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Ter Flaggen-Zwischerrfall in Konstanz.

Karlsruhe, 31. Mai. (Wolff.) Wie gemeldet, ist in der Nacht Dorn 22. auf den 23. Mai von je zwei NeichZwehrsoldaten und Gymnasiasten ein von der Stadt Konstanz angerbackiler Naggen­schmuck in der Absicht heruntergerissen worden, die schwarzrot­goldenen Flaggen bänder zu vernichten. Der Minister des Innern hat bei der zuständigen Neichsstelle wegen diese« Vor­falles Vorstellungen erhoben und in seiner Eigenschaft als Untcr- richtsministcr die sofortige S ch uld i s p e n s i c r n n a der Gym­nasiasten veranlaßt, bis durch Gerichts- oder durch Disziplinar­verfahren feststeht, ob Nachsicht am Platze sei.

resigniert von seinem Präsidentcnposten zurncktrat, gab man ihm einen Nachfolger und der Zwischenfall war erledigt, Der Staat nahm keinen Schaden. Polen ist kein Staat mit einer sicheren Konstitution. Es ist im Werden, und man kann nicht einmal sagen, daß alle die Fieberschauer, die es fast seit seiner Neugründung durchschütteln, von Kinderkrankheiten herkämcu. Es sind Krankheiten, die zum guten Teil auch den alten pol­nischen Staat zermürbt und zum Zusammenbruch gebracht haben. Das hatte Pilsudski richtig erkannt und ebenso er­kannte er die ungeheure Dringlichkeit dieser Aufgabe. Nun, da er selbst aufs neue erklärt, er wolle das erste Staatsamt nicht, er wolle nichts weiter als Kriegsminister sein, fragt man sich vorausgesetzt, daß in dieser Bescheidenheit nicht ein stiller Vorbehalt steckt was denn nun werden soll. Daß die Ablehnung Pilsudskis der Sache seiner Feinde sehr zugute kommt, die zugleich auch die Feinde einer Politik ernst­licher Reformen und einer gesunden demokratischen Fortent­wickelung des Gemeinwesens sind, liegt auf der Hand. Die Tatsache, daß nun die Rechte au ihrem Präsidentschafts­kandidaten, dem Woiwoden von Posen Grafen Buinski, fcst- hält, der ein scharfer Chauvinist und Feind Pilsudskis, auch in bezug auf die auswärtige Politik Polens ist, während die Linke bisher nicht fähig gewesen ist, sich auf einen gemein­samen Kandidaten zu einigen, redet ja wirklich eine deutliche Sprache. Die Chancen der reaktionären Parteien, einen Präsidenten ihrer Wahl gegen die Linke und gegen Pilsudski zu machen, sind sehr stark geworden. Wenn aber ein reaktio­närer Chauvinist gewählt wird, was hat dann Pilsudskis ganzer Umsturz gefruchtet? Und will er dann abermals seine Regimenter marschieren lassen, um nach einigen Tagen und nach etlichem Blutvergießen auf demselben toten Punkte anzu­kommen? Unmittelbar nach dem Putschi sind an dieser Stelle schwere Zweifel geäußert worden, daß mit diesem Sejm und Senat eine Legalisierung der formal verfassungswidrigen Aktion Pilsudskis zu erreichen fein werde. Die Wahl des Grafen Buinski wäre eine offene Verurteilung Pilsudskis und seiner Militärrcvolte und eine Herausforderung, die weder Pilsudski noch die Linke ruhig hiunehmen könnten. Was aber kann geschehen, ohne abermals die Verfassung zu verletzen? Für eine Auslösung des Sejm fehlt die legale Handhabe. Aber selbst wenn. Neuwahlen ausgeschrieben würden, so brächte die Aufregung, die damit in das Land getragen würde, die äußersten Gefahren, vielleicht neue Bür­gerkriege und vielleicht eine zeitweilige oder dauernde Zer­reißung des Staats mit sich. Was das für einen Staat, der eben erst neu errichtet worden ist, bedeutet, kann man er­messen, wenn man sich die Gefahren ins Gedächtnis zurück- ruft, die Deutschland durchlebt hat, als Separatismus und Partikularismns cs zerwühlten.

