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Schiller:
Stuttgart.
Max Diez.
Deutsches Reich.
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Feuilleton.
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Sonntag, 1. Januar 1905.
wie wir in der Zeit sind, so gehört es geradezu zu unserem Wesen, dieses ewige Vorbei und Voran, diese unerbittliche Ruhe- und Rastlosigkeit des Daseins; und so schwimmen wir — ein seltsamer Gedanke — in dem Strome mit, der doch nur ein Ausfluß ist aus unserem eigenen Wesen und unserem eigenen Sein.
.ugi Weisheit,
Der Name Schillers steht an der Stirn dieses Jahres. Wieder wird er die Kraft bewähren, die deutsche Nation iu einer einmütigen Feier zu vereinigen, wie er es im
Reue EiseubaNoe«.
D Berlin, 30. Dezbr. Im Jahre 1904 wurden tm deutschen Reiche nachstehende Eisenbahnen dem Betriebe übergeben :
In Provinz Preußen : Pogegeii-LangSzargcn, 22,1b km am 1. Mai, Staatsbahn. In Provinz Posen : Gostyn- Gostkotvo, 27,4 km am 1. Oktober, Privatbahn. In Pro-, vinz Schlesien: SiegerSdorf-Löwenberg, 28 km ant 27. Juli, Christianstadt-Grünberg, 29.8 km am 1. August, Schweidnih-Charlottenbrunn, 24,2 km, Gleiwih-Jdaweiche, 20,7 km und Friedebera am Oueis-Landesgrenze sRichtung apf Heinersdorf, 7,6 km am 1. Oktober, Lorenzdorf-Neu- Hammer am Queis (Teil von Lorenzdorf-Sagan), 9,7 km, am 1. November, sämtlich Staatsbahnen, Chropaczow-Lip- pme, 8,3 km, schmalspurig, am 1. Oktober. Privatbahn. In Provinz Brandenburg: die Brandenburger Städte-" bahn Treuenbriczen-Nauen-Neustadt an der Sosse, 125,6 Kilometer, am 25. März, Privatbahn, Forst-Guben, 30,6 Kilometer am 1. Juni und Treuenbriezen-Beelitz. 20,1 km am 1. Oktober, Staatsbahnen, Brandenburg-Noskow, 19,4 Kilometer, am 1. Oktober, Privatbahn. In Provinz Sachsen: Dankmarshausen-Heringen, 4,6 km, am 1. April, Querfurt-Vitzenburg, 15,9 km, am 1. Juli, Jlmenau- Stützerbach am 15. August und weiter bis Schleusingen, am 1. November, zusammen 31,9 km, sämtlich Staatsbahnen, Gardelegen-Calbe, 21,6 km, am 25. März, Privatbahn. Irr Provinz Schleswig-Hol st ein: Kiel-Osterrönfeld, 30,8 km, am 15. Oktober, Staatsbahn, Ustrup-Toftlund, 35,4 km, schmalspurig, am 2. April, Schleswig-Satrup, 31,5 km, am 15. April, Privatbahnen. In Provinz Hannover: (Münder) -Grotznenndorf-Lauenau, 8,4 kni, aut
tönen, laute Zerstreuung die stille Sammlung verscheuchen und die fordernde Stunde ungenützt vorübergehen.
Wer aber am Ruhen und Stillestehen, am Sinnen und Denken, am Hinabsehen in den unaufhaltsam strömenden Fluß und am Hineinsehen in sich selber seine Freude hat, was schaut er Denn? welche Fülle der Gesichte offenbart sich ihm dabei ?
AM Strome der Jett.
Eine ReujahrSbetrachtung.
Won Theobald Ziegler (Strasburg i. E.).
Die ewige Wiederkunft des Gleichen — wie vornehm bas klingt! Alles schon dagewesen ; nichts Neues unter Der Sonne — wie banal und trivial sich das daneben ausnimmt ! Aber Vornehmheit ist kein Beweis für Wahrheit; und so ist denn auch die vornehme Weisheit Zarathustras eitel Fantasterei. Und auch das unvor- nehme Sprüchlein des alten Ben Akiba ist höchstens halb wahr. Aelter als diese zwei und doch nicht veraltet, weil wahrer und ganz wahr, ist dagegen das Wort Heraklits vom . F luß a 11 e r D i n ge. „Man kann nicht zweimal in Den- ■ selben Strom steigen" — an diesem Gleichnis ist dem tief» sinnenden Griechen zum ersten Male die Wahrheit vom ewigen Fließen aufgegangen. Und in diesem Fluß gibt es keine Wiederkehr und kein Nocheinmal.
