Mittwoch, 1. September 1926 IO Psg,

Ibendblarr

Kr-rglmrs. Ur. 650

B JE L U G S - PREIS Täglich drei Ausgaben, Sonntags und Moxftags zwei Ausgaben. Beilagen: Da? Technische Blatt Literaturblatt Für: Hochschule u. Jugend. Der Sport Bäderblatt Für die Frau. Bezugspreis: hi Deutschland monatlich Mark 6. ausschließlich Bestellgeld, im Aus­land nach dem Tarif der am Welt­postverein beteiligten Postanstalten. Unter Streifband Portozuschlag. Einzelpreis: L Morgenblatt 15 Pfg, 1L Morgenblatt 15 Pfg. Abendblatt 10 Pfg. Abendblatt und L Morgenblatt zusammen (Expreß-Ausgabe) 20 Pfg. ANZEIGEN-PREIS Nonpareille -Zeile SO Pfg. Reklame Mk 6., Stellengesuche 40 Pfg. Familien - Anzeigen Doppelzeile 80 Pfg. Platz- und DatenvorschrifrLo ohne Verbindlichkeit

GESCHÄFTS STEILES '

oegrunuei. von ueupuiu oonnemann.

FranksurlerZeituuq

(Frankfurter Handelszeitnng) I Hüb ^joilbeiobiott» (Nene Frankfurter Zeitung) Jy

Fernsprecher Amt Hansa 9160-9175 Postscheckkonto Frankfurt (Main) 4430 -

Frankfurt am Main, Große Eschen­heimer Straße 31-87 Schillerstr. 18-24 Berlin W 9, Potsdamer Straße 133. Dresden-A^ Walsenhausstr. 25. Ham­burg, Gr. Bäckerstr. 9. Köln a. Rh. Kaiser Wilhelm Ring 10. Leipzig, Grimmaische Straße 12. München, Perusastr. 5. Stuttgart, Poststr. 7. Wien L Wollzeile 11. Zürich, Wein­bergstraße 24. New York, 727 World Building. Rio de Janeiro, Caixapostal 2401 Dr. Walter Schück.

Anfragen und unverlangten Ein­sendungen ist Rückporto beizufügen. Bel Störungen durch höhere Gewalt oder Ausstände können Ersatzan­sprüche nicht berücksichtigt werden.

Verlag und Drude: Frankfurter Societäts-Drudcerei G.m.b.H.

Frankfurt» 1. September.

In G e n f ist gestern ein guter Schritt vorwärts gemacht worden. Der Ausschuß, welcher das Projekt über die Reform des Völkerbundsrates ausarbeitet, hat sich auf bestimmt« Vorschläge geeinigt. Nur Polen hält noch mit seiner endgültigen Zustimmung zurück. Die Einigung ist zwar nur im Ausschuß erzielt worden. Die Vollversammlung der Studienkommission wird heute Beschluß fassen. Nun ist man seit den Ueberraschungen vom Frühjahr immer etwas mißtrauisch, wenn eine gute Nachricht aus Genf kommt. Doch scheint man die feste Hoffnung zu hegen, heute den letzten Widerstand der Polen überwinden zu können. Formal wird der weitere Gang der Dinge der folgende sein: Die Studien­kommission legt ihren Bericht dem Völkerbundsrat vor, der Ende der Woche zusammentritt. Der Rat bringt das Reform­projekt vor die Völkerbundsversammlung, die über diese Satzungsänderung mit einfacher Mehrheit entscheidet. An und für sich ist nicht notwendig, daß die Versammlung ihre Ent­scheidung sofort trifft. Das Projekt wird getrennt vom Ein­tritt Deutschlands behandelt, der sofort bei Beginn der Tagung vollzogen werden soll. Zuerst wird der Rat darüber Beschluß fassen und in der Versammlung die Zulassung Deutschlands beantragen. Aller Voraussicht nach wird im Rat die erforderliche Einstimmigkeit erzielt werden. Brasilien, das im Frühjahr mit seinem Nein alles verhinderte, ist aus dem Bund ausgetreten. Es bewahrt freilich noch die Rechte der Mitgliedschaft für zwei Jahre. Theoretisch ist es also möglich, daß Herr Mello Franco in der Ratssitzung erscheint und wiederum nein sagt. Das wäre allerdings eine Politik, die ein großes Land nicht machen kann, wenn es sich nicht um jeden diplomatischen Kredit bringen will. Spanien hat durch den Mund Primo de Riveras und des Außenministers Danguas so oft versichert, gegen die Zulassung Deutschlands keinen Einspruch zu erheben. Es droht jedoch mit seinem Aus­tritt, wenn seine Ansprüche nicht erfüllt werden. Dieser Austritt würde Spanien mehr Nachteile bringen als dem Bunde. Im übrigen hatte Primo de Rivera sich mit seinen Forderungen die Möglichkeit von Kompensationen in Tanger schaffen wollen. Allerdings besteht dafür keine Aussicht mehr, nachdem man in Paris und in London mit aller Deutlichkeit gesagt hat, daß am Statut von Tanger nichts geändert werden könne. Die französische Absage, deren Inhalt im Zweiten Morgenblatt wiedergegeben ist, klingt so bestimmt, daß sie beinahe scharf genannt werden muß. Die in Ueberein­stimmung mit Frankreich abgesandte englische Note enthält jedenfalls die gleiche Ablehnung, Primo de Rivera sieht sich also getäuscht. Die Genfer Studienkommission, die eigentlich ihre Aufgabe im Sommer schon erledigt hatte, ist auf seinen Antrag hin noch einmal zusammenberufen worden. Er hoffte offenbar, während dieser erneuten Beratungen seine Kompensationswünsche durchsetzen zu können. Da ihm in Tanger alles abgeschlagen wird, muß er die Kompensation wo­anders suchen. Er kann sie schließlich darin erblicken, daß nach den Vorschlägen für die Umbildung des Rates Spanien sofort zu den wiederwählbaren nichtständigen Mitgliedern genommen wird. Es fragt sich nur, ob dafür der aufgebotene Apparat nicht viel zu wuchtig war.