ES sind schwere Stunden, die der polnische Staat durch­lebt, und noch ist nicht zu erkennen, wie er den Ausweg aus dieser Kluft finden wird. Es wäre eitel und müßte zu groben Enttäuschungen führen, wenn etwa außerhalb Polens natio­nalistische Heißsporne wieder mit der Illusion Politik zu machen suchten, daß dieser Staat nicht bestehen könne und daß man nun auf einen baldigen Abbau rechnen dürfe. Das wäre eine maßlose und verhängnisvolle Torheit. Deutsch­lands Politik gegenüber Polen darf und wird nicht auf solchen Illusionen aufgebaut sein. Aber allerdings müssen wir einen großen Wert daraus legen, daß dieser Staat, wenn er sich innen wieder befestigt, nach außen, und gerade gegen Deutsch­land und das Deutschtum nicht die bedenkliche Politik des Ressentiments, des Nationalhasses, der Mißachtung interna­tionaler Rechtsnormen und der Ungerechtigkeiten fortsetze, die er in den letzten Jahren so oft gemacht hat. Damit würde er allerdings seine inneren Schwierigkeiten, wie die letzte Entscheidung des Haager Gerichts zeigt, noch steigern, und die Achtung verscherzen, die er im Begrifft war, im Völker­verein zu gewinnen und die ihm niemand mißgönnt, wenn er sich ihrer würdig zeigt.

Frankfurt» 1. Jam.

Die problematische Stellung, in die Marschall Pil­sudski durch seine Militärrevolte gegenüber dem polnischen Staat und gegenüber seinen eigenen demokratischen Grund­sätzen geraten ist, hat zu einer Staatskrise geführt, deren Lösung bisher nicht vorauszusehen ist. Mehr und mehr gewinnt der außenstehende Zuschauer, aber, wie es scheint, auch Pilsudskis nächste Gefolgschaft den Eindruck, daß die Persönlichkeit des Mannes selbst, der ein Abgott der polnischen Legionen war und vor sieben Jahren selbst seinen Gegnern als der nationale Heros erschien, der Polens Größe wieder herstellen werde, problematisch ist. Die Enttäuschung seiner Bewunderer konnte nicht ausblciben darüber, daß der Mar­schall sich für die Präsidentenwahl aufstellen ließ, aber nach­dem er gewählt worden ist, ablehnt, angeblich, weil er diesem Sejm den Eid nicht leisten will, in Wirklichkeit wohl, weil er entweder selbst über die geringe Mehrheit, mit der er gewählt worden ist er hat nur vierzehn Stimmen über die absolute Mehrheit der Nationalversammlung erhalten und diese nur, weil die nationalen Minderheiten für ihn gestimmt haben enttäuscht ist ober weil er glaubt, der ungeheuren Schwierig­keiten, die sich vor ihm als Präsidenten auftürmen würden, nicht Herr werden zu können. Wenn man von einem be­rühmten Manne, bet fortgesetzt große Worte macht und die gewählte Landesvertretung, deren Schwächen freilich offen­kundig zutage liegen, wie Schulbuben ab rüffelt, Wunder erwartet, und dieser sich dann bet Aufgabe entzieht, bic ihm zugcdacht war, so schwinbet bic heroische Aureole leicht dahin.

