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Beilage zumDeutschen Offizierblatt".

1922

Verantwortlich für die Schriftleitung: Frau Toni Sa ring, Berlin. Alle Anfragen und Beiträge fürDie veutfche Ossiziersrau" find zu richten an Frau Toni Saring, Berlin W. 9, Potsdamer Straße 22d. Fernruf: Nollendorf 4310.

Die Not der geraubten Ostmark

Von vr. Karte Schirmacher.

Süddeutschland empfindet diefe Not nicht unmittelbar. Soviel Berge und Täler, soviel Flüsse und Ebenen liegen zwischen Bayern und dem östlichen Preußen. Ja, viele glauben, die Bewohner Bayerns und die der Ostmark feien einander stammesfremd. Das aber ist ein Irrtum. Das alte Deutschland lag zwischen Rhein und Elbe. Jenseits der Elbe, östlich der Elbe saßen damals Slawen, ursprünglich aber Germanen» bis zur Völkerwanderung, die die. Germanen ab-, die Slawen zuwandern ließ. Seit 1150 aber, im Hochgefühl der Staufen- Kaiferzeit. dringen die Deutschen östlich über die Elbe vor in ihr altes Germanenland und treiben die Slawen zur Oder, Warthe und Weichsel zurück. So entsteht die deutsche Ostmark, das neue Deutschland, die große reichsdeutsche Kolonie, deren Vormacht der deutsche Ordensstaat, dann Brandenburg Preußen wird.

Und wer hat dieses neue Deutschland rechts der Elbe gegründet? WerPreußen" bevölkert? Durchweg Deutsche aus Süd, West, Nordwest, andere gab es ja nicht. Die Deutschherren waren Süd- und Mitteldeutsche; Süd-, Mittel-, West- und Nordwestdeutsche waren die Bürger und Bauern, die die Städte und Dörfer der wiedereroberten Ostmark begründeten, die Steinhäuser und Kirchen bauten, den Wald rodeten, den Boden urbar machten. Aus alten deutschen Stämmen ist das Preußentum gebildet und gemischt, jeder hat seinen Anteil daran, und so ist die Ostmark denn Süd- und Westdeutschlands Kind, fein Werk und Erbe. Und dieses Erbe ist dem Reich heute zum größten Teil geraubt. Wer diese wesentlichen Punkte deutscher Ostmarken­geschichte kennt, muh auch am Rhein, in Baden, Schwaben und Bayern die Not der geraubten Ostmark unmittelbar empfinden.

Was hat der sogenannteFriede" von Versailles, der nie ein Friede war und jetzt vom Feind zerbrochen ist, uns im Osten geraubt? Er hat zuerst Ordnung. Ruhe, Wohlstand und Sicherheit Osteuropas vernichtet, indem er Preußen vernichtete und einen Haufen kleiner, nicht lebensfähiger Staaten schuf, die dem Feind durch ihre Ohnmacht gestatten sollen, dauernd in osteuropäische Dinge hineinzureden. Losgerissen vorn Reich und Preußen ist die ganz deutsche Stadt Memel mit einem Gebiet von 150 000 Einwohnern. Memel gehört zurzeit niemand, es untersteht einem französischen General, der feind­liche. Truppen befehligt, und es weiß nicht, weiß feit Jahren nicht, ob es englisch, französisch, polnisch oder litauisch wird. Das nennt man Selbstbestimmungsrecht der Völker"!

Das Memelgebiet ist der nördlichste Zipfel Ostpreußens. Im Süden dieser Provinz liegt der Regierungsbezirk Allenstein, der außer rein deutscher'Bevölkerung auch polnisch und masurisch sprechende Ein­wohner zählt. Deutsch können alle, und die Masuren sprechen wohl eine polnische Mundart, verstehen sich aber schwer mit den Hochpolen. Weil hier aber keine rein deutsche Bevölkerung wohnt, wurde abgestimmt. (In Memel jedoch, wo alles deutsch ist, nicht!) Am 11. Juli 1920 geschah die ruhmvolle Abstimmung Allensteins, in der 97 v. H. aller Abstimmenden sich zu Preußen bekannten, auch die Polen. Warum die? Sie sollten doch vomPreußenjoch" erlöst werden? Ach, sie wußten da oben bereits Bescheid über die neue Polenherrlichkeit und begehrten nicht nach dem weißen Adler.

