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Frankfurt, 1. Oktober.
Der am SamStag und Sonntag in München abgehaltene Parteitag der Deutschen Volkspartei hat in Bezug auf die programmatische Behandlung wichtiger politischer Fragen ein für die freiheitliche Entwicklung unserer Vaterlandes notwendiges und, wie man hoffen darf, segensreiches Stück Arbeit zustande gebracht. Es handelte sich dabei um zweierlei: um die definitive Schaffung eines demokratischen Kommunalprogramms und pm die Anerkennung des als Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen der liberalen Gruppen dienenden Mindestprogramms. Beide Fragen hatten bereits frühere Parteitage beschäftigt, und in gründlicher Vorberatung und Durcharbeitung sind sie bis zu diesem abschließenden Punkte gefördert worden, in dem sie nun beginnen sollen, die praktische Politik zu beeinflussen. Politische Programme sind in der Regel nicht für Ge- legenheiiSaktionen gemacht; sie sollen vielmhr die in der Gesamtpartei herrschend gewordenen politischen Bestrebungen und die von ihr als notwendig erkannten Ziele präzisieren und damit auf eine Reihe von Jahren der praktischen Arbeit in öffentlichen Dingen die Richtung geben. Und daher versteht es sich von selbst, daß derartige Programme nicht von heute auf morgen gemacht werden können, sondern daß ihr Inhalt reichlich erwogen und durchdacht sein will. Und noch schwieriger und verantwortungsvoller wird diese Aufgabe, wenn eS sich darum handelt, bisher getrennte Gruppen, auch wenn in den politischen Grundfragen Uebereinstimmung herrscht, auf eine gemeinsame programmatische Grundlage zu stellen. In dem in München von der Deutschen Volkspartei akzeptierten Mindestprogramm ist diese Aufgabe gelöst und wie man ohne Uebertreibung sagen darf, in sehr glücklicher Weife.
Die Genesis dieses Mindestprogramms, als einer Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen der liberalen Gruppen, ist bekannt. ES stellt sich dar als die konsequente Verfolgung der seiner Zeit in der Bruchsaler Resolution von der Deutschen Volkspartei ausgegebenen Parole der Zusammenfassung aller fortschrittlichen Kräfte im Interesse einer wirksamen Bekämpfung der reaktionären Gefahr, die bei unS in Deutschland zusehends gewachsen istlrnd im gleichen Maße, tote der politische Einfluß des liberalen Bürgertums in öffentlichen Dingen schwand. Auch das gewaltige Erstarken der Sozialdemokratie hat diese rückschrittliche Bewegung nicht zu verhindern vermocht, wie die unglückliche Zoll- und Steuerpolitik der letzten Jahre — von leider io vielem andern ganz abgesehen — deutlich zeigt. Die Ursachen, die zu der Schwächung des Liberalismus geführt haben, lassen sich nicht auf eine einzige Formel zurückführen ; zweifellos aber ist, daß gerade in dem Augenblick, da die Gegner von rechts und von links die liberalen und fortschrittlichen Parteien bedrängten, festes Zusammenhalten in den eigenen Reihen um so notwendiger gewesen wäre. Die Zersplitterung hat den Gegnern die Zerstörungsarbeit erleichtert und sie hat vor allen Dingen Hundert- tausende von der politischen Betätigung abgeschreckt HUd. ssL P den Schmollwinkel, oder in das Lager der politisch Indifferenten getrieben. Dieser unseligen Zersplitterung ein Ende zu bereiten Md die abseits flehenden zur Mitarbeit zu gewinnen, ist das Ziel der EinigungSbestrebungen, die von der Deutschen Bolkspartei ausgegangen sind und mehr und mehr in allen freiheitlich denkenden Kreisen an Bodengewonnen haben.
