9
Nr. 7
Beilage zum „Deutschen Offizierblatt".
1922
Verantwortlich für die Schriftleitung: Frau Toni Sa ring, Berlin. — Wille Anfragen und Beiträge für „Die deutsche Offizierfrau" sind zu richten an Frau Toni Saring, Berlin W. 9, Potsdamer Straße 22b. Fernruf: Nollendorf 4370.
MIIIlIII>IIIII!!IUII!>>II>M>III»»»III»»I»»l»»III!»I»I»I»IMI»I!I»»»!»»»I»»I»»»»N!»!MINII»!M„I»II»II»»»II»Il»II»!I»!!IIll
I Warum steigen die Preise, finkt die Mark? I
j Weil Deutschland unerfüllbare Zahlungen leisten mutz. ß ß Weil Deutschland als fälschlich allein verantwortlich für den ff i Krieg die Schulden des Krieges bezahlen soll. -
WlIIIIiI>II>I>IIII!IIII!II!i»!Ii»I!»»»»»i»!II»!»l»I»»IUl»II»»U»»!lII»II»l»!»»M»»I»IlMM»IttMiiMi»»»I»M!>!I»»i»»I!»»lM
Pfälzer Bilder
Von R. Kaulitz-Niedeck.
Ludwigshafen a. Rh., Anfang Februar.
An den Ufern des Rheines schwindet sacht der Schneesaum; zwischen den Waldparkbäumen und -büschen will schon der Frühling ins Land tasten. Nun blickt man plötzlich den vielen Kohlenschleppern mit reicher Ladung auf grüngrauem Strome neidlos nach und weiß doch, daß sie an fremde Küsten steuern. In wundersamer Ruhe liegt das Waldparkviertel, aus dem sich bestimmt ein träumerisches Landhausviertel entwickelt haben würde, wenn das letzte halbe Jahrzehnt in frohen Farben vergangen wäre. Hier hätte sich mit bescheidenen Mitteln der höhere Beamte ein stilvolles Heim geschaffen, und selbst der gut gestellte Rentner wünschte hier seine Tage zwischen eigenen Pfirsich- und Mandelbäumen in schöner Eintracht ausklingen zu laffen. Denn für gewöhnlich bietet unsere eintönige Arbeiterstadt keine Rentnerheimat. Abgesteckt und vorbereitet liegen zahlreiche Bauplätze am Rhein, hinter dem weitgezogenen Gürtel der Stadt. Sehnsucht, Hoffen und Streben zahlloser Familien gleiten über tnese leeren Stätten dahin. Stadtzu sah man die stolzen Stockwerkhäuser, trotz Not und Teuerung, im letzten Jahre emporwachsen; mit kindlich heißen Wünschen verfolgte mancher Ausbau, Anlage und Vollendung und sah endlich französische Familien hier einziehen. Allmählich siedeln die Familien der Besatzung aus den bürgerlichen Quartieren in diese eigens vom Reiche erbauten, architektonisch hübschen Häuser über, die den Wohnhäuferri in Paris und Nancy gleichen und hier bei uns bald eigene Vierteil bilden werden.
Seit Herbst regt sich am Waldpark eine mutig stolze Bautätigkeit. Zierliche Eigenhäuschen — mit allerdings recht bescheidenen Anforderungen — wachsen aus Ödland und hinter Schrebergärtchen empor. Die glücklichen Besitzer sind meist Privatleute. Einige größere Betriebe und Industrielle lassen hier geschmackvolle Wohnstätten für Beamte und Angestellte erstehen mit lustig grünen Fensterläden, mit Sonne und Loggia und zrvergenliebem Gärtlein.