Das Projekt der Studienkommission ist ein Kompromiß. In seiner textlichen Formulierung, die wir an anderer Stelle veröffentlichen, verschwinden die politischen Gegensätze, die im März in Genf zutage getreten waren. Aber sie sind noch in voller Schärfe vorhanden. Gestern hat sich die Debatte im Ausschuß hauptsächlich zwischen dem deutschen und polnischen Vertreter abgespielt. Polen hat auf einen ständigen Ratssitz verzichtet. Aber es wird ihm zugesagt, daß es einen nicht­ständigen Sitz erhält und daß es nach Ablauf der ersten Periode von drei Jahren wiedergewählt werden kann. Damit wäre ihm auf geraume Zeit Sitz und Stimme im Rat ge­sichert. Gegenüber seinen ursprünglichen Forderungen hat es also nur ein Opfer gebracht, das erst in Jahren wirksam würde. Es wäre jedenfalls töricht, wenn die Polen heute in der Vollversammlung der Studienkommission noch einmal Prestigepolitik treiben wollten.

Nach dem heutigen Stand der Dinge scheint für Deutsch­land der Weg nach Genf geebnet. Auch Italien hat versichert, daß es der Zulassung Deutschlands bedingungslos zustimmen wird. Die den Spaniern versprochene Unterstützung sollte erst nachher einsetzen. Sie wird aber schon in der Studien­kommission begonnen haben. In Frankreich ist man mit der italienischen Taktik wenig zufrieden. Man schreibt ihr dort die Verantwortung für die Erhebung der spanischen Forderungen

auf Tanger zu. Die französische und die englische Regierung glauben wohl mit ihrer glatten Absage an Spanien diesen Kulissenspielen ein Ende gemacht zu haben. Die beiden Mächte hätten vielleicht vieles vermieden, wenn sie schon im Frühjahr entschlossener aufgetreten wären. Jedenfalls haben sie damals mit ihrem Nachgeben die Versteifung der polnischen Taktik möglich gemacht. Die Reichsregierung wird diesmal keine Abordnung nach Genf schicken, bevor nicht die Aufnahme in den Bund in aller Form ausgesprochen ist. Man rechnet damit, daß das am Anfang der nächsten Woche geschieht. Die deutsche Abordnung könnte danach sofort abreisen und im Rat und der Versammlung ihre Sitze einnehmen. Ob dabei noch Begrüßungsansprachen ausgetauscht werden, steht dahin. Bisher haben sich die Neueintretenden ohne jedes Zeremoniell auf ihre Plätze begeben. Mit diesem Abwarten der formalen Entscheidung hängt es wohl auch zusammen, daß in Berlin die deutsche Delegation noch nicht ausdrücklich ernannt worden ist.