Vorbei! ist freilich „ein dummes Wort," weil es ans oft unbequem ist; aber es ist ein wahres Wort, weil es uns das Wesen der Zeit erkennen läßt. Erbarmungslos gegen das Schöne und gegen jede verpaßte Gelegenheit, wohltuend und gnädig gegen jeden Schmerz und gegen alles, was wir zu bereuen haben — so wirbelt der Strom der Zeit alles hinab und hinein in dieses dumme, in dieses glückselige Vorbei und zieht uns selber mit hinweg und hinaus in fein ewiges Strömen und Fließen, Denn wie es keine Wiederkehr gibt, so scheinbar auch keinen Halt und keine Pause, kein Stillstehen und kein Ruhen: ewig vorbei, ewig weiter, ewig vorwärts — das ist die Zeit!
Und in diesem tempora mntantnr nun auch noch das nos et mntamnr in illis ! Auch w i r- sind in jeder
Stunde andere, gewandelte, neue, sind das Büschel unserer ewig wechselnden Vorstellungen und Empfindungen, herum- geroirbelt, hierhin gestoßen und dorthin vom ewig sich schiebenden Wechselspiel dessen, was man Schicksal Und wenn wir vollends selber die Träger oer steif, die Schöpfer dieser immer nur fließenden, nie stillestehenoen An- schauungsform aller Dinge ftub, wenn die Zeit in uns ist
Und die eng geschnürte dramatische Form erweitert sich für die epische Breite des Stoffes und scheint kein anderes Gesetz mehr zu kennen als das der allgemein menschlichen Bedeutung des Gegenstandes.
Daß wir doch mehr von diesem Ton hätten hören sönnen! Aber man ist nicht ungestraft ein Held. Die Achills und die Siegfriede sterben frühe. Die Idee der stit- lichen Freiheit, sagt Goethe, hat ffin getötet; denn sie machte „Anforderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren." Und" so nahm das Schicksal dem Sänger des Tell die Feder aus der Hand in dem Augenblick, wo er vor uns stand, ein vollendetes Geschöpf seiner selbst, und eine Bahn vor sich hatte, die ihn frei zum Höchsten geführt hätte.
Nur die dramatische Dichtung — darüber kann kein Zweifel fein — konnte einem so gearteten Geist genügen. Denn sie zeigt den Menschen als das. was Schiller selbst war, als die Macht seiner selbst, als den Herrn seines Willens.. Menscl)«nfreiheit, die sich durchsetzen will gegen Welt und Schicksal, wird immer der wahre Gegenstand der Tragödie fein. Karl Moor, der in die Wälder geht, Karl Moor, der aufs Schaffott geht; Fiesko, der feinen Freund, den Doria vertreibt und feine Freunde, die Verrinas, verrat ; Marquis Posa, der einem Tyrannen von Gedankenfreiheit redet ; Wallenstein, der an die alte heilige Kaiserkrone rührt; die Jungfrau, die nach dem Kampfeslorbeer des Mannes greift; Tell, der feine Kinder mit einer Mordhgnd verteidigt:. es ist immer dasselbe, es sind immer Gestalten, die aus der Bahn schreiten, die mit den Göttern und Götzen kämpfen. Der Nerv dramatischen Lebens ist in ihnen allen, überall die Kraft der Revolution, der Pulsschlag der Freiheit. Und wie er auch die proteische Gestalt nennen mag, die sie bekämpfen, das schreckensvolle Gorgoncnhaupt, das
