Nr. 103. Abendblatt

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üug^mmel, Strassburg; (Tmnkfurter "tung) und Nandelsblatt. tnng) Druckerei.

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Politische Uebersicht.

DasHandwörterbuch der Staatswissenschaften", welches sich die Aufgabe stellt, den heutigen Stand der Wissenschaft in allen nationalökonomischen Fragen zusammenzufassen, bringt in seiner neuesten Lieferung u. A. einen Artikel über die G e t r e i d e z ö l l e aus der Feder des Herm Prof. Paasche, auf welchen man bei der hochgradigen Aktualität der Frage mit Recht gespannt sein durfte. Leider bleibt aber gerade dieser Artikel hinter den wissenschaftlich so hochinteressanten Ereignissen auf dem Getreidemarkt des letzten Jahres, wie den neuesten Arbeiten wiffenschastlicher Spezialforscher von der in den weitesten Volkskreisen durchgedrnngenen öffentlichen Meinung ganz zu schweigen sichtlich zurück. Ter Artikel versucht die deutschen Getreide­zölle zu rechtfertigen. Wir können auf die ganze Argumen­tation an dieser Stelle nicht genauer eingehen. Nur einiges Wenige sei hier hervorgehobeu. Wo der Autor von der Ein­wirkung der Getreidezölle auf die Getreidepreise spricht, läßt er sene Vorgänge gänzlich außer Betracht, welche sich im Sommer 1891 und anläßlich des Inkrafttretens der neuen Handelsverträge im Februar 1592 auf den Getreidemärkten abgespielt haben. Im Sommer 1891 hat man klar nach­gewiesen, daß der Getreidepreis im zollbelastetcn Jnlande um den Zollbetrag höher steht als im zollfreien Auslande, und selbst der deutsche Reichskanzler hat im Juni vor. Jahres gegenüber dem Ansturm auf die Getreidezölle diese That­sache zugeben müffen. Im Februar d. I. hat dann die Er­mäßigung der deutschen Getreidezölle sich sofort in einer ganz entsprechenden Verminderung der Preisdifferenz zwischen Jn- und Ausland geltend gemacht, und damals hat selbst die fanatisch-agrarischeKreuzzeitung" den Freihändlern gestehen müffen:Der Beweis ist erbracht." Diese, wie uns scheint, auch wissenschaftlich so bedeutsamen Vorgänge haben in dem Artikel desStaatshandwörterbuches" keine Spur zurückge­lassen. Da wird noch immer ein Eiertanz mit Wenn und Aber aufgeführt, und dem Ruhland'schen Sophisma von der verbilligenden Wirkung der Getreidezölle, von dem ge­rade der Herausgeber desHandwörterbuchs", Herr Prof. Conrad erst jüngst nachgewiesen hat, ein wie geringer Kern von Wahrheit in ihm steckt, viel zu große Aufmerksamkeit geschenkt. Der Nutzen der Getreidczölle für die Landwirthe, heißt es weiter in dem Artikel desHandwörterbuchs", ist viel allgemeiner, als er von den Gegnern der Zölle ange­nommen wird";von einer Bereicherung der Großgrund­besitzer arff Kosten des armen Mannes wird wohl mir der reden können, der die thatsächlichen Verhältniffe recht ober­flächlich kennt oder sie nicht kennen will." Ter Autor des Artikels imHandwörterbuch" hat für diese seine kühnen Behauptungen Berechnungen vorzulegen unter­lassen. Wir muffen uns daher auf die im Jahre 1885, gleichfalls in denJahrbüchern" veröffentlichten Daten einer hervorragenden Autorität auf dem Gebiete der Agrarstatistik, abermals des Herrn Profeffor Eonrad, be-' rufen, wonach von den Getreidezöllen in ganz Preußen die geringfügige Zahl von nur 681,784, bestenfalls und zu hoch gerechnet 1,175,000 landwirthschaftlichen Betrieben, also Unternehmern in einerBevölkcrung von damalsj28 Millionen Menschen profitirt hat. Gehört auch Prof. Conrad zu den oberflächlichen" Kennern? Auch will der Autor im Handwörterbuch" beobachtet haben, daß die Bedenken, welche bei Einführung der Getreidezölle laut wurden, durch die spätere Entwicklung widerlegt worden seien. Wir haben im Gegentheil bemerkt, daß die Bedenken im Laufe der Zeit, besonders in der allerletzten Zeit, sogar gewachsen sind und auch ehemalige Vertheidiger der Getreidezölle ergriffen haben. Damit stimmt auch der Schluß überein, zu dem sich die Abhandlung imStaatshandwörterbuch" zuspitzt: daß eine allmähliche Herabsetzung dec Getreidezölle in Deutschland nothwendig ist. Das will aber doch nicht viel sagen, da der Autor leider ver­schweigt, ob er die im deutsch-österreichischen Handels-Vertrag durchgeführte Herabsetzung der Getreide-Zölle als ausreichende Erfüllung seines Wunsches ansieht oder eine weitereReduction, bezw. Modificaiion der Getreidezölle einpfiehlt.

