, der Schlichtheit des Materials liegt bei geschickter Verwendung Hn hoher Schönheitsreiz, den wir mit Bewußtsein pflegen sollen. 9^f>en den schmückenden Arbeiten, die nur, wenn liebe Gäste sich zu gleich löblichem Tun einfinden, oder in stiller Abendstunde hervorgeholt werden, ist die eigentlich praktische Handarbeit des Nähens. Stopfens. Ausbesierns jetzt das Lieblingskind der Hausfrau, nachdem es feine Aschenbrödelrolle abschüttelte. — Neue Werte aus Altem schaffen ist jetzt die Losung. Wie mancher Fenstervorhang wandelt jetzt von kundiger sorgfältiger Hand gefärbt und gearbeitet als Mantel stolz durch die Straßen, manche Drellmarkise ergab ein derbes ArbeitsNeid. das blaukarierte Leutebettzeug erstand zu höherem Leben als Kinderkittel. Und wer jetzt Meisterin im Ausbessern ist, so daß man es „wirklich gar nicht sieht", der ist froher, als wenn ihm einst im Ausverkauf ein Wäschestück „halb geschenkt" wurde. Kein Flickchen bleibt unbeachtet. Der Lumpensammler, dem wir einstmals als Kinder einen ganzen Sack Flicken für ein Ringlein mit blauem oder rotem Stein anschleppten, wird vergeblich mit seiner Trillerpfeife locken, nur Altpapier und Flaschen kann er sich holen und tüchtig dafür zahlen. — Stoffe bleichen, färben, sachgemäß waschen ist heute wichtige Handarbeit, sich Hüte aus Strohborte flechten, mit bunter Baststickerei versehen, hilft mehrere Fünszigmarkscheine sparen — und wer gar selbst schneidert und schustert, hat beste An-martschafl, mit seinem Einkommen auszukommen.
Häusliches Handwerk hat heute goldenen Boden. Wenn jede Arbeit auf der Grundlage des Zweckmäßigen, Nützlichen angefangen wird und daoei Erfindungsgabe und Schönheitssinn Pate stehen, dann wird uns auch Verarmung und Verelendung nichts anhaben. Wir lernen daraus und wachsen in die Weisheit der „fröhlichen Armut" hinein.
Die Pflichten der Elternbelrate
Die 1920 geschaffenen „Elternbeiräte" sind vor Aufgaben gestellt, die weit über die Pflege der Beziehungen -wischen Schule und Elternhaus hinousgehen. Wie alles Menschenwerk, hat auch unser höheres Schulwesen feine Mängel und ist entwicklungsfähig. Nicht im Alten soll die Schule erstarren, sondern den Lebenden dienen. Dazu muß sie den fortschreitenden Anforderungen des Volkslebens folgen. Das aber braucht Zeit, Vorbereitungen und kann nur in allmählicher organischer Entwicklung erfolgen, übereiltes, sprunghaftes Umgeftalren gefährdet die deutsche Bildung. In jahrhundertelanger Kulturarbeit ist unsere höhere Schule aufgebaut. Bisher hat sie uns die führenden Geister für unsere deutschen Kulturaufgaben herangebildet. Wer die höhere Schule gefährdet, bedroht damit auch unsere höhere deutsche Bildung und den kulturellen Aufstieg des Volksganzen. Daher müssen alle, welche die höhere Bildung schützen wollen, insbesondere die Elternbeiräte, sich zusammenschlicßen zur Abwehr grundstürzender Schulreform und zur Förderung eines organischen Weiterbaues des höheren Schulwesens.
Bon diesen Gedanken ausgehend, hat sich die „F r e i e R e i ch s - Arbeitsgemeinschaft von Eltern-deiraten an höheren und mittleren deutschen Schulen vereinigt. Eie steht auf vaterländischem Boden, d. h. sie arbeitet für das Volksganze und ist keiner Partei untertan. Sie wirkt überparteilich und konfessionell paritätisch. Erziehung zur Sittlichkeit ohne religiöse Grundlage hält sie nicht für möglich und fordert deshalb den Religionsunterricht als planmäßig Lehrfach. Das Band der Geschichte, die uns lehrt, wie ein Geschlecht geistig, sittlich und wirtsHaftlich immer von den voran gegangenen abhängt, darf nicht von uberlieferungslosen Weltverbesserern zerrissen werden. Gerade der eindrucksfähige^ Jugend muh tief eingeprägt werden, daß ein einigendes nationales Band alle Volksgenossen trotz aller Unterschiede von Bildung und Besitz aneinanderknüpft. Daher ist 1)«° Geschichtsunterricht zu vertiefen, Parteipolitik und konfessioneller Hader von der Schule auszuschließ-n.