Mit dem Regierungsbezirk Allenstein stimmten vier Kreise West­preußens, die östlich der Weichsel liegen, gleichfalls ab, ob sie zu Polen oder Ostpreußen wollten. Gleiche heftige 97prozentige Ablehnung Polens. Aus dem ganzen Reich waren die Heimattreuen Ost- und Westpreußen, oft in mühselig langer Fahrt, herbei geströmt, und so blieb dieser Ostmarkenboden uns erhalten. Ostpreußens Not hat damit aber nicyt ihr Ende: in Ost und Süd ist die Provinz umbrandet von Lettland, Litauen und Polen, und Somjetrußland ist eine stet« Gefahr. Im Westen da lag einst Westpreußen, Preußen, Deutschland. Und seit dem Vertrag von Versailles grenzt dort die geraubte O st - mark, das deutsche Weichseltal. das deutsche Westpreußen, das die Polen uns gestohlen und als Pommerellen ihrem neuen Staat einverleibt haben. Ohne jede Abstimmung; so haben wir zwar die Marienburg am 11. Juli 1920 gerettet, Graudenz aber und Thorn und Könitz, Strasburg, Löbau, Putzig, Karthaus, Neustadt verloren. All diese Städte sind deutscher Gründung, Zivilisation und Kultur sind deutsch, alle Bewohner können deutsch, aber Polen sollte seinen freien Zugang zum Meere haben. Weil in dem alten Kamps zwischen Polen und Deutschen um das Meer, die Weichselmündung und Ostieeküste. der uns letzt geraubte Strich, schon einmal (14661772) polnisch war, sitzt in dem westlichen und südlichen Teil des geraubten Westpreußens eine stärkere polnisch sprechende Bevölkerung, die aber Deutsch kann und deutscher Kultur teilhaftig wurde. Jetzt ist sieerlöst", jetzt ist sie unter polnischer Herrschaft. Genau so wie die deutsche und die polnische Bevölkerung der uns gleichfalls geraubten Provinz Posen.

Und der Erfolg, die Stimmung? Nun, die Fischer Putzigs haben gebeten, in den Freistaat Danzig übernommen zu werden, weil der i

volnifche Staat nicht für sie sorgt; die westpreußischen Polenregimenter in Graudenz und Thorn haben das Jahr 1921 mitDeutschland, Deutschland über alles" begrüßt; die polnischen Offiziere im Thorner Kasino haben das Bild ihres Staatshauptes Pilsudski durch das Kaiser Wilhelms ersetzt; im ganzen geraubten Gebiet schreien die Polen über anmaßendes polnisches Militär, freche, bestechliche polnische Beamte aus Kongreßpolen und Galizien, schlechte Verwaltung. Überteuerung, Mißwirtschaft. Sie wollen um jeden Preis ein eigenes Gebiet bleiben, mit eigenen, einheimischen Truppen und Beamten, sie wollen eine Wirtschaftsgrenze gegen Galizien-Polen haben, sie wollen nicht in die polnische Wirtschaft hineingerissen werden, die sie vorher so glühend ersehnt. Denn sie fühlen sich als Glieder einer höheren Zivilisation und Kultur, der deutsch-preußischen: ste sehen mit Ent­setzen den Verfall von Ordnung, Recht und Sicherheit, den Verfall der einst blühenden Landwirtschaft, des einst blühenden Handels, des Schul- und Bildungswesens, den Verfall der Sozialversicherung und der Staatsfinanzen. Diese sind bodenlos: die Sparkasse in Dirfchau (hetzt polnisch) hat eingestandenermaßen ein deutsches Guthaben von 240 000 Mark zur Bezahlung rückständiger Beamtengehälter benutzt. Ein Brief nach Deutschland kostet 10 M.; mit Bogen und Umschlag 15 M.; ein Paar Schuhsohlen 200 M.; Kleidung Tausende.