Tas Ministerium Loubet hat gestern wirklich ein Majorität bekommen und kann weiter regieren. Die Daho- mey-Kredite wurden mit 314 gegen 177 Stimmen geneh­migt und unter den Tagesordnungen die von der Regierung angenommene einfache Tagesordnung mit 270 gegen 232 Stimmen beschloffcn. Das ist ein bescheidener Erfolg, denn wenn auch die Kredite mit großer Mehrheit bewilligt wur­den, so hat die Regierung doch in der Frage der Tagesord­nungen, in der die Vertrauensfrage steckt, nur 18 Stimmen über die absolute Majorität bekommen, obgleich sie ihre Be­scheidenheit so weit trieb, daß sie kein ausdrückliches Ver­trauensvotum begehrte, sondern sich mit der einfachen Tages­ordnung begnügte. Sie hat jetzt das Geld und bleibt im Amte, das Andere ijf ihr Nebensache. Entscheidend für die­sen Ausgang war der Umstand, daß die Kammer gerade so unentschlossen, rathlos und zerfahren war wie die Budget­kommission und die Regierung selbst. Das war gestern weder eine gründliche Abrechnung mit der Vergangenheit, noch ein klarer Ausblick in die Zukunft. Jeder Redner sprach nach einer andern Richtung, und für die Ablehnung der Kredite, d. h. für das Zurückweichen Frankreichs vor dem König Behanzin, wollte Niemand die Verantwortlichkeit überneh­men. Da hatte die Regierung noch verhältnißmäßig leichtes Spiel. Sie wird jetzt die Kredite verwenden, und wenn König Behanzin dann noch keine Ruhe gibt, dann werden eben neue Kredite gefordert, dem Lande werden neue Opfer an Geld und Blut zugemuthet werden. Es ist auf's Haar das System derpetits paquets", das in der Tonkin- Affaire so großes Unheil angerichtet hat. Jedenfalls werden die Franzosen mit diesem System jetzt keine befferen Erfahr­ungen machen wie damals.

Als der Sultan sofort nach dem Tode des Khedive Tewftk dessen ältesten Sohn Abbas als Nachfolger auf.dem Throne Egyptens anerkannte, erntete Abdul Hamid großes Lob von allen Denjenigen, welche im Interesse der Erhalt­ung des Friedens internationale Zwischenfälle jeder Art vermieden sehen möchten. Der Sultan ließ sich jedoch durch russische und französische Einflüsterungen von dem rechten Wege abbringen und so ist es gekommen, daß der Belehnungs- Firman erst nach dreimonatlicherVerzögerung übermorgen in Cairo verlesen werden wird. Ter Konstantinopeler Korre­spondent desStandard" behauptet, daß die türkische Re­gierung falsches Spiel gespielt habe. Bis zur Abreise des kaiserlichen Kommissars Ejub Pascha sei von Seiten der Pforte den Botschaften in Konstantinopel in förmlichster Weise versichert worden, daß keinerlei Aenderung in dem Firman vorgenommen worden sei. Erst als derselbe in Cairo anlangte, habe man die Entdeckung gemacht, daß die ganze Halbinsel Sinai den Egyptem entzogen worden sei, allein der Ton der Depeschen Lord Salisburys und die Sprache des Botschafters Sir Clare Ford hätten den Türken gezeigt, daß England sich eine solche Täuschung nicht gefallen lassen würde. Sir Clare sei hierbei von den Botschaftern des Dreibundes in loyalster Weise unterstützt worden. Es scheint nun zu einem Kompromiß gekommen zu sein, indem die egyptische Regierung Akaba und alle militärischen Stationen an der arabischen Küste des rothen Meeres der Türkei über­läßt, dagegen aber die Verwaltung der Plätze auf der Sinai- Halbinsel behält, selbstverständlich unter ausdrücklicher An­erkennung der türkischen Oberhoheit. Von türkischer Seite wird geltend gemacht, daß die Halbinsel niemals zn Egypten gehört habe und daß die Verwaltung derselben, sowie des südlicher gelegenen Landes Midian von dem Sultan durch einen besonderen Firma», welcher demjenigen vom 13. Fe­bruar 1841 folgte, dem damals zum Vicekönige von Egypten ernannten Mehemct Ali übertragen worden sei. Diese Unter­scheidung sei auch jetzt festgehalten worden. Tas mag sich Alles so verhalten, allein die Pforte hat einen großen Fehler gemacht, indem sie nicht sofort offen mit ihren Wünschen her­vorgetreten ist. Sie wird mittlerweile erkannt haben, daß die unter englischer Aussicht stehende VerwaltiMg Egyptens ruhig fortarbeitet, mag der Slütan den neuen Herrscher Abbas anerkennen oder nicht.