Über Rheinuser, Waldpark und Straßen hüpfen die grellen Klänge der Clairons in den frühen Tag hinein. Französische Soldatentruppen ziehen auf Posten oder zu Übungen. Selten nur marschieren sie singend durch die Straßen. Längst haben unsere Kinder es aufgegeben, den fremden Klängen nachzulauschen. Längst sinh sie in unseren Alltag gerückt, und wir haben hier das Stummsein besser gelernt, als es viele unter uns geglaubt haben. Friedlich leben die Familien und Angehörigen zweier Nationen nebeneinander. Eine Berührung gibt es kaum. Auch dort nicht, wo die Fremden mit uns ein Dach teilen. Die französische Offiziersfrau schickt ihren Burschen zum Einkäufen, den meist ein Hund deutscher Rassezucht begleitet. Die Französin der unteren Volksschicht steht in den Lebensmittelgeschäften neben der deutschen Hausfrau. Sachlich bedienen sie unsere Geschäftsleute, nur bei einigen fchaut die Absicht durch, aus der Reihe zu b^üenen und Ausnahmen zu machen. Die kommunistisch angefärbte Deutsche schweigt zustimmend, während sie mit spitzen Worten über ihre besser und sauber gekleidete deutsche Schwester herfällt, falls ihr ein Viertel Liter Milch mehr ins Kännchen gemessen wird. Deutsche Volksseele, wieviel Unverständliches, Rätselhaftes haftet doch an dir!
Wirklich elegante oder reiche französische Toiletten tauchen nicht auf. Auch die gebildete Französin fertigt sich ihre Gewänder eigen an, uno ihr Geschmack ist nicht immer deutscher Geschmack. Das faltentiefe, farbenbrennende Tuchcape ist im Abstieg begriffen. Dem heurigen „Wall- und Strickgeschmack", der sich in geradezu leidenschaftlichem Eigensinn und in ungezählten Anwendungen in der deutschen Frauenwelt ausdrückt, scheint die Französin abhold zu sein. Jumper oder Strickjacke trägt sie nicht. Unterblieben sind in diesem Winter die zahlreichen, für deutsche Zuhörerschaft bestimmten Veranstaltungen: Vorträge, Konzerte, Theaterauffüyrungen, wie sie die Vorwinter gebracht und zu denen bekannte Gelehrte von der Sorbonne und Künstler der großen Pariser Oper in unsere Stadt kamen. Bestehen geblieben sind nur noch die französischen unentgeltlichen Sprachkurse für Herren und Damen. Zu der ersten Aufforderung und Besprechung war eine Riesenmenge in einem großen Vereinssaal herbeigeströmt. Sie schmolz im Unterricht rasch zusammen, so daß nur noch ein kleines Dutzend lern- stoher junger Mädchen und Frauen übriggeblieben ist: einige weibliche Bureauangestellte, Geschäftsfrauen, eine Musikkünstlerin, die alle einmal lm Auslande Beschäftigung und Enverb suchen möchten. Der Unterricht, in den sich eine junge Lehrerin und ein Soldat teilen, verfolgt die
Methode der Bilderbeschreibungen mit einer glücklich eingeschobenen Grammatiklehre und den Umgangsformen — ganz ohne politischen Hintergrund.
Bon dem sonst so regen Musikleben in unserer kunstarmen Stadt macht sich im heurigen Winter traurig wenig bemerkbar. Das Sehnen nach geistiger Luft zieht die Regsamen Wer die Rheinbrücke nach Mannheim. Viele treibt auch das Verlangen nach Freiheit der Seele und der Aussprache ans jenseitige Ufer. Der rasche Pulsfchlag Mannheims hilft oft hinweg über verborgene Sorgenlast und düstere Zukunftsbetrachtungen, die nur der Aufmerksame im besetzten Lande kennt. Ein Füllhorn geistiger Freuden und geistigen Fortschritts schüttet sich über den Suchenden aus.
Ich denke au die seltene Ausstellung alter und uralter chinesischer Malereien, die jetzt die Mannheimer Kunsthalle bietet. In die wonnesame Zartheit eines chinesischen Frühlings glaubt man hineinzulauschen, steht man vor den prangenden Lotosblüten und Aprikosenzweigen, die m zaubergleicher Innigkeit auf Seide gemalt sind. Ein paar Striche nur, einige Linien in so fabelhafter Bestimmtheit gemalt, lassen Figuren von großer Lebendigkeit erstehen. Der Chinese malt nur, wenn er einen schöpferischen Funken in sich spürt, er malt im Rausch und in traumhaftem Zustande. Berufsmäßige Künstler waren die Maler nicht, sie waren Dilettanten, oft Männer von Rang und Reichtum. Eine Inschrift in den schnörkelsreien Buchstaben der Chinesen schmückt jedes Bild, und allein diese Buchstaben sind Kunstwerke. Aus den Buchstaben und Schriftzeichen, die der Chinese mit liebender Sorgfalt hinmalt, ist die Malerei überhaupt entstanden. Wohl zum ersten Male werden die Seidenbilder, die einer Privatsammlung angehören, in einer Ausstellung der Öffentlichkeit gezeigt. Man beneidet uns deshalb in vielen auswärtigen Kunstkreisen. So hilft die Kunst in ihrer nie versagenden Wirkung auch den Bewohnern des „lachenden Rheins" über ihre düsteren Gegrnwartsstimmungen hinweg.