Und wie lebt der Deutsche Westpreußens und Posens unter diesen Verhältnissen? Unsere geraubten Brüder und Schwestern nennen diesPolen" nur nochdas furchtbare Land". Es gibt Kreise mit verständigen polnischen Landräten, gibt hochgestellte, vermögliche deutsche Familien in Stadt und Land, die auch unter polnischem Jom noch erträglich leben. Sie haben Mittel, Verbindungen und wissen sim zu helfen. Die Masse der Deutschen aber leidet schwer. Vom Reich sind sie getrennt: ich bitte meine Leser sich zu fragen, was sie selbst leiden würden, wenn etwa Bayern von heut auf morgen polnisch würde? Die Amts- und Verkehrssprache polnisch, die Beamten polnisch, die Schulen verpolt, die Gottesdienste polnisch, die deutschen Beamten^ Geisttichen, Lehrer vertrieben, Tausende deutscher Kinder ohne Schule und Kirche, die deutschen Ansiedler (so viele Süd- und Westdeutsche darunter) enteignet, verjagt, die Guter unter polnischer Zwangs­verwaltung, durch gesetzliche Gleichstellung der polnischen mit der deutschen Mark aller Besitz auf ein Zehntel des Wertes vermindert. Wie würde Bayern dos wohl empfinden und tragen? Und das deutsche Kultur- und Geistesleben? Es ist dahin. Die deutsche Presse ist ver­nichtet. es gibt kaum ein wirklich deutsches Blatt mehr, deutsche Druckereien sind aufgekauft, reichsdeutsche Zeitungen kommen nur geschmuggelt herein, das deutsche Vereinsleben wird geknebelt, wer sich führend betätigt, bespitzelt, bedroht, eingesperrt, hinausgedrängt. DennPolen", d. h. die geraubte Ostmark, soll rein werden wie ein Glas Wasser, und über jeden Deutschen, der die Heimat verläßt, ist Jubel inPolen". Ob alle Deutschen, die abwandern und so des Feindes Herzenswunsch erfüllen, wirklich unerträglichem Zwange weichen oder nur mangels nationaler Härte und Widerstandsfähigkeit, ist allgemein schwer zu beurteilen. Von den etwa 2 Millionen Deutschen, die uns mit der Ostmark geraubt, sind 350 000 imFreistaat Danzig", 600 000 der anderen aber sollen schon nach Deutschland znrückgewandert sein, und die Polenpresse stellt fest, daß man die geraubten Gebiete heute bereits nicht mehr wiedererkennt. Das stimmt: von Bialystock bis Strasburg (W.-Pr.) herrscht die Rinderpest, in Posen sind die Pocken, die Cholera rückt weichselabwärts, di« einst sauberen deutschen Städte sind verkommen, verpolt, verschmutzt, alle Rechte der Deutschen (und oer Minderheitenschutzvertrag von Paris, 26. Juni 1919, gewährt ihnen alle Rechte des polnischen Staatsbürgers) werden mit Fußen getreten, und auch die Polen ihrerseits sind unzufrieden, mißvergnügt. Einen guten Tag lebt nur die ausgehungerteIntelligenz" Kongreßpolens und Galiziens, die sich in dem deutschen Kulturgebiet mästet.

Die Bedrohung Danzigs endlich erfordert ein ganzes Kapitel für sich.

Bedrohung jeder Art schwebt über jedem Deutschen der geraubten Ostmark: Angeberei, Haussuchung, Internierung. Wo früher 4 deutsche Gendarmen standen, sind heute 40 polnische. Und welche! Davon wissen die Deutschen etwas, die ihnen nach dem Bolschewisteneinfall im August 1920 überliefert wurden. Drei Tage lagen Leichen deutscher Männer verwesend auf dem Marktplatz in Schönsee. Davon wißen die vergewaltigten deutschen Mädchen zu sagen und die deustchen Rekruten, die für die alte Heimat optieren und dann mit Kolben. Stöcken, Schlag­ringen bearbeitet werden. m

Das bitterste Brot aber essen in der geraubten Ostmark die Armen, Alten, Schwachen. Kranken und die auf Ruhegeld gesetzten Beamten. Für erstere sorgt kein väterlicher Staat mehr und wer ihnen hilft, wird eingesteckt. Die Pensionäre aber erhalten ihr» Bezüge vom Polenstaat alsReichsnachfolger" des Reichs oder Preußens, und Polen zahlt allen, vom kaiserlichen Gesandten a. D. bis zum Nachtwächter a. D. für 100 deutsche Mark, die ihnen gebühren, 100 polnische Mark, d. h. den zehnten Teil, bei einer zehnfachen Teue»