Die vielfach aufgeworfene Frage, wer denn in den Kreis der Einigung gezogen werden solle, beantwortet sich aus dem Mindestprogramm von selbst. Es ist geschaffen von Angehörigen der drei liberalen Parteien: Deutsche Volkspartei, Freisinnige Volkspartei und Freisinnige Vereinigung mit Einschluß'der National sozialen und stellt ein Mindestmaß liberaler Forderungen auf, die als Grundlage für ein wahltaktisches Zusammengehen zunächst dieser drei Parteien dienen sollen. Wieweit ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen in Frage kommen kann, daS richtet sich — von der jeweiligen Situation in den einzelnen Wahlkreisen natürlich abgesehen vor allem danach, welche Garantien für die Befolgung einer wirklich liberalen Politik diese Partei zu geben vermag. Wenn man, wie das einer ihrer Führer erst jüngst ausgesprochen hat, die liberalen Forderungen für erfüllt hält, so fürchten wir, wird eine Verständigung nach dieser Seite recht schwer, wenn nicht gar unmöglich werden. Aber uns scheint, daß zwischen der nationalliberalen Wählerschaft und ihrer parlamentarischen Vertretung ht dieser Frage, ebenso toie in so vielen anderen, eine tiefe Kluft der Meinungen besteht
und daß mit einem großen Teil der nationalliberalen Wählerschaft viel leichter als es nach derartigen Aussprüchen scheinen mag, eine Verständigung möglich wäre. Voraussetzung dafür ist aber, daß dieser liberalere Teil der Partei eS versteht, sich durchzusetzen und der Ueberzeugung zum Siege zu verhelfen, daß die Dinge so, rote sie seither gegangen find, nicht weiter gehen können und dürfen. Die auf eine Einigung der Liberalen gerichteten Bestrebungen sind — toie erwähnt — hervorgegangen vor allem aus der Erkenntnis der eminenten Gefahr, die uns von den reaktionären Mächten droht. Diese Einigung kann sich daher auch nicht einseitig richten wollen zu einem Kampfe gegen die Sozialdemokratie. Die liberalen Parteien werden allerdings ganz selbstverständlich auch nach dieser Seite versuchen müssen, sich zu größerer Geltung zu bringen; sie werden es aber int wohlverstandenen politischen M- gemeininteresse ebenso . ablehnen, einseitig die Kampffront nach links zu richten, und sie werden unter Umständen sogar in die Lage kommen, für die Sozialdemokratie einzutreten, überall da nämlich, wo eS sich um die Bekämpfung rückschrittlicher Elemente handelt. DaS ist unseres Erachtens der Sinn und die Bedeutung des MindestprvgrammeS: Zusammenfassung aller freiheitlichen Kräfte des Landes zum gemeinsamen Kampfe gegen die Fortschrittsfeinde! Die Deutsche VollSpartei hat sich durch ihren gestrigen Beschluß bereit erklärt, „unter Aufrechterhaltung ihrer Selbständigkeit und ihres demokratischen Programms mit andern Richtungen zu sammenzuwirken, die ihrerseits das „Frankfurter Mindestprogramm' für sich als bindend anerkennen." Die Freisinnige Bereinigung hat bereits auf ihrem letzten Parteitag das Programm akzeptiert, und auch in der Freisinnigen Lolkspariei werden die Widerstände, die sich einer so engen Bindung bisher noch entgegenstellten, zusehends geringer. Wenn es gelingt, zu einer vollen Verständigung zu kommen, dann, hoffen wir, wird der Liberalismus auch wieder Erfolge erzielen und zu einer Macht werden, die unsere Politik in fortschrittlichem Sinne zu beeinflussen vermag.
Das Kommunalprogramm, die zweite wichtige Aufgabe, die zu erledigen war, hatte schon im vorigen Jahre, auf dem Frankfurter Parteitag, eingehende Beratung erfahren. Die jetzt in München Mrgenommene zweite Durcharbeitung hat in einer ganzen Reihe von Punkten weitere Verbesserungen gebracht, die feine Brauchbarkeit erhöhen und eS zu einem Instrument machen, das bei. der Verwirklichung der demokratischen Grundsätze in bet Gemeinde zweifellos als überaus wertvoll sich erweisen wird. Unter Zugrundelegung des Gesichtspunktes allerdings, daß in den verschiedenen deutschen Bundesstaaten die Gemeindevssaffungen in zum Teil wichtigen Punkten erheblich von einander abweichen, wäre eL vielleicht ratsam gewesen, diese oder jene Forderung, deren Verwirklichung infolge des Vorhandenseins entgegenstehenden Landesrechtes zunächst unmöglich ist, offen zu lassen. Aber im großen und ganzen handelt es sich doch um Dinge, die in allen Mmeiuden, ohne Ausnahme, verwirklicht werden können. Eim größere Debatte knüpfte sich an die Frage des Frauenstimmrechtes. In Anbetracht der Schwierigkeiten, die sich infolge de» Mangels einer gesetzlichen Regelung dieser Materie der Verwirklichung des Frauenstimmrechtes in der Gemeinde entgegen- fiepen, drang schließlich der Standpunkt durch, daß die ganze Frage nut im Zusammenhang mit einer «ichs- iwd laudes- gesetzlichen Regelung gelöst werden könne und daher im. Kommunalprogramm zunächst offen zu lassen fei Solange diese Regelung aber nicht erfolgt ist, sollen die Gemeinden berechtigt sein, Frauen als Mitglieder in Kommissionen der Gemeindeverwaltung zu wählen. Damit ist prinzipiell das Stimmrecht der Frau anerkannt und gleichzeitig die Möglichkeit zur Nutzbarmachung ihrer Kraft im Dienste der Gemeinde auch jetzt schon gegeben.