Berliner Landfrauenwoche
Die diesjährig« Landfrauenwoche stand unter einem glücklichen Stern, nicht nur rein äußerlich, indem der gerade noch rechtzeitig abklingende Streik nicht mehr vernichtend in die geplanten Veranstaltungen eingriff und köstlicher Sonnenschein das feine tat, den Gästen die viel befehdete Reichshauptstadt in freundlicherem Lichte erscheinen zu lassen — auch der inhaltliche Verlauf der Tagungen zeigte, daß man doch aus jedem Gebiet vorwärts kommt. Die Ideale, die unbedingt der ländlichen Arbeit voll zurückgewonnen werden müssen, stellt der „Deutsche Verein ftr ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege" in den Vordergrund feiner Tätigkeit. Diese will, wie der Vorsitzende, Staatssekretär a. D. vr. o. Lindeguist, einleitend betonte, nicht der Wohltätigkeit, sondern der Förderung der Selbsthilfe bei der Landbevölkerung, der gegenseitigen Anteilnahme, der Belebung bewußter Bodenständigkeit dienen. Medizinalrat vr. Nickel-Perleberg sprach über die Notwendigkeit des Berftändniffes für die primitivsten Forderungen der Krankenpflege, während Frl. Reichenau-Königsberg für lebhafteres Interesse an dem Beruf und Ergehen der ländlichen Gemeindeschwester waro. Der Beruf muß so gestaltet werden, daß er nicht nur Ideale befriedigt, sondern auch eine gesicherte Existenz verbürgt. Besonders ist es Pflicht der gebildeten Landbewohner, mehr Anteil an dem geistigen Leben der Gemeindeschwester zu nehmen. — Außerordentlich stimmungsvoll waren die Ausführungen des Pfarrers Weiler aus der Eifel über Kulturarbeit im Dorfe, denen der Nachmittag gewidmet war. Sie gipfelten in den Leitsätzen: nicht die Sehnsucht wecken wollen nach fremder Kultur, sondern die Liebe und Achtung der Heimat gegenüber pflegen, die Eigenart erfassen und sie zur Vollendung führen! — Ähnliche Ziele verfolgt der „Deutsche Landpflegeoerband" (Vorsitzende Gräfin zur Lippe), wo Herr Rektor Meyer-Spelbrink über die Aufgaben in der Landpflege sprach. Seine Arbeit gilt bauptfächlich der Jugend, in der ein an Leib und Seele gesundes, mit starker Heimatlieoe begabtes Geschlecht heranwachfen soll. — Mehr praktischen Zwecken diente die gleichzeitig tagende Versammlung des „Verbandes märkischer landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine", auf deren Tagesordnung Vorträge, Aussprache und Borführungen aus oen praktischen Arbeitsgebieten des ländlichen Haushalts standen.
Der „Reichsverband der deutschen Guts- b e a m t i n n e n", der die Verbände der Gutsbeamtinnen, Guts- fekretärinnen, der Gärtnerinnen, ländlichen Hausbeamtinnen u. a. umschließt, bot in seiner Versammlung im Meistersaal einen ausführlichen Überblick über die Ziele und Tätigkeit feiner Organisation. Während feines einjährigen Bestehens gaben das Arbeitsnachweisgefetz, das Haus- gehilfengefetz, die Wahlen zur Angestelltenversicherung, der Reserenten- entwurf für Erwerbslosensürsorge dem Verbände reichlich Arbeitsstoff. Eines seiner wichtigsten Gebiete ist die Stellenvermittlung. Die einzelnen Fachgruppen setzten sich ein für Regelung der Gehaltsfragen,