Wenn alles programmäßig verläuft, werden in Genf die Fehler vermieden, die eine klügere Diplomatie der großen Ratsmächte schon im Frühjahr hätten vermeiden müssen. Die Lage ist nicht mehr die gleiche. Der Eintritt Deutsch? lands hatte Gegenansprüche auf ständige Sitze hervorgerufen. Daraus ist nun die allgemeine Reform des Völkerbundsrats entstanden. Diese Reform besteht in der Erhöhung der nicht­ständigen, also der von der Versammlung zu wählenden Mit­glieder von sechs auf neun, mit dreijährigen Erneuerungs­perioden. Ein nach drei Jahren ausscheidendes Mitglied kann nur wiedergewählt werden, wenn es zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigt. Die Entscheidung über di« Wiederwählbarkeit kann schon während der Mandatsperiode! getroffen werden. Hier sind die Winkel, in denen das diplo­matische Spiel um die Ratssitze das nötige Dunkel findet. Es entspricht wenig den Vorstellungen, die man sich vom Völker­bund gemacht hat. Aber das sollte nicht hindern, daß Deutsch-' land mit aller Entschlossenheit nach Genf geht und mit aller Kraft und mit allem Sinn für Realpolitik mitarbeitet.

Das Erdbeben ans den Axoren.

Lissabon, 1. Septbr. (United Preß.) Bisher sind 2 4 T o t e und etwa 4 0 0 Verwundete von der Erdbebenkatastrophe geborgen worden. 4000 Häuser sind völlig zerstört. Der Sach­schaden beträgt viele Millionen. Die gesamte Insel wurde Don einem heftigen Vertikalstoß, dem eine Reihe von horizontalen Stößen folgte, erschüttert. Besonders heftig war die Erschütterung in den Küstenortschaften. Leichtere Erdstöße dauern noch immer an. Unter der Bevölkerung herrscht eine furchtbare Panik. Die gesamte Einwohnerschaft kampiert im Freien. Hilfsexpeditionen, die vor allem Lebensmittel bringen sollen, da auf der Insel Nah­rungsmittelmangel herrscht, weil die Fischer nicht ausfahren können, werden in aller Eile ausgerüstet.

Washington, 31. Aug. (United Preß.) Das Staatsdepartement erhielt ein Kobel von dem amerikanischen Konsul in H o r t a, in dem dieser meldet, daß das heutige Erdbeben das schwerste in der ganzen Geschichte der Azo en gewesen sei. Was in Horta von Häusern noch übriggeblieben sei, sei stark beschädigt. Das amerikanische Rote Kreuz hat der obdachlosen und notleiden­den Bevölkerung telegraphische Hilfe angeboten,

Erdbeben auch in Meriko.

London, 1. Septbr, (Europapreß.) Aus New Jork wird ge­meldet, daß sich auch in Mexiko große Erderschütterungen bemerk­bar gemacht haben, durch die große Teile des Oaxaca- Staates betroffen wurden. Einzelheiten über die Schäden sind noch nicht «ingegangen.

r Wien, 1. Septbr. (Priv.-Tel.) Aus Athen wird berichtet: Gestern nachmittag wurde in ganz Griechenland ein starkes Erd­beben verspürt. Einzelheiten besagen, daß in Athen und in einigen Provinzstädten große Schäden an Gebäuden verursacht wurden. Der Herd des Erdbebens lag in Sparta.

Kabwettssttzirrrg erst in einigen Tagen.

Berlin, 1. Septbr. Die für Mtte dieser Woche in Aussicht genommene Kabinettssitzung ist auf Ende dieser oder An­fang der nächsten Woche verschoben worden, da sich die Klärung der Dinge in Genf länger hinauszieht, als man ursprünglich anscheinend angenommen hatte. Möglicher- woise wartet das Kabinett mit einer Entscheidung, bis die Herren von Hoesch und Gaus von Genf zurückgekehrt sind.

China.

Der Doemarsch der Kantrmarmee.

Hongkong, 1. Septbr. (United Preß.) Die von der Kantoner Regierung ausgegebene Meldung, daß es General T s ch a n g K a i - t s ch e k gelungen sei, H a n k a u zu besetzen, ist bisher noch von keiner anderen Seite bestätigt, jedoch kann an dem raschem Vormarsch der Kantontruppen kein Zweifel fein. Der General hat der Regierung in Kanton weiter berichtet, daß sie darauf rechnen könne, daß seine Truppen die gesamte Provinz Hupeh noch in dieser Woche in ihre Gewalt bringen werde. Wu Pei-fus Truppen sollen vor der Flucht aus Hankau di« Niederlassungen der Bank von China und der Verkehrsbank geplündert haben. Sie sollen kaum Widerstand geleistet und sich scharenweise ergeben haben. Aus Wu Pei-fus Hauptquartier verlautet, der Marschall habe be­schlossen, seine Kräfte zur Verteidigung von K w a n g t s ch i zu konzentrieren.

Karachans Reise nach Moskau.

Moskau, 31. Aug. (Wolff.) Der russische Botschafter in Peking, Karachan, ist zur Berichterstattung nach Moskau berufen worden. (Nach der gleichzeitig verbreiteten Pekinger Dar­stellung soll die chinesische Regierung beschlossen haben, dem un­erwünschten Sowjetbotschafter seine Pässe zuzustellen, d. h. ihn gegen den Willen der Sowjetregierung aus China auszuweisen. Es scheint, daß die Sowjetregierung dieser Ausweisung zuvor­zukommen wünscht. D. Red.)