Von den weiteren Aufgaben, die den Parteitag beschäftigten, seien zunächst noch zwei Referate erwähnt, die beide — so wenig ihre Formulierung dies auch ausdrückt — mit aktuellen politischen Fragen sich beschäftigten. Beide Referate find an anderer Stelle ausführlicher wiedergegeben. Konrad Haußmanns Vortrag über „Politische Desorganisation" zeichnete in meisterhafter Weise dm Mangel an konstitutionellem Geist, durch den das herrschende politische System sich auszeichnet und die Gefahr, die dieser Mangel an KonstitutionalismuS nach innen toie nach außen bedeutet. Ein Stück politischer Desorganisation zeichnete auch Quivde'S trefflicher Vortrag Über: Demokratie und auswärtige Politik, der an Hand der allen bekannten Vorgänge
withrmd der letzten Jahre zeigte, woran eS bei uns gefehlt hat, fsttoenbig es ist, zu größerer Stetigkeit zu gelangen und Mm dahin zu wirken, daß dem Volke mehr Einfluß auf die Gestaltung feiner auswärtigen Beziehungen ein» mt wird. Im Anschluß an die Verhandlungen deS Parteitag« darf auch noch die öffentliche Versammlung vom SamStag Abend erwähnt werden, in der Payer Über „Die politische Lage m Reiche" sprach und Muser über „Die Trennung von Schule und Kirche". Die Schulfrage ist in Bayern seit dem Münchener Lehrertag zum TageSthema geworden und wird bei den Landtagsneuwahlen im kommenden Frühjahr eine gewichtige Rolle spielen. Daher war es gut, daß von einem so trefflichen Kenner der Materie auch das demokratische Schulideal einmal in aller Oeffenllichkeit behandelt worden ist. Der Parteitag hat, wenn wir alles überblicken. Schätzenswertes an positiver Arbeit wie an beachtenswerten Anregungen geleistet. An der Partei ist es nun, diese Arbeit in Erfolge umsetzen zu helfen.
Tages-Rundschau.
Nachdem der Besuch der englischen Flotte in russischen Gewässern satten gelassen worden war, wurde es über eine russis ch- e na I ische Verständigung stille. Man wußte jedoch, daß weiter verhandelten und nun will der Petersburger KWspondent des „Daily Telegraph- erfahren haben, daß die UWrzeichnung wenigstens eines Teiles eines solchen Abkommens ntMbevorstehe, nämlich mit Bezug auf Tibet. Die von den Diplo- MWn angewandte Methode ist, wie der Korrespondent ausführt, die dWluftdichten Abteilungen.' Fast alle zwischen Rußland und EnMand bestehenden Mißverständnisse beziehen sich auf den fernen Osten, den mittleren Osten und den nahm Osten, von denen jeder einer nach dem anderen vorgenommen werden soll. Port Arthur und die Mandschurei bieten kerne Schwierigkeiten mehr und über Tibet hat man sich verständigt. England verzichtet auf eine Ausnutzung der Vorteile,' die es sich durch den Feldzug gegen Tibet verschafft hat und Rußland überläßt den Dalai Lama sich selbst, dessen Macht fortan lediglich. eine geistliche fein soll. Die Machthaber in Indien dürften mit dieser Abmachung kaum zufrieden sein, denn Tibet ist doch nach der Aeußerung Lord Curzons das Glacis, auf dem die Engländer Herren sein müssen, um Indien wirksam verteidigen zu können. Wenn die Nachricht über den Inhalt des Abkommens mit Bezug auf Tibet richtig ist, bann hat Rußland kaum etwas aufgegeben, was es nicht schon vorher verloren hatte. Nach Tibet soll Persien an die Reihe kommen. Hier ist eine Verständigung natürlich viel schwieriger, denn daß Rußland, wie England will, auf jede Geltendmachung seines Einflusses im südlichen Persien verzichtet, ist doch zunächst nicht anzunehmen. Nach dem Wunsche Englands würde Serbien in zwei Interessensphären geteilt wMen, von denen die nördliche Rußland und die südliche Eng- IaM zufallen würde, während beide Staaten gemeinsam Persien siiMziell zu unterstützen hätten. Eine solche Lösung wäre alWnngs ein bedeutsamer Erfolg der britischen Diplomatie. BW den nahen Osten, d. h. die Türkei anbetrifft, so deutet der KiMespllndent an, daß England nicht mehr auf dem Meer» ^nHi-Vertrage bestehen wolle, russische Kriegsschiffe .