Wenn jetzt nachträglich zur Interpretation feines Ver­haltens gesagt wirb, Pilsudski halte seine Person, die von den chauvinistischen Nationaldemokraten und den reaktionären Parteien der Rechten mit tödlichem Hasse verfolgt wird, nicht für geeignet, den Frieden im Lande herzustellen, so ist diese Erkenntnis vielleicht richtig. Aber cs würde nicht von einer weitreichenden politischen Einsicht zeugen, wenn sie ihm erst nach der Wahl gekommen wäre. Die Tatsache seiner An­feindung lag schon vorher ebenso klar, wie sie jetzt ist. Daß et sich trotzdem, gewissermaßen zur Probe wühlen ließ, deutet doch wohl darauf hin, daß er das Ansehen seines Namens in der Nationalversammlung für bedeutender gehalten hat, als es tatsächlich ist. Daß er sich diesem Sejm und Senat, bic er mit groben Scheltworten als von Schurken und Dieben durchsetzt bezeichnet hat, trotz seiner schweren Angriffe zur Wahl gestellt hat, ist ein ganz merkwürdiges Verhalten. Fast möchte man glauben, et habe sie durch seine drohenden Worte so einschüchtern wollen, daß sie nicht mehr wagen sollten, gegen den Stachel zu lecken, was denn freilich dem auf einem ganz anderen Boden stehenden Mussolini nachge­macht wäre. Aber sei dem, wie ihm wolle, wenn das bic Absicht gewesen ist, so hat Pilsudski sie nicht durchgesetzt. und steht sich jetzt genötigt, sich znrnckznziehen. Das Ergebnis bet Wahl ist für einen nationalen Polen, wie es Pilsudski nun einmal trotz seiner sozialdemokratischen Einstellung ist, eine Niederlage. Für einen nationalen Polen und es ist in der Tschechoslowakei und in anderen Pseudonationalstaaten der­selben Prägung nicht anders gilt cs als unverbrüchliches Gesetz, daß er zum ersten Amt des Staates nur mit einer rein polnischen Mehrheit gewählt werden darf. Diese hat Pilsudski erwartet, aber er hat sie nicht erhalten. Er war also in der gleichen Lage wie einst Professor Narntowitsch, bet auch seine Wahl ben nationalen Minderheiten mit zu ver­danken hatte und den dann die Kugel eines nationalen Fana­tikers niederstreckte. Man braucht deswegen nicht zu glauben, daß es Pilsudski an persönlichem Mut fehle. Wenn ihm die Verantwortung, den Staat um seiner Person willen in neue Wirren zu stürzen, zu groß gewesen ist und er sich ihr ent­zieht, so ist das menschlich verständlich, vielleicht ist es sogar vaterländisch gehandelt. Aber man erkennt leicht, daß diesem wackeren Manne die Maße zum Heros, sei es zum demokra­tischen, sei es zum fascistischen, fehlen. Er scheitert an dem Widerspruch der Aufgabe, die vor ihm steht und die bewäl­tigen zu wollen, er sich den Anschein gab. Seine Freunde meinten, er sei Herakles, der den Augiasstall säubern werde und sind enttäuscht, daß er bic Arbeit einem anderen über­läßt und selbst hinter der Szene bleiben will.

Aber die Dinge in Polen sind soweit gekommen, daß die Person Pilsudskis, die bisher noch entscheidend für das Schick­sal des Staates zu sein schien, in die zweite Reihe rückt, Es geht vielmehr um das Schicksal des Staates selbst. Als einst in Frankreich Casimir Pürier nach kurzer Amtszeit

Ais Wiener Werkstätte.

Von Oberbaurat Prof. Josef Hoffmann (Wien).

Zur drohenden Auflösung der Wiener Werk­st ä t t e schreibt uns Prof. Josef Hoffmann auf unsere Bitte das Folgende:

Die Wiener Werkstätte wurde vor 23 Jahren als vor­läufiger Abschnitt einer Entwicklung gegründet, die von Ruskin und Morris ausgehend den ganzen Kontinent zu beherrschen an­fing und vor allem versuchte, das Interesse der breiten Massen an einer kultivierten, echten, nicht nachahmenden Arbeit zu wecken. Es war einesteils die wiedererwachte Begeisterung für die aus dem Material und dem Werkzeuge sich entwickelnde Form, andrenteils die Achtung für die Qualitätsarbeit und die glücklichen Hände, die es trotz der unterbrochenen Entwicklung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts immer noch in Europa gab, wieder zu wecken. Dies beweist unter anderem das Signieren der einzelnen Gegenstände mit dem Stempel des Entwerfers und Arbeiters.

Die Begabung, die sich gerade in Wien für schöne und gute Ar­beit immer noch erhalten hat, brachte in kurzer Zeit einen großen Aufschwung in alle Werkstätten, in denen nicht nur mit der Ma­schine allein gearbeitet wurde.

Vor allem konnte Fritz Wärndorfer, der die ganze Bewe­gung schon von England her kannte, trotz aller Schwierigkeiten und dem ständigen Mißtrauen gegen das Neue, wenn auch mit den äußerst geringen Mitteln, die Werkstätte immerhin ganz ansehnlich ins Leben rufen, was vor allem der großen Begeisterung aller Mitwirkenden zu danken war.

Es muß noch einmal gesagt werden, daß es sich vorerst um sinn­gemäße Handarbeit handelte; daß man also dort anknüpfte, wo die klassische Entwicklung des Handwerks, die bis in die Bieder­meierzeit reichte, aufhörte. Andererseits wurden aber auch alle Wege gesucht, um die Maschine davon zu befreien, Handarbeit zu imitieren.

