Wr. 805. Aden-matt
V lerunddreissigster Jahrgang.
fl. 8-25
Druckerei.
Gr. Eechenheim^r«*. ^7
In der Preßfehde über die Tunis-Affaire hat jetzt auch die offiziöse „Italic" unter dem Titel „Eine unnütze Polemik" ein Wort gesprochen. Sie schreibt u. A.:
»Wir haben einen durchschlagenden Grund, der uns zwingt, den Schluß der Erörterung zu verlangen. Nach der Tunis-Affaire hat Italien seine Politik in einer Weise geändert, welche seinen Interessen am besten entspricht. Das war sein Recht und feine Pflicht. । Wir find aus unserer Jsoliruug herausgetreten und haben Bündnisse geschlossen, welche uns gegen alle Ueberraschungen schützen. Aber wir hegen weder Herausforderungs- noch Rachepläne gegen Frankreich. Für uns ist der tunesische Zwischenfall geschlossen und wir beabsichtigen nicht ihn wieder zu eröffnen.
Nach der Tunis-Affaire haben wir uns eine neue Stellung in Europa errungen. Sie gründet sich auf unsere Allianz mit den Kaiserreichen Mitteleuropas und gleichzeitig auf unsern aufrichtigen Wunsch, mit Frankreich gute Beziehungen zu unterhalten. Wir haben unsererseits nichts gethan, diese Beziehungen zu stören. Wir haben im Gegentheil Alles gethan, um das Mißtrauen unserer Nach- baren zu überwinden und zwischen ihnen und uns ein freundschaftliches Einverständnitz zu erzielen, unbeschadet unserer Verpflichtungen gegen di« übrigen Mächte.
Wir haben bis jetzt diese Politik befolgt und werden fie auch in Zukunft befolgen. In dieser Abficht vermeiden wir sorgfältig Alles, was di« Gemüther in Frankreich und in Italien aufreizen könnte. Die gegenwärtig geführte Polemik gehört entschieden zu denen, welche nur dazu dienen, Reibungen zwischen beiden Völkern hervorzurufen. Aus diesem Grunde wird die italienische Presse gut daran thun, die Sache nicht weiter zu verfolgen.
Da in dieser Stimme Herr Crispi spricht, wird seine Mahnung wohl Erfolg haben. Auf der anderen Seite hat auch Herr Jules Ferry wieder das Wort ergriffen. In einem Priese an den Herausgeber des „Tempo" in Venedig, den Deputirten Roberto, hat er betheuert, daß er kein Feind Italiens sei, und darauf hingewiesen, daß er die diplomatischen »olgen der Tunis-Affaire mit dem italienischen Minister Mancint m der freundschaftlichsten Weise geordnet habe, sowie daß er 1885 bei seiner Anwesenheit in Italien überall freundlich ausgenommen worden sei. Der Brief schließt mit folgenden Sätzen:
.-Ah gehöre, mein verehrter Freund, zu jener Generation fran- x v »’ d>° durch das Kaiserreich geopfert worden find
unb bie rückhaltlos unb ohne Hintergedanken die Befreiung Italiens begrüßt haben. Unter uns gab es nie Feinde Italiens und »ttb es megeben. Die wirklichen Feinde Italiens sind Jene, welch« eingeschlafene Fragen wieder aufwecken, edle Erinnerungen verkennen, d» Geschichte entstellen und Frankreich verleumden, in- bemfte ihm Abfichten zuschreiben, deren Rachsucht und Dummheit gleich groß find und sogar die Insassen von Charenton zu einem Achselzucken bewegen könnten.
Der letztere Satz mit der Anspielung auf das Irrenhaus zielt gegen die Anhänger der weltlichen Herrschaft des Papst- thums, die von Frankreich die Wiederherstellung des Kirchen- staats erwarten und damit den Italienern Angst zu machen bestrebt sind. Die Klerikalen werden Herrn Ferry über diesen Ausfall schon quittiren. Sachlich kann der Brief wohl auch dazu beitragen, die Polemik zu beenden, was das Beste wäre. Im Grunde hat ja doch kein Theil dem andern etwas vorzuwerfen, denn wenn, wie der „Standard" etwas boshaft bemerkt, die Franzosen ein Protektorat in Tunis errichtet haben, so haben dafür die Italiener Massaua und das Bogosland genommen, sowie ein Protektorat über Abessy-
könnte man das bekannte Wort des Frankfurter Abgeordneten variiren. Wenn Herr von Bennigsen auf die Bühne tritt, so find die Dinge, die hinter den Coulissen Vorgehen, keine Geheimnisse mehr, so hat die Handlung schon begonnen.