Ueberrekchimg einer englischen Nvotestnote in Peking.

Peking, 31. Aug. (Wolff.) Der englische Gesandte überreichte eine Note, in der gegen den Plan einer innerchinesischen Anleihe, für die die Erträgnisse der Zölle als Sicher­heit dienen sollten, Protest erhoben wird. Der französische und der japanische Gesandte unternahmen bereits einen ähnlichen Schritt.

Der englische Kergnrkeiterstreik.

London, 1. Septbr. (Europapreß.) Die Exekutive der Berg­arbeiter tritt am Mittwoch zusammen, um die Delegiertenkon- ferenz, die am Donnerstag in London stattfindet, vorzubereiten. Die Exekutive wird von ihr die Vollmacht verlangen, Verhand­lungen auf einer neuen Grundlage anzuknüpfen und n e u e V o r- schläge zur Beilegung des Streiks zu formulieren. Die Be­gründung hierfür liegt in den, wenn auch verklausulierten Zu­sicherungen Churchills, daß die Regierung sich für ein Abkommen auf nationaler Grundlage einsehen wolle, sobald sich die Berg- arbester und Grubenbesitzer über die Löhne und Arbeitsstunden geeinigt haben.

London, 1. Septbr. (Wolff.) Die Blätter berichten von einer Spaltung im Vollzugsausschuß des Bergarbeiterverbandes. LautDaily Expreß" führt der Bergarbeiterführer Smith die Radikalen und Cook den Teil, der einen günstigen Rückzug suche.

Dir türkische Klntfnsti;.

Konstantinopel, 1. Septbr. (United Preß.) Das Unabhängig- keitstribunal in Angora hat, wie erwartet, Abdul Kadir, den früheren Gouverneur von Angora, wegen seines Anteils an dem Smyrnaer Komplott zur Ermordung Kemal Paschas zum-T o.d.r durch den Strang verurteilt. Das Urteil sollte heute morgen bei Sonnenaufgang vollstreckt werden.

Coolidge fnnt Uerknns der staatlichen Handelsflotte.

New Uork, 1. Septbr. (Woksf.)Associated Preß" teilt mit, daß Präsident Coolidge seine Ansicht über den Verkauf der ameri­kanischen Staatsflotte dahin geäußert habe, daß nach Möglich­keit alle amerika nischen Schiffe die amerikanische Flagge führen sollten. Er würde sich jeder Aenderung der bis­herigen Politik der amerikanischen Regierung widersetzen, nach welcher Schiffe der staatlichen Handelsflotte an amerikanische Gesellschaften nur dann verkauft werden dürfen, wenn diese sich verpflichten, die erworbenen Fahrzeuge in den Ver. Staaten registrieren zu lassen. Von feiten der New Docker Regierungs­stelle wurde darauf hingewiesen, daß Mathew B r u s h bei seinem gestrigen Besuch bei Coolidge nicht die Frage der auswärtigen Registrierung der zum Verkauf gestellten Schiffe angeschnitten habe. Jeder Vorschüig werde zurückgewiesen werden, der darauf hinausliefe, daß die United States Line zwar von amerikanischen Gesellschaften erlvorben werden sollte, daß aber danach diese Schiffe, einschließlich desLeviathan", als in fremden Län­dern beheimatet registriert werden sollten. Ein solches Angebot paffe nicht in den Rahmen der wohlüberlegten Politik des Schisi- fahckamtcs.

-Q- Brüssel, 1. Septbr. (Priv.-Tel.) Der Verwaltungsrat der belgischen Eisenbahnen beschloß in einer gestrigen Sitzung, dem Eisenbahnminister eine weitere Erhöhung der Eisen­bahntarife um 25 Prozent vorzuschlagen, um so un­gefähr die Vorkriegstarife zu erreichen.

Chamberlain tu Parts.

(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)