*

Es gab soviel Ideen und soviel aufgespeicherte Kraft, die zur Entwicklung drängte, daß man kaum alles bewältigen konnte. Es war eine wunderbare Epoche lebendigsten Schaffens ohne Rücksicht auf irgend einen besonderen Erwerb, und man wird einmal, wenn die gerechte Beurteilung sich Bahn bricht, mit Staunen an eine Arbeitsstätte denken, die aus eigener Kraft und trotz der wütenden Gegenarbeit der Reaktion sieh nunmehr fast ein Vierteljahrhundert erhielt.

Der Krieg, die entsetzliche Spannung vor- und nachher haben das Schaffen der Wiener Werkstätte trotz der geradezu bewun­derungswürdigen Hilfe der Familie Primavesi zum Stocken gebracht.

Wärndorfer mußte arm und mittellos nach Amerika ans- wondern, wo er ein ärmliches Leben führt und wohl vergebens auf den Dank unseres lieben Wien warten kann; Moser,

K kirnt, Peche und Zimpel starben, Ceschka ging nach Hamburg und viele unserer Kräfte konnten hier nicht leben und mußten in die Fremde. Trotzdem ist die Wiener Werkstatt tu ihrer Qualitätssiets gewachsen, und jeder verständige Kenner wird dies gerne bestätigen. Sie beschäftigte zur Zeit ihrer höchsten Blüte fast vierhundert Qualitätsarbeiter allerersten Ranges, darunter geradezu hervorragende und seltene Arbeitskräfte, viele Künstler und hat für ganz Europa, vor allem für Wien unzählige Anregungen gegeben, die von manchen Betrieben gut verwertet werden konnten und auch wurden. Sie hat dank ihres reinen und edlen, nicht auf Unternehmertum aufgebauten Wirkens den Rumen guter Wiener Arbeit durch die ganze Welt getragen, ohne die geringste Reklame zu benötigen.

Warum gerade dieGemeinde Wien verpflichtet ist, dieses Unternehmen, das jetzt alle Vorarbeit geleistet hat und bei ruhiger Entwicklung sicherem Gewinne entgegengeht, ist leicht zu erklären.

Wien mit seinen heutigen sozialen Einrichtungen hat ein In­kreise daran, ohne große, Opfer seine besten Arbeitskräfte zu er­halten und die große Masse des arbeitenden Volkes durch Lieferung billiger, aber trotzdem schöner und guter Waren glücklich zu machen.

Die Gemeinde dürfte nicht dulden, daß Milliarden des Na­tionalvermögens für elenden Tand und wertlose Waren aus­gegeben werden, sondern müßte trachten, daß vor allem der ar­beitende Mensch ein in jeder Beziehung gediegenes Gerät, natür- Uch auch ein einfaches, aber gutes Möbel und vorzügliche Kleider zu den denkbar günstigsten Preisen erhält.

E? ist eine Kulturschande, daß wir zusehen, wie der Arbeiter, obwohl er das Beste leisten könnte, sich zur Schulidproduktion her- seficn muß. Es heißt jegliches Gefühl der Selbstachtung verloren haben, wenn man kaltlächelud und bewußt schlechte Waren erzeugt.

Wir wollen und sollen dafür sorgen, daß wir wenige, aber gute Tinge bekommen, die auch unsere Enkel benützen können, und die den ästhetischen Wert nicht verlieren, auch wenn sie ausgedient haben.

Die Anteilnahme der Gemeinde Wien an einer Bewegung von fn weltwichtiger Art würde nicht nur ihr Ansehen im Ausland enorm heben, sondern auch einen ständigen Beweis ihrer kulturellen Msichten erbringen.

Es kaun sich natürlich nicht um eine Subventionierung han­deln, sondern darum, die ganze Bewegung in eigener Regie zur vollen Blüte zu bringen und zu verhüten, daß vielleicht immer wieder unsicheres Kapital die ganze Arbeit in seine Hände be­kommt. Daß bann nie mehr die reine Gewinnfrage beginnen würde, i|t selbstverständlich.

Allerdings wäre auch daran zu denken, wenn die Gemeinde es für wünschenswert hielte, zum Wiederaufbau amerikanisches Kapital zu verwenden, das der Gemeinde Wien sofort zur Ver­fügung stünde.