zur Begründung gewisser agrarischer Gesetzesvorschläge zu gewinnen, welche er mit Rodbertus u. A. plante. Die Wir» fung solcher Enqueten ist endlich gerade für die Arbeiter eine antirevolutionäre. Durch den Zwang konkrete, zahlenmäßig belegte Angaben über ihre Beschwerden liefern zu müssen, werden fie von der in allgemeinen Phrasen sich bewegenden Agitation zur positiven Mitarbeit an praktischen Aufgaben gewöhnt. Jedes weitere Wort über die Angelegenheit erscheint überflüssig. Lediglich die traurige Verblendung maßgebender Stellen in sozialen Dingen ist wieder einmal in erschreckender Weise zu Tage getreten. Man kann gerade angesichts der bevorstehenden Debatten über das Sozialistengesetz nur mit Grauen daran denken, wohin mit solchem Thun gesteuert wird, das sich unbefangener Beobachtung und Einsicht geflissentlich verschließt.
* Berlin, 31. Octbr. Die Fraktionsliste des Reichstages 'st erschienen. Die Fraktion bet Deutschkonservativen zählt 75 Mitglieber (baiunter auch ben neuen Abgeordneten für ben 11. Wahlkreis bes Königreichs Sachfen Dr. Giese) und einen Hospitanten (ben ©rasen von Schlieffen-Schlieffenberg). In ber Fraktion der Rerchspartei sitzen 89 Mitglieder, ii.a.auch die neugewählten Abaq. Landgerichtsrath Frhr. v.Gültlingen (7. Württemberg) und Bürgermeister a. D. John (8. Magdeburg). Die Nationalliberalen besitzen 92 Mitglieder (darunter den neuen Vertreter für 2. Mecklenburg- Schwerin, Senator Brunnengräber) unb zwei Hospitanten (Keller- Württemberg unb Dr. Petri); bie Freisinnigen 35Mitglieder. Das Centrum hat 99 Mitglieder (u. A. ben neuen Abgeordneten für Crefeld, Rechtsanwalt Bachem) unb vier Hospitanten: Baron von Arnswaldt-Böhme,Baron von Arnswald-Hardenbostel, Graf Bernstorff unb Frhr. v. Scheele. Die Polen finb 13 Mitglieder stark, bie Sozialbemokraten 11, bie Elsaß - Lothringer 14 Fraktionslos find: Dr. Boeckel, v. b. Decken, Hildebrand, Frhr. v. Hornstein, Johannsen, Kröber, Frhr. v. Lang- werth von Simmern, von Levetzow, Retemeyer und Thomson (früher freisinnig).
. * Berlin, 31. Oct. Das Septemberheft des Jahrgangs 1889 ber Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reichs enthält eine vorläufige Nachweisung über ben Umfang bes beutschen Tabaksbaus imJahre!889. Im ganzen beutschen Zollgebiet find hiernach 17,405 Hektar mit Tabak bepflanzt worben, wogegen bie rm JaKe 1888 bepflanzte Fläche 18,032 Hektar umfaßt hatte. Nur im Elsaß-Lothringen, Württemberg, Anhalt unb Braunschweig hat ber Flächeninhalt ber mit Tabak bepflanzten Grund- stock« int Vergleich zum Vorjahr an Umfang zugenommen (im erst- 6enannten Direktivbezirk von 1543 Hektar im Jahre 1888 auf 1744 Hektar), wogegen in alle» übrigen Direkiivbezirken bet Tabakbau abgenommen hat, namentlich in Baden (6409 Hektar gegen .b Hektar im Vorjahr), Bayern (3424 Hektar gegen 3454 Hektar «n Vorjahr), der Provinz Brandenburg (1926 Hektar gegen 2108 Hektar im Vorjahr), Pommern (888 Hektar gegen 983 Hektar im Vorjahr), dem Großherzoglhum Hessen (488 Hektar gegen 618 Hektar tm Vorjahr), Hannover (484 Hektar gegen 519 Hektar im Vorfahr) unb Westpreußen (474 Hektar gegen 496 Hektar im Vorjahr).
itien errichtet. Beide Theile können sich demnach als quitt betrachten.
Herichtszeiiung.