Deutsches Reich.

* Sttlitt, 11. April. DieKons. Korresp." veröffentlicht folgende Erklärung:In einem Berichte über den konserva­tiven Parteitag in Pommern lese ich soeben nachstehende Aus­lassung des Herm von Below-Sales ke:

Als er den Artikel imKons. Wochen bl." gelesen habe, habe er Helldorff nach der Veranlassung dazu gefragt. Dieser habe ihm ge­antwortet, daß der Kaiser auf dem vielbesprochenen Herrenabend unzweifelhaft sich dahin ausgesprochen habe, daß er das Gesetz nur auf breitester Grundlage (also mit den Mittelparteien) angenom­men wiffen wolle. Als dem Grafen Zedlitz diese Aeußerung zu Ohren gekommen sei, habe dieser beim Kaiser angefragt, ob der Kaiser den Volksschulgesetzentwurf nach wie vor gutheiße. Der Kaiser habe die Frage bejaht, in dem Sinne, wie derselbe sich auf dem Herrenabend ausgesprochen habe. Da seien Mißverständnisse gekommen. Während Graf Zedlitz glaubte, der Kaiser sei auch mit der Annahme des Gesetzes durch Konservative und Centrum zu­frieden, sei Helldorff entgegengesetzter Meinung gewesen und habe die Zurückziehung des Gesetzes für durchaus nothwendig gehalten, ebenso der Abgeordnete Freiherr von Manteuffel.

Demgegenüber erkläre ich, daß ich niemals die Zurückziehung des Gesetzes fürdurchaus nothwendig" gehalten, vielmehr stets den Standpunkt vertreten habe, daß eine Durchberathuug des Gesetzes dringend geboten fei. Sowohl in den verschiedenen Stadien der Berathung im Abgeordnetenhause, tvie auch im Herrmhausr werde es sehr wohl möglich sein, die auf demviel­besprochenen Herrenabend" beim Grafen Zedlitz als nothlvendig oder wünfchenswerth bezeichneten Aenderungen' in der Gesetzes- Vorlage vorzunehmen. Der konfessionelle Standpunkt der Vor­lage fei aber unter allm Umständen auftecht zu erhalten. Diese meine Ansicht habe ich jederzeit und allenthalben mit voller Ent­schiedenheit zum Ausdruck gebracht.

Crossen, den 9. April 1892.

Freiherr von Manteuffel-Crossen."

* Berlin, 11. April. DieKreuz. Z." schreibt:In der Verfügung des Kaiserlichen Gouverneurs Frhrn. v. Soden über die Theilung der o st a f r i k a n i s ch e n Truppe in eine eigentliche Schutztruppe und eine Polizeitruppe, und in den dazu gehörigen Organifations - Anordnungen war zwar gesagt, daß die Bezirks­hauptleute, deren Posten als Civilverwaltungsstellen bezeichnet werden, aus den Offizieren der Kaiserlichen Schutztruppe entnommen werden sollen. Doch ist, wie es scheint, gleich bei der ersten be­treffenden Ernennung davon abgewichen worden. Wie es heißt, ist der srühere Hauptvertreter der deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft v. St. Paul-Jllaire an Stelle des verstorbenen Krenzler zum Bezirkshauptmann von Tanga ernannt worden. Derneue Bezirkshauptmann befitzt in nächster Nähe von Tanga ein Schamba, auf welcher namentlich Vanille gebaut wird. Doch soll seine Er­nennung nur eine vorübergehende sein; offenbar ist er dazu aus­ersehen, nach dem etwas schroffen Auftreten Kreuzlers wieder größere Beruhigung herzustellen, da v. St. Paul-Jllaire dort bekannt ist und viel Vertrauen genießt. Herr v. St. Paul-Jllaire ist mit der Landessprache vollkommen vertraut; er hat schon ein Buch in Suaheli herausgegeben, in welchem er gleich dem Engländer ©teere und den britischen Missionaren dort die Suaheliworte in lateinischer Schrift gab, während man sich sonst bei uns damit quält, das Suaheli mit arabischer Schrift zu schreiben."