Natürlich ist dies alles nicht nötig, wenn man an die Rieseii- maffe dez arbeitenden Volkes denkt, das allein ein Konsument wäre, wie kein Unternehmen es sich erbosten könnte.

Polen vor dem zmerterr Mahlgang.

Die rrerr-m Kandidaten.

Warschau, 31. Mai. (United Preß.) Nach längeren Verhand­lungen haben die Parteien der Rechten sich dahin entschieden, wieder den Grasen Bninski als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Die Mittelparteien und die bürgerliche Linke haben sich aus den von Pilsudski vorgeschlagenen Direktor der Chorzower Stickstoffwerke Silo feiest geeinigt, während die Sozial­demokraten ihren Führer Gass inski als Kandidaten auf- ftettten. Man rechnet jedoch mit der Möglichkeit, daß die Sozia­listen ihren Kandidaten noch zurückziehen und ebenfalls für Direk­tor Moscieki stimmen werden, der bereits in Warschau angekommen ist und die Kandidatur angenommen hat.

Wievercinführung der Tellegraurmzcnfur. Tie er­schütterte Popularität Pilsudskis. Die Verwirrung wegen der neuen Kandidaten.

(Draht Meldung unseres Korrespondenten.)

-t- Warschau, 1. Juni. Seit gestern ist wieder die Z e n- fur einge fütjrt, weshalb, wie erst heute bekannt wird, alle nicht amtlichen Telegramme eine vielstündige Verzögerung erleiden, wenn sie nicht überhaupt aufgehalten werden. Pil- sudskis Popularität hat durch die Weigerung, die Präsident­schaft anzunehmen, stark gelitten. Namentlich die Berufung auf die Ermordung des eisten Präsidenten Narntowitsch uns die Gefahr, die seinen Kindern droht, haben ihm geschadet, da man ihm vorhält, daß während seiner Revolution Hunderte für ihn sein Leben gelassen haben. Sein Schützenkorpz und ungefähr 1000 Offiziere waren schon um 12 Uhr vor bcS Denkmal Poniatowskis gezogen, um dem Denkmal Bericht von der Wahl Pilsudskis zu erstatten. Am nachmitag wurde eine ähnliche theatralische Meldung auf dem Friedhof den Gräbern der Revolutionsgesallenen erstattet.

Für den von Pilsudski vorgeschlagenen Chemieprofeffor Moscicki haben sich bisher nur die Bauernparteien und die nationalen Arbeiter erklärt, während die Soziali ft en, die zu den eifrigsten Anhängern Pilsudskis gehören, einen der ihrigen, wahrscheinlich Barlicki, zum Kandidaten nehmen. Die Minderheiten haben noch keinen Beschluß gefaßt. Es ist immerhin möglich, daß bei der Zersplitterung der Stimmen bei der heutigen Wahl ein Kaididat der Rechten dcn Erfolg davonträgt, aber bis heute früh ist die Rechte noch nicht im­stande gewesen, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Moscicki, dessen Nome bis vor kurzem noch vollkommen unbekannt, war, ist Ehrendoktor der Technischen Hochschule von Lemberg und von Warschau und Leiter der Stickstoffwerke Horzow in Ober- schlesien.

Ws ßags iit Uortugal.

Rücktritt des- Präsidenten der RexmdUlk.

Lissabon, 1. Juni. (United Preß.) Der Rücktritt des Präsiden­ten M achado ist offiziell bekannt gegeben worden. (Wenn auch zuverlässige Meldungen über die in Portugal im Gang befindliche Umwälzung immer noch nicht vorliegen, so muß man doch aus dem Rücktritt Machados den Schluß ziehen, daß die gegenwärtige Bewegung einen ausgesprochen reaktionären, vielleicht sogar auii- republikanischeu Charakter auzünehmeu scheint. D. Red.)

Wsrrplmarversrdnmlg für das Aerchsheer.

Berlin, 1. Juni. (Priv.-Tel.) Der Reichspräsident hat eine dem neuen Militärsirafgesehbuch cmgepaßte n c u e Disziplinarverordnung für das Reichsheer erlassen. Im Gegensatz zu früher gibt eS jetzt keinerlei Disziplinarver­gehen mehr, sondern nur noch gerichtliche Vergehen und Disziplinär Übertretungen.