Paris, 1 Septbr. Sir Austen Chamberlain hat sich gestern abend auf der Durchreise nach Genf drei Stunden in Paris aufgehalten und eine Zusammenkunft mit B r i a n d und Quinoncs deL 6 on gehabt. Die Heranziehung des letzteren beweist, von welcher Sorge die Leiter der englischen und französischen Außenpolitik am meisten beherrscht sind. Die Kommentare der Morgenpresse zu dieser Zusammenkunft zeigen jedoch, daß die drei Persönlichkeiten strengstes Schweigen über ihr« Besprechungen gewahrt haben, denn die Blätter begnügen sich mit der Aufräumung der Tatsachen und historischen Be­gebenheiten, welche der Tangerfrage zugrunde liegen. Auch bei dieser Gelegenheit erheben sich keine Stimmen, die auf den Kernpunkt in der Entwicklung der letzten Wochen Hinweisen, nämlich auf das ruhige Einvernehmen zwischen England und Frankreich innerhalb des aktuellen Fragengebietes, was als ein großer außenpolitischer Erfolg Briands gebucht werden muß. Dieses Zusammenwirken scheint der französischen öffent­lichen Meinung heute ebenso natürlich vorzukommen, wie es ihr noch vor einem Monat selbstverständlich erschien, daß Eng­land sich allenthalben, besonders in Abessinien in einer Weise engagiere, die man hier gerade als unfreundlich ansah. In­zwischen ist viel geschehen und die französische Presse hat, wenn auch schweren Herzens, einen großen Vorrat ihrer außenpolitischen Schemen opfern müssen.

DerMatin" glaubt zwar heut« nicht mehr, daß der,ita­lienisch-spanische Vertrag ausdrücklich gegen Frank­reich gerichtet ist, hält aber darum den Muffolinischen Expanflons- drang für nicht weniger gefährlich. Wenn derFigaro" sogar di« Möglichkeit erwähnt, daß di« italienisch« Mitwirkung bei der spanischen Betriebsamkeit früher oder später zu einem italienischen Anspruch auf Tunis führen müsse, so zeigt dies, daß di« öffentliche Aufmerksamkeit hier sich mehr und me.hr auf Italien konzentriert und zwar nicht durchaus in unfreundlichem Sinne. Man erkennt das Bedenkliche der Muffolinischen Methoden auch für die Lage Frankreichs an, unterstreicht jedoch gleichzeitig bei jeder Gelegen­heit, daß, bevölkerungspolitisch gesehen, Italien keine ander« Mög­lichkeit habe, als seinen Ueberschnß an Menschen und Kraft auf kolonialem Wege zu verteilen.

Als sichtbares Ergebnis des gestrigen Besuches Chamber­lains in Paris notiert die Morgenpresse eigentlich nur die Gewißheit, daß die Frage von Tanger in Genf nicht auf­geworfen werde, sondern einer späteren Besprechung zwischen den drei Verwaltungsmächten Vorbehalten bleibe, einer Be­sprechung also, die der von 1923 aufs Haar gleichen werde.

Die Beschlüsse der Urrterkommissiorr.

Genf, 31. Ang. (Wolff.) Die Regeln, die der Unterausschuß am späten Abend unter Vorbehalt des polnischen Ver­treters S o k a l, der seine Stimme erst morgen bei der Abstim­mung im Vollausschuß abgeben will, für die Wahl der nicht­ständigen Ratsmitglieder aufgestellt hat, haben in der Uebersetzung folgenden Wortlaut:

Artikel 1: Die nichtständigen Mitglieder des Rates werden für die Dauer von drei Jahren gewählt. Sie treten ihr Amt sofort nach ihrer Wahl an. Jedes Jahr wird ein Dckttel der Mtgiieder gewählt.

Arttkel 2: Ein auöscheidendes Mitglied kann während der auf den Ablauf des Mandates folgenden drei Jahre nicht wiedergewähli werden. Es fei denn, daß di« Bundesversammlung beim Ablaus des Mandates oder tut Saufe dieser drei Jahr« mit Zweidrittel­mehrheit anders beschließt. Jedoch darf bie Zahl der auf dies« Weise wiedergewählten Mitglieder nicht mehr als ein Drittel der Gesamtzahl der im Rate sitzenden nichtständigen Mitglieder be­tragen.

Artikel 3: Die Zahl der nichtständigen Mtglieder des Rates wird auf neun erhöht.

Artikel 4: Uebergangsbestimmungen:

§ 1. Im Jahre 1926 werden neun nichtständige Mitglieder des Rates von der Bundesversammlung in der Weise gewählt, daß drei für drei Jahre, drei für zwei und drei für ein Jahr gewählt werden.

§ 2: Von den im Jahre 1926 auf diese Weise gewählten neun Mitgliedern können durch eine Entscheidung der Bundesversamm­lung, die in besonderer Abstimmung mit Zweidrittelmehrheit zu treffen ist, höchstens drei für wiederwählbar erklärt werden.