*** Bon der Saar, 11. April. Seit einigen Tagen befährt der Geheime Bergrath F o l l e n i u s aus Bonn mit dem Oberberg­rath P r i e tz e aus Saarbrücken die Kohlengruben unseres Bezirks, um Maßregeln gegen den bei Explosionen so gefährlichen K oh len­st a u b zu treffen. Auf einzelnen Gruben wird der Kohlenstaub 'mittelst Wasserspritzen beseitigt, in anderen Gruben darf mir mit dem vom Apotheker Schöneweg in Dudweiler erfundenen Rokurit geschofien werden.

= Wiesbaden, 11.April. Der hiesigeKaufmäimischeVerein" hat sich bezüglich der Sonntagsruhe dem Beschlusse des FrankfurterKaufmännischen Vereins" angeschlossen. Der Vorstand wurde nämlich beauftragt, bei den maßgebenden Behörden dahin zu Petitioniren, daß im Großhandel, in Fabrik und Bankgeschäften an Sonntagen überhaupt nicht gearbeitet, im Kleinhandel und in Ladengeschäften als Uebergang zur völligen Sonntagsruhe die Arbeitszeit auf 2 Stunden, von 810 Uhr Vormittags, beschränkt» wird.

K München, 11. April. Trotz den Mac Kinley-Gesetzen hat der Export aus dem Ko n su l a t s bezi rk München nach den Vereinigten Staaten von Amerika nicht abzenom- men. Er betrug im l. Quartal 1892 in Werth 193,365 Dollars, nm 13,157 Dollars mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Lesterreich-Ungarn.

C. T. Ein allgemeiner österreichischer Textil­arbeiter-Kongreß soll in den Psingstfeiertagen in B nn stattfinden. Bei den regen Beziehungen, welche zwischen den deutschen und österreichischen Textilarbeitern bestehen, werden zu dem Kongreß auch deutsche Delegirte erwartet.

* Für den Export von Schafen aus Oesterreich-Ungarn sind in den letzten Tagen zwei Erleichterungen geschaffen worden. Der belgische Minister für Ackerbau, Industrie und öffentliche Arbeiten hat die Durchfuhr von mittelst Eisenbahnen beförderten lebenden Schafen österreichischer und ungarischer Provenienz durch

Belgien gestattet. Der deutsche Bundesrath hat gleichzeitig be­schlossen, in theilweiser Abänderung seines Beschlusses aus dem An­fang des Jahres 1885 die Durchfuhr von lebenden Schafen aus Oesterreich-Uugarn unter Vorbehalt der Anwendung der Kontrol- bestimmungen, welche in dem Viehseuchenübereinkommen enthalten sind, und unter der Bedingung zu gestatten, daß die Sendungen nur auf Eisenbahnen und ohne unnöthigen Aufenthalt durch das deutsche Gebiet geleitet werden.

Frankreich.