Daß er wieder um ein Jahr älter geworden ist: ist es der Mühe wert, ist es tröstlich und erfreulich, sich das zumBewußtfein kommen zu lassen? Rur die ganz jungen möchtey, daß die Zeit Flügel hätte und sie rascher aus der Kinder Land hinübertrage zum Strande der Erwachsenen; für sie ist das Zunehmen an Weisheit, Alter und Gnade, wie cs von beni Zwölfjährigen in der Bibel so schön heißt, eine Lust und eine Freude. Bei uns älteren dagegen ist es eher eine Erkenntnis des Erschreckens und ein Erschrecken über die Erkenntnis, daß wir wieder um ein Jahr älter geworden sind. Und doch — älter werden und alt werden ist ja nicht dasselbe. Das erste erschreckt nur den Toren, der im ewigen Fluß der Dinge nach immer neuen Zerstreuungen hastet und hascht und dabei immer derselbe leere Mensch bleibt: wenn ihm die Kräfte, die äußeren Kräfte kleiner werden und die Genußfähigkeit einer robusten Sinnlichkeit schwindet, dann bleibt ihm freilich nur der schlechte Bodensatz und der bittere Nachgeschmack; er ist wirklich alt geworden und veraltet, er bat sich überlebt und sieht ein Leben vor sich, das nicht mehr lebenswert ist. Wer aber wirklich gelebt hat und lebt, wer neben dem äußeren auch ein inneres Leben führt, dem mehrt sich in jedem Jahr die Fülle der Gesichte, er wird nicht leerer und ärmer und einsamer, sondern nur reifer mit jedem Tag und erfüllt von Steuern und immer Neuem. Statt zu veralten, verjüngt er sich, wenn jung fein soviel ist, als reich werden, und lebt aus der Fülle der Zeiten heraus, hin», ein in eine Fülle von Gedanken und Erinnerungen, von Gestalten und Gesichten. Alt sein heißt reich sein; veralten heißt arm fein und immer leerer werden. Die Jungen aber, die beides noch nicht zu unterscheiden wissen, fürchtest sich vor dem Alter und schelten auf die Alten und wollen doch selber alt werden: — das ist die Paradoxie der Jugend.
Aber jenes Stillestehen am Ufer und jenes zeitlose Hinabschauen auf den Strom der Zeit ist kein müßiges und unfruchtbares Träumen und Sehnen und Schwelgen. Es ist ein Aufatmen, um alsbald wieder in den Strom sich zu stürzen und ausgeruht, rüstig weiterzufchwimmrn; es ist
In diesem Strom gibt es keine Unterbrechung, keine Pause, keinen Halt; und doch Men wir — das ist das Gc- heimms unseres Bewußtseins, das sich auch hier wie überall als die große Hemmungsoorrichtung erweist — gelegentlich still und sehen zu, woher wir kommest und wohin wir treiben. Statt nut rüstigen Annen im Strome der Zeit voran}is- schwimmen oder müde und passiv uns von ihm treiben zu lassen und an den seichten Stellen des Daseins unlustig und Suns abzuarbeiten und doch kaum von der Stelle en, schwingen wir uns auch einmal ans Ufer hinaus und hinauf und sehen, abseits stehend, still und beschaulich den Fluß dahingleiten, besinnen uns auf jenes ewige Vorbei und lassen es — jetzt wirklich so etwas wie eine Wiederkunft des Gleichen — an unserem inneren Auge vorüberziehen.
mal, daß Goethe als Dichter reichere und reinere Klänge, unmittelbarere Wirklichkeit, mehr zarten Schmelz der Seele und, was die Hauptsache ist, jene reine Stimmung der Poesie, jenes wunschlose Genießen, jenen Sabbath tn der Zuchthausarbeit des Wollens schöner und vollkommener bietet als Schiller. Aber diese Stimmung verschwindet auch wieder und macht einem besseren Verständnis Platz, als cs die ^Begeisterung der Jugend zu vermitteln vermochte.