H Frankfurt, 1. Novbr. (Schwurgericht.) Die Rubrik „Meineid" ist für ben Augenblick leibet eine stehende für da« Affisenprogramm. Die Anklage ist gerichtet gegen den Uhrmacher Konrad Friedrich Klein in Bergen, von Kilianstetten, 43 Jahre, wegen Betrugs und Fälschung bestraft. Es find 10 Zeugen geladen. Der falsche Eid ist ant 4. December vor dem Amtsgericht geleistet in dem Prozeß des Kaufmanns Oskar Held gegen be« Maurer Johann Bender in Niederdorfelden. Der Verklagte hatte de« Klein den Auftrag ertheilt, ihm Kleiderstoff »« besorgen. Er
Griechenland.
* Athen, 30. Oct. Kaiser Wilhelm stattete heute, begleitet vom Prinzen Heinrich und seinem Gefolge, der britischen Flotte einen Besuch ab. Der Kaiser trug die brÄsche Admiralsuniform unb feine Flagge wurde aus dem „Dread- ■ nought", Flaggschiff des Admirals Hoskins, gehißt. Beim Lunch, an welchem außer dem britischen Admiral sämmtliche Kapitäne des Geschwaders und Sir K. Monson, der britische Gesandte in Athen, theilnahmen, brachte Admiral Hoskins die Gesundheit des Kaisers aus, wobei er bemerkte, daß der britischen Marine durch die Ernennung des Kaisers zu einem Admiral der Flotte eine hohe Ehre erwiesen worden sei. Kaiser Wilhelm antwortete, er wäre stolz aus den Rang, den ihm die Königin Victoria verliehen habe. Dann fuhr er fort:
Man dürft« glauben, daß mein Interesse an der britischen Marine von meiner Ernennung zum Admiral der Flotte batirt, aber dem ist nicht so. Von frühester Jugend auf schon, als ich als kleiner Junge in ber Portsmouther Werste umherlief, habe ich mich für britische Schiffe gründlich inlerelsitt. Meine heutige Inspektion ber Schiffe hat mir großes Vergnügen bereitet unb ich beglückwünsch« Sie zum Aussehen derselben. Nelsou's berühmtes Signal ist jetzt nicht nothwendig. Sie thun alle Ihre Schuldigkeit, und wir als junge ©eenationen kommen nach England, um von der englischen Marine etwas zu lernen.
Der Kaiser schloß seine Ansprache mit drei Hochs auf die britische Marine, in welche die deutschen Offiziere seines Gefolges herzlich miteinstimmten. Der Besuch dauerte 6 Stunden, und als der Kaiser nach dem User zurückkehrte, wurden Salutschüsse abge- seucrt, während die Matrosen die Noam bemannten und ihrem Gaste ein donnerndes Hurrah nachsandten.
Amerika.
* Chicago, 30. Oct. Aus der heutigen Gerichts-Verhandlung gegen die derErmordting Dr. Cronin 's angeklagten Personen verdient folgende Aussage Beachtung. Thomas O'Connor, der „Kapitän"des „Lagers 20" der geheimen irischen Verbindung Clan-na-Gael, bekundete, Andrew Foy, ein anderes Mitglied desselben Lagers, hätte in einer am 8. Februar stattgefundenen Sitzung des „Lagers 20" erklärt, daß nach den von Le Enron, dem bekannten Spitzel in London, vor der Par- nell-Kommission gemachten Enthüllungen die Organisation als eine Organisation nicht länger bestände. Er fügte hinzu, es befänden sich vier b ri t i s ch e S p i o n e in der Organisation, die deshalb umgebildet werden sollte, und daß alle Mitglieder, auf welchen nur der leiseste Verdacht ruhe, ausgestoßen werdm sollten. O'Connor selbst habe gesagt, er wisse, „daß Schurken an der Spitze der Organisation ständen." Sie hätten Doll. 100,000 vergeudet und die besten Männer nach England ge» sendet,damitdies elbendorteingesperrtwer- den. O'Connor erklärte auf das Bestimmteste, daß Le Caron der Agent der Vollzugsgewalt war und von derselben besoldet wurde.
* Telegraphischer Nachricht aus Guayaquil zufolge ist in Ecuador ein neues Sabines gebildet worden, in welchem Senator Carlos R. Tobar die Portefeuilles des Innern und der auswärtigen Angelegenheiten innehat.