§ 3. Die Eigenschaft der Wiederwshlbarkeit, die im Jahre 1926 im Voraus einem oder zwei oder drei der alsdann gewählten Mitglieder etwa zueckannt wird, läßt das Recht der Bundesver­sammlung unberührt, in den Jahren 1927, 1928 und 1929 zu­gunsten anderer alsdann auS dem Rat ausscheidender nichtstän­diger Mitglieder von der im Artikel 2 vorgesehenen Befugnis Ge­brauch zu machen. Es versteht sich indessen, daß, sofern bereits drei Mitglieder 1926 die Eigenschaft der Wiederwählbarkeit besitzen, die Bundesversammlung von jener Befugnis in besonderen Aus­nahmefällen Gebrauch machen wird.

r Wien, 31. Aug. (Priv.-Tel.) Bundeskanzler Dr. Ramek tritt Samstag abend die Reise zur Völkerbundstagung nach Genf an. Die Verhandlung der österreichischen Angelegenheit vor dem Finanzkomitee dürste schon am kommenden Montag beginnen.

Abende in Lerici.

Die Mädchen.

Des Abends in geriet promenieren die kleinen Mädchen auf der einzigen, der Hafenstraße. Es sind die um fünfzehn herum. Sie, die noch eben von allzulangem Gespräch am Brunnen die furcht­bar gellende Stimme der Mütter (Te-re-sa! Mar-ghe-ri-taü) scheuchte, die, über gebündeltem Tuch das kupserne Gefäß auf dem Kopf wägend, in die hohen, menschenerfüllten Häuser entschwanden (mit der ein wenig schleppenden klaffischen Haltung der Wasser- trägerinnen), die gelassene Schatten waren im Dämmer des italieni­schen Städtchens jetzt stürmen sie daher. Es weht um sie; brausend, zu vieren, zu fünf, die Arme verschränkt, hellauflachend, die unzähligen Keinen Ereignisse ihres Jugendtages berichtend und eifrig vernehmend. Sie tragen über nackten Seinen städtische Kleidung, die dünnen Röckchen entnehmen Maß, Form und Farbe der Mode von heute, als eine Uniform der Frauen, die unbegreif­lich rasch, ohne Ausnahmen zu gestatten, sich verbreitet. Gepudti, kaum geschminkt, ist die Schönheit der Gesichter. In dem ein wenig falschen, thcaterhasten Licht, da wo die Galerie längs des Hafens aufhört und die enge, stubenhaste Straße Beginnt, dreht der Schwarm der Mädchen. Er schwirrt zurück, wieder hinunter in den dunkleren Weg am Wasser, so wie sommerliche Mücken inmitten des Zimmers, als seien sie von den Wänden bedrängt, schwebend ta ständigem Zirkel verharren.

Sie sind kokett die Mädchen, sie fühlen, wie von den CafäS her bie Männer ihnen prüfend nachblicken; sie freuen sich, daß ihre Hellen Arm« von bent tiefen Schwarz des Hafens aufglänzen, sie freuen sich, daß ein leichter Wind von der See ihre Gestalt enthüllt, weil er sie samt den Kleidern umarmt, und heiß, auch ein wenig fiebrig streichen sie sich verwirrtes Haar aus der Stirne. Sie sind kokett, aber sie schließen sich um so dichter in den geheimen, un­durchdringlichen Kreis ihrer Mädchenfreundschaft, fühlen sich, so Arm in Arm, so getragen von der Nachbarin, sicher vor jedem An­griff und ahnen nicht, daß der Feind schon mitten unter ihnen steckt und sie treibt, jenen beharrlichen Blicken dort von den Bänken her zu antworten.

Danz der Burschen.

Neben dem stabiiimento, dem Badestrand, ist auf Pfählen ein Pavillon errichtet. Er trägt ein Dach aus Blech. Das Blech täuscht ein Zelt vor, das mit starren schaffen Zacken grell gegen das Dunkel ringsum ausgeschnitten ist. Das Meer ist nur zu ahnen, es ist die Schwärze an sich, ein hohles Gewölbe, worin das Zett tote da Stern in dc» Weltcmmnn MciuMosieu wnckc.

Der helle Stern ist von Musik erfüllt. Der Geiger steht vor dem Klavier, aber er ordnet sich doch dem Pianisten unter, der über den Kasten hinweg auf die Tanzenden sieht und ihnen den Takt in bk jungen Leiber hetzt. Den rafselnben, ftampfenben Takt von Valencia".