Belieben aus dem Schwarzen Meer ausfahren und in dasselbe hineinfahren könnten. Gegen ein solches Arrangement würden wohl auch bie. anderen Machte nicht viel einzuwenden haben/ vorausgesetzt, daß Such ihre Kriegsschiffe frei verkehren können. Davon will aber bekanntlich Rußland nichts wissen, und so werden die Engländer wohl noch andere Zugeständnisse machen müssen, wenn sie eine Verständigung mit Rußland über den nahen Orient erreichen wollen.
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Herr Palma hat sich nicht entschließen können, feinen Präsidentenstuhl zu opfern, um Kubas Unabhängigkeit zu retten. Es war bereits offiziell gemeldet worden, die friedliche Verständigung der kubanischen Parteien sei gesichert, und die Insurgenten hatten die Bedingungen des Staatssekretärs Taft unverändert angenommen. Da zog plötzlich die Regierung ihre anfängliche Zustimmung zurück, und den Vereinigten Staaten bleibt jetzt nichts anderes übrig, als ihre diplomatische Interventen zu einer militärischen zu machen. Man versteht, wie He« Taft zu dem bitteren Wort kam: Patriotismus sei auf Kuba überhaupt nicht vorhanden! und wie er darüber Klage führt, daß die Mitglieder der kubanischen Regierung, „statt mit uns zusammenzuarbeiten, um die Republik zu retten, zu jeder möglichen Obstruktion ihre Zuflucht nehmen, um nur ihre Herrschaft über die Verwaltung aufrechtzuerhalten". Man muß zugestehen, daß sich der Staatssekretär Tast wirklich bemüht hat, die kubanische Republik zu retten. Nicht um der Kubaner willen, sondern vermutlich, weil dem Präsidenten Roosevelt der gegenwärtige Zeitpunkt zur Annexion nicht geeignet scheint. Aber Selbstsucht und
Eigensinn der Kubaner haben dieser Zurückhaltung ein Ende gemacht. Nordamerikanische Truppen werden von Kuba Besitz ergreifen, und Herr Taft hat bereits die Regierung der Insel übernommen. . Er hat an das Volk von Kuba eine kurze und einfache Proklamation gerichtet, in der er. sagt: „Die hierdurch in Kraft getretene provisorische Regierung wird nut solange bestehen bleiben, als nötig ist, um Ordnung und Frieden und das öffentliche Vertrauen unter der Leitung und in: Namen der Vereinigten Staaten wieder herzustellen ; und um dann Wahlen abzuhalten, die imstande sind, jene Persönlichkeiten zu bestimmen, denen die dauernde Regierung der Republik voll übertragen werden kann. Die provisorische Regierung wird, soweit dies mit ihrer Natur verträglich ist.., eine kubanische Regierung sein, in Uebereinstimmung mit der kubanischen Verfassung." Ueber Kubas Zukunft ist damit natürlich noch nicht entschieden. Es wird mitgeteilt, Präsident Roosevelt wolle den amerikanischen Kongreß einberufen, damit dieser über die Frage der Annexion berate. Wenn die „Times" heute den Amerikanern rät, sie möchten auf Annexion verzichten und Kuba fo behandeln, wie Indien, Egypten undTunis behandeltwerden,so können wir keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Stellung dieser Kolonien und einer Annexion entdecken. Besonders den Indiern wird es interessant zu hören sein, daß sie von England nicht annektiert sind. Eine schwere Frage wird es für die Vereinigten Staaten allerdings sein, in welcher Form man später einmal die Annexion vollziehen wird.
« ■. ' —I ......- ■
Deutscher Volksparteitag.
sky München, 29. Septbr,
Die Volksversammlung.
(Ausführlicher Bericht.)