Ich meine, dies tritt dann ein, wenn wir zu fühlen anfangen, daß die Größten unter Den Menschen ihr Wesen nicht in einer Form geistiger Arbeit erschöpfen können, unD daß es deswegen unbillig ist. Schiller oder Goethe nur als Dichter zu würdigen. Ihre Fehler als Dichter wurzeln vielleicht in ihrer Größe als Menschen. Man lernt eine solche Betrachtungsweise an dm Dichtwerken selbst Es wäre Torheit, den Wert des „Faust" nach den Gesetzen der dramatischen Dichtkunst zu bestimmen. Faust als Dichtung ist größer als Faust, das Drama. Und Schiller als Mensch ist größer als der Dichter Schiller. Daß Schiller Dichter war, kann in gewissem Sinn als Zufall betrachtet »erben: er hätte auch Geschichtsschreiber und Philosoph fein können- Und wenn wir auch nicht so weit gehen wollen, wie Carlyle, der bis zur Verkennung jeder spezifischen Anlage, in dm Heroen der Weltgeschichte nur den Blick schätzt, der unverwandt auf das Wirkliche gerichtet ist, eines bleibt doch als eine gerechte Forderung bestehen: beurteile den tüchtigen Mann nach seiner Tat, das Talent nach seiner Leistung, aber den Genius laß seine Schuld an die Menschheit mit dem zahlen, was er ist.
Schwieriger wird es dann freilich, dieses allgemeine menschliche Sein bestimmt zu charakterisieren, als es fein würde, in dem engeren Rahmen dichterischer oder ästhetischer Begriffe den Punkt zu bezeichnen, an den ein Dichter zu setzen ist. Man muß. glaube ich, Darauf achten, in welcher Richtung der Genius den Begriff der Menschheit von sich selbst erweitert hat. Und nur die höchsten Begriffe, Freiheit und Notwendigkeit, Natur und Vernunft, Wille und Jntelekt, reichen aus. um das zum Bewußtsein zu bringen. Wir brauchen Kontraste dazu, um es stark und deutlich zu empfinden, und der Vergleich mit Goethe z. B. wird hier unerläßlich. Auf demselben Zeithintergnmd erwachsen, unter denselben politischen Konstellationen stehend, dieselben Bildungselemmte in sich aufnehmmd, von derselben allgemeinen geistigen Bewegung sich nährend, schließlich in demselben großen Ziel des Wirkens sich einigend, in derselben Kunst tätig, besitzen sie soviel Gemeinsames, daß ihr verschiedenes Wesen sich energifch hervorhebk.
Stoffe, an denen er seine Weltkenntnis erweitert, die Glaubenskämpfe, die Revolutionen. Völker, die ihre Ideale zur Basis ihrer Existenz rnachm, ziehen ihn an, der Glaube, per zum Schwert wird, die Freiheit, die sich in der Welt eine Statte bereitet. Und über Kani muß man ihn brüten sehen, den Dichter der Luise Millerin- lieber diesen furchtbaren Abstraktionen, in denen die wirkliche Welt zerflattert und die Einheit des Menschen sich auslöst. Es ist auch eine Revolution, in die sich der Dichter da versenkt. :6in mannhafter Kamps ist es, den der Königsberger Philosoph geführt hat und der Odem, der durch seine Blätter weht, Geist des Heroismus. Mannhaft, dieses mathematische Ideal der Gewißheit, angelegt an alles Wissen; mannhaft die Ablehnung jener metaphysischen Träume, die der Welt eingeredet hatten, es könne die Menschheit ihre höchsten Ideale wie einen Raub in der Studierstube des Gelehrten dahin nehmm, statt sich ihrer im Entivicklungskamps des ganzen Lebens zu versichern; mannhaft die Bindung des von der Methaphysik entfesselten Geistes durch das harte Gebot der Pflicht. Und darein versenkte sich der Dichter des Don Carlos! Und mit welcher Kraft! Und wie schmolz er die spröde Masse, bis sie ihm gemäß war! Mit welcher heroischm Anstrengung des Geistes baute er Die kühne Brücke über den Kantischen Abgrund zwischm Geist und Natur!
Und bann, zur Dichtung zurückgekehrt, erzieht und züchtigt er sich mit einem Helden, Der ihm so unsympathisch ist, wie Wallenstein und einem Stoff, in Dem Die Prosa des modernen Lebens Gebirge in den Weg des Dichters gewälzt hat ! ...