Winkel seiner Spalten unter „Vermischtes" verwiesen hat, so soll dieselbe hiermit niedriger gehängt werden:
Infolge ber Absperrimgsmaßregel find bie Preise für Schwarzvieh in Galizien erheblich heruntergegangen. Da nun anberntheilS die Viehpreise im Regierungsbezirk Oppeln sehr hoch finb, so gestaltet sich bie Einfuhr von Schweinen aus Galizien äußerst loh- nenb. Es hat aus diesem Grunde sich im Kreise Pleß an ber schlesisch-galizischen Grenze ein ganz umfangreicher Schmu ggel- hanb el entwickelt, welcher trotz ber verstärkten Grenzbesetzung von ber Grenzpolizei unb Grenzgendarmerie nicht bewältigt werben kann. Dieser Schmuggel wirb mit ber größten Durchtriebenheit ins Werk gesetzt, unb nur selten gelingt es, einige wenige Schwein« von ben größeren Transporten zu beschlagnahmen. Für bie heimisch« Viehzucht ist bieser Schmuggelhanbel äußerst gefähr- I i ch, unb wenn auch bireft klauenkranke Schweine aus Galizien nicht kstigeführt werben, weck ber Transport berselben mit Schwierigkeiten verknüpft ist, fo finb jedenfalls unter ben Thieren zahlreiche durchseuchte bezw. inficirte Thiere vorhanden, welch« die Krankheit auf heimische Thier« übel tragen unb zur Verseuchung bes Bezirks beitragen. Da bie geschmuggelten Schweine nicht in ben Grenzkreisen verbleiben, so finb diese bis vor wenigen Wochen von der Seuche verschont geblieben, dagegen find bie benachbarten Kreis« saft sämmtlich verseucht. Der Regierungspräsident zu Oppeln hat, um einer weiteren Verbreitung der Krankheit vorzubeugen, bie Abhaltung von Viehmärkten unb ber auf Wochenmärkten staltstn» benben Schwarzviehmärkte mit Ausnahme ber Pferbemärkte in be« Kreisen Rybnik unb Pleß auf Grunb bes § 64 ber Bunbesraths- Jnstruktion zum Reichsgesetze vom 23. Juni 1880 verboten. Außerdem sind die Orlspolizeibehördeti und di« Gendarmen angewiesen worden, Ansammlung von Schwarzvieh an anderen Platzen sofort zur Kenntniß der Landräthe zu bringen.
Denkt die „Köln. Zig." nicht an eine wirthfchastspolitische Verwerthung dieser interessanten Thatsachen an der Stelle, wo sie sonst vom Schweineeinfuhrverbote handelt? Was sagt fie vor Allem nunmehr von der offiziösen Begründung des Verbots durch sanitäre Rücksichten?
Hroßsirilcknnien.
XX London, 30. Oct. Ueber den Ursprung der Antwort, welche Lord Salisbury derBaptisten-Union ertheilte, deren Vertreter ihm Vorstellungen über die türkischen Greuel in Kreta und Armenien machten und seine Intervention anriefen, gibt „Truth" folgende Auskunft: Der Premier wollte den ungünstigen Eindruck, welchen die Nachrichten über die Greuel auf dir. Wähler machen, verwischen, und war geneigt, eine versöhnliche Antwort zu geben. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Brieses der Baptisten machte der türkische Gesandte dem Premier seine Aufwartung, und er klärte, wenn die britische Regierung über die türkischen Ausschreitungen sich mißfällig ausspreche, die Pforte ben Mächten rin Rundschreiben über die irischen Zustände übersenden werde. DaS wäre Lord Salisbury sehr unlieb gewesen und ein junger Muselmann der türkischen Gesandtschaft habe thatsächlich die Antwort aufgesetzt. Diese köstliche Geschichte illustrirt • natürlich blos die Verlegenheit des britischen Kabinets, das vertragsgemäß dazu verpflichtet ist, darauf zu sehen, daß die Reformen in Armenien ausgesührt werden, während es die Folgen seiner eigenen Mißregierung in Irland vor der Thüre hat. — Der Schatzkanzler Goschen hat seinem Privatsekretär Milner, einem tm Finanz- säch sehr geschickten jungen Politiker, eine gute Stelle in Egypten verschafft: derselbe ist zum Generaldirektor der staatlichen Kass« ernannt worden, und zwar soll er den Posten permanent bekleiden. — Eine Rede des Herrn Wyndham, der Dover im Parlament vertritt, erregt einige Aufmerksamkeit. Er verkündete gestern seinen Wählern, daß Herr Balfour in der nächsten Session einen umfassenden Plan zum Landankauf vorlegen werde. Die irische Regierung ist allerdings dazu gezwungen, insofern bic unter ber Ashbourne Akte gewährten 10 Millionen vor Jahresfrist erschöpft sein werden.
