Nr. 1. VH!. Jahrgang, 1916. Frankfurt a. M., 1. Januai
DAS TECHNISCHE BUTT
ILLUSTRIERTE BEILAGE DER FRANKFURTER ZEITUNG
Die Entwicklung der angewandten Chemie und der Laboratoriumstechnik.
Von Ing. Chem. H. A. Kirsch.
Es liegt im Sinne der Sache, daß wir uns zunächst mit dem Entwicklungs- und Werdegang der angewandten Chemie als solcher befassen müssen, wenn wir die an Hand spezifischer Abbildungen dargestellten Entwicklungsperioden, die uns das Weiterschreiten der Laboratoriumstechnik von den Uranfängen bis in die Neuzeit so recht vor Augen führen, in ihrem ganzen Umfange erkennen wollen. Um einigermaßen ein Bild von den Entwicklungsphasen und dem jeweiligen Stande der chemischen Wissenschaft eines bestimmten Zeitabschnittes gestalten zu können, muß immer unterschieden werden, ob die Erfindungen praktischer Darstellungsmethoden durch Versuche zustande kamen, die mehr oder weniger vom Zufall geleitet wurden, oder ob es sich auch um die Erkenntnis der Materie und des Zusammenhanges der Stoffe handelt, die ja doch das eigentliche Grundprinzip der chemischen Erforschung bedeutet. Wir müssen grundlegend ausgehen, von den Uranfängen <ler ältesten Zeiten, um an Hand der einzelnen Wandelperioden eine mit Praxis und Theorie verbundene Uebersicht zu ermöglichen.
Im geschichtlich-normierten Altertum, das heißt also bis zum 4. Jahrhundert n. Chr., haben zweifellos die Aegypter den Vorrang in bezug auf die praktische Verwertung der ihnen von der Natur gebotenen Stoffe in der empirischen Ausnützung der Materie. Sie .verstanden sich auf die Metallgewinnung, und zwar ebenso in elementarer Form wie in Form von Herstellung von Legierungen, auf die Verwendung von Silikaten zur Glasfabrikation, auf den Gebrauch von animalischen, vegetabilischen und mineralischen Farbstoffen im Färbereiverfahren und schließlich auch vor allem auf die Anwendung heilkräftiger Stoffe verschiedenartigster Herkunft zur Darstellung von Arzneimitteln. Die Aegypter gruben eine Schwarzerde, der sie den Namen „chemia“ gaben, und unsere heutige Begriffsbezeichnung „Chemie" dürfen wir ruhig auf das altägyptische chimi-(schwarz) zurückführen. Aus verschiedenen hieroglyphischen
Die griechischen Philosophen Pythagoras, Solon, Plato etc. wußten sich das Vertrauen der ägyptischen Priester, die sich ja hauptsächlich mit den chemischen Geheimkünsten befaßten, zu gewinnen, und-sie sind es. gewesen, die in Wort und Schrift die Kenntnisse dieser Erfahrungen in H e 11 a s und Rom verbreiteten. Immerhin genossen auch später noch die ägyptischen Akademien zu Alexandria auf diesem Gebiete einen nach damaligen Begriffen hervorragenden Weltruf. Die Alten kannten bereits sieben Metalle in elementarer Form: Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Zinn und Quecksilber, neben der Metallegierung des Messings. Sie ver-
Abb 1. Laboratorium des Altertums.
standen sich außer auf die Glasfabrikation schon auf die Emaillierung von Töpferwaren und neben der Gewinnung von Farbstoffen und Heilmitteln sogar auf die Seifenfabrikation; denn Plinius berichtet uns bereits davon, daß in Germanien und Gallien Seife aus tierischen Fetten und Aschenlauge hergestellt wurde. Nachdem jede tiefere Erkenntnis der chemischen Grundstoffe und noch
noch in Frankreich das Element „Quecksilber' den Namen des Planeten Merkur führt.