6 Paris, 11. April. Die Lage verändert sich mit jedem Tage. Selten hat der Laus der gejammten Politik so von der Stimmung des Augenblicks, von der Wirkung eines Wortes, von tausend kleinen unberechenbaren Zufälligkeiten und Aeußcrlich- keiten abgehangen. Wer die g rnze schwüle Atmosphäre der letz­ten Tage gespürt hatte, wer den geheimen Verhandlungen der Budgetkommission gefolgt war, die bereits immer eine Stunde später mit all' den für die Regierung schwer kompromittirenden Enthüllungen auf allen Gassen erzählt iviirdcn, wer heute Morgen gelesen hatte, wie die Blätter der Rechten und der äußersten Lin­ken einrnüthig waren, einen Sturz des Kabinets in Aussicht zu stellen, und wie selbst in den gemüßigtest republikanischen Blättern manch' ein Hochernstes Wort stand, wer die schtvirrende Aufge­regtheit in den Couloirs beobachtet hatte, wie sieden ganz großen Sitzungen voranzugehen pflegt, wer die Tribünen gesehen hatte, wo die Zuschauer sechs bis acht Reihen tief, Kopf an Kopf ge­drängt standen, wie sie auch nur zu stehen pflegen, wenn etwas Bedeutfames da unten zu sehen und zu hören sein wird Iver alle diefe Eindrücke gesammelt hatte, wußte ganz genau, daß heute eine sensationelle Kammersitzung mit nach rechts und links stür­zenden Ministern am Ende stattfinden werde. Es mußte so kommen, wenn es überhaupt eine Logik derEreignisse gab. Da es aber auf diesein seltsamen Terrain des sranzösischen Parlamentarismus keine Logik der Ereignisse gibt, und da die Dinge nie so kommen, wie sie müssen, sondern so, wie sie wollen, tvar die heutige Kam­mersitzung nichts weniger als sensationell und das Ministerium steht heute viel fester als gestern. Von dem, was der Kernpunkt der Debatte sein sollte, von dieser ganzen, durch die Budget- eoinmission enthüllten Documentenaffaire, von den Conflicten zwischen der Marine- und Kolonialverwaltung, tvodurch die recht, zeitige Besetzung Whydahs verhindert und wodurch allein die neu: Ausgabe von drei Millionen nöthig wurde, die heute in Frage stand von alledem war gar nicht oder doch nur ganz nebenbei die Rede. Die Discussion verlor sich vollständig in's Vage und Allgemeine. Die Reden, welche gehalten wurden, standen in ihrer oratorischen Qualität weit unter Mittelmaß. Die meisten Redner verfielen in den Fehler übergroßer Breite, versäumten den richtigen Moment, von der Tribüne abzugehen, und klammerten sich krampfhaft an dieselbe fest, um den Erfolg zu erzwingen, der nicht kommen wollte. P e l l e t a n hatte einen seiner unglücklichsten Tage. I a m a i s, der sonst temperamentvoll und elegant spricht, brachte eine endlose Reihe nichtssagender Phrasen vor, und die Angst, daß er durch den sichtlichen Mißerfolg feines Speachs die Re­gierung gefährdet haben könnte, machte feine Stimme in den höchsten Fisteltönen umschnappen. Das Unglaublichste aber leistete Gaillard, Depiitirter von Vancluse, der zuerst zur Sache sprach.Zur Sache" ist cum grano salis zu nehmen. Nachdem er zuerst einige Tiraden losgelasfen, welche durch das südländische Feuer, mit dem sie vorgebracht wurden, einigen Er­folg hatten, und welche von so wilden Arnibewegungeii begleitet waren, daß man glaubte, der Redner werde demnächst das neben ihm stehende Wasserglas den Ministern als Straft für ihre ver­fehlte Politik an dm Kopf werfen nach diesem guten Anfang also begann der Redner Plötzlich vom Thema abzuschweisen. Und das wurde nun ein regelloses Schweifen in die Irre meilenweit weg von der eigentlichen Frage. Herr Gaillard, der von Da- homey ausgegangen war, lancirte sich in Betrachtungen über den Weltfrieden und die Vereinigten Staaten von Europa hinein, langte dann, Gott weiß wie, in China an, ging von da zum Bau des Rhone-Kanals über, machte einen Abstecher in die Jahrhunderte von Cortez und Columbus, verbreitete sich über Victor Hugo, und sofort ivährend geschlagener

anderthalb Stunden. Ter Kammer bemächtigte sich un­

ter der Mitiagswärme, die zur Kuppel hereindrang, eine sanfte Schlaftrunkenheit, und Floquet, der hundert Mal Gelegenheit gehabt hätte, den Redner zur Sache zu rufen, ließ ihn ruhig weitet peroriren, da er diesen im höchsten Maße calmirenden Effekt seiner Rede bemerkte. Vielleicht war es also Gaillard, der das Ministerium gerettet hat. Ter große Erfolg der Sitzung >var für Loubet. Er gab seine kurze Erklärung mit soviel Festig­keit und sympathischer Ehrlichkeit ab, daß er die leicht impresfio- itslble Kammer mit einem Schlage gewann und sich so für einen kurzen Augenblick durch das Anschlägen des rechten Tons jenes Prestige errang das ihm sonst gänzlich abgeht. Somit ist die g oße Kolonialdisknssion geschlossen. Der zweite Tag hat noch

Kleines Feuilleton.

Frankfurt a. M., 12. April.