Aber es gibt auch eine andere Möglichkeit. Man kann sich denken, daß schon dem Fürsten Bismarck die Verantwortlichkeit für das Rejchsfinanzwesen zu schwer wird und daß er den Wunsch hat, von ihr befreit zu werden. Auf diesen Gedanken führt namentlich das stetige Anschwellen des Heeres- und Marineetats, sowie der Ausgaben für die sogenannte Kolonialpolitik. Je stärkeren Rückhalt die steigenden Forderungen für diese Zwecke an einer Stelle finden, die dem etwaigen Widerstand des Kanzlers enge Schranken setzt, um so stärker muß bei diesem sich das Bedürfniß einstellen, der Gefahr von Friktionen, die aus solchem Widerstand erwachsen können, entzogen zu werden.
Als Bismarck'schen Ausspruch citirt man das Wort, der Kaiser Wilhelm II. werde einmal sein eigener Kanzler sein. Wie, wenn er das jetzt schon wäre, namentlich in Bezug auf die Anforderungen an die Steuerkraft des Reiches zur Vermehrung der Kriegsmacht und der Marine, sowie zur Erweiterung der Kolonialmacht? Weist nicht die ungewohnte Erscheinung, daß in offiziösen Organen verschiedene Forderungen des neuen Militäretats stark bemängelt worden sind, ziemlich deutlich darauf hin, daß der Reichskanzler nicht geneigt ist, die volle Verantwortlichkeit für diesen Etat zu übernehmen? Wenn dem so wäre, was könnte ihm näher liegen, als der Gedanke, durch Einschiebung eines mit voller Machtvollkommenheit und Verantwortlichkeit ausgestatteten Finanz- Ministers Vorkehrung dafür zu treffen, daß der finanzpolitische Standpunkt kräftiger zur Geltung gebracht werden könnte gegenüber ben Forderungen von Ressorts, die ihren Wünschen die Rücksicht auf die Steuerkraft des Reiches unter- ordnen? Ein solcher Finanzminister würde sicherlich auch item Partikularismus der Einzelstaaten willkommen sein, denn sein Wirken würde im Grunde darauf hinauslaufen, die Lasten, die fie für das Reich zu tragen haben, nach Möglichkeit herabzumindern. Allerdings könnte dieser Minister dabei leicht in Konflikt mit anderen Stellen gerathen, aber würde in solchem Falle nicht dem Reichskanzler die Entscheidung aus allgemeinen politischen Gesichtspunkten zufallen? Die Entlastung wäre im Grunde also eher eine Verstärkung als eine Minderung der Macht des Reichskanzlers und nur die Reibungen würden wesentlich abgeschwächt.
Aus diesen Erwägungen ziehen wir den Schluß, daß der Fürst Bismarck jetzt die Idee verantwortlicher Reichsminister mit ganz anderen Augen ansieht, als vor fünf und vor fünfzehn Jahren. Es sind neue Menschen als handelnde Personen auf die Bühne getreten und haben neue Verhältnisse geschaffen, denen gegenüber die alten Grundsätze sich nicht wehr überall praktisch Geltung zu verschaffen vermögen. Mehr als früher tritt für die Leiter der Politik des Reiches »ie Nothwendigkeit der Schonung der Finanzkraft des Landes in den Vordergrund und wer die Reden der dreitägigen Etatsdebatte aufmerksam liest, wird inne werden, daß auch die am weitesten rechts stehenden Parteien von dieser Nothwendigkeit überzeugt und durchdrungen find. Die Hurrah- pimmung des Jahres 1887 ist sogar bei diesem Reichstag schon geschwunden und hat einem Phlegma Platz gemacht, das nicht frei von Besorgnissen für die Zukunft ist. Daß Fürst Bismarck diese Besorgnisse theilt, ist eine wohlbegründete Annahme; von ihr aus aber gelangt man ganz natürlich dazu, in der Bennigsen'schen Forderung eines verantwortlichen Reichsfinanzministers etwas ganz Anderes zu sehen als ein Ornament oder einen Schnörkel.