Die öffentliche Versammlung in oen Zentralsälen am Samstag Abend (von der bereits im Sonntag-Morgen- blatt telegraphisch berichtet wurde) zeigte, daß der Gebrauch, eine Volksversammlung mit dem demokratischen Parteitag zu verbinden, von hohem ausklärenden Wert ist, besonders in der Großstadt, nio stets viele politisch interessierte Elemente vorhanden sind, die tagsüber durch die Erwerbsarbeit verhindert sind, an Kongressen teilzunehmen. Der geräumige Saal war von mehr als einem halben Tausend Männern und Frauen dichtbesetzt, schon vor Beginn der Versammlung, und man konnte wahrnehmen, daß die unausgesetzten Bemühungen der Münchener Demokraten in der Bevölkerung der bayerischen Hauptstadt guten Boden gefunden haben.
Quidde eröffnete Die Versammlung mit einem kurzen Begrüßungswort. Dann sprach Payer.
Payers Rede
Payer behandelte: „Die politische Sage im R e i ch." Der schmerzlichste Charakterzug unserer Zeit ist, daß wir Mißtrauen setzen müssen in die Integrität unseres Beamtentums, hoffentlich nur in Berlin. (Heiterkeit.) Es kränkt jeden Idealisten und jeden anständigen Mann, daß es den Kollegen des preußischen Land- wirtschafts.ministers noch nicht gelungen ist, daL Zsint und die Oeffentlichkeit von diesem Manne zu hefte M. (Beifall.)
Auch der Blick in unsere Kol o n i a l ve r w a l t u ng stimmt traurig, Disziplinlosigkeit und Pflichtverletzung ist dort seit Jahren an der Tagesordnung gewesen. , Es dämmert uns allmählich, welche Summe von Unfähigkeit und. Vertuschung sich dort angesammelt hatte. Wir begreifen jetzt 'die Skandale ä la Peters und Wehlau. (Zustimmung). Jetzt rächt sich bie inner e Unw ah rh a ft i gke i 1, mit feer die Kolonialbewegung seinerzeit begonnen worden ist. Es 'handelte sich damals nicht darum, neue Arbeitsgebiete für deutsche Auswanderer zu finden, sondern Fürst Bismarck wollte das nationale Bewußtsein recht beschäftigen, um von der Unzufriedenheit mit der inneren Politik abzu- lenken. Dazu kam, daß das Zentrum durch die Bewilligung der Missionen etngefangen wurde, um den Heiden die Wohltaten der „christlichen Kultur" zu bringen, wie der Abg. Bachem gesagt hat. (Heiterkeit.) Im übrigen dienten die Kolonien dazu, entgleiste Angehörige der einflußreichen Familien standesgemäß und etwas abseits' unterzubringen. (Heiter-' fett.) Noch nie hat ein Volk aber so viel für die Kolonien aufgewendet, wie wir, und so wenig daraus gezogen. Die Frage ist, ob man nicht mindestens die ganz gottverlassenen Gebiete unter den deutschen Kolonien aufgeben sollte. Der Sanierungsrat Dernburg wird Mühe haben, diese Verhältnisse zu sanieren. Das Gute ist, daß er wenigstens vom Mert des Geldes einen Begriff hat, der bisher in der Kolonialverwaltung gänzlich fehlte. (Heiterkeit.) Für die paar südwestafrikanischen deutschen Ansiedler haben wir jahrelang eine Armee von 14,000 bis 16,000 Mann dort unterhalten, Tau-
ImiMoir.
Gin Mrief Arnold Iiitg-s.
is Paris, 30. September.
Der Eclair veröffentlicht heute einen — toie das Blatt sagt — bisher unbekannten Brief Arnold Ruges vom März 1871, in dem sich der deutsche Republikaner besonders über die Folgen des deutsch-französischen Krieges verbreitet. Der Brief ist an einen in London lebenden Franzosen, einen Herrn Testard, gerichtet, der sich Rüge gegenüber über die Haltung Deutschlands und die Annexion von Elsaß-Lothringen beklagt hatte. Wir geben biet eine Ueberietzung des französisch geschriebenen Originals, das allerdings verschiedene Unklarheiten enthält, da Rüge diese Sprache doch nicht vollkommen beherrschte:
„London, 7 Park Crescent, 11. März.