Seltsames Land: dort drüben wirbelten die Mädchen bie Hafenzeile auf unb nieder, hier tanzen für sich, getrennt von ben Frauen bie jungen Männer. Sie sind sehr mäßig; kaum daß sie trinken. Einer taumelt ein wenig; aber er scheint nicht so sehr betrunken als schwachsinnig. Er verabschiedet sich immer von neuem, reicht jedem bie Hani», murmelt etwas, wirb wieder in den Tanz hereingezogen und lacht ein zartes auch verlegenes Lachen. Me Jungen sind zum Teil Mattosen. Fast alle sind kragenlos, manche tragen Lackstiefel und Socken mit Zwickeln. Ihre Eleganz erreicht nicht entfernt die Sicherheit der Mädchen; sie sind aber ländlich. Sie tanzen wunderbar harmlos, ganz ohne Zweideutigkeit (bie man fürs erste erwartete), nicht so sehr musikalisch als in ur­sprünglichem Rhythmus. Ihre Hüsten ftnb schmal, bet Arm ent­weder senkrecht erhoben, ober tief gesenkt, so, als ob sie sich um das Spiel ihrer Hand« drehten. Der Aelter« führt; weich und zugleich energisch. Sie tanzen ernsthaft, als erfüllten sie eine vor- geschvieben« Uebung, sie sprechen kaum miteinander, die bartlosen Gesichter sehen gemeinsam in das Dunkel. Ohne jede Melancholie, eher sanft. Von der See weht es leise. In ben Geruch von Bril­lantine, frischer Seife unb Zigaretten mischt sich mit einem bet fabe unverkennbare Geschmack von Salz unb Fischen.

CafL

Im (Safe Bebient uns wie jeden Abend Sirgentina. Ihr Blick gleitet an uns vorbei, übet den Hafen hinweg; ganz weit ist sie mit ihren Augen, dort Bei den Lichtern von Porto Venere. Aber wir wissen genau, daß sie von uns Notiz genommen hat. Sie Bemerkt sofort, wenn wtt die flachen Schälchen Espresso gefüllt wünschen. Sie hockt neben der Tüt mit den Perlschnüren auf ihrem Stühlchen wie ein wachsamer flinker Vogel. Sirgentina ich melancholisch unb kokettiert bomit in anmutig verführerischer Weise. Eine schwane Schleife liegt ihr, wie einem Schulmädchen im Nacken, das rosa- lila Kleid streicht sie langsam und seht Bewußt glatt. Wenn sie gehl, ist es, als trüge sie auf ben starren, fchaffgeschnittenen Seinen den Körper in feiner Weich« und Schmiegsamkeit wie eine besondere, schöne Last einher, als die flexible runde Form, bie beschützt werben muß.

Strgentina bleibt auch bann versonnen unb abwesend, wenn bet Musikant kommt. Et spielt uns vor, ehrt un8 als die Fremden und sich als ben anerkannten Virtuos. Das Instrument ist seine Er- 9Sb metallM« Saite üb« eine SchWeinsblaje Masst.

Es Hingt etwa wie Bratsche, aber laut unb hart. Des Musikanten kahler Schädel beugt sich tief über bie Glissandos. DaS Gesicht er­scheint unitalienisch, effinderisch und geschäftstüchtig. Er sagt, er gäbe Tourneen, die ganze Riviera entlang. Aber ein schöneres Publikum als heute abend Wirt» er schwerlich finden. Mädchen und Buben umstehen ihn mit respektvollem Abstand. Die kleinsten Kinder Werden von ben Müttern hochgehoben. Wie aus Ton ftnb ihre winzigen Gesichtchen, schon ganz fertige Heine Menschenbilbchen. Sie hören also. Mit einer primitiven Neugier, einem rührenden Vertrauen zur Kunst unb zum Kunststück. Die vielen Köpfe, biefe braune Haut, bas Kaffeebraune, Sandfarbene, Verbrannte, auch bis zur Asche Eingeglühte unter mattem schwarzen Haar vereinigt sich jetzt zu einer lebendigen Mauer. Es ist, als schaute das italie­nische Antlitz warm unb dunkel herüber. Nur das Augenweiß leuchtet hart, Wie mit großen Stücken Mosaik eingesetzt.

Jetzt springt der Musikante auf; die Kinder sind ihm zu nahe gerückt. Er verlangt einen Syphon unb will sie mit bem brutalen Mittel bet Feuerwehr durch Wasser vertteiben. Seine Gehässigkeit verscheucht auch uns.

Auf b er Mole.

Es ist völlig Nacht. Der Tageslärm um Me Fisch- unb Wasch­halle in bet Mitte bez Platzes ist ganz vefftummt. Die massiven Palmstämme gegen bie See zu sind kaum zu spüren; nur rechts von mir, Wo der Platz anfteigt, in jähem Ruck zum Kastell führt (baS Wie eine graue Felsenwolke stänbig über Leriffs Heiterkeit schwebt) unb mit samt ben schmal gereckten Häusern zu einet Art Grotte sich Wanbelt, bort sehe ich bie feine Silhouette einer Akazie sich leise regen vor ben schimmernben Wänben. Der Brunnen allein ist ganz Weiß; et tagt mit heiterem Haren Profil Wie ein Heber­test bet Antike.