.Es geht etwas vor und man weiß ungefähr was"
* »erlitt, 31. October. Gegen bie ungereimte Ansicht ber ,3tahonal=3eitung', baß bi« Ermäßigung ber Eintrittspreise für »beiter baju beigetragen haben soll, daß die Einnahmen ber Deutschen Allgemeinen Ausstellung für Unfallverhütung zur Deckung ber Ausgaben nicht ausreichen, wendet sich jetzt ber Vorstand» der Ausstellung, nur daß er seine Berichtigung son- berbarer Weise nicht ber „Nat.-Ztg.", fonbern bem „Gewerkverein" zuschickt. Er schreibt: „Es liegt uns baran, zu konstatiren, daß wir — weit entfernt, ber „National-Zeitung" zuzustimmen — der Meinung finb, baß bie von ben Arbeitern gezahlten Eintrittsgelder frotz ihrer Ermäßigung wesentlich zurD « ckung ber Kosten bes Unternehmens bei getragen haben unb um so willkommener waren, all auf einen so zahlreichen Besuch aus biefen Kreisen, wie er thatsächlich zu verzeichnen ist, saunt gerechnet werben konnte."
* Leipzig, 31. Octbr. Wie das hiesige Organ des Verbandes ber beutjchen Handlungsgehilfen, bie „Kaufen. Reform", mittheilt, ist es den Zünftlern gelungen, auch in bas ka nfmännische einzubringen. Der „Kaufmännisch« Verein" in Schleswig hat sich in eine Innung umgewanbelt, und im Hannöverschen bereiten sich soeben mehrer« kaufmännische Vereine zu gleichem Schritt« vor. Auch bi« Kaufleute müssen also erst durch bie Erfahrung am eigenen Leibe lernen, daß von bem Zunftwesen ganz getoiß keine Besserung ber gewerblichen Verhältnisse zu erwarten ist.
* Karlsruhe, 31. Oct. Herr Peter Schwuchow nimmt beute von ben Lesern ber „Bad. Landesztg." Abschied; er will sich einer „geschäftlichen Unternehmung" widmen. Die badischen Prcß- verhältniffe können durch diese Veränderung nur gewinnen, denn Herr Peter Schwuchow hatt« in bem Hauptorgan bes badischen Liberalismus einen Ton eingeführt, wie er widerwärtiger nicht gedacht werden konnte.
* Frankfurt, 31. Oct. Eine schärfere Kritik an dem Sch» eine« infuhrv erböte, als sie eine Korrespondenz der „Köln. Ztg." aus dem Kreise Pleß in Schlesien übt, kann überhaupt nicht geliefert werden. Da da« rheinische Blatt seine Mittheilung aus allzu großer Bescheidenheit in den hintersten
Nach den neuesten Berichten der deutschen Fabrikinspektoren für 1888 ist das Trucksystem, d. h. die Unsitte der Auslöhnung der Arbeiter mit Waaren, aüs Deutschland so gut wie verschwunden. In allen gouvernementalen Organen wurde dieser „Erfolg der Sozialreform" sofort mit größtem Nachdruck gerühmt. Die soeben erschienene deutsche Criminal- statistik aber für dasselbe Berichtsjahr liefert den Nachweis, daß 1888 nicht weniger als 113 Verurtheilungen wegen Trucks erfolgten. Es waren sogar 153 Anklagen wegen dieses Vergehens erhoben. Da Deutschland in rund 50 Fabrikinspektionsbezirke getheilt ist, macht dies auf jeden Jnspektionsbezirk drei Anklagen wegen Trucks. Ein Kommentar ist überflüssig. Wir haben nur auf das Bekanntwerden dieser Thatsachen gewartet, um wenige Worte über den Ausfall der „N.A. Ztg." gegen die Erhebung zu sagen,welche der Abg. Bebel soeben mit Hülfe der Arbeitervereine über das Truckunwesen in Deutschland veranstaltet. Wenn das Kanzlerorgan jetzt noch bei feiner lediglich durchJnvektiven undJnsinua- tionen, nicht aber durch Thatsachen begründeten Beschuldigung verharrt, daß die Bebel'schen Erhebungen „Nichts als eine neue Art Propaganda im sozialrevolutionären Interesse" fei, so darf man seine sozialpolitischen Auslassungen von nun ab überhaupt ignoriren. Erst das gänzliche Darniederliegen der amtlichen Arbeiterstatistik in Deutschland zwingt geradezu die Arbeiter selbst, wie nunmehr auch der „Wests. Merkur" und ber „Gewerkverein" ganz richtig betonen, zu eigenem Vorgehen auf diesem von Seiten der Sozialreform in unverantwortlichster Weise vernachlässigtem Gebiete. Der sozialdemokratische Arbeiterschutz-Antrag aus dem Jahre 1885/86 machte ja Vorschläge zur gründlichen Reorganisation der amtlichen Arbeiterstatistik. Man weiß, mit welchem Hohn sie von denselben Leuten behandelt wurden, die jetzt die selbstständigen Erhebungen der Arbeiter durch erbärmliche Denunziationen herabzusetzen suchen. Solche Privatuntersuchungen werden jährlich zu Dutzenden auf deutschen Universitäten angestellt, haben die besten Bücher über unsere sozialen Zustände geliefert, und können jeden Augenblick für jeden Abgeordneten einer anderen Partei nothwendig werden, ber sich ernsthaft mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt. So hat in ben 70er Jahren Freiherr von ber Goltz mit konservativen Gesinnungsgenossen eine Enquete über bie Lage ber ländlichen Arbeiter in Ostpreußen veranstaltet, um Material
Politische Uebersicht.