Teurer Herr Testard,
ich habe bie Diskussion der Rechtsfrage in Bezug auf die zurück- ervberten deutschen Provinzen vermieden, weil das eine Frage des Krieges und Gewalt gegen Gewalt ist. Die Rheinarmee (die französische) kam nicht, um uns Land zu schenken, sondern um uns Land zu nehmen, und unser Freund Victor Hugo hat es gesagt und auf der Redner- bühne in Bordeaux wiederholt, daß Frankreich mit einem Sprung Mainz und Coblenz nehmen würde (er hat Cöln und Aachen übet» sehen). Ich habe in gleicher Weite die politische Frage vermieden, weil es für Bismarck oder jeden anderen Staatsmann unmöglich war, sich dem Sturm der Volksmeinung entgegenzustellen, der eine befestigte und rektifizierte Grenze gegen die ständigen Feinde des europäischen Friedens und gegen den „Erbfeind des Reichs" forderte.
Diese Eroberung ist herbeigeführt worden durch die Gewalt der Umstände, welche dazu führten, daß man Deutschland den Krieg erklärte, was man nie hätte tun sollen und was man nach dem Frieden niemals im Parlament und in der Presse hätte wiederholen dürfen.
Der Historiker hat die Aufgabe, bie Ursachen der Ereignisse oufzn- decken; wir, die wir leben und sehen, haben die Pflicht, die Tatsachen hinzunehmen und davon zu vrofitieren. Glauben Sie, daß ich aufrichtig bin, indem ich das Wort „profilieren' ausspreche. Ich denke weder an die Provinzen noch an die Schlachten, ich denke an dir Folgen der Situation.
Die Lage (Frankreichs) ist ähnlich, aber viel besser als jene Preußensim Jahre 1807. Was taten die Preußen ? Sie schafften die Armee (Berufsarmee) ab mid bewaffneten das Volk; sie gründeten Schulen und Universitäten; die Philosophie war frei, der Patriotismus kräftig. Für Preußen war das Volk in Waffen notwendig, weil cs nicht existieren konnte, toie es war.
Für euch Franzosen ist es anders. Ihr habt Nizza und Savoyen genommen —■ dieselbe GebieisarSße toie die verlorenen Provinzen. Ihr könnt nach der Eröverimg von Nizza und Savoyen ebensogut mitteten wie wir, yud ihr könnt, wen» ibr wollt, vollstän
dig ab rüsten und da? Schweizer System einführen. Das ist wirksamer als eine ständige Armee und kostet weniger.
Dann, was bie Schulen betrifft, fo sehen Sie wohl, daß die Unwissenheit der Bauern und der Einfluß des Klerus euch zu Grunde gerichtet hat; hier ist es, wo die Abhilfe einsetzen sollte.
Nicht den Patriotismus, sondern die Republik und den republikanischen Geist, solltet ihr kultivieren. Ihr habt doch zwei große Borteile im Vergleich mit dem atmen Preußen von 1807: erstens ihr könnt der Armee entbehren; zweitens der Geist der Freiheit ist Über den Patriotismus erhaben, der das Vaterland hinnimmt, wie e8 immer aussehen mag. Ich rate Ihnen, das nicht als einem Feinde Deutschlands, sondern als einem Freunde der Freiheit.
■ Ein Frankreich, das durch die Erziehung seines intelligenten Volkes wirklich Herr im Innern ist, sich mehr der wahrhaften Mission jedes Volkes hingibt, für die Wissenschaft, die Kunst und die Wohlfahrt freier Bürger zu leben, ein Frankreich, das auf den Fahnen den stolzen Namen der Republik trägt, wäre die größte Wohltat fiir Europa. Warum sollte es das nicht sein?
Ich habe mit freudigem Erstaunen die Erklärung eurer Regierung für die Gründung der Republik gelesen und heute den Brief Carnots, der dieselben Empfindungen ausdriukt wie ich in diesem Briefe. Möchten doch diese Ideen den Sieg davontragenl
Was die republikanische Partei in Deutschland betrifft, so mutz man sagen, daß es in der Berliner Versammlung eine gab, und in Frankfurt fand ich unter 700 nur 27, nicht um die bestehenden Königreiche zu beseitigen, sondern um die Republik des Reiches zu errichten, den Bund mit einem souveränen Parlament. Was die Liberalen nicht tun wollten, war Bismarck der Tory gezwungen zu tun. Die Staatsmänner sehen sich oft genötigt, das Gegenteil von dem zu tun, was sie wollen; wenn sie der Nation folgen, dann halten sie sich wie Graf Bismarck; wenn sie sich dem Strom der Geschichte und dem Willen der Nation entgegenstellen, dann stürzen sie wie Louis Napoleon, der Dummkopf.