Teresa spricht mit mir; sie ist mir ganz nahe; ihre Alfftinnne übertönt fast zu laut ihre Nähe. Sie berührt mich mit ben Schul­tern, bie aus schwarzem Kleid auftauchen, wie jene Hauswände drüben. Ob ich die barca woll«; morgen könne ich sie haben; sie selbst Teresa, Werbe rudern. Sie lächelt und ihre Zahnrei-he ent­blößt sich insolent, deutlich. Sie hat vorhin so gelacht, als ich ihrer Mutter erklärte, Wir müßten ausziehen. Zu viel pulce. Das Mütterchen hatte die Hände gefaltet unb mir mit einigem Augenzwinkern bedeutet, die Flöhe, müßte ich wissen, kämen aus dem Ziegelboden, aber nebenan, ba fei ein Zimmer mit Holz- boben, ba, gewiß, Würde ich auch nie und nimmer einen Floh entdecken. Da hatte Teresa ebenso gelacht unb ihre blanken Zähne gezeigt. Nein, von bet Naturgeschichte bet Flohe verstehe ich nichts und zur Versöhnung will ich auch nicht mit der barca sichren, Selbst Wenn. Tereja rudert.

Auf der Mole bin ich allein. Arn STbenb richten dort die wenigen Fischerboote ihre Maste unb die paar Schrägen der Taue als ein modisches, ja gespenstisches Linienwerk in den Himmel. Lerici ist nur noch eine Lichterreihe, bie den steilen Hang der Küste säumt. Ich bin hier dem Meer näher; ich denke an die Ufer, Wie sie nach Süden ziehen, wie sie ihren rosa und grauen Glanz über das blaue Kristall spannen. Heute um bie Mittagsstunde waren wir in Fiascherino. Von den Oliven-Gärten führten Treppen senkrecht hinunter in die Gaffen und Häuser, die aus den Felsen «in ein­ziges großes Gebäude machten. Ueberall standen Mädchen auf den Treppen. Dunkle Wesen, die uns, bie Fremden, fremb ansahen. Kaum, baß sie die Köpfe wanbten. Wie wunderbar« Standbilder schienen sie verteilt, bald tief unter uns, bald zu unseren Häupten. Ihre Schönheit wandelte alle Enge in Freiheit.

Es ist nun ganz still. lDas Waffer Bewegt sich nicht; nur zwi­schen den schweren Steinen, mit denen die Mole ausläuft, klatscht es hin unb wieder; träge, mit flachem Schlag. In der fauligen Flüssigkeit, wo sich die Abwässer von Lerici mit dem reinen Meer Begegnen, leuchtet es, phosphorisch, auMtzend, wie Funken vom Schleifstein.den.

sEine Generalsiinberurrg der Notre-Dame-Kirche in ParisJ Man liest gegenwärtig, daß eine allgemeine Säuberung der äußeren Fassaden der Notre-Dame geplant ist. Die letzte große Reinigung ist vor mehr als sieBzig Jahren geschehen. Der Plan hängt mit den Entschlüssen zusammen, bie letzthin gefaßt worden sind, alle öffentlichen Gebäude von Paris (die Ministerien, die Na­tionalbauten, die Schulen, alle historischen Monumente und alle Be­sitzungen der Stadt überhaupt) einer gründlichen Reinigung und Ausbesserung zu unterziehen. Diese Absicht Wirb nicht in allen Kreisen mit ber gleichen Freude ausgenommen: sicher wird das Aus­sehen vieler Bauten dadurch beträchtlich verändert, und die schlichte Wunderstabt in Grau (unb in was für einer reichen Stufung van Grau) wirb an manchen Stellen ein gesprenkeltes Aussehen er­halten; denn nicht alle Hausbesitzer ber Stabt haben bas gleiche Sauberkeitsbebüffnis. In den Zeitungen versucht man jetzt schon, die Mißtrauischen davon zu überzeugen, daß eine Reinigung, bie sorgfältig Borgenommen wirb, bet künstlerischen Wirkung nicht schaden kann, und man weist darauf hin, daß nach ber letzten Säuberung in ben Jahren 1843 bis 1855 aus bem grauschwarzen Mauerwerk ein gelblichweißes leuchtendes ©teinwunber gezaubert worden ist. Dem Techniker Wirb bie folgenbe Aufgabe gestellt: bie Kirche soll gereinigt Werben, ohne daß dabei ber Gottesdienst ge­stört Wird unb ohne baß die vielen Besucher unter der Reinigung zu leiben haben. Der einfachste Plan scheint der zu fein, der verschlägt, mit gewaltigen Waffeufptitzen die Kirche einfach von außen her ab- zuwaschen; solche Spritzen sind im Betrieb bet ©tabtfeuer* weht von Paris; sie hat auch bie Pumpmaschinen, die dazu nötig

lM bie ©ring liegt keine zwanzig ©dritte vom Bau entfernt