Grundlage aller Erziehung ist die Familie, ungeachtet aller noch so dankenswerter, berufsmäßiger ober freiwilliger Erziehungsarbeit Außenstehender. Versuche, da» Elternhaus bei der Erziehung auszuschalten, müsien daher entschieden zurückgewiesen werden. Der berufene Vermittler der Jugendbillmng ist eine erprobte Lehrerschaft. Aufgabe der Elternbeiräte ist es, das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern weiter zu pflegen und zu entwickeln.
Die Schule ist kein Feld für Experimente Unkundiger und Unberufener: Schulaufsichtsbehörden sind daher mit erprobten Schulfachleuten zu besetzen. Die Verschiedenheit der Schularten ist für die Heranbildung zu den höheren Berufen fe nach deren rein geistiger oder praktisch technischer Eigenart zu erhalten und neuen Anforderungen und Erkenntnissen gemäß im organischen Ausbau zu verbessern. Die höhere Bildung muß den Befähigten alter Bolkeklafsen erreichbar bleiben, daher ist die Erhöhung der Schulgelder über ein erträgliches Maß, wie die Verringerung der höheren und mittleren Schulen, als unsozial zu verwerfen. Unser höheres Schulwesen wird durch die Not der Zeit von selbst schmerzliche Einbußen erleioen Wer unser Volk liebt, stützt das Wankende und zerstört es nicht! Erft wenn das Neue geschaffen ist, darf das Alte beseitigt werden. In diesem Sinne will die „Freie Reichs- Arbeitsgemeinschaft^ für die bedrohte höhere Bildung und für die deutsche Bildung überhaupt eintreten. Eie will diesen Kampf im engen Zusammengehen mit anderen Elternvertretungen, der Lehrerschaft und allen Volksgenosien führen, die mit den oben dargelegten Grundsätzen übereinstimmen
Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Anfänglich hatten sich Eltern- beiräte von 38 höheren Berliner Schulen zu loser Gemeinschaft vereinigt. Nach kaum einjährigem Zusammenwirken sind heute die Gesamtelternbeiräte von etwa 300 höheren und mittleren Schulen fest zusammengeschlossen. Sie haben als „Eingeschriebener Verein" die Rechte einer juristischen Person erhalten Dauernd erfolgen weitere Beitrittserklärungen. Nach diesem Beispiel schließen sich die Elternbeiräte der höheren und Mittelschulen Deutschlands in Städten und Provinzialbezirken zusammen und treten der „Freien Reichs-Arbeitsgemeinschaft" korporativ bei. Auch einzelne Elternbeiräte, wie die Gesamtelternbeiräte einzelner Schulen sind willkommen. Die Anschrift der „Freien Reichs-Arbeitsgemeinschaft" ist: Fr. Kauffmann, Bin. N. 20. Schwedenstraße 1. Die Bereinigung gibt ein eigenes Organ heraus, das den Elternbeiräten wertvolle Anregungen bietet.
Noch ist die deutsche Bildung einer der wenigen Aktivposten, die unser niedergebrochenes Vaterland in die Weltrechnung einzusetzen hat, um den uns heute noch die Welt beneidet. Mögen alle Deutschen, die ibre Kinder einer.höheren Bildung teilhaftig werden laßen wollen, das iyrige tun, um die deutsche Bildung und Kultur erhalten, stärken und ausbauen zu helfen. Einst haben wir uns aus dem Trümmerfelde des 30 jährigen Krieges nur mit Hilfe der deutschen Bildung wieder auf- richten können. Helft diesen Weg gangbar zu halten auch für unsere Zukunft! Gcnevalleutn. a. D. v. A l t r o ck.