sDer van Dh<k von Kaffe» «ad Frankfurt.! Im An­schluß an unsermBerichtüber diedemStädel'fcheuKuustinstitut alsGe- fchenküberwieseneCopieeinesFamilienbildesvou van Dyck werden wir von geschätzter Seite auf einen AufsatzZur Geschichte der Kaffeler Gallerie" von Fr. Müller, erschienen im Jahrgang 1871 derLützow'fchen Zeitschrift für bildende Kunst, aufmerksam gemacht. Der Verfasser zitiri darin folgende Stelle aus der Selbstbiographie I. H. Wilh. Tischbeins, desNeapolitaners" (gest. 1829 in Eutin):Zur Zeit, als die Reformirten aus Brabant auswanderten, brachten sie herrliche Schätze der größten niederländischen Meister dorthin (nach Hamburg). Die Familien, welche Kunstsinn und Kenniniß der Malerei besaßen, starben allmälig aus, und die Ge­mälde blieben da; aber mit den ehemaligen Besitzern war auch die Liebe zu den Gemälden großentheils abgestorben. Die Veränder­ungen in den Familien machten, daß die Bilder hin und wieder wie unnützes Geräth auf den Boden gestellt, wohl gar an Trödler ver­kauft wurden. So sagte mir ein alter Gemäldehändler, daß er in seiner Jugend die schönsten Bilder von Rembrandt, Rubens und von Dyck bei den Trödlern gekauft habe. Familienporträts von den besten Meistern waren damals nach Hamburg gekommen, von da aber durch Bilderhändler in andere Städte und Länder geschickt. So kam ein großer Theil der schönsten Gemälde in die Braun­schweigische und die Kasseler Gallerie. Noch vor zehn Jähren meinte ein junger Reisender aus einer der angesehensten Familien Brabants Freudenthränen vor einem Bilde von van Dyck, das seine Urgroßeltern vorstellte. Sein Großvater war noch als Kind auf dem Bilde; es hing in der Kaffel e r Gallerie". Der Aussatz bemerkt zu dieser Mittheilung;Dieses eingeflochtene rührende Geschichtcheu bezieht sich ohne allen Zweifel auf das Familieubild des Amsterdamer Bürgermeisters van Leers mit Frau und Sohn, und Tischbein wird es von seinem Bruder, dem damaligen Gallerieinspektor in Kassel, gehört haben." Der letzte Besitzer des jetzt im Städel'fchen Institut befindlichen Bilde- war Herr Nic. Manskvpf, gen. L eerfe, ein Abkömmlung jener holländischen Familie. Unsere Vermuthung, die einstmaligen Be­sitzer des van Dyckffchen Originals hätten dasselbe weitergegeben und sich mit einer Copie begnügt, erweist sich also auf Grund der Aufzeichnungen Tischbeins als richtig.

--- fTheattr und Concert in Mannheims Man schreibt uns vom 10. ds. a»S Mannheim . In der Freitags- AuffühningEin verarmter Edelmann" von Octave Feil ill e t beschloß Herr Hartmann alsOdiot höchst erfolgreich sein hiesiges Gastspiel. Er wurde von unseren einheimischen Kräften in wirk­samer Weise unterstützt. Das VIII. Akademie - Concert blochte an Orchesterwerken diePastoral-Symphonie" undEine Fanstouverture" von Richard Wagner. Als Solist kam frerr

Concertmeister Schuster zu Wort, welcher mit dem ganz vorzüg­lichen temperamentvollen Vortrag des Ill. Bruch'schen Aioi incoucertes seine Künstlerschaft auf's Neue bestens bewährte. Jii das durch so ausgedehnte Jilstrumentalvorträge etwas ermüdende Concert brachten einige Gesangspt'ecen wohlthätig Abwechselung. In Frl. Frida Zimmer aus Frankfurt a. M. lernten wir eine junge Sängerin kennen, welche ihren fchönen Mezzosopran in den Dieiist einer noblen Kunst stellt. Sie fang u. A. die schwierige uachkomponirte Arie ausFigaro". Von ihren Liedern, welchen auf Wunsch eine Zugabe folgte, wollte uns Chopin'sLithauisches Lied" in Stimni- gebung und Vortrag am besten zusageu. Mit di-ser 8. Aufführung I)Cit_Oic Akademie - Gesellschaft ihre heurige Saison beschlossen; ihr umsichtiger und tüchtiger Leiter, Herr Kapellmeister Frank ver­läßt uns demnächst, nm seine neue Stellung in Karlsruhe anzutreten.