Aber damit sind ja die heroischen Taten von Schillers Leben nicht zu Ende. Ich kenne nichts Heldenhafteres als diese letzten zehn Jahre, in denen er so oft „im Leide bangte-, kümmerlich genas" und dem kranken Leibe, den ftebernoen Pulsen die Meisterwerke seiner Blüte abrang. Und noch einmal hat er die Welt in diesen Jahren mit dem Wunder einer schöpferischen Neugestaltung feines Wesens überrascht. Ich meine damals, als er noch in der „Braut von Messina" die Keilen seiner ästhetischen Theorien abschüttelte, daß sie von ihm flogen. Eben schien der griechische Chor die unerläßliche Bedingung jeder reinen dramatischen Wirkung zu fein; die höchste Konzentration des Stoffes war Ideal; der größte lyrische Ton; die Zeitlosigkeit und Unbestimmtheit der Begebenheiten. Da auf einmal sprang er mitten hinein in die drängenden Interessen der Gegenwart, griff nach der Völker und Mauern erschütternden Posaune seiner Jugend und die Idee der französischen Revolution sand ihren göttlichen Ausdruck in jener feierlichen Apostrophe Stauffachers:
Nein! Eine Grenze hat Thrannenmachtl Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last, greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ewigen Rechte, Die droben hangen, unveräußerlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst. ..
1859 getan bat. Die hundert Jahre, die feit Schillers Tod verflossen sind, haben feinem Bild noch nichts anhaben können ; keine Runzeln und Falten entstellen Die markige Stirn, kein Schleier des Veraltens und Verwelkens trübt Den stolzen Glanz feiner Züge. Heute noch füllen die „Räuber" das Theater, und nachdem ihre leidenschaftlic
_ Solche Momente kommen dem sinnenden Menschen ungefragt und unwillkürlich; sie können aber auch absichtlich von uns herbeigerufen werden, wenn wir einmal einen Augenblick stillstehen und Halt machen wollen. Da aber der Mensch zu allem einen Anstoß braucht und eine Aufforderung,so hat er sich befonbere Sage und Stunden gesetzt, wo dieses Sichbesinnen und dieses Sicherheben über Den Strom der Zeit sozusagen vorschriftsmäßig und gewohnheitsmäßig geübt wird. Ein Anstoß nur, eine Aufforderung, die man benützen und befolgen, der man sich aber ebensogut auch entziehen kann. Und viele lassen sie unbenutzt vor- übrrgehen und stürzen sich gerade in Diesen Stunben erst recht hinein in Den Strom, Der alles mit fortreißt, unb überhören bei Becherklang und lärmender Fröhlichkeit geflißent« lich jene Einladung zur stillen Einkehr. Vielleicht, weil sie Grund haben, lieber zu vergessen,als sich zu erinnetn.meil das Vorbei für sie gottlob vorbei ist und eine Wiederkunft des Gleichen ihnen nur unerwünscht sein könnte; vielleicht auch nur, weil ihnen das innere Schwergewicht fehlt, um das roeitergleitenbe Schifflein zum Stehen zu bringen, weil es zu leer unb zu öde in ihnen aussieht, als baß ein solches sich auf sich selbst Besinnen lohnen würde. So muß dann freilich äußerer Lärm die leise Mahnung im Innern über-
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die nicht neben Schillers Meisterdramen alles verlören; wenigere. Die sich neben ihnen zu behaupten vermögen- Das hat noch einen andern Grund als die zweifellose dichterische Kraft der Stücke unb ihre zum Teil unübertreffliche brama- tische Technik : so tief hat seitdem niemand ins Volksgemüt gegriffen, niemand den starken und großen Bewegungen Der Vollst eele so reinen unb so mächtigen Ausdruck verliehen, die ewigen Ideale der Menschheit so wuchtig und überzeugend' zum Gesetz der Welt unb ber Kunst gemacht. Daher ist auch alles vergeblich gewesen, was man gegen Schiller gesagt unb geschrieben hat. Das höhere Drama, an dem man seine Schranken etwa messen könnte, ruht noch im Schoße ber Zukunft.