Nach dem Kriege muß eine Aneifevung in der Freiheit, ein Wettrennen des Geistes beginnen, und ich glaube eher an die Vernunft als an den Wahnwitz der Völker.
Mit brüderlichen Gefühlen
M-
A. Rüge.
Kleines Feuilleton.
Frankfurt, 1. Oktober.
-e- (DaS lenkbare Luftschiff deS Grasen 6. Zeppelin.) Uns tpird geschrieben: Nach der unglücklichen Versuchsfahrt vom 17. Januar d. I. ist Gmf v. Zeppelin, wie die „Frankfurter Zeitung' mit« teilte, mit unverzagtem Mute daran gegangen, sein zertrümmertes Luftschiff wiederaufzubaueu. Das neue Luftschiff, das dritte, welches bei Grat baut, ist setzt fo gut wie fertig, und die Wiederaufnahme der Vc-äuchökabrteu ist in den allernächsten Tauen in erwarten. Gleich
zeitig etwa dürften in Tegel, bei Berlin bie Versuche mit dem v. Parseval schen Ballon fortgesetzt werden, zumal die kürzlich konstituierte .Studiengesellschaft für motorische Luftschiffahrt" sie mit namhaften Mitteln zu unterstützen in der Lage ist, und schließlich kommt soeben ans Frankreich die Nachricht, das die Gebrüder Lebandy ein weiteres Luftschiff ihres Modells in Angriff nehmen; das Modell ist als Kriegsballon vom französischen Staat angekauft worden. Man sieht, der militärische Wetteifer der Nationen auf diesem Gebiete ist entbrannt. Insbesondere die letzten großen Manöver haben das Verlangen nach einem brauchbaren lenkbaren Ballon wieder rege gemacht. 1 Bei oen bevorstehenden Versuchsfahrten wird c3 sich zunächst und in erster Linie nicht um einen Wettstreit zwischen den beiden benachbarten Nationen handeln als vielmehr um einen Wettstreit zwischen zwei verschiedenen Systemen lenkbarer Luftschiffe, nämlich zwilchen dem sogenannten starren und dem unstarren oder losen. Das Lcbaudy'sche Luftschiff sowohl wie das des Majors v. Parseval sind Repräsentanten des letzteren Systems, d. h. sie sind ohne starres Gerippe ganz in der Art der gewöhnlichen Freiballons fast ausschließlich aus Ballontuch und Seilen konstruirt und haben ihren ganzen motorischen Apparat an der herabhängenden Gondel angebracht. Sie sind, möchte man sagen, nach den Erfahrungen der Freiballonfahrt vornehmlich unter dem Gesichtspunkt derLandbar- keit gedacht und das am konsequentesten durchkonstruierte Parsevalsche besitzt deshalb u. a. auch eine sogenannte Neißbahn, um im Falle schwieriger Landungen toie ein leerer Sack in sich zusammenfalle» zu können und somit dem Sturmschnell die Angriffsfläche zu nehmen. Ganz im Gegensatz dazu wird bei dem Veppelinschen Luftschiff eine Anzahl tragender Gasball ans von einem starren Al«« in iumgerüst umschlossen, an dem bie gleichfalls aus hartem Material gemachten Propeller sowie das starre Gerüst der gesamten Neuerung angebracht sind. Bei diesem Modell ist der Gesichtspunkt der Landbarkeit gauzhinter dem der Leistungsfähigkeit zurückgetretcn. Denn Graf V. Zeppelin ist der Ueberzeugung, daß sein starres Luftschiff in Bezug auf Lenkbarkeit. Schnelligkeit und Aktionsradius ungleich leistungsfähiger sein wird als ein Schiff des losen Systems. In den Aeronautenkreisen heutiger Schute erblickt mau natürlich daS Hauptmanko des Zeppelinschen Modells in der Schwierigkeit, das Luftschiff bei schwerem Wetter glücklich zu landen Gras v. Zeppelin entgegnet darauf, daß die Aktionsfähigkeit seines Luftschiffes ihm gestatten werde, sich geeignete Landungsplätze selbst in größerer Ferne auszufuchen, ja unter Umständen, gleichwie im Seeschiff, schweren Stürmen auszuweichen oder sie .obzureiten'. Er bringt, wie mau sieht, völlig neue und originelle Gesichtspunkte in der Aeronautik zur Geltung. Wir können diese Meinungsverschiedenheiten auf sich beruhen lassen und das Ergebnis abwarten, dürfen indes betonen, daß es kein Novum wäre, wenn ein Nicht-Fachmann, wie cs der Graf v. Zeppelin ist, einet Sache oder Kunst neue Bahnen wiese.