Der Mittelarrest ist in verschärften Arrest umgetoanbclf. Der Höchstbetrag der Geldstrafen ist von ein Achtel auf ein Viertel des Monatsgehaltes erhöht worden. Gegen unverheiratete Mann­schaften ist Besoldungsverwaltung als selbständige oder als Nebeustrafe eiugcführt.

Nur disziplinarisch bestraft werden folgende Uebertrc- tungen: Urlaubsüberjchreitung, Selbstbefreiung als Gefangener, Achtungsverletzung, Beleidigung eines Vorgesetzten, üble Nachrede oder Verleumdung, Ungehorsam, ausdrückliche Gehorsamsverweige­rung, Annahme von Geschenken von Untergebenen, Borgen von Geld, vorschriftswidrige Behandlung Vorgesetzter, und rechts­widrige Beschädigung eines Diertstgegenstaudes, unrichtige Aus­stellung eines Dienstzeuguisscs, Verlassen der Wache, Trunkenheit im Dienst.

Nur noch gerichtlich werden bestraft: 1. Anmaßung einer Befehlsbefuguis oder Strafgewalt, 2. körperliche Verletzung eines anderen Menschen durch unvorsichtige Behandlung von Waffen und Munition, 3. boshaftes Quälen eines Untergebenen durch unnötige Erschwerung des Dienstes.

Sin Disziplinarstrafen können verhängt werden: Gegen Offiziere einfache und strenge Verweise, Geldstrafen Bis su einem Viertel des monatlichen Diensteinkommens und Stuben­arrest bis zu vier Wochen; gegen Unteroffiziere mit Portepee kön­nen dieselben Strafen verhängt werden, nur kann für den Stuben­arrest auch ein gelinder Arrest bis zu vier Wochen verhängt wer­den. Unteroffiziere ohne Portepee können disziplinarisch außerdem mit verschärftem Sirrest bis zu drei Wochen, mit Ausgaugsbeschräu- lung bis zu vier Wochen und mit Dienstverrichtungen außer der Reihe bestraft werden.

Gegen Mannschaften können als kleinere Disziplinarstrafen ver­hängt werden: Verweis, Dienstverrichtungen außer der Reihe, z. B. Strasexerzicreu, Strafwachen usw., doch ist Strafexerzieren nur zulässig gegen Mannschaften, die noch nicht länger als vier Jahre dienen, weiterhin Besoldungsverwaltung, Ausgangs­beschränkung und Geldstrafe bis zu einem Viertel des monatlichen Diensteinkommens. Der Kasernen- oder Quartierarrest darf ebenso wie der gelinde Arrest vier Wochen nicht überschreiten, während der verschärfte Arrest bis zu einer Dauer von drei Wochen ver­hängt werden kaun. Gegen Overgefreiic, Gefreite, Oberschützeu usw. kann disziplinarisch außerdem auf Dienstgradherabsetzung, er­kannt werde». Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Strafe eine wesentliche Einkommensminderung mit sich Bringt.

Beschwerde über eine Disziplinarstrafe darf nur von dem Bestraften oder seinem unmittelbaren Vorgesetzten ein­gelegt werden. Wegen unbegründeter Be- schw erdeführung wird niemand Bestraft. Das schließt jedoch nicht aus, daß ein Beschwerdeführer zur Ver­antwortung gezogen wird, wenn er bei der Beschwerde eine strafbare Handlung im Sinne der Strafgesetze oder Diszi­plinarübertretung begeht.

Keme Karxichlmrgen tut Metten DawesMr.

Eine Erklärung des Generalagenten.

Dev MoMvsvtr-rg vor der UitterMchmmg. (Drahtmeldung unseres Korrespondenten.) H Konstantinopel, 31. Mai. In den Verhandlungen über den Mossnlvertrag wurde über die Grundlagen eine Einigung erzielt. Der britische Botschafter, Sir Ronald Lind- say, kommt am Donnerstag nach Konstantinopel, um der Geburts­tagsfeier für den englischen König beizuwohnen. Inzwischen wird der Jraksche Kriegsminister in Angora erwartet, damit er durch feine Unterschrift die Protokolle über die Grenze sowie bezüglich der Regelung des Petroleumabkommens und des Sicherheits­paltes, der ähnlich dem türkisch-persischen aufgebaut ist, anerkenne. Sir Ronald Lindsay wird nach Angora voraussichtlich am 7. Juni zur Vollziehung der Unterschrift zurückkehren.