Wie sehr die Anschauungen der griechischer Schule und in diesem Falle vor allem der spekula tiven Naturphilosophie sich verirrte, mag darau: hervorgehen, daß die Erkenntnis der chemischer Elemente in vollständige Verzerrung geriet, inden die Philosophen überhaupt nur vier Elemente gel ten ließen (Wasser, Feuer, Luft, Erde), was un: heute lächerlich anmutet, da wir uns nicht er klären können, wie man gerade bei dem kompli zierten Aufbau dieser Stoffe überhaupt auf einer chemischen Grundstoff schließen konnte. Aristo teles bereicherte dann sogar noch die Zahl dieser imaginären Elemente um ein weiteres fünfte: Element, das er im Aether zu erkennen glaubte Demokrit, aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., lehrt: u. a. auch, daß die von ihm angenommene Urmaterie aus kleinsten, nicht weiter teilbarer Teilchen besteht, die durch Trennung und Wiedervereinigung alle Veränderungen in der Welt hervorbringen. Diese Teilchen, für deren Existen; er natürlich keineswegs eine klare Definition zt geben vermochte, nannte er Atome. Wir Seher hieraus, daß es absolut nicht richtig ist, die Philosophen des klassischen Altertums wegen ihrer Hypothesen zu verherrlichen, da sie vollständig willkürlich, ohne jegliche Garantien für eine richtige Erkenntnis der Eigenschaften der Materie also rein zufällig, ihre Schlüsse zogen.
Von diesen Uranfängen der Chemie treten wir in das. Mittelalter, in das Zeitalter der Alchemie (14. bis 16. Jahrhundert). Wir müssen hier voraussetzen, daß schon in Alt-Aegypten die Sagt von der Möglichkeit einer Metallveredelung bestand. Diese Sage entwickelte sich weiter im An fange unserer Zeitrechnung und beherrschte di« chemischen Bestrebungen soweit, daß Chemie undG oldmacherk u n s t schließlich ganz gleich bedeutend wurden. Im 4. Jahrhundert wurde der Begriff Chemie als „Verdoppelung der Metalle* definiert; der Enzyklopädist Suidas betitelt im
Ab. 2. Alchemistisches Laboratorium.
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Abb. 3. Mittelalterliche Apotheke.
Inschriften wissen wir, daß die Aegypter „ihre geheime Kunst“ — denn die Chemie war von allem Anfang an schon mit einem geheimnisvollen Nimbus umgeben — in ausgesprochen chemischen Laboratorien pflegten und zu vervollkommnen suchten. Von einer Zusammenfassung ihrer Einzelerfahrungen oder gar von einer Ableitung von Naturgesetzen aus den Einilelbeobachtungen war natürlich bei den Aegyptern wie überhaupt bei den Völkern des Altertums nicht die Rede.
mehr der chemischen Prozesse den Alten vollständig mangelte, versuchten sie die einzelnen Vorgänge mit mystischen Vorstellungen zu verknüpfen, und selbst der Begriff der Metalle wurde schon von den Babyloniern, von denen die Aegypter ihre Kenntnisse übernommen hatten, mit astrologischen Beobachtungen verbunden. Die sieben Metalle bezeichneten sie mit dem Namen der Sonne und ihrer damals bekannten sechs Planeten, und so erklärt es sich, daß z. B. heute
11. Jahrhundert die Chemie als „die künstliche Darstellung von Silber und Gold". Guter Glauben und Betrügertum hatten wohl gleichen Anteil an den Theorien und Experimenten der Alchemisten. Als im 7. Jahrhundert die an sich jeder Kultur und Zivilisation fernstehenden Araber in Aegypten einbrachen, zeigte es sich doch, daß gerade dieses unkultivierte Volk für die dort vorgefundenen Wissenschaften sehr empfänglich war, und so entstanden schon im 8. Jahrhundert, im sogenannten