— s Berliner Theater.! Man schreibt uns ans Berlin, den 30. September: „Mein" „Hamle t" ist einmal auf einer kleinen Provinzbühne gegeben worden.. Die Dekorationen waren die denkbar ärmlichsten, die Kostüme sahen aus, als stammten sie aus der Waskengärderobe. Was aber der Aufführung ihren nie wiedergefundencti Reis gab. wär, daß et»
Wille und eine Einsicht alle Mitspielenden erfüllte. Man wurde es gewahr, daß die Darsteller in gemeinsamer Arbeit um das Verständnis der Dichtung gerungen hatten, daß jeder sich auf seinem bescheidenen Posten als Teil eines Ganzen fühlte, daß alle strebten, ohne ihre Rollen hervorzudrängen, die Idee des Dramas, wie sie nun einmal erfaßt war, zum Ausdruck zu bringen. Ohne alle elektrischen Beleuchtungseffekte erschien der Geist des gemordeten „Dänemark"; aber bei seinem Nahen schien die Schauspieler Ueberraschung und Entsetzen zu packen, und das teilte sich uns mit, die wir unten im Zu schau crranrn saßen, daß wir das Gespenst erlebten. Dabei war es nicht einmal ein Berufsschaüspielcr, sondern cm junger Kaufmannssohn, der den Hamlet als beschlußunfähigen Grübler gab; ich entsinne mich seines Namens noch, er hieß Wilhelm Meister. Neben dieser Provinzaufführung, über die nun schon Jahre verflossen sind, nahm sich die „Hamlet"-Darbietuiig des kgl. Schauspielhauses wie eine Berliner Parade neben einem lustwandelnden Liebespaar, oder wie eine' brillante Orchesterauf. führung neben dem heimlichen Orgelspiel meines Freundes, des Kapellmeisters Kreisler, auS: mehr Kunst als Andacht. Dabei bin ich der letzte, zu verkennen, daß dieser Neuein. studierung sehr ernste und umfassende Arbeit vorangegangen war. Die Dekorationen waren imposant und stimmungsvoll; die Massen bewegten sich individuell auf der Bühne; die Regie war die dankbar sorgfältigste. Nur hatte diese Arbeit da Halt gemacht, wahrscheinlich Halt machen müssen, wo sie recht eigentlich anfangen sollte, bei der Einstudierung der Rollen. Jener einheitliche Geist, von dem ich sprach, fehlte, die Gesamtidee des Dramas zum Ausdruck zu bringen. Kein Zweifel, daß jeder der Darsteller fein Bestes zu bieten suchte, aber jeder tat es auf feine Weise. Und so gab es den pompösen Plural „gute Leistungen", statt der willkommenen Einzahl „gute Leistung". Ja, ich hatte den Eindruck, daß die Großen im Reich der königlichen Jungfrau Thalia hinter den seinen zurückstanden, vielleicht, weil diese es nicht verschmäht hatten, auf die Stimme des Beraters zu hören. Eine Ueber» raschung bot die Ophelia des Frl. Wachner. Gewiß war sie keine „große", sondern eine „kleine" Ophelia, aber sie hatte sich in ihre Rolle hineingelebt, gab sie mit Bescheidenheit aus den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln heraus, sand aber auch Herzenstöne, unb in der Jrrsinnsszene jenes flackernde Durcheinander von sanfter Trauer und grellem Lachen, erwies mit einem Wort, darstellerische Eigenschaften, die man nicht ohne weiteres in der jungen Künstlerin gesucht hätte. Keine Ueber- raschung, denn von ihm war man des Besten gewärtig, bot der Polönius des Herrn Vollmer, eine Leistung, die allein den Abend verlohnte. Wie hier das Zusammen von Spitzfindigkeit und Beschränktheit, von greisenhafter Dalberei und liebens- würdiger Dienstbeflissenheit in ganz individuell lebender Gestalt zum Ausdruck gebracht wurde, war höchsten Lobes würdig. Auch verkörperte Herr Kraußneck den Geist (leider muß er verkörpert werden!) recht ansehnlich, Herr Geifen- börfer fiel als Horatio durch Geradheit unb Frische vorteilhaft auf, Herr Wannstädt gab den ersten Schauspieler sympathisch und überzeugend, Herr Müller schien äls Xoigf'