Sic türkisch-russischen Differenzen wegen der Einfuhr türkischer Produkte dauern trotz entgegenkommender Ver­sprechungen von russischer Seite noch an. Die Handelsvertrags­verhandlungen wurden jedoch wieder ausgenommen.

Die eitMch.MuMscherr Uerchandirmgerr.

Paris, 31. Mai. (Wolff.) Wie Havas mitteilt, erklärt man im ©cneraifeirctarmt der russisch-französischen Schuldenregelungs-Kon- terenz, daß bte int Ausland verbreitete Raeliriebt, Sowjet-Rußland fei bereit, jährlich 40 Millionen Franken für die Bezahlung feiner Nachkriegs-ischulden zu leisten, uichi den Tatsachen eut= fpeedje. Es fei keine Ziffer über die zu leistende Zahlung veröffent­licht worden.

(Privattelegramm derFrankfurter Zeitung".)

=£ Berlin, 1. Juni. DerTempZ" hat vor kurzem eine Mitteilung gebracht, daß die Reparationskommisston von dem Generalagenten für Reparationszahlungen einen Bescheid er­halten habe, das Transferkomitee hoffe auf Grund einer neuen Prüfung der wirtschafilichenund finanziellen LageDeutschlcmds in der Lage zu fein, einen Teil der im Juni, Juli und August fälligen letzten Monatsraten der zweiten Annuität in fremden Devisen überweisen zu lassen. Bisher sind bekanntlich alle auf Grund des Dawesplanes von Deutschland geleisteten Zahlun­gen in der Form von Sachlieferungen oder Naturalleistungen an die Besatzungs truppen erfolgt, da das Transferkomitee bisher mit Rücksicht auf die Stabilität der deutschen Währung eine Ueberweisung in fremden Zahlungsmitteln nicht zu- gelassen hat.

Nunmehr hat der Generalagent für Reparationszahlungen, Parker Gilbert, derVossifchen Zeitung" versichert, daß die vbigeTemps"-Meldung jeder Grundlage entbehrt. Ein solcher Bericht ist nicht abgegangen. Auch entsprechen bic Tatsachen, die als Begründung des angeblichen Entschlusses des Generalagenten angegeben werden, nicht der wirklichen Sage. Im übrigen wurde noch ausdrücklich erklärt, daß bei der Wichtigkeit eines solchen Berichtes er jedenfalls nicht in Paris, sondern vom Büro des Generalagenten in Berlin aus­gegeben werden würde.

efe- Berlin, 1. Juni. (Priv.-Tel.) Oberstleutnant Ahle- mann hat gegen denVorwärts", dieRote Fahne" und das Berliner Tageblatt" Klage wegen Beleidigung erhoben.

In diesem Zusammenhang wäre ost auch die Gelegenheit ge= geben, unsere besonderen Kräfte zu beschäftigen. Jubiläen, Sport- ereigmpe, Gedenktage, Denkmäler und tausend Gelegenheiten, die bic Gemeinde immer wieder berücksichtigen muß, würden genügend interessante Aufträge Bringen.

Die Furcht, von anderen Unternehmungen bedrängt zn werden, ist unnötig, da es keine auch nur ähnliche Anstalt gibt und da das Ganze als eine Vereinigung von Entwurfskräften und Qualitäts- arbeiteru gedacht werden müßte, eine Sache, welche die Stadt als Schlußstein aller ihrer guten Absichten und im Interesse des kon­sumierenden Massenpublikums für alle Zukunft schaffen und er­halten müßte.

*

Was wir von der Stadt Wien erhoffen, ist die ruhige, halb­wegs sorgenlose Entwicklung ohne die stets schädlichen und beun­ruhigenden Einflüsse des schwankenden Kapitals, aber aufgebaut ans unseren Kräften und jahrelangen Erfahrungen.

Das Auflösen der Wiener Werkstätte wäre für Wien eine Schande und ein Fehler, welcher durch nichts niesir gutgemacht werden könnte und mit einem Schlag die Existenz unserer besten Arbeiter, vieler in der Welt bekannter Künstler nnd vorzüglicher Mitarbeiter vernichten würde und den Kreis der gebildetsten und besten Wiener schmerzlich enttäuschen müßte.

Als"

Won eme albe Franksorder.

Aus der neuen Nummer der Münchner Jugend zitieren wir das folgende Gedicht:

Wann ich des Wörtcheals" gebraach, Dann dhuil die Lent als lache.