= sEin Bronzefund imTpreelhalj Ein größerer Bronze- fund ist dem Berliner Fremdeiiblatt zufolge auf dem linken Ufer der Spree bei Köpenick, gelegentlich der Erweiterung der Spindler- fchen Fabrik Spindlersfeld gemacht und dem Märkischen Pro­vinzialmuseum überwiesen worden. Die einzelnen Gegenstände, welche vermuthlich in einem längst vermoderten hölzernen Gefäß oder in Thierhaut oder Zeug zusammeugefaßt waren, sind fast durchweg Schmucksachen, wie Hefteln, Nadeln, Anhänger, Zier- knöpfe, Spiralicheiben, radförmige Zierstücke und drgl., sowie eine Gnßform aus Bronze für größere Nadeln, mit dreifacher Scheibe als Kopf. Dies Geräth beweist, wie schon einige frühere» Funde, daß, wenigstens in der jüngeren Bronzezeit, Gegenstände aus Bronze in jener Gegend gegossen und nicht ausschließlich auf dem Handelswege bezogen wurden. Auch ein schreibstiftförmiger Griffel mit abgerundeter und gehärteter Schneide ist insofern interessant, als sich feine Verwendung zu den Strichverziermigen auf den Arm­ringen ziemlich deutlich erkennen läßt. Da in den altgermanifchen Leichenbraiidgräbern des ganzen nordöstlichen Deutschlands ähn­liche Schmucksacheii, wie die hier zu einem Schatz vereint gewesenen, vorkommni, so dürfte die Zeit der Vergrabung dieses Fundes, bei welchem sich kein anderes Metall als Bronze, namentlich auch fein Eisen vorsaiid, dessen einzelne Fonneu aber doch auf eine jüngere Zeit Hinweisen, zwischen das 5. und 1. Jahrhundert vor Christi Geburt fallen. Tie Gegend bei Köpenick, zu beiden Seiten der Spree, har schon mehrfach Bronzefunde ergeben, von denen einige auch in' eine ältere Periode gehören.

k (Hansischer Gcschichtsverein j Man schreibt uns aus Braunschweig: In der Pfingstwoche wird hier die Jahres­versammlung des Hansischen Geschichtsvereüis und des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung stattfinden. Unsere städtischen Behörde» haben die Mittel zur Herausgabe einer Festschrift zu dieser Versammlung bewilligt. In derselbeii sollen Stoffe aus den Schätzen unseres Stadtarchivs behandelt werden, und zwar 1) Bericht Über eine von de» Haiisestädlen und von Braunschweig ins­besondere 1628 an Kaiser Ferdinand II.. der Kriegskviitribution halber abgefertigte Gesandtschaft, 2) 50 mittelniederdeutsche urknud- liche Aufzeichnungen au« dem 1416. Jahrhundert.

sDas Fürstenalbum Charitas.] Die Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bayern hat, wie mau uns mit- theilt, in der Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft ein Album herausgegeben, dessenGrtrag für den Marienverei», eine Erziehungs­anstalt für arme Kinder in München, bestimmt ist. Das Album enthält theils literarische, theils künstlerische Beitrage vom Papste, vom deutschen Kaiser, von der Kaiserin Friedrich, den Königinnen von Italien, Spanien, Portugal und Rumänien, den Königen von Schweden und Portugal, sowie zahlreichen Prinzen nnd Prinzes- finnen: Gedichte, Prosaaufjätze, vervielfältigte Zeichnungen nnd Aquarelle etc.

G INoehmals Loti und Zola.] Man schreibt uns aus Paris, 10. ds.: Dem kleinen Schiffslieutenant von der französi­schen Akademie ist in der Preffe von den verschiedensten Seite» und in allen Tonarten die Wahrheit gesagt worden. Und so scheint ihm selbst vor seiner Würde als oberster Richter der zeitgeiiösischen Literatur bange geworden zu fein. Er hat einen Brief an Zola gerichtet, und dieser Bries zeigt nicht mehr den gestrengen Akade­miker, sondern de» charmante» Pierre Loti, den bon garcon, der es gar nicht so bös gemeint hat und der es gern wieder gut machen möchte.Ich erfahre von meinen Freunden", schreibt er,daß Sie gestern in der Akademie waren. Ich beeile mich aus freien Stücken Ihnen die Versicherung abzugeben, daß ich es nicht wußte; und daß, wenn ich Sie gesehen hätte, ich Ihnen die kleine Unge­legenheit erspart haben würde, die Stelle meiner Rede aiizuhöre», welche auf Ihre» Naturalrsmus zielt. Da ich einmal in meinem Leben die Gelegenheit hatte, ein etwas eklatantes Glaubeiisbekemit- » abznlegen, habe ich es für meine Pflicht gehalten, mit vollstän­diger Aufrichtigkeit zu sagen, was ich denke. Es istivahr, ich finde, daß Sie sich täuschen, daß Sie die Menschen sehe», wie sie nicht sind. Und, noch mehr, Sie kommen dahin, auch die Schriftsteller, welche in Ihrer Spur wandeln, und Tausende von Lesern dahin zu führen, daß sie die Mensche» ebenso sehen. Aber, glauben Sie mir, das hindert mich .nicht, Ihr geniales und ungeheueres Talent zu bewundern. Und wen» ich Sie gestern per­sönlich verletzt haben sollte, würde ich das lebhaft bedauern". Aus diesen Brief hat der Meister geantwortet, verzeihend, mild und überlegen, wie es ihm gar wohl ansteht:Ihr Brief", schreibt Zola, berührt mich sehr tief. Ich danke Ihnen dafür, und ich bitte Sie zu glauben, daß ich weder Zorn noch Bitterniß empfinde. Ich be­dauere ganz einfach, daß man Sie hat einen Fehler begehen lassen, der Ihne» später Kummer bereiten wird. Es betrübt mich, daß einer der Unseren Sie sind und werdet: stets einer der Unseren fein die große zeitgenössische Literatur-Bewegung in ihrer unge­heueren und vielgestaltigen Bemühung derartig anerkannt hat. Mau hatte mir Ihre Angriffe a»gekündigt, ich habe geglaubt, sie anhören 3« müssen. Und lassen Sie mich Ihnen sagen, daß es weder Ihrer noch meiner würdig gewesen wäre, wenn Sie dieselben, nachdem Sie sic beabsichtigt hatten, deshalb unterdrückt haben würden, weil ich da war. Ich habe für Ihr so großes und so persönliches Talent