Gerechterweise rüstet sich also Deutschland in diesem Jahre, bas Gedächtnis von Schillers frühem Tode zu begehen/ Viel eitles Reben, sinnloses Paradieren wird dabei mit unterlaufen. Mancher wird von Schiller einen kleinen Glanz borgen, für den Der Mann nichts ist, als ein Name im Pantheon ber Geschichte, ein Götze in einer weltfernen Walhalla bes Ruhms, ben man nur beswegen so hoch gestellt hat, um mit ben kleinen Interessen des Tages bequem unter ihm wegzuhuschen. Minister werden ein Wort zu seinem Preise finben, die für Den Dichter eines modernen Marauis Posa feinen Lehrstuhl der Geschichte, sondern vielleicht Den Staatsanwalt bereit hätten. Studenten werden vor dem Bilde des „Flüchtlings" Den Schläger zücken, die bei der Wahl ihrer akademischen Verbindung, den nächsten Weg zur Futterkrippe des Staates in sorgfältige Erwägung zogen. Gelehrte, fürchte ich, werden Den revolutionären Geist, ben gewaltigen Förderer des Ideals vergöttern, die ben schönen Namen ber Sachlichkeit unb Erakt- Ijeit zum Deckmantel einer masslosen Feigheit mißbrauchen, die sich ben Forderungen des Tages behutsam entzieht; und aus den Papierkörben der Weltgeschichte werden Jene emsigen Wühler Analekten zehnten Grades zu Schillers Leben sammeln, damit wir das Verständnis nicht verlieren für den Groll, der sich einst in Karl Moor Lüft gemacht hat: Pfui über das tintenklerende Sähilum! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert!
Aber es müßte schlecht stehen mit den Teutschen, wenn Diejenigen unter uns rar geworden wären, für die Schiller ein Stück der Erinnerung an ihre besten Tage, an schöne Stunden ber Jugend bildet; wenn sie nicht mehr zahlreich zu finden wären, in Den Parlamenten und ben Schreibstuben, in den Nedaktionszimmern und auf ben fäufmämj- schen Bureaus, im länbtitfjen Schulhaus unb im Atelier des Künstlers, die Männer, die ber Name bes Dichters zurückversetzt in die Zeit, wo bie ersten träumenben Ideale der Jugend in dem jungen Schiller ihren Herold, und ihren Dolmetscher fanden! „Selig durch bie Liebe Götter, durch Die Liebe Menschen Göttern gleich." „Wer mit Schritten eines nie Besiegten wandelt dort am Felsenhang?" „Laß doch sehen, ob mein Adelsbrief so alt ist, wie Der Riß zum unendlichen Weltall! ober mein Wappen gültiger als die Handschrift des Himmels in Luisens Augen? " „Sagen Sie ihm, daß er für bie Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, nicht öffnen soll dem tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume — daß er nicht soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung die Himmelstochter lästert." Darin liegen für hunderte unvergeßliche Erinnerungen an die törichteren und glücklicheren Tage des Lebens, an Die ersten Pulsschläge herzwarmer Liebe, bie ersten Flügelschläge weltumfassender Gedanken!
Wir werben uns bann freilich auch erinnern, daß es für die meisten Menschen eine Zeit gibt, wo ihnen Schillers Dichtung unlieb wird, wo sie ihren Zauber verliert unb bas Mißtrauen erweckt, daß hinter ber Glanzrüstung der Worte zu wenig Leben stecke. Man wendet sich dann Goethe zu und fängt an, Goethes und Schillers Verdienste gegen einander abzmvägen. Jeder Unbefangene findet bann ein
ein Hinabtauchen in sich selbst, 'um innerlich geworden und gefasst in sich selber, sich nicht willenlos zu verlieren an Die Wirbel unb Strubel der Zeit; es ist ein Uebersch Woher und Wohin, um beim Weiterschauen Den rechten Pfad zu finden unb die Richtung zu halten auf das ins Ai gefaßte Ziel. Mit neuer Kraft unb gewachsen an Weishc.. so kehrt man nach solchen Augenblicken unb Stunben der Sammlung unb Selbstbesinnung zurück. Denn schließlich^ ist doch immerjnettvouer als das Vorbei bas Voran, wich-