Herr Richter hatte gestern mit Fug und Recht bie Lacher auf seiner Sette, als er Herrn v. Bennigsen die Gefahr vorführte, wegen seiner Forderung eines verantwortlichen Reichsfinanzministers unter die Anklage der Reichsfeindschaft gestellt zu werden, aber bie Zustimmung ernster Politiker wirb ber freisinnige Führer, wenn er weiter behauptet, bie Forderung Bennigsens habe nur ein Ornament, ein Redeschnörkel sein sollen, wohl nicht finden. Der Oberpräsident von Hannover ist nicht ber Mann, ber mit dem Feuer spielt; faßt er es an, so wird er auch sicher fein, daß er sich die Finger nicht verbrennt.
Allerdings hat Fürst Bismarck bisher stets und zuletzt 1884 den Gedanken an verantwortliche Reichsminister schroff zurückgewiesen, zuletzt sogar unter dem Aufgebot des gejammten Bundesraths, dessen im „Reichsanzeiger" veröffentlichte Erklärung darin gipfelte, ein Reichsministerium setze einen Unitarismus voraus, der dem Wesen der Verfassung zuwiderlaufe. Aber seit 1884 hat sich in den Personen unb Dingen Manches geänbert unb ber Fürst Bismarck ist, wie man weiß, ein Freund des Lernens, auch wenn es auf Kosten früherer Ansichten unb Ueberzeugungen geschieht. Unitaricr braucht er deshalb noch nicht geworben zu sein, ber Reichsfinanzminister soll ihm wahrscheinlich für andere Zwecke dienen, als die warm und sind, die der Freisinn bei seiner Forderung verantwortlicher Reichsministerien im Auge hatte.
Denn daß Herr v. Bennigsen mit bem „verantworlichen Reichsfinanzminister" nur einer Idee Ausdruck gegeben hat, ber das kanzlerische Placet nicht fehlt, halten wir für unbestreitbar und möchten sogar noch weitergehen, indem wir annehmen, Herr v. Bennigsen habe nur ben „Mr. Phonograph" gemacht unb ber Reichstag habe bie Stimme bes Kanzlers vernommen. Fraglich bleibt uns einstweilen nur, ob bie Idee Zukunftsmusik sein sollte, ober ob fie aktuelle Bebeuttmg hat.
• Daß ber Reichskanzler sich schon lange mit ber Regelung feiner einstigen Hinterlassenschaft beschäftigt unb daß er dabei wiederholt Herrn v. Bennigsen zu Rathe gezogen hat, weiß man. Er muß sich sagen, daß die Fülle ber Macht und Verantwortlichkeit, bie er trägt, für jeben Nachfolger zu groß fein wirb, daß ber Kanzlerherrschaft, wie sie jetzt ist, ein Diabochenthum folgen muß, wenn bie Reichsmaschinerie orbnnngsinäßig weiter arbeiten soll. Vielleicht hat er gerabe I bei derjenigen Persönlichkeit, bie er sich als ben „kommenden Mann" denkt, einen Mangel an finanzpolitischer Befähigung entdeckt, der eine Verantwortlichkeit für diesen bedeutsamen Zweig der Verwaltung nicht zuläßt. Da wäre denn ein besonderer Reichsfinanzminister, so wie ihn Herr v. Bennigsen gezeichnet hat, ein nothwendiges Auskunftsmittel, eine Entlastung von Arbeit und Verantwortlichkeit für den künftigen Kanzler und zugleich das Mittel, ben Bismarck'schen Gedanken, das Reich finanziell unabhängig von ben Einzel- staaten zu machen, auch nach ber politischen Richtung hin auszuführen.