Desals" gefjeert doch zu der Sprach!

Da kammer als nix mache.

Unn wär ich aach vomals" e Feind,

Ich Ni u ß es als zitiere,

Zern Beispiel: wann die Sonn als scheint. Dann geh ich als spaziere.

Unn geht mcrr als was bord) de Sinn, Dann kratz ich als mei Köppche, Ihm wann ich als recht dorschtig bin, Dann trink ich als mei Schöppche.

Unn i§ mei Dackel als ze frech,

Dann dhu ich en als strafe.

Und guck ich als im Kino Blech, Dann dhu ich halt als schlafe.

Unn find ich als en Stofs recht fei, Daun schreiw ich als Geschichtcher, Unn fallt mcrr als was Dummes ei. Dann mach ich als Gedichtcher.

Desals", des fließt mcrr von der Schuut, Unn dhät mcrr mich aach haache!

Weillsals" mcrr als gefalle dhut. Drum dhu ich's als gebraache!!

Karl (Sitlinger.

^Berliner Gastspiel im Frankfurter Neuen Theater. I Dilla Durienx brachte mit ilircm Berliner Ensemble als dritte Dar­bietung dieH edda Gabler" ein weit gefährlicheres Ex­periment vor einem neuzeitlichen Publikum als irgend eine wüste Neutonerei. Denn das letzte Nestchen Symvaihie für diese wenig liebenswürdige Heldin kann höchstens aus dem Sinn für die Selbst­behauptung des Individuums kommen. Aber für Pcrsönlichkeits- betonnng und ästhetisches Heldentum mit Weinlaub in der Frisur gibt es momentan nur ein knappes Verständnis. Wenn sich das gestrige Auditorium dennoch in gute Stimmung Bringen ließ auf­merksam folgte, sich mit verjährten Phrasen gutmütig absand und »ach den Akten starken Beifall rauschte, so liegt die bestimmende Ursache in dem vorzüglichen Spiel eines Teils der Darsteller. Da­bei zeigte es sich, daß die unproblematischen Partien des GerichtS- rats Brack und der Tante Jnlle die stärksten Lebenszengen für den alten Ibsen stellten. Hier ließ sich durch reinnaturalistische" Me­thode (die einige Elementarschule der Schauspieler) das Alte ohne Hemmung neu spielen. Frida Lehndorss brachte das bejahrte Fraulei» zu voller Wirklichkeit und Ernst S t ah l- Nach bau r wachte feinen Brack zu einer überlegenen Lebemanntype wie sie "ach den Zügen der Konvention nnd des gesellschaftlichen Egois­mus zu allen Zeiten ähnlich erscheinen wird. Der Schauspieler besitzt das Persönliche und Eigenwertige, um die Figur wie eilte yarnt aus eigener Kraft zu füllen. So wurde seine Leistung die rundeste dieses Abends. Otto Schwüle hatte es schwer den Unglncksgatten Tesman zwischen Lächerlichkeit und seriöser Bieder- rcit hlndurchzusteuern eine schauspielerische Lotseuarbeit, die bei Meier Rolle eigentlich nie so ganz gelingt. Je problematischer die Eharakiere, um so problematischer wurden auch die Leistungen ihrer Darsteller. Karchow wußte dem genialisch verkommenden Löv- borg wohl den bohemen Anstrich zu geben und ihn in seelische -Spannung zu versetzen. Aber es blieb mehr Anstrich und Haltung als daß es Vulkan und holder Wahnsinn wurde. DieUebermen- schen-Maske" wurde diesem reellen Spieler zu pathetisch. Umso bedenkenloser vor ter neuromantischen Pose machte sich die Du- rieuxan dasUeberweib" der Hedda. Die kalte, finge, psycho- logisierende Rolle muhte ihrem Kiinstverstand liegen. Sie versteht ben Jbsenion der Dialektik, sie markiert brillant jene Damen-Dämo- uie von J.900:, jene geheimnislose Sphinx aus Hysterie und Lite­ratur. Sie erschüttert nicht, aber sie spannt. Sie macht nicht Le­ben, aber sie suggeriert eine Existenz für die Dauer des Abends. Doch nach dem Schlußvorhang ist Hedda schon gewesen Das Ueberweib im Bubikopf ein Paradoxon, das keine Schauspielkunst bewältigt. iDbd.