keit, tyrannisches Gottesgnabentum und Fanatismus, Gewohnheit uno Staatsraison : es sind die Geister, mit Denen er auch für sich selbst gefochten, bie er auch für sich selbst überwunden hat. Sein Leben machte ihn zum Dramatiker- seine Natur, tn ber alles nach ber Willensseite Drängte, zum- Dichter ber Tat; fein umfaffenber Geist, seine philosophische Diese enthüllte ihm bie Wurzel aller wahren Tragödie, ber Zwiespalt von Kräften unb Rechten, die sich ewig in ber Welt bekämpfen. werden, die tiefe Problematik alles Irdischen- , i
Die Geschichte, sagt Hegel, ist der Fortschritt tm Bewußtsein der Freiheit. Durch alle Werke Schillers, sagt Goethe, geht bie Idee von Freiheit. Darum muntere Schillers Gestalt und fein Wirken eine starke geschichtliche Bebeutung bekommen. Es läßt sich natürlich nicht feststellen, wie viele Hunderte von Menschen an Schillers großem geschichtlichem und politischem Zug sich zuerst zum Sinn für die Angelegenheiten des Volkes entflammt, zu politischem Streben erwärmt, für politische stiefe begeistert; haben. Aber wenn man sieht, welche Macht er Über Die’ Geister der Jugend hat, möchte man sagen, er spiele in allem, eine Rolle, was von warmem politischem Leben in die Entwicklung des Deutschen hereingeflofsen ist. Von den Tagen an, wo ihn die Studenten aus der Vorstellung ber „Jungfrau" triumphierend nach Hause trugen, ist ihm, als einem; Herold männlicher Vaterlandsliebe ein Thron auf beni Schultern ber Jugend bereitet gewesen.
Aber unendlich ist, was ber Mann aus sich selbst, bet'; Schöpfer seines Lebens, der furchtlose Denker des Gesetzes- staates für bie Freiheit gewesen ist. Unsere deutsche Freiheit. dürfen wir sagen, saß zu seinen Füßen. Wir brauchten nicht bloß die Satire Montesauieus und den Spott, Voltaires, nicht bloß die Gedankenkonstruktion Rousseaus! und die gewaltige Tatsache der Revolution, um uns aus! der Stubierstube auf die Straße und in ben Staub Der politischen Arena zu wagen. Wir brauchten einen Priesters der bie Flamme ber Freiheit auf heiligem Altare entzündete. Und das ist uns Schiller gewesen. Der Tell war ber Legi- timationSbrief ber Freiheit. Darum ist er auch einmal in Berlin verboten worben — ein Orden, ben die Freiheit selbst auf bie Brust unseres Dichters heftete.
Schiller ist so der Mann des neunzehnten Jahrhunderts^ gewesen. Seinen politischen Tendenzen, seinen nationalen, und seinen freiheitlichen Bestrebungen hat er bie Fackel vor-' angetragen. Unb einer unserer größten politischen Lehrer, wird er auch bleiben, ein Lehrer geschichtlichen Geistes unb; ein Prediger politischer Gesinnung. Das alles ist bann freilich dem schaffenden Dichter nicht immer nützlich gewesen. Mit der gewaltigen Willensnatur hängt es zusammen, daß seine Poesie oft an das Rhetorische grenzt. Er kann darum nicht unser größter Dichter fein, aber vielleicht unser größter Erzieher; nicht das reinste Auge, aber der beredteste Mund unseres Volkes; nicht der große „Seher", wie Goethe, aber der herrlichste Sprecher — so wie es in; den Tagen des alten Israel die größten ber Propheten ge-* wesen sinb.
Ein Gegensatz scheint mir ber allgemeinste unb um- faffenbfte zu sein. Goethe war ein Gewordener, Schiller einer, der sich gemacht hat. Goethe zeigt, was die Natur vermag. Schiller, was die Vernunft vermag. Goethe, untrüglich sicher in seiner Empfindung, beweglich und schwankend in seinem Wollen; Schiller irrend in der Empfindung. aber felsig in seinem Wollen. Goethes Leben göttliche Notwendigkeit, Schillers Willkür und Freiheit; Goethe zeigt den Menschen als Glück seiner selbst. Schiller als Macht seiner selbst. Das ist es, darin leuchtet Schiller vor allen Geistern. hervor : er ist ein wahrer Held, der seiner selbst unb ber Dinge mächtig geworben ist. Der Mensch als Geschöpf seiner selbst, ‘ das ist die Offenbarung in Schiller. Daher all das Aufrüttelnde, Warme, Hinreißende, alle die idealen Tendenzen in ihm.