die lebhafteste Sympathie, und ich bin glücklich, dies öffentlich er­klären zu dürfen."

g sDie Oxford-Cambridge Regatta.] Man schreibt nn» aus London, 10. April: Seit 1829 messen sich jedes Jahr am 2. Samstag vor Ostern die Hell- und die Dunkelblauen, Cambridge und Oxford auf der Themse zwischen Putiiey und Barnes; 25 Mal trugOxsord, 22 Mal Cambridge den Sieg davon. Keinem sportlichen Ereigniß, außer dem Derbytag, bringt der Londoner, ja der Eng­länder im Allgemeinen ein intensiveres Interesse entgegen, als dieser Regatta. Ter beste Beweis dafür ist wohl, daß alle Zeitungen die 3Wochen, während die 2 Mannschaften trainiren, täglich in spalten« langen Berichten das Thu» und Treiben der Mannschaften schildern, ja mit peinlicher Gewissenhaftigkeit das tägliche Gewicht eines jeden Mannes verzeichnen. Das Rennen versprach diesmal besonders interessant und aufregend zu werde», da auch die erfahrenste» Renner des edlen Rudersports über das Resultat in Zweikel waren. Dazu kam das herrliche Frühlingswetter ein seltenes Glück für dieses Rennen, das meist bei Regen, Sturm und Nebel stattsand. Kein Wunder, daß Bahn, Dampfer, Omnibusse und Gefährte aller Art tausende und abertausende mit hell-oder dunkelblauen Bändern geschmückte Menschenkinder nach den reizenden Theinse-Userit, dem Schauplatz des Wettkampfes, hinaustragen. Bald entwickelte sich längs der Ufer ein buntes Leben, ein wahres Volksfest mit Buden, Carrouffels, Negertänzen rc. Ein reizendes Bild bot der Strom, den Boote, Dampfer, Wasserveiocipede und natürlich auch viele Reklameschisfe belebte». Punkt 12 Uhr. zur Zeit der höchsten Flutb, schossen die 2 Achtriemer los, gefolgt von 4 großen Dampfern; nach 20 Minuten heißen, aufregenden Kampfes erreichte Oxford das Ziel, Cambridge um 2h Sängen hinter sich lassend. Auf ihrem ganzen 4 engt. Meilen [äugen Weg wurden beide Boote begleitet von den begeisterten Zurufen der dichtgedrängten Menge, die einen Enthusiasmus zeigte, wie man ihn denfischblütigen" Engländern gar nicht zutraut. Eine glänzende journalistische Leistung voll­brachte derDaily Graphic", dessen Künstler in einem Ballon captif die Fahrt verfolgte und ihre Illustrationen mittelst Brief­tauben nach der Druckerei entsandten, aus welcher fast unmittelbar mit dein Bekanntwerden des Ergebnisses eine starke Extranmnmer des Blattes mit einen: erschöpfenden und reichhaltig" illustrirten Bericht über die Fahrt hervorging. Daß diese einen riesigen Absatz fand, ist natürlich selbstredend.

= !Kleine Mittheilungen ] Für die am 25. Jun» im Londoner Krystallpalast stattfindende Händel- Feier ist ein ans Madame Albani, Madame Patey und den HerrenLloyd und San t leh bestehendes Quartett (das fog.englische Quartett") eugagirt worden. Zur Aufführung ge­langtJudas Maccabäns". Ueber 8000 Sänger werden theilneh- men. Direktor ist M a n » s. In Leeds erhielt eine 74jährigi Wittwe gegen einen 70jährigen Wittwer wegen gebrochenen Eh» versprechens eine Entschädigung von Lstr. 75 jucrtaniX