Lettisches Kelch.
* Berlin, 31. Oct. Ein Spezialkorrespondent des „New- Pork Herald" machn vor einigen Tagen dem Grafen Waldersee im Gcneralstabsgebäude in Berlin seine Aufwartung. Die Londoner Ausgabe des „Herold" berichtet über die Unterredung wie folgt: „Der Korrespondent fragte den General, cb cs wahr sei, was die Zeitungen sagten, daß er einen Krieg als unvermeidlich betrachte und einen solchen so bald als möglich her- deiwünsche. Graf Waldersee antwortete, nachdem seine Augen einen Augenblick auf einer über seinem Pulte befindlichen Bronzebüste bc§ Graftn Moltke geruht hatten,Folgendes:„Daß ich einen Krieg wünsche, ist Unsinn. Ich hege nur den Wunsch, daß wir so stark organisirt fein mögen, daß unsere Feinde jedes Gelüste, uns an- zugreiskn, verlieren mögen. Ich verstehe gut genug, was ein Krieg bedeutet, um überzeugt zu sein, daß ich als ein ehrlicher Mensch nicht allein im Interesse des Vaterlandes, sondern in dem der ganzen Welt, den Wunsch hegen muß, einen Krieg als letztes Auskunftsmittel zu betrachten. Darum, wenn ich denke, daß er vermieden werden kann, halte ich es für meine Pflicht, Alles zu thun, was in meiner Mach steht, um ihn zu verhindern. Sollte die Vorsehung uns jedoch einen Krieg senden, so würde ich die größte Zuversicht haben, im Stande zu sein, die mir anvertraute Aufgabe auszusühren: Ich kenne den Aufopferungsgeist ber Deutschen und mit welchem Vertrauen sie ihrem fähigen und energischen jungen Kaiser folgen würden. Ich kenne auch unsere Armee und bin gewiß, daß sie, was Tüchtigkeit betrifft, irgend einer anderen überlegen ist. Ändere Nationen mögen unsere taktischen Formen und unsere Waffen nachahmen; aber die hohe moralische Kraft ist das Htmptelement der Stärke in der deutschen Armee. Unsere Bündnisse erhöhen unsere Stärke und sind jedenfalls eine starke Friedensbürgschaft; aber ich bin gewiß, daß die Macht Deutschlands, in einer einzigen starken Hand gehalten und geleitet von einem einzigen festen Willen, stark genug ist, um einer Koalition mit guter Hoffnung aus Erfolg allein die Stirne zu bieten.
* Berlin, 31. October. Wie das DeutscheEmin- Pascha-Comiti uns mittheilt, hat dasselbe am 30. Oktober unter Vorsitz des Staatsministers von Hofmann in den Räumen bes Abgeordnetenhauses eine Sitzung abgehalten, in welcher unter Andern der Abgeordnete von Bennigsen und die Afrikareisenden Schweinfurt unb Reichard anwesend waren. Namens des Ausschusses berichtete der Vorsitzende über den Fortgang be8 Unternehmens seit ber letzten Cointtisitzung. Dr. Peters habe seinen Marsch am Tana auswärts trotz großer Schwierigkeiten fortgesetzt unb sei, seinem letzten vom 8. September batikten Berichte zufolge bamals noch brei Tagemärsche von Massa entfernt gewesen, wohin er am nächsten Tage aufbrechen wollte, um in der Richtung nach bem Keniagebirge weiter vorzubringen. Hauptgegenstand der Berathung war die Stellungnahme desEmin-Pascha-Comites gegenüber den Nachrichten über den Anmarsch Emin-Pascha's. Die erste Meldung hierüber von Hauptmann Wißmann hatte noch Zweifeln Raum gelassen, in Folge dessen hatte sich Professor Schweinsutth telegraphisch nach Sansibar gewendet und die Ant- wnt erhalten: „Nachricht glaubhaft, Emins Brief in Wißmann? Händen." Unter solchen Umständen beschloß das Einin-Pascha- Eomite einstimmig, so schnell als möglich Nachricht an Dr. Peters zu senden, daß er den Weitermarsch ber Expedition nach Wadelai ausgebe. Ueber bie weiter beabsichtigten Maßnahmen werbe Geheimhaltung beschlossen. Die ber Sachlage entsprechenden Weisungen seien unverzüglich an Dr, Peters erlassen.
FrettaKI. MoveMrr 1888.
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