Achten wir vor allem darauf: Zweimal hat Schiller sich selbst entwurzelt, das einemal, als er von Stuttgart floh, das anberemal, als er vor sich selbst floh. Diese Flucht aus Stuttgart muß doch anders beurteilt werden, als etwa bie von Dem Landschafter Koch. Sie war nicht mir ber abenteuerliche Sprung in die Weite, ber sich bei bedeutenden Menschen so oft aus dem Verlangen gebiert, nicht im engen Raum zu verengen, und den das Schicksal seit Dante und Petrarka fast jeden großen Mann tun läßt, um ihn nicht in den gegebenen Formen der Heimat ersticken zu lassen. Diese Flucht Schillers war nicht ein Streich, sie war ein Verbrechen ; Flucht aus einem militärischen Dienstverhältnis, bie sein Leben längere Zeit mit Furcht verschüttete und noch viele Jahre später ihn kaum wagen ließ, in Die Heimat zurückzukehren. Das war ein richtiges Herausreißen mit der Wurzel; bie Schisse verbrannt, wie Cortez beim Zug in bas Goldwunderland es getan hat. Aber bie andere Flucht, die Flucht vor sich selbst, ist noch eine größere Tat. Nach dem glänzenden Erfolg seiner Jugend, nach den „Räubern", „Fiesko", „Kabale und Siebe" unb „Don Carlos" flüchtet der Dichter, seinen Ruhm verachtend und unzufrieden mit sich selbst, aus dem Reich der Subjektivität in die Welt ber Tatsachen, aus dem ber Fantasie in bie West des Gedankens. Auch dies fürwahr eine Selbst- entwurzelung : es liegt-eine bewundernswürdige Mannhaftigkeit darin, der Mensch als Macht seiner selbst. Wie ein Widerschein dieser heroischen Kraft sind die geschichtlichen vor der Freiheitssehnfucht sich erhebt: Gesetz und Sittlich
ist doch immer wertvoller als das Vorbei bas Voran, wichtiger als ber Weg, ben man zurückgelegt hat, die Strecke, bie noch vor uns liegt. Unb barum ist der Segen einer solchen stillen Stunde der Einkehr ber. baß ber Weg nach vorne klarer unb. je lürjer er dem Alternden wird, mit desto rascherem und desto sicherer auf das Ziel hin sich streckenden Stößen durchschwommen wird.
Was hinter ihm liegt unb was er vorwärts zu erreichen gebend, bas muß ber Einzelne mit sich selber ausmachen. So ist es bie inbividue 11 ft e Stunde im Jahr, in ber man solche Umschau über fein Leben hält; denn hier bin ich entnommen bem Strome Der Zeit, ganz nur ich selber; mein Woher ist es und mein Wohin, nicht Das eines anderen.
Und doch — nur Robinson auf seiner einsamen Insel' kann ganz individuell sein und sich in feiner Eigenart ohne Ablenkung unb Störung ausleben nach freiem Belieben. Robinson aber ist eine Fiktion und Robinson ist in seiner Einsamkeit ganz unselig, bis er seinen Freitag gefunbeiv hat, den er zum Leben braucht. So gehört zum Strom, tif dem wir schwimmen, ein Mit- und ein Nebeneinander, gehören Schwimmer hinter uns. um uns, vor uns. Das erst macht den Inhalt des Daseins aus unb gibt dem Dasein Wert. Unb darum muß cs neben den individuellen unb frei gewählten Stunden der Erhebung über Die Zeit auch Einschnitte andererArt geben, gemeinsame unb für alle bestimmte. Seinen Geburtstag feiert jeder für sich, Neujahr feiern mir zusammen. Des Jahres letzte Stunde schlägt, von Memel bis Straßburg, uns allen zugleich^ Das ist die Bedeutung eines solchen von Der Natur und von ber Sitte gleichermaßen bestimmten Tages, daß ein ganzes Volk, daß alle in gemeinsamer Kultur verbundenen Völker einen Augenblick stillstehen unb rückwärts schauen und vorwärts- Da tann bann Der Einzelne freilich von einem Konventionellen und Gewohnheitsmäßigen reden und sich vornehm und erhaben von diesem gemeinsamen Tun abwenden. Aber
